Kapitel 01 · Eine Tür, hinter der jemand lebt
Als Caspian die Augen wieder öffnete, war die Straße noch da.
Er hatte nicht gewusst, worauf er hoffte. Ein anderer Boden hätte bedeutet, dass er sich getäuscht hatte; dieselben Steine bedeuteten, dass er nun etwas mit seiner Flucht anfangen musste. Das Buch lag auf seinen Oberschenkeln. Seine Hände ruhten darauf, so dicht beieinander, wie das Seil es verlangte. Zwischen zwei Fingern hielt er die Münze. Sie war abgekühlt.
Er sah die Straße hinunter. Einige Häuser standen eng genug, dass ihre vorspringenden Dächer einen Streifen dunkler Luft zwischen sich hielten. Weiter vorn öffnete sich eine Lücke. Dort lag etwas Helles auf dem Boden, vielleicht ein Stück Stoff. Nichts bewegte sich.
Die Wand in seinem Rücken war rau. Er versuchte, höher an ihr hinaufzurutschen, und merkte schon bei der ersten Bewegung, dass sein Knie dafür nicht taugen würde. Der Stoff klebte daran. An einer Stelle seines Mantels war der Saum unter ihm eingeklemmt. Er zog mit den Fersen, bis er ihn frei hatte, hielt still und wartete auf einen Atemzug, der nicht schmerzte.
Es kam keiner. Aber die nächsten waren kleiner, und mit kleinen Atemzügen konnte er denken.
Er musste die Hände freibekommen.
Er konnte den Knoten sehen. Das war etwas. Wenn seine Finger wieder unter die Windung kämen, würde er sie drehen, nicht ziehen; unter Zug biss das Seil sich nur tiefer fest.
Caspian schob die Münze tiefer zwischen seine Finger und drehte die Handgelenke. Die Fasern liefen über die wunden Stellen. Er hielt den Atem an, wollte mit dem Daumen unter die Windung und rutschte ab. Das Buch kippte. Mit beiden Unterarmen presste er es gegen den Bauch, zu fest, und gab einen Laut von sich, der durch die leere Straße ging.
Er lauschte.
Nichts antwortete.
»Gut«, sagte er leise.
Die Stimme klang nicht so, wie er sie haben wollte. Als habe jemand ihr einen Teil weggenommen, während er fortgewesen war. Er beugte den Kopf, nahm die Münze zwischen die Lippen und hielt sie dort, bis er mit den Fingern die Öffnung seiner Manteltasche gefunden hatte. Das Metall schmeckte nach seiner Hand. Beim Herausnehmen riss die verletzte Stelle an der Lippe auf. Er tastete die Münze in die Tasche, drückte von außen dagegen und ließ das Buch langsam auf den Boden gleiten.
Nun konnte es ihm wenigstens nicht mehr von den Beinen fallen.
Der Knoten saß auf der äußeren Seite des Handgelenks. Er versuchte, ihn gegen den Stein zu drücken und mit einem Fingernagel eine Faser herauszuziehen. Eine Weile gelang es ihm, an nichts anderes zu denken. Nur an die Stelle, die ein wenig nachgab, sobald er den Nagel anders ansetzte. Dann brach der Nagel ein, und der winzige Erfolg verschwand zwischen den rauen Windungen.
Caspian lehnte den Kopf an die Wand.
Er hätte schreien können. Darüber, dass ein Mann aus einer verschlossenen Kammer fortkommen und anschließend an einem Stück Seil scheitern konnte. Darüber, dass sein Buch neben ihm lag wie etwas, das fertig war mit seiner Arbeit. Am meisten darüber, dass er noch immer die Berührung an seinem Unterarm spürte. Aurel hatte dort zugegriffen. Seine Finger waren verschwunden, aber Caspians Körper glaubte noch nicht ganz daran.
Er hob die Hände und sah die freie Luft unter ihnen.
Eine Tür schlug an.
Caspian wandte den Kopf so rasch, dass der Schmerz bis unter sein Ohr stieg. Die Bewegung war von der Lücke zwischen den Häusern gekommen. Er sah erst eine Schale, dann die Hand darum und schließlich eine Frau, die quer durch das helle Stück Hof ging. Sie blieb stehen, bevor sie ihn erreichte.
Ihr Haar war zurückgebunden. Einige kürzere Strähnen lagen an den Schläfen an, als habe sie sich mit nassen Händen darübergestrichen. Der Stoff über ihren Knien war dunkler als weiter oben. Sie hatte etwas abgewaschen oder war darin gekniet. Caspian bemerkte solche Dinge, während er versuchte, sein Gesicht zu einer harmlosen Miene zu bewegen.
»Verzeiht«, sagte er. »Ich scheine mich ungünstig hingesetzt zu haben.«
Die Frau sah auf seine Hände.
»Wer hat Euch das gemacht?«
»Jemand, dessen Gesellschaft ich nicht länger genießen wollte.«
Sie hob den Blick zur Straße. Nicht weit, nur bis zu der Biegung, die Caspian ebenfalls sehen konnte. Danach sah sie hinter ihn, als könne auf der anderen Seite der Wand eine Antwort stehen.
»Ist er da?«
»Nein.«
»Woher wisst Ihr das?«
Caspian wollte sagen, dass der Weg, den er genommen hatte, keinem gewöhnlichen Verfolger offenstand. Aber er wusste nicht, ob das wahr war. Er hatte Aurel nicht gefragt, was er konnte. Er hatte keine Zeit darauf verwendet, den Mann gründlich zu unterschätzen.
»Ich habe ihn zurückgelassen«, sagte er. »Weiter weiß ich es nicht.«
Die Frau hielt die Schale näher an ihren Körper. Sie war nicht jung; wie alt sie war, hätte Caspian nicht sagen können. Um den Mund verliefen feine Linien, die sich vertieften, als sie die Lippen aufeinanderdrückte. Ihre nackten Zehen standen fest auf dem Pflaster.
»Und was wollt Ihr hier?«
Er sah auf die Schale. Unten klebte etwas Helles. Wasser hatte eine dünne Spur über ihren Handrücken gezogen.
»Im Augenblick wäre ich für ein wenig Wasser zu gewinnen.«
»Das habe ich nicht gefragt.«
»Ich weiß.«
Er hätte ihr eine Geschichte erzählen können. Etwas Kleines und Verständliches, mit einem schlechten Mann am Anfang und einer Frau, die am Ende tun durfte, was sie ohnehin tun wollte. Sie hätte sich auf ihre eigene Entscheidung verlassen können, weil er ihr nur die nötigen Gründe gab. Er kannte die Ruhe, mit der man so etwas sagen musste.
Sein Mund war trocken. Die Frau wartete.
»Ich wollte fort«, sagte er. »Das war alles. Jetzt bin ich hier, und ich bekomme meine Hände nicht frei.«
Sie sah noch einmal die Straße entlang.
»Bleibt sitzen.«
Er senkte den Blick auf seine Beine. Der Scherz lag bereit, billig und unschädlich. Sie war schon umgekehrt, als er ihn verschluckte.
Die Tür blieb offen. Er hörte ein Gefäß auf Stein, dann ihre Stimme, lauter als zuvor.
»Osver.«
Es dauerte, bis ein Mann antwortete. Caspian verstand die Worte nicht. Die Frau sagte etwas zurück; diesmal war es deutlich ein Nein. Danach klapperte es im Haus.
Caspian zog das Buch wieder an sich. Er hatte geglaubt, dass die Ankunft eines Menschen die Stille beenden würde. Stattdessen war ihm nun jeder Laut wichtig. Die Schritte im Hof, die Pause dahinter, ein dumpfer Schlag, als etwas auf einen Tisch gelegt wurde. Er merkte, wie er sich die kommende Begegnung zurechtlegte. Der Mann würde ärgerlich sein. Er musste ihn zuerst ansehen, nicht das Messer. Falls ein Messer kam. Er durfte nicht den Eindruck erwecken, etwas zu verbergen.
Das Buch lag vor seinem Bauch. Er hatte natürlich etwas zu verbergen.
Der Mann kam mit einem Stück Holz in der Hand. Er trug es ein paar Schritte, sah darauf und legte es dann auf die niedrige Mauer neben dem Hofeingang, als sei ihm erst jetzt aufgefallen, dass er es noch hielt. Seine Schultern waren breit, sein Gang langsamer als die Stimme, die Caspian gerade gehört hatte. An den Fingerkuppen saß dunkler Schmutz.
»Da«, sagte die Frau hinter ihm.
»Ich sehe ihn.«
»Dann sieh auch, wie er dasitzt.«
Der Mann blieb vor Caspian stehen. Er betrachtete die Fesseln, das Knie, schließlich den Bart und das Haar. Sein Blick hielt sich dort einen Augenblick länger auf, als Caspian lieb war.
»Seid Ihr gefallen?«
»Zuletzt, ja.«
»Kann man Euch anfassen?«
Das war eine so unerwartete Frage, dass Caspian ihn anstarrte.
»Ich empfehle etwas Zurückhaltung.«
Der Mann nickte ernsthaft. »Dann sagt vorher, wo.«
Die Frau drängte sich nicht an ihm vorbei. Sie wartete, bis er einen Schritt zur Seite trat, und ging dann in die Hocke. In ihrer Hand lag ein kurzes Messer. Die Klinge war vom Schleifen schmal geworden; an der Verbindung zum Griff hatte sich eine dunkle Kruste gesammelt.
Caspian zog die Hände an sich.
Sie hielt inne.
»Damit könnte ich es durchschneiden«, sagte sie.
»Das hatte ich vermutet.«
»Dann müsst Ihr es mir geben.«
Er sah sie an. Die Frau wartete, doch ihr Knie begann zu zittern. Sie setzte die freie Hand auf den Boden, um in der Hocke bleiben zu können. Caspian betrachtete ihre Finger im Straßenstaub.
Caspian legte seine Hände auf das Buch.
»Nicht die Schulter«, sagte er zu dem Mann. »Falls Ihr mich halten wollt.«
»Ich will Euch gar nicht halten.«
»Osver«, sagte die Frau.
»Was denn? Er hat gefragt.«
Sie legte zwei Finger auf Caspians Handgelenk und schob die stumpfe Seite der Klinge unter die äußere Windung. Er fuhr zusammen. Das Metall drückte genau dort, wo die Haut bereits roh war. Der Mann kniete neben ihm nieder und hielt das lose Seilende, ohne Caspian zu berühren.
»So?«
Die Frau nickte. »Nicht ziehen.«
Sie sägte langsam. Ein paar Fasern sprangen auf. Caspian betrachtete die Wand über ihrem Kopf und versuchte, die Finger still zu halten. Ein fremdes Auge stand einen Augenblick vor ihm, so nahe, dass er die Frau beinahe fortgestoßen hätte. Dann riss die erste Windung.
Die rechte Hand ließ sich bewegen.
Er hob sie zu früh. Das übrige Seil zog sich um die linke enger, und die Frau sagte scharf: »Wartet doch.«
Caspian ließ die Hand wieder sinken. Er hätte sich entschuldigen können, brachte aber nichts heraus. Er hörte das kleine Knirschen der Klinge, sah eine lose Faser an ihrem Ärmel hängen und dachte nur daran, nicht noch einmal zu ziehen.
Als sie fertig war, nahm er die Hände auseinander.
Die Bewegung war kaum länger als seine Handfläche. Sie kam ihm ungeheuerlich vor.
Er drehte beide Handgelenke, eines nach dem anderen. An der linken Seite blieb ein Stück Seil auf der Haut haften. Die Frau wollte es abnehmen, doch er tat es selbst. Er legte es neben sich auf den Stein. Das andere Stück fiel aus der Hand des Mannes dazu.
»Danke«, sagte Caspian.
Die Frau richtete sich auf. Mit dem Daumen strich sie die Klinge ab, prüfte, was daran klebte, und wischte sie an einem Tuch ab, das in ihrem Gürtel steckte.
»Könnt Ihr gehen?«
»Ich kann es versuchen.«
»Das ist meistens keine gute Antwort«, sagte Osver.
Er streckte die Hand aus, wartete aber, bis Caspian sie nahm.
***
Aufstehen brauchte länger, als alle drei erwartet hatten.
Caspian wollte das Buch nicht liegen lassen. Er bekam es unter den gesunden Arm, verlor dadurch die Hilfe, die er an dieser Seite gebraucht hätte, und musste sich wieder setzen. Beim zweiten Versuch hielt die Frau den Einband fest, während er sich hochzog. Sobald er stand, nahm er es ihr ab.
»Ich hätte es Euch schon gebracht«, sagte sie.
»Ich weiß.«
»Dann hättet Ihr Euch das Reißen sparen können.«
Sie rieb sich den Finger, an dem der Riemen hängengeblieben war. Caspian wollte ihr die Schulter als Erklärung anbieten, doch dort hatte sie ihn gar nicht angefasst.
Osver wartete, bis Caspian das Gewicht auf beide Füße verteilt hatte. Er hielt ihn unter dem Arm, so tief, dass die Schulter nicht hochgedrückt wurde. Seine Hand war breit und warm. Caspian schämte sich dafür, wie viel seines Gewichts er ihr überließ.
»Die Tür ist dort«, sagte Osver. »Wir müssen nicht die ganze Straße schaffen.«
Der Hof bestand aus ungleichen Pflastersteinen. In den tieferen Fugen wuchsen kurze Halme, an denen Wasser hing. Unter dem Dachüberstand standen ein Korb und zwei Bretter. Eine Holzschale lag umgedreht auf der Mauer. Caspian sah alles sehr genau, weil er nach jedem Schritt einen Grund suchte, den nächsten noch einen Augenblick aufzuschieben.
An der Schwelle musste er das verletzte Bein höher heben. Es gehorchte ihm nicht sofort. Osver hielt still, doch Caspian spürte dessen Anstrengung im Arm. Er versuchte es mit einer Drehung, geriet aus dem Gleichgewicht und stieß mit der freien Hand gegen den Türpfosten.
»Langsam«, sagte die Frau.
»Wenn ich schneller könnte, würdet Ihr es gewiss bemerken.«
Sie sah ihn an. Nicht erschrocken, auch nicht besonders gekränkt. Sie nahm nur den Hocker, den sie eben herbeigeschoben hatte, und stellte ihn weiter von der Tür weg.
»Dann sagt mir, wo Ihr sitzen wollt. Ich errate es nicht.«
Caspian schloss die Augen. »Dort ist gut.«
Osver half ihm bis zum Hocker und ließ ihn vorsichtig hinunter. Im Sitzen wurde die ganze Bewegung noch einmal schmerzhaft. Caspian hielt das Buch an den Bauch und wartete, bis er die Zähne voneinander bekam.
Der Raum roch nach kalter Asche, gekochten Pflanzen und einem säuerlichen Rest, den er nicht zuordnen konnte. Im steinernen Herd glomm etwas. Eine niedrige Tischplatte stand nahe dem Fenster, mit einem ungleichen Bein, unter das jemand einen Holzspan geschoben hatte. An der hinteren Wand hing ein Vorhang vor einer schmalen Nische. Daneben war eine richtige Tür, geschlossen, unten dunkel von alten Wasserspuren.
Die Frau stellte eine Schale vor ihn.
»Nicht alles auf einmal.«
Er sah das Wasser an.
Es war trüb genug, dass er den Boden nur undeutlich erkannte. Ein winziges dunkles Teilchen trieb am Rand. Seine Hand ging nicht sofort hin. Er dachte an einen Becher, an eine ruhige Stimme und an das Wissen, dass der Mann, der ihm zu trinken gab, ihn nicht gehen lassen würde.
Die Frau hob die Schale wieder an.
»Wenn Eure Hände nicht können, halte ich sie Euch.«
»Nein.«
Das Wort kam so heftig, dass Osver sich umwandte.
Caspian legte beide Hände auf den Tisch. »Ich mache es selbst.«
»Gut.«
Sie stellte das Wasser zurück und ging zum Herd.
Er trank. Der Rand drückte gegen die Lippe; er hielt die Schale schief, um die verletzte Stelle zu schonen, und verschüttete einen schmalen Streifen über sein Kinn. Das Wasser schmeckte nach Erde und dem Gefäß. Er trank noch einmal, kleiner. Dann musste er die Schale absetzen, weil seine Finger zitterten.
Osver hatte das Messer genommen. Er betrachtete die Schneide und fuhr mit dem Nagel daran entlang.
»Du hast gegen den Stein geschnitten.«
»Hätte ich gegen seine Hand schneiden sollen?«
»Hier ist eine Scharte.«
»Dann mach sie heraus.«
»Ich wollte bloß sagen, dass da eine Scharte ist.«
»Jetzt weiß ich es.«
Sie nahm den Deckel von dem Topf. Dampf stieg auf, dünner, als Caspian gehofft hatte. Osver nahm das Messer mit und ging hinaus. Die Frau rührte im Topf, kostete und verzog das Gesicht. Dann goss sie ein wenig Wasser hinzu.
Er bemerkte, dass er ihr dabei zusah wie einem Menschen, der eine schwierige Vorführung gab. Er wollte, dass sie gelang. Er wollte etwas aus diesem Topf.
»Wie heißt Ihr?«, fragte sie, ohne sich umzudrehen.
»Caspian.«
Sie wartete kurz. Vielleicht auf einen weiteren Namen, vielleicht nur darauf, dass etwas am Rand des Topfs sich löste.
»Ich bin Livhilde. Ihn habt Ihr gehört.«
»Osver.«
»Ja.«
Er sagte die beiden Namen für sich noch einmal, ohne die Lippen zu bewegen. Sie gehörten nun in diesen Raum. Er kannte den Mann noch nicht, aber er konnte ihn rufen.
»Lebt Ihr schon lange hier?«
Livhilde stellte den Löffel ab. »Warum?«
»Weil ich mich nicht auskenne.«
»Zum Wasser kommt Ihr die Straße hinunter. Aber heute kommt Ihr nirgendwohin, wenn Ihr mich fragt.«
»Ich meinte diesen Ort.«
»Welchen denn sonst?«
Er sah zum Fenster. Das Licht darüber kannte er. Es hatte sich auf die Häuser gelegt, als seien sie nur für dieses Licht gebaut worden. Er hatte Carcosa nicht vergessen. Aber die Frau vor ihm stand so sicher in ihrer Küche, dass sein Wissen plötzlich wie eine schlechte Wegbeschreibung klang.
»Ist dies alles?«, fragte er. »Die Straße, die Häuser?«
»Nein. Dahinter ist noch anderes.«
»Was für anderes?«
»Boden. Pflanzen. Wasser. Osver findet immer Holz, das angeblich zu etwas gut ist. Meistens liegt es danach im Hof.«
Sie schöpfte in eine Schale. Caspian hörte, wie der Löffel über den Topfboden ging. Es war keine Antwort auf das, was er wissen musste. Vielleicht war es auch keine Frage gewesen, die sie verstehen konnte.
»Und Menschen?«
Livhilde hielt den Löffel über der Schale.
»Jetzt seid Ihr ja da.«
Sie sagte es ruhig. Erst als sie das Essen vor ihn stellte, sah er, dass ihre Finger den Löffel sehr fest gehalten hatten.
Er berührte den warmen Schalenrand. Livhilde blieb am Tisch stehen, als habe sie noch etwas abzustellen. Ihre Hand war leer.
»Seid Ihr uns gefolgt?«
Caspian sah auf.
»Auf der Straße«, sagte sie. »Habt Ihr einen von uns gesehen und seid hierhergekommen?«
»Nein. Ich wusste nicht, dass hier jemand lebt.«
Sie zog den Hocker ihm gegenüber vor und setzte sich auf die Kante. Dabei stieß ihr Knie gegen seins. Beide rückten zurück; sie blieb trotzdem sitzen.
»Dann habt Ihr das Haus einfach gefunden.«
»Ihr habt mich gefunden.«
»Das weiß ich. Ich habe Euch ja gesehen.«
Ein wenig Ärger lag in ihrer Stimme. Er hatte ihre Worte zurechtgerückt, weil er die eigentliche Frage nicht beantworten wollte. Livhilde rieb mit dem Finger einen dunklen Fleck vom Tisch. Er verschwand nicht.
»Ich will wissen, ob es leicht ist«, sagte sie schließlich. »Hierherzufinden.«
Caspian betrachtete die Tür. Von seinem Platz aus sah er einen schmalen Streifen der Hofmauer und darüber den Himmel. Er hätte in einer abgelegenen Küche sitzen können, irgendwo, wo eine Frau nicht wusste, ob einem gefesselten Mann Soldaten folgten. Aber sie hatte ihn anders angesehen, als er nach anderen Menschen gefragt hatte. Als habe er nach etwas gefragt, das sie sich nicht mehr erlaubte.
»Für mich war es nicht leicht«, sagte er.
»Aber möglich.«
»Ja.«
Sie nickte. Dann nahm sie ihm den Löffel aus der Schale, wischte einen Faden vom Stiel und legte ihn zurück.
»Ich bin froh, dass Ihr da seid«, sagte sie.
Caspian sah von ihrer Hand zu ihrem Gesicht. Sie wirkte selbst überrascht.
»Das wird Osver anders sehen, wenn er mich durch die Nacht tragen muss.«
»Er kann Euch auch liegen lassen. Darum geht es nicht.« Sie strich die Finger an ihrem Rock ab. »Manchmal dachte ich, es gäbe nur uns. Ihn und mich. Dass alles andere schon fort ist.«
»Andere Häuser stehen doch hier.«
»Ja. Die stehen hier.«
Er sah durch die offene Tür zu dem schmalen Streifen der Straße. Kein Schritt war zu hören.
»Menschen gibt es«, sagte er. »Dort, wo ich herkomme.«
»Jetzt noch?«
Er hielt den Löffel über der Schale. Aurel musste noch in der Kammer stehen, vielleicht bei dem Platz, an dem Caspian verschwunden war. Lyra lag irgendwo, wohin man ihn nicht gelassen hatte.
»Als ich fortging, gab es sie.«
Livhilde senkte den Blick. »Ich weiß, wie das klingt. Ich erinnere mich auch an Dinge. An volle Räume. An jemanden, der mir auf die Füße tritt. Aber wenn ich hier hinausgehe …« Sie hob die Hand und ließ sie auf dem Tisch liegen. »Hier ist niemand. Nicht einmal einer, über den man sich wundern kann.«
»Jetzt habt Ihr mich dafür.«
Sie lächelte nicht. »Ja.«
Caspian nahm einen kleinen Bissen. Das Essen war heißer, als er erwartet hatte. Er musste es eine Weile im Mund halten, während sie ihn ansah.
»Wenn Euch jemand hier sucht, sagt Ihr uns das.«
»Ich weiß nicht, ob er mich suchen kann.«
»Ob er es versucht, will ich wissen.«
Da konnte er ihr die Antwort nicht leichter machen. Er sah sie an und sagte: »Wenn er weiß, wohin ich gekommen bin, wird er es versuchen.«
Livhilde nahm die Hand vom Fleck. Eine Weile hörten sie beide das leise Schleifen draußen. Osver arbeitete in kurzen Zügen, hielt inne und begann von Neuem.
»Das hättet Ihr sagen sollen«, sagte sie.
»Ihr habt mich gefragt, ob er da ist.«
»Und Ihr habt genau darauf geantwortet.«
Sie stand auf und nahm das Bündel vom anderen Tischende. Caspian wusste nicht, ob sie ihm eben einen Vorwurf gemacht oder sich über sich selbst geärgert hatte. Er hatte ihr einen Menschen draußen versprochen. Der einzige, von dem er sicher reden konnte, suchte ihn vielleicht schon.
»Ich wollte Euch keine Gefahr ins Haus bringen«, sagte er.
»Trotzdem könnte sie kommen.«
»Ja.«
Das Wort ließ ihn schlechter dasitzen als alle vorherigen. Livhilde legte die Stängel quer über ihre Knie. Dann blickte sie auf seine Schale.
»Es wird kalt.«
»Soll ich gehen?«
»Wohin?«
Er schwieg.
Sie zog den ersten Streifen von einem Stängel. »Es gibt einen Unterschied zwischen jemandem Essen geben und nicht wissen dürfen, was man sich damit ins Haus holt. Ich werde Osver sagen, was Ihr gesagt habt.«
»Wird er mich dann hinaussetzen?«
Livhilde zog an dem Streifen, bis er riss.
»Ich weiß es nicht.«
Caspian aß weiter. In einem fremden Haus hatte schon einmal eine Frau vor ihm gestanden, die ihm half und trotzdem genug von ihm hatte. Er hatte ihr damals schlechtere Dinge gesagt als dieser hier. Er setzte zum Sprechen an und nahm stattdessen noch einen Bissen. Er hörte das Messer draußen schleifen und versuchte, nicht bei jeder Pause aufzusehen.
Livhilde arbeitete weiter. Nach einer Weile löste sich ein langer Streifen, ohne zu reißen. Sie legte ihn gesondert auf den Tisch und strich ihn mit dem Daumen glatt. Das kleine Gelingen beschäftigte sie sichtbar mehr als Caspians nächster Blick zur Tür.
***
Er aß langsam, weil alles andere wehtat.
Die weichen Stücke ließen sich mit der Zunge gegen den Gaumen drücken. Dazwischen lag etwas Zähes, das er lange kauen musste. Er hätte gern gefragt, was es war, aber die Frage hätte wie eine Beschwerde geklungen. Livhilde arbeitete am anderen Ende des Tischs an ihren Stängeln weiter. Sie zog die äußere Haut ab und legte die brauchbaren Streifen beiseite. Ein Teil brach zwischen ihren Fingern.
Nach einer Weile kam Osver zurück. Er stellte das Messer neben den Herd und setzte sich nicht. An seinem Ärmel hing ein heller Span.
»Kann er laufen?«, fragte er.
»Ein bisschen«, sagte Caspian.
Osver sah ihn an. »Ich meinte später.«
»Das weiß ich später.«
Livhilde stieß einen kurzen Laut aus, der beinahe ein Lachen war. Osver zog den Span vom Ärmel.
»Ich muss wissen, ob wir ihm etwas hinlegen sollen.«
»Für diese Nacht«, sagte sie.
»Für heute habe ich auch gefragt.«
Caspian stellte den Löffel ab. »Wenn es Euch Umstände macht, finde ich einen anderen Platz.«
Osver betrachtete den Abstand zwischen Hocker und Tür.
»Den anderen Platz findet Ihr vielleicht. Aber Euer Bein muss mit.«
Er ging durch die hintere Tür. Caspian sah Regale, ein paar hängende Bündel und einen dunkleren Bereich am Boden. Osver kam mit einer zusammengerollten Matte heraus, stieß beim Drehen an den Türrahmen und fluchte. Livhilde zog die Füße ein, damit er die Matte neben dem Herd ausrollen konnte.
»Da zieht es«, sagte sie.
»Überall zieht es.«
»Hier mehr.«
Osver zog die Matte ein Stück weiter, bis sie fast am Tisch lag. »Dann dort.«
Caspian betrachtete den Platz. Unter dem Tisch verlief eine breite Fuge; wenn er sich dort ausstreckte, würde die Hüfte darauf liegen. Er schämte sich, schon darüber nachzudenken. Osver hatte die Matte noch nicht einmal losgelassen.
»Danke«, sagte er noch einmal.
»Die Nische ist unsere«, sagte Livhilde. »Wenn Ihr nachts etwas braucht, ruft. Ihr sucht dort nicht selbst herum. Und im Vorratsraum nehmt Ihr nichts, ohne zu fragen. Manches sieht nach Essen aus und ist es nicht mehr.«
»Ich werde mich bemühen, Euren Hausstand nicht in einer Nacht zu verschlingen.«
»Bemüht Euch lieber, zu schlafen.«
Sie sammelte die abgezogenen Stängelhäute ein. Osver wartete, bis sie vorbei war, und schob dann den Hocker näher an die Matte.
»Erst das Buch«, sagte er.
Caspian hielt es fester.
»Ihr braucht die Hände«, erklärte Osver. »Legt es dahin. Ihr könnt es von dort sehen.«
Er deutete auf den Boden unmittelbar neben der Matte. Caspian legte das Buch dort ab. Seine Finger blieben am Riemen; darunter zeichnete sich der Schlüssel durch den Einband ab. Osver hielt ihm noch immer die Hand hin. Caspian nahm sie.
Das Hinunterkommen auf die Matte war schlimmer, als das Aufstehen gewesen war. Er konnte nicht einfach fallen. Osver hielt seinen Unterarm, Caspian suchte mit dem gesunden Knie den Boden, und eine Zeit lang hing er zwischen beidem, unfähig, sich für die nächste Bewegung zu entscheiden.
»Atmet«, sagte Osver.
Caspian hätte ihn dafür beinahe gehasst. Dann atmete er und kam ein Stück tiefer.
Als er endlich lag, stand der Mann über ihm und rieb sich den Oberarm. Livhilde brachte ein zusammengelegtes Tuch für seinen Kopf. Caspian nahm es, bevor sie sich zu ihm beugen konnte. Diesmal ließ sie es ihm ohne Bemerkung.
»Ich kann Euch nicht sagen, wie lange«, begann er.
»Dann sagt es nicht«, erwiderte sie.
»Ich meinte, wie lange ich hier bleiben muss.«
»Ich weiß, was Ihr meint. Heute liegt Ihr da. Morgen sehen wir Euer Bein an. Ich habe noch nicht für alle Tage entschieden.«
Caspian zog das Tuch unter seinem Kopf zurecht. Die Fuge lag tatsächlich unter seiner Hüfte. Er verschob sich um eine Handbreit und fand eine Stelle, an der er bleiben konnte.
Osver nahm sein Holz von der Hofmauer. Von der Matte aus sah Caspian nur seine Beine, wenn er vor der offenen Tür vorbeiging. Manchmal blieb er stehen, drehte sich und ging denselben Weg zurück. Ein leises Schaben setzte ein. Livhilde trennte weiter Fasern voneinander. Auf dem Tisch wuchs ein kleiner Haufen brauchbarer Streifen.
Caspian schob die Hand in die Manteltasche. Die Münze lag noch dort. Er nahm sie nicht heraus. Die Finger um den vertrauten Rand gelegt, sah er zur Tür und wartete darauf, dass jemand auf der Straße erschien.
Niemand kam.
Das Essen lag warm in seinem Bauch. Die Erschöpfung ließ die Dinge im Raum auseinanderrücken; Tisch und Fenster wurden für einen Augenblick weit voneinander entfernt, obwohl er beide mit demselben Blick sehen konnte. Er schloss die Augen, öffnete sie gleich wieder und fand Livhilde noch immer über ihrer Arbeit.
»Ihr könnt schlafen«, sagte sie, ohne aufzusehen.
Er wollte ihr antworten. Draußen gab Holz unter einer Klinge nach. Osver arbeitete wieder. Caspian hörte zu, bis ihm der gleichmäßige Rhythmus zwischen den Atemzügen verlorenging.
Seine Hand löste sich langsam von der Münze.
Bevor er einschlief, hörte er Osver fragen, wo das abgebrochene Stück geblieben sei. Livhilde sagte, er solle einmal unter seinen eigenen Füßen nachsehen. Der Mann schnaubte. Dann war eine Weile nur das Kratzen von Holz auf Stein zu hören.