Ein erreichbarer Mensch
Der Riemen rutschte ihm zum dritten Mal von der Schulter, bevor Caspian stehen blieb.
Er bekam das Bündel noch vor dem Boden zu fassen. Dabei zog es in seinen Händen, und für einen Augenblick wusste er nicht, ob der Schmerz von der Bewegung kam oder ob er wieder etwas festhielt, das es hier nicht gab. Er sah auf seine Finger. Stoff, eine umgeschlagene Kante, der schlecht angezogene Knoten. Er öffnete die Hand ein wenig und schloss sie wieder darum.
Ansel war schon zurückgekommen.
„Gib es her. Nur bis wir dort drüben sind.“
Er zeigte auf eine flache Stelle zwischen den Bäumen. Der Weg machte dahinter eine Biegung; ein umgestürzter Stamm verbarg einen Teil des Bodens. Caspian wollte ihm das Bündel überlassen, sah dann aber, wie Ansel den linken Arm dicht am Leib hielt.
„Du kannst kaum selbst etwas tragen.“
„Ich habe noch eine andere Hand.“
„Und ich habe zwei, die sich darüber streiten, ob sie mir gehören.“
Ansel griff nicht danach. Er blieb so nah, dass Caspian ihm das Gewicht hätte überlassen können, und wartete. Diese kleine Geduld war schwerer auszuhalten als ein Befehl. Caspian hob das Bündel an, presste es gegen die Brust und ging mit ihm von dem Weg hinunter. Ansel hielt einen Zweig beiseite. Als Caspian sich duckte, stieß ein Schlüssel in seiner Manteltasche gegen den Oberschenkel.
Er hatte den Ring noch immer.
Tassilos Schlüssel. In einem anderen Leben hätte er sie zurückgegeben. Er stellte sich vor, wie er vor Tassilo stand und die Hand ausstreckte, während hinter ihnen Männer Ewald forttrugen. Entschuldigt, die gehören Euch. Der Gedanke war so falsch, dass er beinahe gelacht hätte. Stattdessen setzte er das Bündel auf den Stamm und legte beide Hände daneben, bis das Zittern nachließ.
Aurel blieb auf dem Weg stehen.
„Wir sollten weiter.“
„Dann geht ein paar Schritte voraus“, sagte Ansel. „Wir kommen nach.“
„Ihr wisst nicht, wie lange sie brauchen, um sich zu sammeln.“
„Und Ihr wisst nicht, ob er auf dem nächsten Stück zusammenbricht.“
Caspian hob den Kopf. „Er steht hier.“
Ansel sah ihn an, dann nickte er knapp. Aurel kam zu ihnen herunter. Bei dem letzten Schritt geriet sein Fuß ins lose Laub, und er musste sich mit der gesunden Hand am Stamm abstützen. Er blieb einen Augenblick in dieser Haltung, bevor er sich aufrichtete. Der andere Arm lag eng an seinem Körper. Nichts an der Bewegung erinnerte an einen Mann, der darüber entschied, welche Hände sich gegen ihren Besitzer wandten.
Caspian hatte das Messer gesehen. Diese Mühe machte es nicht ungeschehen.
Er zog den Knoten des Bündels auseinander. Ansel hielt mit rechts die eine Stoffkante, damit sie nicht in den Schmutz fiel. Das eingewickelte Buch lag unverändert zwischen den übrigen Sachen. Caspian strich die darübergeschlagene Lage glatt. Er öffnete sie nicht. Die Münze hatte sich in ihrer eigenen kleinen Stofffalte an den Rand gearbeitet; er schob sie davon weg und legte sie so hin, dass sie beim erneuten Binden nicht an den Buchrücken geriet.
Aurel beobachtete seine Hände.
„Es hat keinen Zweck, es fortwährend anders einzupacken.“
„Der Riemen hat keinen Zweck, wenn ich ihn nicht fest bekomme.“
„Ich spreche von dem Buch.“
„Ich vom Riemen. Wir können das eine Weile fortsetzen, aber es wird uns kaum weiterbringen.“
Ansel zog die Stoffkante unter dem Bündel durch. Caspian hielt sie fest, während er den Knoten neu ansetzte. Zu zweit gelang es, ohne dass Ansel die verletzte Hand gebrauchen musste. Die rechte öffnete und schloss er danach kurz. Getrocknetes Blut saß an einer Stelle seines Ärmels, die Caspian nicht anfassen wollte, aus Angst, darunter könne die Haut wieder aufreißen.
„Setz dich“, sagte Ansel leise.
„Wenn ich mich hinsetze, weiß ich nicht, wie ich wieder aufstehe.“
„Dann lehn dich wenigstens an.“
Caspian ließ die Hüfte gegen das Holz sinken. Hinter Aurel sah er einen schmalen Abschnitt des Weges. Er versuchte, sich auf die Geräusche dort zu konzentrieren. Laub bewegte sich, irgendwo schlug ein Zweig gegen einen anderen. Er konnte nicht mehr unterscheiden, welches Geräusch ihm tatsächlich auffiel und auf welches er so sehr wartete, dass er es überall zu hören meinte.
Aurel drehte sich ebenfalls um. Caspian sah ihn dabei so genau an, dass ihm die Spannung am Mund auffiel, bevor der Mann wieder zu ihm sprach.
„Ihr könnt mir glauben, dass es für alle besser ist, wenn wir den Abstand vergrößern.“
„Ich glaube Euch, dass Ihr fortwollt. Ich will es auch.“
„Dann sollten wir unsere Kraft nicht hier verbrauchen.“
„Wohin?“
Aurel atmete hörbar durch die Nase aus.
„Das haben wir besprochen.“
„Wir haben besprochen, dass Ihr jemanden kennt. Wir haben auch besprochen, dass Ihr uns sagt, wer es ist, bevor wir dort ankommen. Ich möchte damit nicht warten, bis ich vor einer Tür stehe und schon jemand aufmacht.“
„Ihr habt eben noch gesagt, dass Ihr nicht sitzen könnt, weil Ihr sonst nicht wieder aufsteht.“
„Deshalb wäre mir ein Name lieber als eine Reisebeschreibung.“
Aurel sah zu Ansel, als erwarte er dort einen vernünftigeren Zuhörer. Ansel hielt noch immer die Stoffkante. Er ließ sie erst los, als Caspian den Knoten ein zweites Mal angezogen hatte.
„Er hat Euch gefragt“, sagte er.
Caspian konnte Aurels Ärger beinahe als körperliche Veränderung wahrnehmen: Der gesunde Arm löste sich vom Stamm, der Rücken richtete sich auf, die Füße fanden einen festeren Stand. Er kannte dieses Wiederherstellen einer Haltung. Man tat es, wenn man nicht wollte, dass jemand sah, wie wenig übrig war.
Früher hätte er darauf anders reagiert. Er hätte überlegt, ob Aurel nun seine Finger anheben würde, ob er ihm in die Augen sehen durfte, wie weit er kommen könnte, ehe sein eigener Körper sich weigerte, ihm zu folgen. Er dachte auch jetzt daran. Doch der Gedanke bestimmte nicht mehr, was er sagen konnte.
„Ihr denkt vielleicht, dass ich Angst vor Euch habe wie die Jäger“, sagte er. „Dass Ihr Euch nur gerade hinstellen müsst und ich aufhöre zu fragen. Aber meine Angst vor Euch ist vergangen.“
Aurel blickte auf seine zitternden Hände.
„Das sehe ich.“
Die Verachtung traf ihn heißer, als Caspian erwartet hatte. Er nahm die Hände vom Bündel, ließ sie offen neben dem Körper hängen und zwang sich, den Blick nicht abzuwenden.
„Nein. Ihr seht, dass mir alles wehtut. Ihr seht, dass ich müde bin. Das ist nicht dasselbe. Die Schrecken, die ich sah, die Dinge, die ich fühlte und tat – Ihr wisst nicht, was davon ich noch immer vor mir habe, wenn ich Euch ansehe. Ich werde nicht so tun, als sei ein Mann, der meine Hand bewegen kann, das Schlimmste, das ich mir vorstellen kann.“
Ansel veränderte seine Stellung neben ihm. Caspian bemerkte es am Rand seines Blickes, blieb aber bei Aurel.
„Ihr habt mir geholfen“, fuhr er fort. „Das weiß ich. Ich wäre nicht hier, wenn Ihr es nicht getan hättet. Aber ich werde Euch dafür nicht den Rest meines Verstandes geben. Ich will Kontrolle. Sicherheit. Ich will Namen. Wer ist es, den Ihr kennt und der mir wahrhaftig helfen kann?“
„Ihr verlangt Sicherheit von etwas, dessen Ausmaß Ihr selbst eben noch für unbegreiflich erklärt habt.“
„Weil ich sie brauche. Das bedeutet nicht, dass ich Euch glaube, wenn Ihr sie mir versprecht.“
„Dann wäre jedes Versprechen nutzlos.“
„Ein ehrliches vielleicht nicht. Eins, das damit anfängt, was Ihr tatsächlich wisst.“
Aurel schwieg. Caspian spürte, wie sein Atem schneller ging. Er hatte zu viel auf einmal gesprochen; das Brennen in seiner Brust zwang ihn, den nächsten Satz langsamer zu beginnen.
„Dieses Wesen ist kein Tier, das Ihr an die Leine legt. Es versteht, was ich will. Es kann mir etwas geben und dafür sorgen, dass ich hinterher nicht mehr erkenne, an welcher Stelle ich zugestimmt habe. Wenn Ihr mir helfen könnt, dann nicht, indem Ihr mir ebenfalls etwas vorhaltet und sagt, ich müsse nur noch ein Stück hinter Euch herlaufen.“
„Mein Meister weiß alles, was es darüber zu wissen gibt.“
Der Satz kam so rasch, dass Caspian ihn zuerst für eine ausweichende Antwort hielt. Dann sah er Aurels Gesicht. Der Mann wartete, als habe er nun endlich den Grund genannt, aus dem sie ihm vernünftigerweise folgen mussten.
„Gut“, sagte Caspian. „Dann bringt uns zu ihm.“
„Er wird nicht mit Euch reden.“
Ansel ließ ein trockenes, ungläubiges Geräusch hören.
Aurel sah ihn scharf an. „Er redet selbst mit mir nur selten.“
„Das macht die Aussicht nicht besser“, sagte Caspian.
„Es ist ein Privileg, dieses Wissen. Ihr könnt nicht erwarten, es zu erhalten, indem Ihr nach ihm verlangt.“
„Ich hatte angenommen, man müsste zumindest damit anfangen.“
„Ihr macht es Euch absichtlich einfach.“
„Nein. Einfach wäre, Euch zu glauben. Das würde mir im Augenblick sehr gefallen. Ich würde gern hören, dass ein kluger Mann alles weiß und auf mich wartet. Dann müsste ich nur noch die Füße bewegen, bis wir bei ihm sind.“
Er hielt inne. Er hatte den Satz spöttisch begonnen, aber am Ende war ihm nichts Spöttisches mehr daran geblieben. Ein Raum, in dem jemand aufstand und sagte, er kenne das. Er habe es schon gesehen. Es müsse nicht so enden. Caspian hätte beinahe jeden Weg dorthin eingeschlagen, und gerade deshalb musste er hören, wie wenig Aurel ihm tatsächlich anbot.
„Aber er wartet nicht“, sagte er. „Ihr wisst nicht einmal, ob er mich sehen will.“
„Ich habe Euch nicht versprochen, vor ihn zu treten.“
„Eben. Deshalb frage ich nach dem Menschen, zu dem wir gehen können.“
Aurel presste die Lippen zusammen. Eine Weile blickte er zum Weg hinüber. Caspian ließ ihm die Zeit, obwohl jeder Augenblick des Schweigens an ihm zerrte. Er wollte nicht, dass Aurel aus der Frage einen Streit machte, den man wegen der Gefahr unterbrechen musste. Wenn sie gleich weitergingen, wollte er etwas besitzen, das sich nicht beim nächsten Nachfragen in eine andere Hoffnung verwandelte.
„Eine Frau am Hofe des Königs von Valdris“, sagte Aurel schließlich. „Zhenika. Sie ist eine Gelehrte des Ordens.“
Caspian sprach den Namen nicht gleich nach. Er sah zu Ansel, damit auch der ihn gehört hatte.
„Ihr kennt sie selbst?“
„Ja.“
„Und Ihr habt mit ihr über Wesen wie dieses gesprochen?“
„Ich sagte Euch, dass meine Kontakte bestehen. Sie befasst sich mit den Überlieferungen. Sie wird Euch alles erzählen können.“
„Alles?“
Aurel verzog den Mund. „Erwartet nicht zu viel. Aber erwartet auch nicht, an einem anderen Ort mehr zu erfahren.“
„Das passt sehr bequem zusammen“, sagte Ansel. „Wenn sie etwas weiß, hattet Ihr recht. Wenn sie nichts weiß, hätten wir ohnehin nirgendwo mehr gefunden.“
„Was möchtet Ihr hören? Dass ich Euch zu einem Menschen führe, der noch nie davon gehört hat? Dass Ihr ohne mich durch die Länder ziehen und auf einen Zufall hoffen solltet?“
„Ich möchte hören, dass Ihr unterscheiden könnt zwischen einer Gelegenheit und der einzigen Gelegenheit, die jemand hat.“
„Dann nehmt es als Gelegenheit.“
Aurel wandte sich wieder Caspian zu, deutlich genug, um Ansel aus dem weiteren Gespräch auszuschließen. Caspian wartete, bis Ansel sich neben ihn gestellt hatte.
„Wo ist dieser Hof?“
„In Czarnishan.“
„Und wenn wir dort ankommen, sagt Ihr einfach meinen Namen?“
„Wenn es nötig ist, meinen. Ihr müsst nicht jedes Gespräch führen, als wolltet Ihr Euch Zugang zu einem feindlichen Lager verschaffen.“
Caspian blickte auf den Ärmel, an dem noch der Geruch des Rauchs hing.
„Wir sind gerade aus einem gekommen.“
„Und ich war mit Euch darin.“
„Dann solltet Ihr verstehen, weshalb die Frage nicht ganz abwegig ist.“
Das traf Aurel. Er gab es nur durch ein kurzes Senken des Blickes zu erkennen, doch Caspian sah es. Die gemeinsame Gefangenschaft war für ihn ein Grund, weitere Einwände abzuweisen; Caspian wollte sie als Grund verwenden, diesmal nicht erst zu fragen, wenn jemand die Tür hinter ihnen schloss.
„Was werdet Ihr ihr sagen?“
„Was sie wissen muss, um zu entscheiden, ob sie Euch empfangen will.“
„Das ist die Antwort, die Ihr vorher gegeben habt. Ich möchte die Dinge hören.“
Aurel stellte die gesunde Hand wieder auf den Stamm. Die Finger spreizten sich auf dem Holz. Caspian schaute nicht zu lange darauf.
„Dass Ihr einen Pakt eingegangen seid“, sagte Aurel. „Dass Ihr gegenwärtig ansprechbar seid und über Euer Erleben Auskunft geben könnt. Dass das Buch mit dem Vorgang verbunden ist und sich bei Euch befindet.“
Ansel atmete scharf ein. Caspian hob die Hand ein wenig, bevor er etwas sagte.
„Das genügt fürs Erste.“
„Sie wird Fragen haben.“
„Die kann sie mir stellen.“
„Ihr verlangt Hilfe und möchtet bestimmen, was der Mensch erfährt, der sie Euch geben soll.“
„Ich möchte bestimmen, was ein Mensch erfährt, den ich noch gar nicht gesehen habe. Das ist weniger widersinnig, als Ihr es klingen lasst.“
Er sah zu Ansel. „Nichts über dich. Nichts über das Licht.“
Ansel nickte, doch er schaute dabei Aurel an.
„Auch keine Andeutung, dass es da noch etwas gäbe, das wir nur nicht erzählen wollen“, sagte er. „Ihr müsst nicht für uns interessant machen, was wir Euch vorerst nicht überlassen.“
„Ihr haltet Euch für außerordentlich geschickt.“
„Im Augenblick halte ich mich vor allem für müde“, erwiderte Ansel. „Deshalb wäre eine deutliche Antwort angenehm.“
Caspian spürte einen kurzen Anflug von Wärme, der nichts mit dem Brennen in seiner Brust zu tun hatte. Ansel klang erschöpft und ungeduldig und ganz wie Ansel. Kein strahlendes Wesen war gekommen, um mit einer schönen Rede die Welt wieder brauchbar zu machen. Er stand hier mit einer verletzten Hand und verlangte von Aurel, endlich geradeaus zu antworten.
„Gut“, sagte Aurel. „Über den Pakt. Über Euren Zustand. Über die Verbindung mit dem Buch. Das andere erwähnt Ihr selbst, wenn Ihr es für richtig haltet.“
„Und unsere privaten Erlebnisse gehören nicht in diese erste Auskunft.“
„Ich habe Euch verstanden.“
Caspian wollte noch einmal nachsetzen. Er hörte schon den Anfang eines weiteren Satzes in seinem Kopf, eine engere Formulierung, mit der er jede mögliche Ausflucht hätte schließen können. Dann sah er Aurels Hand auf dem Holz, die langsam zu zittern begann. Sie konnten hier bleiben, bis sie alle nicht mehr weiterkamen, und trotzdem nicht erreichen, dass aus diesem Mann jemand anderes wurde.
„Dann werden wir uns daran erinnern“, sagte er.
Er nahm das Bündel. Der neue Knoten hielt. Als er den Riemen über die Schulter legte, wurde ihm kurz schwindlig; er wartete, den Blick auf die Rinde gerichtet, bis der Boden wieder stilllag.
Aurel machte sich zum Gehen bereit. Ansel blieb vor ihm stehen.
„Eines noch.“
„Was?“
„Tut nicht so, als wäre das jetzt Vertrauen.“
„Ich hatte wenig Gelegenheit, es dafür zu halten.“
„Gut. Dann verwechselt es auch später nicht.“
Aurel bewegte den Mund, als wollte er antworten. Stattdessen ging er an Ansel vorbei zum Weg. Er schob die Zweige mit der gesunden Hand auseinander und blieb dort stehen, so dass sie ihn sehen konnten.
Ansel drehte sich zu Caspian. Sein Gesicht veränderte sich nicht auf einmal; die Wut blieb darin, auch als er leiser sprach.
„Wir rennen im Kreis.“
„Wir haben jetzt einen Namen.“
„Ja. Und er hat uns gerade erklärt, dass der einzige Mensch, der alles weiß, nicht mit uns reden wird. Also sollen wir einem anderen Menschen glauben, von dem er auch nicht sagen kann, was er weiß.“
„Ich muss ihr nicht glauben, bevor ich sie höre.“
„Ich weiß. Ich sage nur, dass ich Angst davor habe, wie schnell sich der Unterschied verlieren kann.“
Caspian zog den Riemen ein Stück vom Hals weg. „Hast du Angst, dass ich es nicht merke?“
„Ich habe Angst, dass du es merkst und weitergehst, weil der nächste Schritt dann schon getan ist.“
Er hatte darauf eine Antwort erwartet, gegen die er sich wehren konnte. Dass Aurel gefährlich sei. Dass sie es noch einmal anders versuchen mussten. Ansels Satz blieb stattdessen zwischen ihnen liegen, so nahe an dem, was Caspian selbst beim Sprechen gefürchtet hatte, dass er zunächst nur auf den Boden sah.
„Es gibt keinen Weg, auf dem ich nicht irgendetwas riskieren muss.“
„Das weiß ich.“
„Und ich weiß nicht, wie man ein Wesen vernichtet, das so etwas tun kann. Ich kann nicht einfach beschließen, daran zu glauben, weil mir die andere Möglichkeit nicht gefällt.“
„Du musst nicht glauben, dass es leicht ist. Du musst mir auch nicht heute recht geben.“ Ansel hob die gesunde Hand, ließ sie aber wieder sinken. „Ich will nicht, dass du ausgerechnet ihn für den einzigen vernünftigen Menschen hältst, nur weil er einen Weg anbietet, den du dir vorstellen kannst.“
Caspian blickte zu Aurel. Er stand mit dem Rücken halb zu ihnen am Weg, doch die Entfernung war gering. Ansel hatte ihn nicht heimlich fortgelockt, um hinter seinem Rücken sprechen zu können.
„Ich habe Ewald gesehen“, sagte Caspian.
„Ich auch.“
„Du glaubst, ich könnte das vergessen?“
„Nein. Aber er wird dir oft genug sagen, dass er uns geholfen hat. Und er hat uns geholfen. Irgendwann klingt es dann vielleicht so, als dürfe man den Rest nicht mehr sagen.“
Aurel drehte sich um.
„Wenn Ihr eine Entscheidung beklagt, dann nennt auch den Mann, der uns festgehalten hat.“
Ansel sah ihn an. „Ich habe seinen Namen gerade genannt.“
„Er hätte uns nicht gehen lassen.“
„Wir waren draußen. Sie haben ihn fortgetragen. Ihr seid zurückgegangen.“
„Er war noch imstande, Befehle zu geben.“
„Und Ihr wart imstande, weiterzugehen.“
Der Satz ließ Caspian die Finger um den Riemen schließen. Er erinnerte sich an den Blick durch den Unterstand, an die Hand, die sich gegen ihren eigenen Leib gewandt hatte. Aurels Macht machte die Erinnerung schwerer zu begreifen, aber nicht unklarer. Ein Messer war in einen Menschen gegangen. Jemand hatte sich dazu entschieden.
„Seine Macht allein hat das nicht getan“, sagte Ansel zu Caspian, ohne die Stimme weiter zu senken. „Sie erlaubt ihm, mehr so zu sein, wie er ist. Wenn du ihm glaubst, dass ein Mensch mit Macht gar nicht anders handeln kann, hat er sich schon für alles entschuldigt, was er dir noch antun könnte.“
Aurel kam nicht näher. Seine Augen lagen auf Ansel, und Caspian stellte sich unwillkürlich etwas vor ihn.
Ansel berührte seinen Arm.
„Du musst mich nicht vor diesem Satz verstecken.“
„Das tue ich nicht.“
„Ein bisschen schon.“
Caspian blieb stehen, wo er stand. „Dann lass mich ein bisschen.“
Für einen Augenblick sah er etwas in Ansels Gesicht weicher werden. Nicht die Wut, aber das, womit er sie festhielt. Ansel zog die Hand nicht fort.
„Du bist ein guter Mensch, Caspian.“
Er schüttelte den Kopf, bevor er wusste, dass er es tun würde.
„Sag das nicht so leicht.“
„Ich sage es nicht leicht.“
„Du hast nicht alles gesehen.“
Ansel antwortete nicht sofort. Caspian war ihm dafür dankbar, und zugleich fürchtete er die Pause. Er konnte von dem, was geschehen war, nicht einfach einen Teil abtrennen und erklären, dass er nicht zählte. Er erinnerte sich an Freude, die er nicht gewollt hatte, an den entsetzlichen Augenblick, in dem das Nichtwollen selbst nur noch etwas gewesen war, das ein anderer gegen ihn benutzen konnte. Er wollte Ansel davon erzählen können. Er wollte auch, dass Ansel ihn weiter so ansah wie jetzt. Im Augenblick konnte er beides kaum miteinander denken.
„Ich werde dir nicht sagen, was du erlebt hast“, sagte Ansel schließlich. „Und ich werde dir nicht sagen, dass du dich nur anders daran erinnern musst. Aber du stehst hier und fragst, was du tun kannst, damit es nicht weitergeht. Du suchst nicht nach einem Grund, weshalb es in Ordnung war.“
Caspian schluckte. Das Brennen im Hals kam diesmal nicht allein vom Rauch.
„Vielleicht suche ich nur nach einem Grund, noch bleiben zu dürfen.“
„Bei mir brauchst du keinen.“
Ansel sagte es ruhig. Gerade deshalb musste Caspian den Blick abwenden. Er sah auf die beschädigte Hand, auf die Haltung, mit der Ansel sie schonte, und verstand nicht, wie er etwas annehmen sollte, das ihm so wenig abverlangte. In ihm war alles voll von Bedingungen geworden. Noch ein Schritt, noch ein Versuch, noch ein Preis, und vielleicht konnte er danach wieder jemand sein, dessen Nähe kein Risiko bedeutete.
Ansel drückte kurz seinen Arm.
„Vergiss nicht, dass du eine Wahl hast. Auch wenn sie klein ist. Auch wenn keine davon gut aussieht. Das ist es, was sie dich vergessen lassen wollen.“
„Und wenn meine Wahl ist, mit ihm zu gehen?“
„Dann gehe ich mit dir. Ich werde nur nicht so tun, als hätte ich nichts dagegen.“
Caspian sah ihn wieder an. „Das hätte mich auch gewundert.“
„Gut. Dann haben wir wenigstens eine verlässliche Erwartung.“
Es war kein richtiger Witz. Dafür tat ihnen zu viel weh. Aber Caspian konnte ausatmen, ohne dass dabei gleich wieder der Druck in seiner Brust zunahm. Er legte seine Hand über Ansels, nur einen Augenblick, bevor sie loslassen mussten, um zwischen den Stämmen hindurchzukommen.
Am Weg wartete Aurel. Caspian blieb neben ihm stehen.
„Wir gehen nach Czarnishan“, sagte er. „Zu Zhenika. Ich will ihre Unterlagen sehen und hören, was sie uns sagen kann.“
Aurel nickte.
„Das ist vernünftig.“
„Vielleicht. Das werde ich nicht allein daran erkennen, dass es Eure Richtung ist.“
Er erwartete einen weiteren Streit. Aurel blickte stattdessen auf das Bündel und dann auf den Weg vor ihnen. Als er wieder sprach, war seine Stimme rauer geworden.
„Bis hinter die Biegung ist der Boden ebener. Danach müssen wir sehen, wie weit wir kommen.“
Mehr konnten sie für diesen Augenblick tatsächlich nicht vereinbaren. Caspian ließ Aurel vorausgehen. Ansel blieb an seiner Seite, ohne ihn zu stützen, solange er es nicht brauchte.
Der Riemen hielt diesmal. Das Gewicht des Buches war noch da, das Ziehen in den Händen und die Erinnerung an Dinge, die er Ansel noch nicht sagen konnte. Er trug sie mit auf den Weg. Vor ihnen lag ein Name, den ein wirklicher Mensch beantworten musste. Caspian wollte dort ankommen, solange er noch selbst fragen konnte.