Leseprobe

Paginae de Parcae

Band 2 · Erstes Kapitel

Kapitel 1 – Der Magier der Gassen

Der Marktplatz von Eisenburg atmete den schweren, kupfernen Hauch einer Stadt, die niemals schlief. In der nachmittäglichen Dämmerung, wenn die Fabrikschornsteine ihre schwarzen Seelen gen Himmel spien und das Gas der Straßenlaternen bereits zu flackern begann, verwandelte sich der gepflasterte Platz in ein Kaleidoskop aus Schatten und trügerischem Licht. Es war eine Bühne, auf der Wahrheit und Anschein dieselbe rußige Luft atmeten. Hier, zwischen den Holzkarren der Gemüsehändler und den eisernen Ständen der Fleischer, deren Ware in der feuchten Kälte dampfte, suchte Caspian Varelli seinen Platz, jenen magischen Kreis, in dem sich Verzweiflung in Kunst verwandeln ließ.

Er wählte seinen Standort mit der Präzision eines Feldherrn, der eine Schlacht plant: nah genug zu den Hauptverkehrswegen, um die Aufmerksamkeit der Passanten zu erhaschen, ehe ihr Blick weiterwanderte, doch fern genug von den lauten Karren und kreischenden Schweinen, damit seine Stimme nicht im Chaos der Geschäfte unterging. Denn die Aufmerksamkeit, das wusste er, war die einzige Münze, die er verlässlich zu ernten vermochte – und zugleich die flüchtigste von allen. Der Stein unter seinen Füssen war abgewetzt von tausend Jahren des Handels, poliert von unzähligen Sohlen, und er spürte durch das dünne Leder seiner Stiefel die Kälte, die von unten in seine Knochen kroch – eine vertraute Begleiterin seiner Tage.

Seine Finger, lang und elegant wie die eines Pianisten, obgleich sie nun die Rauheit ehrlicher Arbeit trugen, glitten über die verschlissenen Kanten seiner Spielkarten. Das Deck war sein kostbarster Besitz: handgefertigt aus feinstem Pergament, mit goldener Tinte verziert, die einst in den Salons der Oberschicht für Bewunderung gesorgt hatte. Nun waren die Kanten fransig, die Goldverzierungen matt geworden – und doch erwachten sie in Caspians Händen zu einem Leben, das ihre einstige Unversehrtheit übertraf, als gewänne jedes Ding erst durch seinen Verfall an Geschichte.

„Edle Herrschaften und werte Bürger!” Seine Stimme, geschult in den Rhetoriksälen der Universität und verfeinert durch Jahre der Demütigung, trug weit über den Lärm des Marktes. Es war eine angeborene Eleganz der Rede, die sich nicht erwerben ließ, sondern nur in der Wiege empfangen wurde – ein Erbe, das ihm geblieben war, als man ihm alles andere genommen hatte, und das er nun wie eine geliehene Rüstung trug. „Gestattet einem bescheidenen Diener der Künste, Euer Auge zu erfreuen und Euren Verstand zu verwirren!”

Die ersten Neugierigen blieben stehen. Ein Bäcker mit mehlbestäubten Händen, dessen Blick zwischen Skepsis und Interesse schwankte. Eine Magd in fleckigem Kleid, die ihre Markttasche enger an sich presste, als fürchte sie, der seltsame Mann könne ihre wenigen Kupfermünzen durch bloße Magie an sich reißen. Und ein alter Mann mit dem graumelierten Bart eines Handwerkers, dessen Augen eine Schärfe verrieten, die über das hinausging, was man bei einem einfachen Arbeiter erwarten mochte – ein Mann, der nicht das Schauspiel taxierte, sondern den Gaukler selbst.

Caspian lächelte – jenes Lächeln, das einst Herzen in den Ballsälen erobert hatte und nun nur noch als blasser Schatten seiner einstigen Macht existierte. Seine Hände bewegten sich in fließenden Gesten, als würden sie eine unsichtbare Symphonie dirigieren, und die erste Karte erschien zwischen seinen Fingern, als hätte sie sich aus dem Nichts materialisiert.

„Seht her”, murmelte er mit einer Stimme, die wie warmer Wein über die Zungen seiner Zuhörer glitt, „wie das Unmögliche möglich wird.”

Die Karte – die Dame der Kelche, ein Symbol der Täuschung und der verlorenen Liebe – tanzte zwischen seinen Fingern wie ein lebendiges Wesen. Sie verschwand und erschien wieder, wanderte von der rechten in die linke Hand, verwandelte sich für einen Augenblick in den König der Schwerter, ehe sie zurück zu ihrer ursprünglichen Gestalt fand. Die kleine Menschentraube wuchs, angezogen von der hypnotischen Eleganz seiner Bewegungen – und Caspian wusste, was sie nicht wussten: dass es keine Verwandlung gab, nur die Geschwindigkeit seiner Finger und die Trägheit ihres Auges; dass das Wunder allein in jener schmalen Lücke zwischen Wahrnehmung und Wirklichkeit wohnte, in der der Mensch so bereitwillig Quartier nahm.

Doch während seine Finger die altvertrauten Manipulationen vollführten und sein Mund die wohlerprobten Phrasen formte, wanderte ein Teil seines Geistes jenen doppelten Pfad, den nur der geübte Täuscher zu gehen vermag: nach außen ganz Schauspiel, nach innen ganz nüchterne Berechnung. Er war kein Zauberer, das wusste niemand besser als er selbst – er war ein Handwerker der Wahrnehmung, ein Mechaniker des Staunens, der die Trägheit des fremden Auges so genau studiert hatte wie ein Uhrmacher das Ineinandergreifen seiner Räder. Jede Geste, die seinen Zuschauern mühelos erschien, war das Ergebnis tausendfacher, geduldiger Wiederholung; jeder verborgene Kartengriff, jedes lautlose Gleiten einer Karte in die hohle Handfläche gehorchte einem Plan, der dem Zufall nichts überließ. Nur für die Dauer eines Lidschlags drängte sich ein einzelnes Empfinden aus einer anderen Zeit dazwischen – das Gefühl weicher Teppiche unter nackten Knabenfüssen, die seine Schritte einst lautlos verschluckt hatten, dort, wo nun der nackte Stein des Marktes seine Kälte durch das dünne Leder seiner Stiefel trieb. Es lag eine eigene Ironie darin, sann er, dass die Erinnerung selbst eine Illusion war, ein Gedächtnistrick, geschickter als jeder seiner Kunstgriffe, der die Vergangenheit in ein Gold tauchte, das sie zu ihrer Zeit niemals besessen hatte.

Wie tief kann ein Mann fallen, dachte er, während seine Hände mechanisch ihr Werk verrichteten, bevor er aufhört zu fallen und beginnt zu sinken?

Ein Applaus riss ihn aus seinen Grübeleien. Die Zuschauer – nun waren es bereits ein Dutzend – klatschten höflich, und einige warfen kleine Münzen in den verschlissenen Filzhut zu seinen Füssen. Das metallische Klirren war Musik in seinen Ohren, süßer als jede Symphonie, die er in den Opernhäusern seiner Jugend gehört hatte, denn es bedeutete ein weiteres Mahl, eine weitere Nacht mit einem Dach über dem Kopf.

Doch auch während die Münzen fielen, rechnete ein Teil seines Verstandes kalt und präzise: drei Kupfer, fünf weitere, ein silberner Taler– zusammen nicht genug für mehr als eine Scheibe Brot und eine dünne Suppe. So war es das Los des Hungrigen, dass selbst der Beifall sich in eine Rechnung verwandelte und die Freude in eine Bilanz, noch ehe der letzte Ton verklungen war.

Die Menge begann sich zu zerstreuen, getragen von den Geschäften des Abends, und Caspian bereitete sich auf seine zweite Darbietung vor. Seine Finger tasteten nach der kleinen Phiole in seinem Ärmel, die eine brennbare Flüssigkeit enthielt – eine Substanz, die er durch seine Studien der Naturphilosophie kannte –, und nach dem schmalen Messingbehälter daneben, dessen durchlöcherte Wand ein Stück glimmenden Zunder barg, das er den ganzen Nachmittag über gehütet hatte wie ein Priester die Flamme auf dem Altar. Richtig dosiert und im rechten Augenblick der verborgenen Glut dargeboten, vermochte die Flüssigkeit den Eindruck wahrhaftiger Magie zu erwecken.

Er hob die Hände, und in einer einzigen, einstudierten Bewegung, zu rasch für das Auge, führte er den getränkten Stoff an die Glut – und schon begannen kleine Flammen zwischen seinen Fingern zu tanzen, blaue und goldene Zungen des Feuers, die sich windeten wie lebendige Schlangen. Die Chemie war simpel – ein alter Kunstgriff aus den Traktaten der Alchemie –, doch die Ausführung verlangte eine Beherrschung, die nur durch endlose Übung zu erringen war. Jede falsche Bewegung hätte seine Hände in Brandwunden verwandelt; jeder Moment der Unachtsamkeit hätte das Feuer von einem kontrollierten Schauspiel in eine unkontrollierte Katastrophe verkehrt.

Die Zuschauer wichen unwillkürlich zurück, doch ihre Augen blieben an das Spektakel gefesselt. Das Feuer warf tanzende Schatten über ihre Gesichter und verwandelte ihre prosaischen Züge in eine Galerie grotesker Masken – und für einen Augenblick erschienen sie ihm wie ein Spiegel, der jedem von uns sein verborgenes Wesen vorhielt. Caspian sah in ihren Mienen jene Mischung aus Furcht und Faszination, die das Übernatürliche stets hervorrief – jenen Moment, in dem der Verstand sich weigerte zu akzeptieren, was die Augen erblickten, und in dieser Weigerung beinahe glücklich war.

„Das Feuer”, sprach er mit einer Stimme, die wie warmes Kupfer in der abendlichen Luft vibrierte, „ist der treueste Diener des Menschen – und sein rücksichtslosester Herr. Es kann Leben spenden und Leben nehmen, Wahrheit erhellen und Lügen verbrennen.”

Während er sprach, formten sich die Flammen zu kunstvollen Figuren: ein Vogel, der seine brennenden Schwingen ausbreitete, eine Rose, deren Blütenblätter aus purem Licht zu bestehen schienen, ein Schwert, dessen Klinge in der Luft schwebte wie ein Richterspruch der Götter. Die Chemikalien brannten in kontrollierten Mustern ab, jede Figur hatte er im Voraus berechnet, jeden Pfad der brennenden Substanz dem Zufall entrissen und der Ordnung unterworfen – und doch glaubten die Zuschauer, er beuge das Feuer durch schiere Willenskraft. Es war stets dasselbe, sann er: Die Menschen verwechselten Berechnung mit Magie, weil ihnen das Gerüst der Berechnung verborgen blieb. Wüssten sie, wie wenig Geheimnis und wie viel Mühe in seinen Wundern steckte, sie würden ihm wohl ihre Münzen verweigern – und gewiss ihre Andacht.

Ein Applaus brandete auf, lauter diesmal, und weitere Münzen klirrten in seinen Hut. Doch auch während die kleinen Kupferstücke fielen, bohrte sich ein eisiger Stachel der Realität in sein Bewusstsein: selbst wenn diese Vorstellung doppelt so viel einbrächte wie üblich, würde es kaum für mehr als ein paar Tage reichen. Der Winter nahte mit der Unerbittlichkeit eines Richters, und seine Dachkammer – vier Wände aus morschen Brettern und ein Dach, das mehr Löcher hatte als Ziegel – bot so wenig Schutz gegen die Kälte wie ein Gebet gegen den Tod.

Was würde Vater sagen, dachte er, während die letzten Flammen zwischen seinen Fingern erloschen, wenn er seinen Erben nun sähe? Den Sprössling einer tausendjährigen Linie, der um Kupfermünzen bettelt wie ein gemeiner Vagabund?

Die Antwort kannte er bereits. Graf Aldric de Varelli hatte sie ihm vor zwei Jahren mit der Kälte eines Grabsteins ins Gesicht gesprochen: Du existierst nicht mehr. Du warst niemals mein Sohn. Der Name Varelli ist durch deine Schande besudelt, und nur dein Tod könnte ihn wieder reinwaschen.

Es waren Worte gewesen, die nicht töteten, sondern auslöschten, und Caspian trug diese Auslöschung seither wie eine zweite Haut. Ein Name, dachte er, war das erste Eigentum, das ein Mensch besaß, ehe er irgendetwas anderes besaß – und das letzte, das ihm blieb, wenn alles andere verloren war. Man hatte ihm das Letzte genommen.

Ein trockenes Lachen entwich seiner Kehle, so bitter wie der Geschmack von Wermut. Tod als Reinigung – welche exquisite Ironie. Doch der Tod war eine Gnade, die seinesgleichen verwehrt blieb, solange das Leben noch eine Handvoll Münzen und einen weiteren Tag bedeutete. Auch das Sterben, so schien es, hatte seinen Preis, und seine Taschen waren zu leer, ihn zu entrichten.

„Eine beeindruckende Darbietung, junger Herr.”

Die Stimme ließ ihn aufblicken. Ein älterer Mann war stehengeblieben, nachdem sich die Menge bereits zerstreut hatte – derselbe graumelierte Handwerker, der schon zu Beginn seiner Vorstellung zugegen gewesen war. Doch nun, im direkteren Licht der Gaslaternen, erkannte Caspian die Uniform: abgewetzt und geflickt, aber eindeutig die eines Stadtgardisten. Das Schwert an seiner Seite war alt, doch gut gepflegt, und seine Haltung – aufrecht, das Gewicht ruhig verteilt, die Hände gelassen – verriet eine Disziplin, die sich über Jahrzehnte in den Körper gegraben hatte.

„Euer Dienst ehrt mich, Wachtmeister”, erwiderte Caspian und verbeugte sich mit jener fließenden Eleganz, die so tief in seinen Knochen verwurzelt war wie seine Muttersprache. Die Bewegung war instinktiv – eine aristokratische Geste, die keine bewusste Entscheidung erforderte. Und kaum hatte er sie vollführt, erkannte er seinen Fehler: Ein Bettler verbeugte sich nicht so. Ein Bettler kannte diese Bewegung nicht einmal.

Der Gardist – Matthias, wie Caspian ihn in Gedanken bereits nannte, nach dem Heiligen der verlorenen Sachen – lächelte schwach. In seinen Augen lag eine Wärme, die seltsam deplatziert wirkte in dieser Stadt aus Eisen und Rauch, ein letzter Funke von etwas, das die Schornsteine noch nicht erstickt hatten.

„Ich habe Eure Vorstellungen schon häufiger beobachtet”, sagte Matthias, während er eine kleine Silbermünze in Caspians Hut fallen ließ, wo sie mit einem volleren, satteren Klang zur Ruhe kam als das umliegende Kupfer. „Ihr seid... anders als die übrigen Straßenkünstler.”

Anders. Das Wort hing zwischen ihnen wie ein unausgesprochenes Urteil. Caspian wusste, was der alte Mann meinte: seine Sprache war zu gewählt, seine Bewegungen zu verfeinert, seine gesamte Erscheinung zu... adlig für einen Mann, der von Almosen lebte. Die Maskerade funktionierte nicht perfekt; Bruchstücke seiner wahren Herkunft schimmerten durch wie Gold durch Risse in einer Lehmwand. Vielleicht war das die feinste Grausamkeit seines Schicksals – dass es ihm gerade genug von dem ließ, was er gewesen war, um ihn überall als das zu entlarven, was er nicht mehr sein durfte.

„Ein Mann ist das, was die Umstände aus ihm machen”, antwortete Caspian vorsichtig, jedes Wort wägend wie ein Juwelier einen Stein. „Die Vergangenheit ist ein Luxus, den sich nur die Wohlhabenden leisten können.”

Matthias nickte langsam, als verstünde er mehr, als seine Worte verrieten. Sein Blick ruhte nun auf Caspians Händen – jenen Händen, die eben noch das Feuer gebändigt hatten und die nun, von der Kälte gerötet, seinen wahren Stand verrieten. „Die Stadt kann hart sein zu denen, die... Veränderungen durchleben”, sagte er bedächtig. „Doch sie kann auch Zuflucht gewähren, für jene, die zu leben verstehen.”

Ein eigenartiger Kommentar, dachte Caspian. War das eine Warnung? Ein Rat? Oder vielleicht sogar ein Angebot? Er zergliederte die Worte noch im selben Atemzug in ihre Bestandteile, suchte nach dem Sinn, der sich hinter ihnen verbarg. Doch bevor er nachfragen konnte, hatte sich der alte Gardist bereits abgewandt und verschwand in der sich verdichtenden Abenddämmerung, seine Schritte verschluckt vom ewigen Lärm der großen Stadt, der jede einzelne Stimme so beiläufig auslöschte wie das Meer einen einzelnen Tropfen.

Allein zurückgeblieben, sammelte Caspian seine wenigen Utensilien zusammen: die Karten, die er in ihre verschlissene Samtschatulle gleiten ließ, die Phiole und den glimmenden Zunder, die er sorgsam in dem Messingbehälter verschloss, den verschlissenen Hut mit seinem armseligen Schatz an Kupfer und Silber. Es waren die Handgriffe eines Mannes, der wusste, dass ein Bruch, ein Funke zur falschen Zeit, ihn teurer zu stehen käme, als er zu zahlen vermochte. Seine Finger zählten die Münzen mit der mechanischen Genauigkeit eines Buchhalters, während sein Geist bereits die bevorstehenden Kosten kalkulierte: Miete für die Kammer, ein Stück Brot, vielleicht sogar ein wenig Fleisch, falls die Götter des Glücks ihm wohlgesonnen waren.

Doch auch während er zählte, nagte eine andere Sorge an ihm. Die Münzen mochten für heute reichen, vielleicht sogar für morgen – aber was war mit der nächsten Woche? Was geschah, wenn der Winter in seiner vollen Härte über die Stadt hereinbrach und die Menschen ihre wenigen Kupferstücke für Brennholz und warme Kleidung sparten statt für die Unterhaltung eines gefallenen Adligen? Die Kunst, das wusste er, war stets das Erste, was die Not sich versagte.

Der Gedanke an den Winter ließ ihn frösteln, obgleich die Abendluft noch mild war. Er hob seinen Blick zu den Fenstern der umliegenden Gebäude, hinter denen warmes Licht glühte und Familien sich um Herdfeuer versammelten. Dort oben lebten Menschen, die sich keine Sorgen um das Geld für das nächste Mahl machen mussten, die ein Dach über dem Kopf hatten, das mehr war als nur eine notdürftige Zuflucht gegen die Elemente.

Einen Moment lang überkam ihn eine wilde Sehnsucht – nicht nach dem Reichtum seiner Jugend, sondern nach der simplen Gewissheit, dass es morgen noch Brot geben würde. Doch er verdrängte das Gefühl, so wie er alle nutzlosen Emotionen verdrängte, die ihn von der harten Realität seines Überlebens ablenken konnten; denn Sehnsucht, so hatte er gelernt, war nur eine weitere Form der Schwäche.

Seine Schritte führten ihn fort vom Marktplatz, durch die sich windenden Gassen des Armenviertels, wo der Geruch nach Kohl und ranzigem Fett aus den Fenstern drang und wo sich die Schatten wie hungrige Raubtiere in den Ecken sammelten. Die Straßen wurden schmaler, die Gebäude höher und baufälliger, das Licht der Laternen spärlicher, bis er schließlich vor der Tür jenes Hauses stand, das er sein Zuhause zu nennen gelernt hatte, obgleich das Wort wie eine Lüge auf seiner Zunge lag.

Das Gebäude war ein Skelett aus morschen Balken und bröckelndem Mörtel, das sich gegen seine Nachbarn lehnte wie ein betrunkener Bettler gegen eine Kirchenwand. Die Treppe, die zu seiner Kammer im vierten Stock führte, ächzte unter jedem Schritt mit der Wehklage eines sterbenden Tieres, und der Geruch, der aus den unteren Stockwerken aufstieg – eine Mischung aus verschimmeltem Brot, ungewaschenen Körpern und jener eigentümlichen Süße, die nur extreme Armut hervorbringt – war so vertraut geworden wie der Klang seiner eigenen Stimme. Seine Füße kannten jede einzelne Stufe; er zählte sie längst nicht mehr.

Seine Kammer empfing ihn mit der kalten Gleichgültigkeit eines Grabmals. Vier Wände, die einst weiß getüncht gewesen waren und nun die Farbe von altem Pergament trugen, umschlossen einen Raum, der kaum größer war als die Garderobe, die er einst in seinem väterlichen Anwesen besessen hatte. Ein schmales Bett mit einer Matratze, die mehr Stroh als Stoff war, eine wackelige Kommode aus ungehobeltem Holz, ein einziges Fenster, dessen Glas so trüb war wie die Augen eines Blinden – das war die Summe seines Königreiches, und er war dessen einziger, verarmter Untertan.

Doch auch in dieser Armseligkeit bewahrte Caspian jene Rituale, die seine Herkunft verrieten wie eine Tätowierung auf der Seele. Mit derselben methodischen Sorgfalt, mit der er einst seine Garderobe für einen Ballabend ausgewählt hatte, ordnete er seine wenigen Besitztümer: die Spielkarten in ihrer verschlissenen Samtschatulle, die Phiolen mit den Chemikalien in einer kleinen Holzkiste, die er mit einem Tuch bedeckte, als wären sie kostbare Reliquien. Ordnung, so hatte er früh begriffen, war der letzte Widerstand des Geistes gegen das Chaos – und Caspian, der fast alles verloren hatte, klammerte sich an diesen Widerstand wie ein Ertrinkender an ein Stück Treibholz.

Erst dann gestattete er sich, den Ertrag seines Abends zu betrachten.

Er breitete ein sauberes Taschentuch auf der Kommode aus – eines der letzten Überbleibsel seiner Vergangenheit, aus feinstem flandrischen Leinen mit seinen Initialen in goldener Seide gestickt – und schüttete die Münzen darauf. Sie fielen mit dem hohlen Klang billiger Metalle, ein Klirren, das so anders war als das satte, warme Tönen echter Goldstücke, die er einst wie selbstverständlich in seinen Taschen getragen hatte. Wie merkwürdig, dachte er, dass derselbe Vorgang – Metall, das auf Stoff fällt – zwei so verschiedene Sprachen sprach, je nachdem, wie viel oder wie wenig Wert in ihm lag.

Seine Finger, durch die Notwendigkeit zur Genauigkeit eines Rechenmeisters geschärft, sortierten die Münzen in kleine Häufchen: Kupferstücke hier, einige wenige Silbertaler dort, ein einzelner Groschen, der wie ein einsamer Stern in der Armut glänzte. Seine Lippen bewegten sich lautlos, während er addierte und subtrahierte, kalkulierte und neu kalkulierte, als könne schiere Willenskraft die unbarmherzige Arithmetik der Armut verändern – als wäre die Endsumme eine Frage der Verhandlung und nicht des Gesetzes.

Das Ergebnis war niederschmetternd in seiner Klarheit.

Zweiundzwanzig Kupferstücke. Fünf Silbertaler. Ein Groschen. Zusammen gerade genug für drei, vielleicht vier Tage sparsamen Lebens – ein Stück Brot am Morgen, eine dünne Suppe am Abend; die Miete für seine Kammer würde fehlen, die jedoch Montag mit der Pünktlichkeit des Todes fällig wurde.

Er lehnte sich gegen die Kommode zurück und spürte, wie sich eine vertraute Kälte in seinem Magen ausbreitete – nicht die Kälte des Hungers, die war ihm längst zur Gewohnheit geworden, sondern die viel schlimmere Kälte der Erkenntnis. Es war die Kälte eines Mannes, der seine Rechnung so oft durchgegangen war, dass kein Trost mehr in ihr verborgen liegen konnte, und der allmählich begriff, dass die Summe seines ehrlichen Mühens nicht genügte, um ihn am Leben zu halten.

Seine Finger griffen nach dem goldbestickten Taschentuch, und für einen Moment erwog er, es zu verkaufen. Das Leinen war von exquisiter Qualität, die Stickerei kunstfertig – es würde gewiss einige Silberstücke einbringen, vielleicht sogar genug für eine Woche. Doch seine Hand zögerte, als berührte sie glühende Kohle. Das Tuch war mehr als nur ein Stoffstück; es war ein Zeuge seiner Vergangenheit, ein letzter, fadenscheiniger Beweis dafür, dass er einmal mehr gewesen war als ein Bettler in verschlissenen Kleidern – dass der Name, den man ihm genommen hatte, einst etwas bedeutet hatte.

Selbst der Stolz, dachte er bitter, ist ein Gewand, das nur trägt, wer noch etwas zu verlieren hat. Und doch flüsterte eine leisere Stimme in ihm, dass der Stolz vielleicht das Einzige war, das ihm noch geblieben war. Es gab eine Armut des Leibes und eine der Seele, und er wusste nicht, welche von beiden ihn rascher töten würde.

Dennoch faltete er das Taschentuch sorgfältig zusammen und legte es in die unterste Schublade seiner Kommode, unter die wenigen anderen Überreste seiner Vergangenheit: ein versilbertes Rasiermesser, ein Buch über Naturphilosophie, dessen Ledereinband von Alter und Feuchtigkeit gezeichnet war, ein kleines Medaillon mit dem Portrait seiner Schwester Isadora – das einzige Gesicht aus jener verlorenen Welt, das ihn noch immer ohne Verachtung anzublicken schien.

Er setzte sich auf die Bettkante und spürte, wie die Müdigkeit des Tages über ihn hereinbrach wie eine Flut. Draußen vor seinem Fenster glitzerte Eisenburg in der Dunkelheit, ein endloses Meer aus Lichtern, das sich bis zum Horizont erstreckte. Irgendwo in dieser Stadt, in ihren eleganten Villen und vergoldeten Palästen, schliefen Menschen, die niemals die Münzen in ihren Taschen zählen mussten, die niemals erwogen, ein Erbstück zu verkaufen, um eine weitere Woche zu überleben. Zwischen ihnen und ihm lagen nicht Meilen, sondern eine unsichtbare, unüberwindliche Mauer, gemauert aus nichts als Umständen.

Und irgendwo dort draußen, in den Schatten zwischen den Gaslampen, warteten Lösungen, die einen Mann mit seinen Fähigkeiten und seiner Verzweiflung zur Überlegung zwingen konnten. Lösungen, die vor zwei Jahren für einen Grafen de Varelli undenkbar gewesen wären, die aber für einen Straßenmagier namens Caspian durchaus... überlegenswert sein mochten. Es war merkwürdig, wie das Undenkbare seinen Schrecken verlor, sobald die Alternative der Hungertod war; wie selbst die Moral sich als ein Gepäck erwies, das die Satten mit sich führten und die Hungernden am Wegrand zurückließen, um schneller voranzukommen.

Der Gedanke jagte ihm einen Schauer über den Rücken, obgleich die Nacht mild war. Doch während er sich in seine dünne Decke hüllte und die Augen schloss, folgte ihm eine Frage in den unruhigen Schlaf, hartnäckig wie ein Gläubiger, der eine Schuld eintreibt: Wie weit war ein Mann bereit zu gehen, wenn die Alternative der Tod war?

Die Stadt gab keine Antwort. Sie schlief weiter, atemlos und gleichgültig, während in einer Kammer unter ihrem rußigen Himmel ein gefallener Adliger die ersten, tastenden Schritte auf einem Pfad erwog, von dem es keine Umkehr geben würde.