Leseprobe

Scire ut aedifices

Band 16 · Erstes Kapitel

Reditus · De Onere Servato

Der Bergpfad war schmaler, als William ihn von unten in Erinnerung gehabt hatte.

An der Kehre musste er das Bündel nach vorn nehmen, damit es nicht am Fels entlangschabte. Unter ihm lag das Dach des Bahnhofs. Der Zug war längst fort; eine dünne Rauchspur hielt sich noch über dem Einschnitt, durch den er verschwunden war. William blieb stehen, bis sein Atem ruhiger ging. Dann legte er den Riemen wieder über die Schulter.

Er kannte diesen Aufstieg. Auf seiner ersten Reise hatte er die Karte immer wieder hervorgeholt, als könnte sich zwischen zwei Biegungen ändern, was darauf stand. Zu Fuß bei Tageslicht. Damals hatte er gefürchtet, die Festung nicht rechtzeitig zu erreichen. Heute wusste er, wie viel Weg noch vor ihm lag. Er ging langsamer weiter, obwohl er es eilig hatte.

Seit Raukheem waren Monate vergangen.

Anfangs hatte er geglaubt, es werde genügen, ein paar Nächte unter einem festen Dach zu schlafen. Der Pass lag hinter ihm, der Bericht war abgegeben, und die Straße nach Süden führte durch bewohnte Orte. Er hatte aufbrechen wollen, sobald er wieder ohne Mühe aus dem Bett kam. Dann hatte er sein Gepäck angehoben und es auf die Bank zurückstellen müssen. Die Rippen hatten ihm mit einer Genauigkeit geantwortet, gegen die sich nichts erklären ließ.

Er war geblieben. Aus dem erzwungenen ersten Ausruhen waren Tage geworden, die sich nicht mehr durch einen erreichten Wegabschnitt voneinander unterscheiden ließen. Er schlief, aß, ging ein Stück durch den Ort und kehrte zurück. Manchmal hatte er geglaubt, nun müsse es wieder gehen, und erst am Abend gespürt, was er sich zugemutet hatte. Er wusste genug über Verletzungen, um einem anderen Geduld abzuverlangen. Bei sich selbst hielt er dieselbe Auskunft für einen schlechten Trost.

Eirko war nicht mit ihm nach Süden gezogen. Das hatten sie in Raukheem geklärt, noch bevor William kräftig genug gewesen war, die Frage nach einem gemeinsamen Weg überhaupt sinnvoll zu stellen. Als er schließlich sein Bündel schloss, hatte er begonnen, dem anderen zu sagen, worauf er achten sollte. Eirko hatte ihn ausreden lassen. William erinnerte sich weniger an die einzelnen Ratschläge als an die Pause danach. Er hatte die Tasche genommen, statt noch einen hinzuzufügen.

Wo Eirko inzwischen lebte, wusste er nicht.

Die weitere Reise hatte sich nicht in einem Zug erledigen lassen. Es gab Wege, die William zu Fuß zurücklegte, Wagen, auf denen zwischen fremden Sachen Platz für sein Bündel blieb, und Verbindungen, auf die er warten musste. An einem Abend konnte die nächste Strecke feststehen und am Morgen doch erst der übernächste Tag daraus werden. Er hatte im Norden Zeit verloren, die sich später nicht dadurch zurückholen ließ, dass er an jedem Halt zuerst nach der Weiterfahrt fragte. Bis zur Wiederaufnahme seiner Ausbildung blieb noch ein erheblicher Teil des Jahres. Er hatte ihn nicht mehr als freie Zeit empfunden. Er musste durch ihn hindurch, auch an Tagen, an denen nichts geschah, das sich später als Geschichte erzählen ließ.

Eine Antwort auf seinen Bericht hatte ihn unterwegs nicht erreicht. Er hatte auch nicht erwarten können, dass ein Schreiben ihn auf wechselnden Wegen sicher einholte. Die Abschrift reiste bei ihm. In mancher Unterkunft legte er sie auf den Tisch, weil er seine Sachen ordnete; später tat er es auch, wenn es nichts zu ordnen gab. Er las dieselben Sätze und erinnerte sich jedes Mal daran, weshalb er sie so geschrieben hatte. Er konnte die Stelle ohne Zögern finden. Warum er sie nicht änderte, musste er sich immer wieder erklären.

Mit der Zeit heilten die Wunden. Zuerst konnte er wieder liegen, ohne bei jeder Wendung aufzuwachen. Dann ganze Wege gehen, ohne den nächsten Halt nach seinen Rippen zu wählen. Das Zittern beim Anheben einer vollen Schüssel verschwand, und irgendwann bemerkte er erst nach dem Essen, dass er nicht darauf geachtet hatte. An einem Rastplatz hatte er das Schwert aus der Scheide gezogen und die vertrauten Bewegungen langsam durchlaufen. Der Körper konnte sie noch. William war erleichtert gewesen, beinahe zornig erleichtert, und hatte am nächsten Tag weitergeübt.

Doch wenn in einer Herberge jemand die Tür hinter ihm schloss, sah er noch immer manchmal zuerst nach dem Riegel. Er konnte den Grund dafür benennen. Damit war die Bewegung nicht fort.

Je näher die Rückkehr kam, desto häufiger dachte er an Bethany. Er stellte sich vor, was er ihr erzählen würde, verwarf den Anfang und versuchte einen anderen. Auf dem letzten Stück hatte ihn das beinahe mehr beschäftigt als der Bericht. Er hatte ihr geschrieben, dass er lebte. Es gab so viel mehr zu sagen, und doch wünschte er sich vor allem, sie möge neben ihm sitzen, während sie es sagten.

Nun stand zwischen ihnen noch dieser Berg.

William kam an die Stelle, an der der Weg eng um den Fels führte. Er ließ eine Frau vorbei, die einen leeren Korb auf dem Rücken trug. „Bleibt da“, sagte sie, ohne von ihren Füßen aufzusehen. „Sonst müssen wir beide zurück.“ Weiter unten klapperte etwas gegen das Korbgeflecht. William wartete, bis sie um die Biegung war, und ging weiter.

Die steileren Kehren lagen über dem breiten Weg. Hier hätte kein Fuhrwerk an ihm vorbeigekonnt. Die Kutsche, mit der man ihn einst nach Eisenburg geschickt hatte, war durch den großen Fahrstuhl im Inneren des Berges befördert worden. Damals hatte der Kutscher den Weg geführt; William war zu einem Auftrag gefahren, dessen Reise man für ihn eingerichtet hatte. Heute wartete unten niemand mit einer solchen Anweisung auf ihn. Er trug seine Sachen selbst hinauf, wie bei den gewöhnlichen Rückkehren zuvor.

Als die Mauer endlich zwischen den Felsen erschien, blieb er nicht stehen. Er hatte sich unterwegs oft genug vorgestellt, wie er sie wiedersehen würde. Jetzt wollte er bis ans Tor kommen, bevor er sich noch einmal setzte.

Die Wache hielt ihn am Tor an. „Das Schreiben. Nein, behaltet das Bündel bei Euch.“ William klemmte es zwischen die Füße, während der Mann las. Sein Name öffnete das Tor erst, nachdem der andere ihn auf der Liste gefunden hatte. Daran hatte sich nichts geändert. Er bekam das Blatt zurück. „Vorhalle. Dort sagen sie Euch, wohin.“

Der Mann am Eingang wollte, dass William sein Gepäck von der Bank nahm.

„Die Unterlagen habe ich hier“, sagte William und griff nach der Tasche.

„Eure Sachen, Allaway. Runter von der Bank. Die Frau steht schon eine Weile.“

William sah hinter sich. Eine Frau wartete mit einem Korb, dessen Griff sie mit beiden Händen hielt. Er hob sein Bündel auf, stellte es zwischen die Füße und trat zur Seite. Die Frau stellte den Korb ab, ohne ihn anzusehen. Der Mann am Tisch hatte bereits wieder den Kopf gesenkt.

Aus dem Hof kam der Geruch von warmem Stein. Zwei Männer trugen eine lange Kiste durch das offene Tor, und William musste weiter zurückweichen, damit sie an der Bank vorbeikamen. Er kannte diesen Hof. Während der letzten Strecke hatte er ihn sich so oft vorgestellt, dass ihn nun vor allem störte, was in der Vorstellung nicht vorgekommen war: das Warten, die sperrige Kiste, die Frau, die ihren Korb auf der eben freigewordenen Bank abstellte und selbst stehen blieb.

„Allaway?“, fragte der Mann.

„Ja.“

„Jetzt die Unterlagen. Das Reiseschreiben reicht.“

William zog die Blätter hervor. Die Abschrift lag außen. Er sah seine eigene gleichmäßige Schrift, bevor er das gefaltete Schreiben dahinter fand. Der Mann streckte die Hand aus, und William reichte ihm das richtige Blatt. Er merkte erst danach, dass er die Abschrift gegen die Brust gedrückt hielt.

Der Mann las, verglich etwas und machte einen kurzen Eintrag.

„Na, heil angekommen. Der Berg wird auch nicht flacher.“

„Nein“, sagte William. Er wusste nicht, ob mehr von ihm erwartet wurde.

„Eure Kammer steht hier. Fehlt etwas, kommt Ihr wieder her. Nicht beim Nachbarn ausräumen, bloß weil der gerade fort ist; das hatten wir schon. Und wegen des Lehrjahres lest Ihr den Anschlag bei den offenen Archivräumen. Alles dort.“

Er schob das Blatt zurück. William nahm es.

„Braucht Ihr sonst etwas von mir?“

Der Mann hob den Kopf. „Von Euch? Nein. Ihr habt doch eben alles bekommen. Ist etwas falsch?“

William hätte ihm sagen können, was fehlte. Nicht in seinem Gepäck, nicht unter dem Bett, das er noch nicht gesehen hatte. Es hätte genügt, den ersten Satz auszusprechen. Er hörte stattdessen seine eigene Stimme sagen: „Nein. Ich wollte nur sichergehen.“

„Dann lasst die Nächste ran.“

Der Mann winkte die Frau heran. Sie öffnete ihren Korb. „Mehr war nicht zu holen. Ihr könnt zählen, so oft Ihr wollt, davon wird es nicht voller.“ Sie schob ihm den Griff aus dem Weg und begann zu erklären, weshalb sie diesmal weniger gebracht hatte. William stand noch einen Augenblick daneben. Niemand sah auf das Blatt in seiner Hand. Er faltete es so, dass die Schrift nach innen lag, und schob beide Papiere zurück in die Tasche.

Als er das Bündel hob, spannte die Schulter. Er hatte sich erholt, hatte wieder ganze Nächte geschlafen und Mahlzeiten gegessen, bei denen er nicht vor jedem Bissen überlegen musste, ob der Magen sie behalten würde. Doch auf der Reise hatte er sich daran gewöhnt, die Last immer auf derselben Seite zu tragen. Nun wechselte er den Arm und ging durch den Hof.

Er musste an einem Mann vorbeigehen, der mit einem Besen Schmutz von einer Schwelle schob. Der Besen hielt kurz inne. William nickte, der Mann nickte zurück, und hinter ihm begann das Schaben von Neuem. Weiter oben lachte jemand. Eine Tür fiel zu. William hatte die Mauern vermisst und schämte sich ein wenig dafür, wie leicht das gewesen war. Noch bevor er einen seiner Freunde wiedersah, hatte er eine Richtung, eine Kammer und einen Ort, an dem man sagen konnte, dass etwas fehlte.

Auf der Treppe kam ihm ein Anwärter entgegen. Sie kannten einander vom Sehen. Der andere blieb stehen, sah auf das Bündel und trat zurück auf den Absatz.

„Verdammte enge Treppe“, sagte er und zog den Bauch ein, obwohl William längst Platz gehabt hätte.

William blickte an ihm vorbei. „War es vorher weiter?“

„Da hatte ich nicht den halben Hausrat auf dem Buckel.“ Er betrachtete Williams Bündel. „Euch haben sie auch nichts abgenommen, wie ich sehe.“

William lachte und ging an ihm vorbei. Oben merkte er, dass er schneller stieg, als nötig war. Er nahm die letzte Stufe langsam.

Die Kammer hatte einen Tisch, einen Stuhl und einen Bettplatz. William stellte das Gepäck ab. Er ging zum Fenster, öffnete den Laden weiter und sah auf einen Ausschnitt des gegenüberliegenden Gemäuers. Von irgendwoher kam das Schlagen einer Tür. Ein heller Streifen lag auf der Tischplatte; Staub bewegte sich darin, wenn er den Arm hindurchführte.

Er schloss die Tür und löste den Schwertgurt.

Veritas et Justitia blieb in der Scheide, während er den Gurt glatt auf den Tisch legte. Er prüfte die Stelle, an der das Leder sich während der Reise verdreht hatte, und bog sie mit dem Daumen zurück. Die Bewegung war vertraut. Danach nahm er das Bündel auseinander, legte die Kleidung auf das Bett und schüttelte das Tuch über dem Boden aus. Ein kleines Steinchen fiel heraus. William hob es auf und trug es ans Fenster, überlegte dann, wer darunter vorbeigehen könnte, und legte es auf die innere Fensterbank.

Unter einem Hemd lag der Falxsplitter.

Er wickelte das kleine Tuch auf. Das Eisen war dunkler, als es ihm in der Erinnerung vorkam. Die Kammer war dunkler als der freie Himmel, unter dem er es zuletzt betrachtet hatte. Er nahm das Stück zwischen Daumen und Zeigefinger, fern von der rauen Kante. Ein Rest seiner Arbeit war noch zu erkennen, die geglättete Fläche neben dem Bruch. Er hatte damals die ganze Waffe tragen wollen. Jetzt genügte dieses Stück, um ihm die Arbeit seiner Hände zurückzugeben, und es war zu klein, um irgendjemandem noch als brauchbare Klinge zu erscheinen.

William drehte es einmal und wickelte es wieder ein. Er legte es zu den Dingen, die er nicht jeden Morgen brauchen würde.

Mit den Kleidern ging es leichter. Was gewaschen war, kam zusammen, was noch nach der Reise roch, daneben. Er zog den Schuh aus, in dem sich die Socke verschoben hatte, strich sie glatt und schlüpfte wieder hinein. Dann setzte er sich aufs Bett. Die Unterlage gab unter ihm nach. Er stützte die Ellenbogen auf die Knie und ließ die Hände hängen.

Er war hier.

Das hätte eine größere Empfindung sein sollen. Auf dem Weg hatte er gedacht, die Rückkehr werde alles in eine andere Entfernung bringen. Er würde die Tür schließen und merken, dass Dornholt hinter ihm lag. Stattdessen hörte er jemanden auf dem Gang nach einem Krug fragen und dachte daran, dass er selbst Wasser holen musste. Er war durstig. Er wollte Bethany sehen. Er wollte für eine Weile niemandem erklären, wo er gewesen war.

Die Tasche mit den Papieren stand neben dem Tisch.

William zog sie heran. Die Blätter hatten an den Faltkanten gelitten, ohne unleserlich zu werden. Er sortierte das Reiseschreiben aus und legte die Berichtsabschrift flach vor sich hin. Seine Schrift war kleiner als die des Mannes am Eingang. Er hatte gleichmäßige Abstände gelassen. Auch die Stelle, an der er über die Gefangennahme schrieb, ließ sich ohne Mühe lesen.

Arvent Hestor starb vor meiner Ankunft durch ein Unglück.

William sah den Satz so lange an, bis er nicht mehr las, sondern wusste, wo jedes Wort stand. Im Hof hatte er gefürchtet, der Mann könnte das falsche Blatt nehmen. Jetzt lag es offen vor ihm, und kein fremder Blick gab ihm einen Grund, es wegzuziehen.

Bei dem Wort glaubhafte war die Feder damals zu lange auf dem Papier geblieben. William sah den dunklen Punkt noch vor sich. Er hatte gewartet, bis die Tinte trocken war, und den Satz zu Ende geschrieben.

Nun lag seine Hand neben der Abschrift. Die Finger waren vom Tragen gerötet. Er drehte sie um, als könnte auf der Innenseite noch etwas anderes zu sehen sein, und zog die Tasche heran. Darin lagen die Feder und die unbenutzten Blätter. Platz genug für eine neue Fassung.

Der Name auf dem brennenden Rand war lange lesbar geblieben. Und dann die anderen Blätter, seine eigenen sorgfältigen Angaben: wer zugestochen, wer den Waffenarm gehalten hatte. Richtige Arbeit. Er hatte auch sie ins Feuer geschoben.

William schloss die Tasche wieder. Einen Augenblick hielt er den Riemen so fest, dass die Kante in den Daumen drückte. Wenn er jetzt alles aufschrieb, würde er dieselben Namen auf dasselbe gefährliche Stück Papier setzen. Das wusste er. Er hörte sich den Einwand denken, glatt und vollständig, und ärgerte sich über die Erleichterung, die er ihm brachte.

Auf dem Gang wurde gelacht. Jemand rief eine Antwort, die William nicht verstand. Er presste die Fingerspitzen gegen die Tischkante. Der Wunsch, niemandem mehr eine Antwort zu schulden, kam so plötzlich, dass er den Kopf hob. Er hatte sich auf diesen Ort gefreut. Auf die Arbeit, auf die Gespräche, sogar auf manche der Schwierigkeiten, über die er unterwegs hatte schimpfen können, weil sie weit genug entfernt gewesen waren. Nun saß er hier und wollte die Tür verriegeln.

Er stand auf, bevor er es tat.

Am Fenster atmete er die Luft ein. Es roch nach dem Hof und nach einer Küche, deren genaue Richtung er nicht bestimmen konnte. William sah dem Schatten eines Vorbeigehenden nach. Er dachte an Eirko, der selbst geantwortet hatte, als man ihn fragte, was er haben wolle. Er wusste nicht, wo Eirko inzwischen war. Er blieb am Fenster, bis der Schatten verschwunden war.

Er ging zum Tisch zurück und faltete die Abschrift. Diesmal nicht hastig. Er legte sie in die Tasche, an eine Stelle, an der er sie wiederfinden würde. Das Reiseschreiben schob er davor. Dann stellte er die Tasche unter den Tisch, mit der Öffnung zu sich.

Danach holte er Wasser.

Er wusch Hände und Gesicht und merkte erst, wie viel Staub noch an ihm gewesen war, als das Tuch ihn aufnahm. Das kühlere Wasser tat an den Schläfen gut. Er kämmte die Haare mit den Fingern zurück und wechselte das Hemd. Beim Anblick seines Spiegelbilds im dunklen Fensterglas musste er über sich selbst lächeln. Er hatte Bethany noch nicht gesehen, und schon stand er hier und zog den Kragen gerade.

Auf dem Weg hinaus nahm er die Tasche nicht mit.

Im zugänglichen Teil des Archivs saß Valerius über einem aufgeschlagenen Band. Ein schmales Holz hielt die Seite nieder. Neben seinem Ellenbogen lagen Rückgaben in zwei Stapeln, und William wusste noch, vor welchen davon man nichts ungefragt ablegen durfte.

Er blieb vor dem Tisch stehen.

Valerius las die Zeile zu Ende, ehe er aufsah. „Allaway.“

„Ich bin für das nächste Lehrjahr zurück. Am Eingang hat man mich wegen der Einteilung hierhergeschickt.“

„Draußen, neben der Tür. Seid Ihr schon untergebracht?“

„Ja.“

„Gut. Das ist erledigt.“

Valerius hielt die Hand auf der Seite. William kannte diese Haltung. Vor dem Praktikum hatte er hier erfahren, dass er Leander Calveris als Beistand vertreten sollte. Warum gerade er gewählt worden war und welche Rechte er dabei hatte, hatte Valerius ihm nicht sagen können. William hatte die Auskunft damals für unzureichend gehalten. Jetzt stand er wieder vor dem Tisch und wartete, als schulde ihm der andere noch den Rest jenes Gesprächs.

„Soll ich später wiederkommen?“, fragte er.

„Ihr steht noch hier. Also sagt schon, was Euch fehlt.“

William blickte auf den Band. „Ich wollte fragen, ob es Nachricht aus dem Norden gegeben hat. Von meinem Einsatz.“

Valerius nahm die Hand von der Seite. „Ist etwas unterwegs? Was für eine Nachricht?“

„Eine Rückfrage zu meinem Bericht. Ich habe ihn von Raukheem aus zur Weitergabe aufgegeben. Unterwegs hat mich keine Antwort erreicht.“

„Bei mir ist nichts. Fragt bei der Annahme nach; die müssen wissen, ob Euer Bericht eingegangen ist. Ich kann Euch hier lange suchen lassen, finden werdet Ihr ihn nicht.“

William nickte. Er hätte sich für die Auskunft bedanken und gehen können. Er hatte sogar bekommen, was er gefragt hatte. Trotzdem blieb er stehen.

„Ihr wart Arvent Hestor zugeteilt“, sagte Valerius.

„Ich habe ihn nicht mehr getroffen. Er war vor meiner Ankunft gestorben.“

Eine Frau legte am Nachbartisch zwei Bände ab. Valerius sah kurz zu ihr, dann wieder zu William.

„Ihr seid hingeschickt worden, um bei ihm zu lernen, und findet einen Toten vor. Ein übler Anfang.“

„Es war keine Ausbildung bei ihm. Ich habe versucht herauszufinden, was geschehen war.“

Er hörte, wie scharf der Satz klang. Valerius hatte den toten Mann nicht zu einer Übung erklärt. William nahm die Hände vom Stuhlrücken, den er unbemerkt umfasst hatte.

„Verzeiht. Man fragt mich nach dem Praktikum, und ich antworte manchmal, als wüsste der andere schon, weshalb das Wort nicht reicht.“

Valerius schob den Stuhl mit dem Fuß zurück. „Dann setzt Euch erst einmal. Im Stehen wird es nicht leichter.“

William setzte sich. Er legte die Hände auf die Knie. Ohne den Tisch zwischen ihnen wäre ihm die Einladung leichter gefallen. Hier hatte er Antworten gegeben, die der Archivar prüfte. Auch jetzt suchte er zuerst nach einer Darstellung, in der nichts unverbunden blieb.

„Im Ort gab es einen Kult“, sagte er. „Ich bin in ihre Gewalt geraten. Es hat Verletzte gegeben und Tote. Ich habe im Bericht getrennt, was ich selbst gesehen habe und was mir andere gesagt haben.“

„Allaway, ich habe Euch gefragt, weil ich wissen wollte, wie es Euch ergangen ist. Ihr müsst mir jetzt keinen zweiten Bericht aufsagen. Wollt Ihr etwas von mir erfahren?“

William hob den Blick.

Das Wort Bericht hatte William getroffen. Er hatte bereits nach der nächsten ordentlichen Angabe gesucht. Valerius lag mit der Vermutung nicht ganz richtig; und doch machte der Alte keine Anstalten, aus dem, was William erzählte, eine Prüfung zu machen. William löste die ineinandergepressten Hände.

„Ich weiß es nicht genau.“

Das hatte William nicht antworten wollen. Er rieb mit dem Daumen über die Kante seines Ärmels.

„Ob ich etwas hätte anders machen können, lässt sich nicht sinnvoll fragen, ohne Euch alles vorzulegen. Und eine Abschrift herzutragen, bloß damit Ihr mir sagt, dass ich ordentlich gearbeitet habe, wäre keine Antwort auf das, was dort geschehen ist.“

„Da verlangt Ihr ohnehin zu viel von einem Lob. Das kann ich Euch leicht geben. Helfen würde es Euch offenbar nicht.“

William sah an ihm vorbei. Zwischen den Regalen stand ein Hocker. Eine Frau schob ihn zur Seite, stellte die Bücher ab und musste ihn anschließend wieder heranziehen, weil sie das obere Brett nicht erreichte. Er sah ihr zu lange zu.

„Eine Frau hat sich vor einen anderen gestellt“, sagte er schließlich. „Ich konnte sie nicht retten.“

Valerius schwieg. William wartete auf eine Frage nach der Wunde, nach der Zeit, nach dem, was ihm zur Verfügung gestanden hatte. Er kannte die Reihenfolge. Wenn einer von ihnen sie anfing, würden sie sie zu Ende gehen können.

„Diese Frau. Kanntet Ihr sie?“

„Nelrun. Erst seit ich dort war.“

Er hatte den Namen gesagt, bevor er überlegte, ob er ihn sagen wollte. Es war keine verbotene Auskunft. Ihr Tod stand in seinem Bericht. Dennoch kam ihm der Satz anders vor als die Angaben, die er eben gemacht hatte.

Valerius senkte den Blick. „Nelrun“, wiederholte er leise. „Das tut mir leid.“

William nickte einmal. „Mir auch.“

Er zog den Ärmel gerade. Der Archivar hatte keine Entlastung ausgesprochen. Er hatte auch nicht behauptet zu wissen, was William getan oder unterlassen hatte. William war ihm dafür dankbar, ohne schon zu wissen, ob er länger bleiben wollte.

Auf dem Nachbartisch wurden Blätter gewendet. Das Geräusch gab ihm Gelegenheit, wieder auf den Band zwischen ihnen zu sehen.

„Ich hätte das nicht gleich bei meiner Ankunft vorbringen müssen.“

„Nun habt Ihr es gesagt. Wir müssen nicht auch noch darüber verhandeln, ob Ihr es sagen durftet.“

Valerius rückte das Holz auf der Seite zurecht. „Kommt mit Euren Fragen wieder, wenn Ihr sie beisammenhabt. Vielleicht weiß ich etwas, das Euch hilft. Aber erwartet nicht von mir, dass ich aus einem toten Menschen eine gute Lehre mache, mit der Ihr zufrieden heimgehen könnt. So klug bin ich nicht.“

William sah ihn an. Von diesem Mann hatte er früher beinahe immer eine Antwort erwartet, selbst wenn sie als weitere Frage kam. Heute saß Valerius da, mit einer Rückgabe neben der Hand, und ließ die Sache unvollständig. William wusste nicht, ob ihn das enttäuschte. Es nahm ihm jedenfalls den Zwang, selbst schon fertig sein zu müssen.

„Gut“, sagte er. „Ich muss zunächst nach dem Bericht fragen.“

„Tut das. Und lasst Euch Zeit, wieder hier anzukommen. Wir haben Euch noch einiges beizubringen, hoffe ich. Ihr werdet uns doch nicht die ganze Arbeit schon abgenommen haben.“

William lächelte schwach. „So hatte ich es nicht gemeint.“

„Beruhigend. Ich hätte nur ungern meinen Platz räumen müssen.“

Der trockene Satz überraschte ihn. Er lachte kurz, bevor er wieder auf den Tisch sah. Valerius nahm das Holz vom Buch und legte es neben den Stapel.

„Diesen Stuhl muss ich Euch allerdings wieder abnehmen.“ Er sah zum Nachbartisch. „Die Frau wartet mit ihrer Arbeit auf mich. Morgen habe ich wieder Zeit, wenn Ihr noch etwas braucht. Und Allaway: Lasst Euch erst sagen, welche Bücher Ihr braucht. Nicht gleich den halben Bestand forttragen.“

„Ich wollte zuerst die Einteilung lesen.“

„Ja, versucht es damit.“

William stand auf. Die Frau vom Nachbartisch bemerkte es und kam mit zwei geöffneten Büchern zu ihnen. Sie hielt die Seiten mit den Daumen auseinander.

„Kann ich endlich?“, fragte sie und rückte die Bände fester unter ihre Daumen.

„Ja.“

William schob den Stuhl an die Seite, damit sie die Bücher ablegen konnte. Sie bedankte sich, ohne ihn ganz anzusehen, und zeigte auf einen Absatz.

„Da sind sie. Diese drei Sätze stehen hier früher. Das Wort, an dem wir vorhin festhingen, ist nicht das Problem; lest die Stelle in der anderen Reihenfolge. Dann merkt Ihr es.“

Valerius beugte sich über die Seite. „Den anderen Band daneben, bitte. So kann ich nicht lesen.“

Die Frau schob ihm den anderen Band hin. William erkannte den Anfang einer Zeile und hätte gern weitergelesen. Doch Valerius hatte sich bereits gesetzt. Das Gespräch gehörte nun den beiden.

„Bis morgen“, sagte William.

Der Archivar hob den Kopf. „Wenn Ihr eine Frage habt. Nicht bloß aus Pflichtgefühl.“

William nickte und ging. Im Gang musste er zwei Männern ausweichen, die gemeinsam ein Brett voller Blätter trugen. Er hielt ihnen die Tür auf. „Danke. Bleibt so“, sagte der Vordere. Der andere rief in den Raum hinein: „Wo soll das Zeug hin? Sagt es, bevor uns die Arme abfallen.“

William hatte mehr gesagt, als er beim Eintreten beabsichtigt hatte. Nicht viel von dem, was wirklich geschehen war. Er kannte Valerius als Lehrer, kannte seine Fragen und einige seiner Urteile. Dass der Alte ihn heute hatte sitzen lassen, machte ihn noch nicht zu einem Menschen, dem William alles anvertrauen konnte. Aber morgen mit einer wirklichen Frage wiederzukommen, erschien ihm möglich.

Vor der Bekanntmachung standen Leute, die William zum Teil kannte. Oben war die Zusammenkunft der zurückgekehrten Anwärter angekündigt. Er fand Bethanys Namen, ehe er den eigenen fand. Seraphina stand darunter, ein Stück weiter Loric. Auch Konrad war hier.

Jemand trat zur Seite und machte ihm Platz. William las den Ort und den Zeitpunkt für den nächsten Tag. Die Aufgaben des Lehrjahres sollten ihnen dort mitgeteilt werden. Er prägte sich ein, wann er kommen musste, und trat zurück, damit der andere wieder an seine Zeile konnte.

Draußen fiel das Licht schräg zwischen die Mauern. William nahm sich vor, zunächst an der Bibliothek nach Bethany zu suchen. Er hatte ihr unterwegs ganze Gespräche gehalten, ohne dass sie ihm hatte widersprechen können. Es wurde Zeit, dass sie endlich zu Wort kam.