Prolog
Es war noch dunkel. Der Regen kündigte sich an, ehe er fiel: Die Luft wurde schwer und roch nach nasser Erde und nach Eisen, und er hätte nicht sagen können, wie viel von dem Eisen sein eigenes war. Dann kamen die ersten Tropfen, einzeln, schwer und kalt; sie prüften den schmutzigen Grund, auf dem er stand, und wurden viele.
Das Wasser fand die Risse in seiner Kleidung, wie Wasser alles findet, was offen ist; es lief ihm den Nacken hinab, sammelte sich im Stoff und wurde dort so kalt wie der Boden unter seinen Sohlen. Sein Gesicht spürte jeden Tropfen doppelt. Es war wund von den Schlägen, die Lippe geplatzt, die Haut über der Braue aufgegangen, und das Blut, das daraus lief, mischte sich mit dem Regen und suchte die Augen, wie Blut es tut. Er wischte es fort, mit dem Handrücken, einmal und noch einmal. Seine Hände blieben ruhig dabei; sie waren das Einzige an ihm, das diese Nacht nicht angerührt hatte. Der Schmerz war da, in der Lippe, über der Braue, in jedem Tropfen, der auf offene Haut traf; aber Schmerz war nur eine Nachricht, und er hatte nicht vor, sie anzunehmen. Unter seinen Sohlen gab der Grund nach, weich vom Wasser, das er nicht mehr hielt, und unter dem Geruch der Erde lag noch der andere, der schwerere, den kein Regen fortnahm. Dann blickte er hinauf.
Graue Wolken zogen tief über den Hügel, in langen Zügen, als hätten sie es eilig, anderswo zu sein. Darunter, in der Entfernung, lag die Stadt und war laut. Man hörte die Sirenen, ihren langen, steigenden und fallenden Ton, der nicht müde wurde; er lief die Hänge entlang und kam als sein eigenes Echo zurück, dünner, aber nicht ruhiger. Man hörte die Rufe der Menschen, zu fern, um Worte zu sein, und nah genug, um mehr zu sein als Lärm; sie überschlugen sich, fielen ineinander, setzten aus und begannen von Neuem, wie Stimmen es tun, wenn keiner mehr zuhört und alle rufen; und man sah die Lichter, wie sie sich nach oben in den Himmel kämpften, unruhig und gierig, als wollten sie den Wolken den Platz streitig machen. Die Luft stand gespannt wie ein Seil, an dem zu viele zogen. Es war ein Schauspiel, und es war das Schauspiel, das er erwartet hatte; er sah es an wie einer, der den Saal kennt, die Ränge und die Bühne, und der geduldig gewesen ist. Nun wurde gespielt.
Er atmete tief ein und senkte den Blick.
Dort vor ihm lag sein Werk.
Er dachte das Wort ruhig, wie ein Meister es denkt, der sein Maß kennt: prüfend, ohne Rausch, mit einer Genugtuung, die keine Zeugen brauchte. Keiner von ihnen hatte die Gefahr für möglich gehalten, nicht so, nicht hier; Gefahr war ein Wort gewesen, ein Wetter, das über andere kommt. Am wenigsten hatte es der Junge geglaubt, der nun vor ihm lag.
Er betrachtete die Leiche zu seinen Füßen. Es gab Angst in ihm, und er leugnete sie nicht: die Angst, gefasst zu werden, die gewöhnliche, die jeden begleitet, der etwas getan hat und den Ort noch nicht verlassen; und darunter, älter und stiller, die Angst, sein wahres Ich zu offenbaren, gesehen zu werden, ganz. Aber Angst war ein Gehilfe wie jeder andere: Man ließ sie wachen, und man ließ sie schweigen. Er nahm sich seine Zeit. Die Schritte dort unten hatten den Hang noch vor sich, und der Hang war lang, und der Regen machte ihn länger; Zeit gehörte dem, der zu warten verstand, und er hatte das Warten gelernt wie ein Handwerk, Stück um Stück, bis es keine Mühe mehr war. Langsam, beinahe fürsorglich, ließ er die Hand über das Gesicht des Toten gleiten.
Für einen Atemzug hatte alles um ihn her die Ruhe eines Bildes: der Hügel, der Regen, der Junge; ein Bild, dem nur der Rahmen fehlte. Dann kam die Welt zurück. Das Blut hatte den Grund unter ihm angenommen; es stand zwischen den Steinen wie Regen, der nirgendhin mehr konnte, und als es seine Füße erreichte, umspülte es sie beinahe behutsam. Er beugte sich hinab und berührte es, zögerlich, mit zwei Fingern nur, als müsse er sich vergewissern, dass es zu seinem Werk gehörte und also zu ihm. Die Schritte in der Ferne wurden mehr, die Schreie auch, und die Sirenen legten sich darüber wie ein einziger, langer Atem der Stadt; er hörte alles, und nichts davon ging ihn etwas an.
Er festigte den Griff um das Messer. Mit der anderen Hand nahm er den Kopf des Jungen und hielt ihn still, wie man etwas hält, das nicht mehr fortkann und dem man dennoch Halt schuldet; dann atmete er aus und setzte die Klinge sacht unter das Auge. Er schob sie tiefer in den Schädel, ohne Eile, Widerstand um Widerstand, bis er spürte, dass er es hatte. Mit Gefühl drückte er den Kopf gegen den Boden und zog das Auge langsam heraus; der Nerv hielt, wie Nerven halten, und er durchtrennte ihn mit einem einzigen, kräftigen Schnitt. Dann hob er die Hand und betrachtete seine Beute.
Das Glas wartete in der Tasche, und er lächelte, als seine Hand es fand; die Flüssigkeit darin bewegte sich träge, als er es hob. Er öffnete es bedacht, und das Auge fiel leicht hinein, leichter, als etwas fallen sollte, das eben noch gesehen hatte; die Flüssigkeit nahm es an und beruhigte sich wieder. Er verschloss das Glas, verwahrte es in der Tasche und erhob sich.
Mit aller Ruhe sah er sich um: der Hügel, der Grund, das, was blieb. Dann hob er das Gesicht wieder zum Himmel und schloss die Augen. Der Regen fiel dichter, und er ließ ihn gewähren, auf der wunden Haut, auf den Lidern; die Sirenen, die Rufe, die Lichter ließ er hinter dem Wasser zurück, eines ums andere, bis nichts mehr übrig war als Regen und Atem.
Erst als die Stimmen durch das Wasser zu ihm drangen, näher nun, viel näher, öffnete er die Augen und sah hinein in das Licht ihrer Öllampen: kleine, schwankende Lichter, eine Kette aus Unruhe, die sich den Hang heraufarbeitete, den Boden absuchte und noch nichts fand. Gestalten dahinter, vom Regen gebeugt, mehr Ahnung als Umriss; hier und da riss ein Ruf die Kette auseinander und zog sie wieder zusammen. Es war eine Art zu suchen, die nichts fing: zu schnell, zu laut, zu viele auf einmal, jeder dem Licht des anderen hinterher; so fing man niemanden, der nicht gefangen werden wollte. Sie konnten ihn nicht sehen, noch nicht, dort oben auf dem Hügel. Aber gesehen hatten sie ihn nie. Sie hatten ihn angesehen, oft genug; erkannt hatten sie ihn nicht, keiner von ihnen, zu keiner Stunde. Man erkannte, was man zu sehen erwartete, und nichts sonst. Angst hatte er keine mehr; nicht jetzt, da er sie endlich alle sah, von hier oben, klein und laut und suchend im Regen.
Nur einer ging voran.
Er betrachtete ihn: den Schritt, der Eile für Richtung nahm; die Art, wie er die Gruppe führte, ohne sich umzusehen, als hinge sie an ihm wie Lampen an einer Stange; die Gewissheit eines Mannes, der zu wissen glaubte, was geschehen war. Da lachte er. Es war kein lautes Lachen; der Regen nahm es an sich, ehe es den Hang hinabfand. Es kam von selbst, wie Lachen kam, wenn etwas stimmte; und es blieb oben bei ihm, sein eigenes, wie der Hügel und die Stunde und das Bild. Er sah erneut auf die Leiche zu seinen Füßen. Alles war, wie er es gesehen hatte. Alles war, wie er es sich gewünscht hatte.
Dann hob er die Tasche an, langsam, nicht ihres Gewichts wegen, sondern der Ordnung halber; das Glas darin gab keinen Laut. Er hängte sie über die Schulter, stand noch einen Atemzug lang und nahm mit einem letzten Blick den Hügel hinab alles auf: die Lichter, die stiegen; die Lampen, die suchten; den einen, der voranging. Dann wandte er sich ab. Der Wald war tief und dunkel und stellte keine Fragen. Er ging hinein, und der Regen schloss sich hinter ihm.
Kapitel 1: Geschriebene Worte
Man hörte den Steinbruch, lange ehe man ihn sah. Der Weg dorthin führte über die Schulter des Sonnenbergs und dann hinab in das Tal dahinter, und schon zwischen den Bäumen kam einem der Klang entgegen: das helle, harte Schlagen von Eisen auf Stein, vielstimmig, ohne Takt und doch mit einer eigenen Ordnung darin, wie Arbeit sie sich schafft, wenn man sie lange genug tut. Ich kannte den Weg mit geschlossenen Augen. Elwood war eine kleine Stadt, von vielen kleinen Seen umlegt, und wer hier lebte, führte ein kleines Leben und dachte kleine Gedanken an den großen Rest der Welt; der See, der Wald, der Bruch, der Berg und das Kloster darüber: Mehr brauchte diese Welt nicht, um sich vollständig zu nennen. Es war eine gute Welt, um in ihr zu lesen: Nichts lenkte ab, und was die Bücher versprachen, blieb draußen unbewiesen.
Ich war auf dem Berg geboren, im Kloster Sonnenberg, das seinen Namen nicht aus Bescheidenheit trug; es stand auf dem höchsten Hügel der Gegend, und seit Jahrhunderten diente es weniger den Gläubigen als den Schriften: eines der wenigen Skriptorien, die das Land noch besaß. Mein Vater, Samuel Allaway, war sein hoher Skriptor. Beinahe sein ganzes Leben lang bildete er dort Schriftgelehrte aus, Männer, die das Wissen der alten Welt abschrieben, ordneten und bewahrten, Zeile um Zeile, gegen das Vergessen. Nur wenige in Elwood konnten lesen. Ich hatte es früh gelernt, so früh, dass ich mich an ein Davor nicht erinnerte, und ich habe es stets als Privileg verstanden: etwas zu besitzen, was die meisten hier ihr Leben lang entbehrten.
Peter Clacher war unten im Tal zu Hause. Sein Vater war Steinmetz, wie es viele waren an diesem Ort, denn neben den Seen und den Wäldern war der Bruch das Dritte, wovon Elwood lebte. Wir trafen uns dort oft, nach seiner Arbeit und nach meiner, auf den flachen Blöcken am Rand, wo der Staub dünner lag und der Lärm zu einem Grund wurde, auf dem sich reden ließ, und redeten über die Zukunft; meistens redete ich, und Peter erwartete wenig von ihr. Vielleicht trafen wir uns gerade deshalb dort: Der Bruch war der eine Ort, an dem unsere beiden Welten einander sehen konnten, seine von unten, meine von oben, das Kloster im Rücken des einen, der Stein unter den Nägeln des anderen.
Als ich an diesem Abend über die Schulter des Berges kam, lag das Tal schon halb im Schatten. Der Bruch öffnete sich unter mir, Terrasse um Terrasse aus hellem Stein, und auf den Sohlen bewegten sich die Männer in jenem müden, genauen Takt, den der Abend einer langen Arbeit gibt; der Staub stand über allem wie ein eigener, feinerer Nebel und roch bis herauf nach trockenem Stein und heißem Eisen. Ich fand Peter dort, wo ich ihn immer fand.
Er saß auf seinem Stein, die Unterarme auf den Knien, und sah zu den Männern hinüber, die in der Ferne den harten Stein mit ihren Spitzhacken bearbeiteten. Das Licht stand schon schräg im Tal und legte hinter jeden Block einen langen Schatten. Der Staub des Tages lag auf Peters Armen wie ein zweiter, hellerer Arm, in den Falten seines Hemds, im Haar; und wenn drüben ein Block nachgab, ging ein Beben durch den Boden, das man eher in den Sohlen hörte als in den Ohren, und für einen Atemzug setzten alle Hämmer aus, wie aus Achtung.
„Wie ich es vermissen werde, wenn du erst einmal fort bist“, sagte Peter, ohne mich anzusehen. Er hob das Kinn zu den Arbeitern hin. „Hörst du das? Das Geräusch, wenn der Stein bricht. Als wäre alles um einen herum lebendig.“
„Ich habe es dir oft gesagt, und ich sage es wieder: Ich gehe nicht.“ Ich setzte mich neben ihn auf den kühlen Block. „Mein Leben ist hier. Meine Familie ist hier. Warum willst du mich fort haben? Was, glaubst du, gibt es dort draußen für mich zu sehen?“
Peter lächelte und legte den Kopf in den Nacken, als stünde die Antwort im Himmel angeschrieben.
„Du bist klug“, sagte er dann. „Du kannst lesen und schreiben, und vor allem kannst du Menschen lenken. Das ist eine Gabe, William. Eines der größten Geschenke dieser Welt.“ Sein Blick kam zurück ins Tal, und etwas darin wurde schwerer. „Ich habe von dem Chaos bei Burh gehört. Von den Morden, die dort geschehen. Und ich weiß, dass auch wir bald erfahren werden, dass die Welt sich ändert.“ Er sah mich an. „Hast du gesehen, was die Briefe sagten?“
Ich sah ihn an, und sein linkes Auge sah zurück, wie es immer zurücksah: die Pupille ein schmaler, stehender Schlitz, ein Spalt in einem sonst gewöhnlichen Auge. Ich hatte mich vor diesem Auge gefürchtet, solange ich denken konnte; nicht vor Peter, vor dem, wofür es stand. Man nannte Menschen wie ihn die Herren der Schlangen, Nagendra: geboren mit einem solchen Auge, dem die Sage magische Kräfte zuschrieb. Peter glaubte nicht daran, und ich glaubte nicht daran; wir hatten es einander oft genug versichert, so oft, wie man sich nur Dinge versichert, die einen nicht loslassen wollen. Aber gelesen hatte ich, wovon er sprach.
„Ja“, sagte ich. „Sie schreiben von zwei Morden. Beide Opfer waren Nagendra, Herren der Schlangen. Man hat sie in einem der Seen gefunden, ohne Augen und mit abgetrennten Gliedmaßen.“ Ich sagte es so, wie es in den Briefen gestanden hatte, in der trockenen Sprache der Meldungen, und merkte erst am Klang der eigenen Stimme, wie wenig die Worte dafür taugten. „Die hohe Inquisition nimmt sich der Sache an. Deshalb mache ich mir wenige Gedanken.“
Peter lachte. Es war kein Lachen, das man erwidern wollte.
„Die Inquisition“, sagte er. „Und was soll das bringen? Diese Menschen sind tot. Der Mörder ist längst über alle Seen. Und solange es Leute wie ich sind, die sterben, wird sich niemand die Stiefel dafür schmutzig machen.“ Er stand von seinem Stein auf, langsam, als wäre er älter, als er war. „Ich sage dir: Das alles ist nichts als Schauspiel.“
Ich ließ das Wort eine Weile zwischen uns stehen. Peter stand da, den Rücken halb zu mir, und sah zu den Arbeitern hinüber; ich konnte sein Gesicht nicht sehen, nur die Schultern, und die sagten genug. Drüben gab ein Block nach; das Beben lief durch den Boden und verging, und die Hämmer nahmen ihre Arbeit wieder auf, als wäre nichts gewesen. Es wäre leicht gewesen, ihm zu widersprechen, und es wäre falsch gewesen; also tat ich, was ich am besten konnte, und suchte die Worte, die er hören konnte, ohne sich zu wehren.
„Vielleicht hast du recht“, sagte ich. „Ich glaube kaum, dass sie den Täter noch finden. Jetzt nicht mehr. Ich habe viel über die Inquisition gelesen, und ich glaube, es geht ihnen um etwas anderes: Sie wollen Angst verbreiten, um weiteren Vorfällen zuvorzukommen.“
Peter setzte sich wieder. Der Zorn war schon aus ihm heraus; er hielt Zorn nie lange, das war eines der Dinge, die ich an ihm mochte und nie verstand.
„Eben deshalb solltest du deine Talente nutzen“, sagte er. „Ich wette, du könntest einen Menschen wie diesen finden. Du gehst in die Köpfe der Leute und liest ihre Gedanken; du machst es ja doch jeden Tag.“ Er sagte es ohne Vorwurf, beinahe stolz, und richtete den Blick wieder zu den Arbeitern.
„Ein Leben wie dieses hat mir immer gereicht“, sagte ich. „Lesen und schreiben zu können; das Wissen zu erhalten, von dem sonst kaum einer je erfährt. Das ist eine Aufgabe, Peter, und eine wertvolle. Dort draußen, in der Stadt, in der Inquisition: Dort würde ich nicht existieren können.“ Ich sah ihn von der Seite an. „Aber warum hältst du mich für den Einzigen mit Talenten? Auch du könntest von hier verschwinden. Ein neues Leben anfangen.“
Peter antwortete nicht gleich. Er sah auf seine Hände hinab, auf die Schwielen und den hellen Staub in den Rissen der Haut, und drehte sie einmal um, langsam, als läse er in ihnen nach; es waren die Hände seines Vaters geworden, und ich hätte nicht sagen können, wann. Unten im Bruch rief einer etwas, ein anderer lachte, und dann kam der Abendwind das Tal herauf und brachte den Staub mit.
„Unser Leben besteht aus Worten“, sagte er. „Wir reden so viel über unsere Zukunft. Wir malen uns Bilder von glorreichen Tagen. Und am Ende sehen wir die kalte Wahrheit dahinter. Ich bin ein Steinmetz. Ein Arbeiter. Vielleicht sogar ein Mensch mit einem besonderen Talent. Aber am Ende zählen nur geschriebene Worte. Ein Zertifikat wie das deines Skriptoriums öffnet dir jede Tür. Ein Mensch wie ich wird sein Leben lang nichts anderes tun, als die Grabsteine bedeutenderer Männer und Frauen aus diesem kalten Stein zu schlagen.“
Er sagte es ohne Bitterkeit, ruhig, wie man ein Maß abliest, und das machte es schlimmer, als jeder Zorn es gekonnt hätte. Unten schlug ein Hammer, und noch einer, und der Stein gab sein helles, hartes Klingen zurück, dieses Geräusch, das Peter liebte; und zum ersten Mal an diesem Abend hörte ich darin, was er wohl längst darin hörte. Ich schwieg. Nicht alles, was er sagte, war falsch, und ich wusste es.
„Wir sollten gehen“, sagte ich schließlich. „Es ist schon spät, und mein Vater wartet nur ungern auf mich.“ Ich stand auf und klopfte mir den Staub vom Gewand. „Sehen wir uns morgen?“
„Natürlich“, sagte Peter. Es kam einen Atemzug zu spät, und wir taten beide, als hätten wir es nicht bemerkt. Er erhob sich langsam, klopfte sich den Staub von den Beinen und reichte mir die Hand, und wir verabschiedeten uns, wie wir uns immer verabschiedeten: mit einem Handschlag, seine Schwielen gegen meine Tinte.
Ich blieb noch einen Augenblick stehen und sah ihm nach. Peter ging zu den Arbeitern hinüber, und ich sah, wie er sich veränderte, Schritt um Schritt: wie die Schultern sich hoben, wie das Gesicht die richtige Miene fand, wie er im richtigen Moment über etwas lachte, das ich nicht gehört hatte. Einer der Männer rief ihm etwas zu und warf ihm einen Handschuh herüber, und Peter fing ihn aus der Luft, mit einer kleinen Verbeugung, die Gelächter erntete. Er spielte mit. Er tat, als genösse er dieses Leben, das er führte, und er tat es gut; so gut, dass es nur jemand sehen konnte, der ihn kannte, und auch der nur, weil er eben erst gehört hatte, was unter dem Spiel lag. Ich hatte viele Menschen in dieser Stadt so leben sehen, Leben, die nicht echt waren, getragene Leben wie getragene Gewänder, und ich hatte ein solches Leben niemandem gewünscht, meinem besten Freund am wenigsten. Aber so sehr ich mir wünschte, etwas ändern zu können: Ich konnte es nicht. Ich wandte mich ab und nahm den Weg zurück über den Berg, und der Lärm des Bruchs wurde hinter mir leiser, bis nur noch das Beben blieb und dann auch das nicht mehr.
Mein Weg führte mich durch die Tore der Stadt, und Elwood empfing mich, wie es mich immer empfing: mit schwerer Luft und hastigen Menschen. Aus den Werkstätten kam das Klopfen der Hämmer, aus den Gassen der Geruch von Rauch, Fisch und nassem Holz; vor den Türen wurden Körbe hereingetragen und Läden halb geschlossen, ein Hund trieb Hühner vor sich her und wurde dafür verwünscht, und über allem lag jene Eile des Abends, mit der eine kleine Stadt so tut, als ginge ihr die Zeit aus. Ich mochte diese Stunde. Man sah einer Stadt beim Zusammenräumen ihrer Sätze zu. Ein jeder hier kannte mich. Die Frau am Brunnen nickte mir zu, und ich nickte zurück, eine Spur tiefer, als sie es getan hatte, weil sie das mochte; der Alte vor der Schmiede hob zwei Finger an die Mütze, und ich hob die Hand auf die Art, die unter Männern als Achtung gilt; zwei Kinder, die einen Reifen vor sich hertrieben, wichen mir aus und grüßten im Laufen, und ich grüßte im Gehen zurück, genau so beiläufig, wie Kinder es mögen, wenn man ihnen nicht das Gefühl geben will, gesehen worden zu sein. Es war ein Handwerk wie jedes andere: Man las, was ein Mensch erwartete, und gab es ihm, eine halbe Münze Aufmerksamkeit, auf den Empfänger geprägt. Ich kannte kaum einen ihrer Namen. Ich redete mir ein, dass es etwas Gutes war, gegrüßt zu werden; und während ich grüßte und gegrüßt wurde, wusste ich, dass Peter recht hatte mit dem, was er über mich gesagt hatte. Ich genoss es. Ich genoss es, diesen Menschen vorzuspielen, dass sie mich kannten, und sie mit nichts als einem Blick, einem Nicken, einem halben Lächeln dahin zu lenken, wo es ihnen gefiel und mir nützte. Und irgendwo unter dem Genuss saß die Frage, wie eine Wirklichkeit wohl aussähe, in der man dieses Spiel auf einer größeren Bühne spielte; ob ich bereit wäre, diesen Ort dafür zu verlassen. Es war ein müßiger Gedanke, einer für Abende. Ich dachte ihn öfter, als ich zugab.
„Weiter nach links!“, rief da jemand. „Er hat gesagt, es muss genau in die Mitte!“
Ein Mann kam rückwärtsgehend auf mich zu, den Kopf im Nacken, die Arme halb erhoben, ganz mit dem Anweisen beschäftigt und blind für alles hinter sich. Ich stoppte ihn sacht mit beiden Händen. Er fuhr herum, und sein Gesicht öffnete sich, noch ehe er ganz herum war.
„William!“ Er umarmte mich kurz, kräftig, nach Staub und Öl riechend. „Wir haben uns lange nicht gesehen. Wie geht es dir?“
Ich nickte ihm zu und hatte dabei das Gefühl, ihn in meinem Leben noch nie gesehen zu haben. Über seine Schulter hinweg sah ich zur Fassade. Auf einer langen Leiter stand ein zweiter Mann und schraubte dort eine Apparatur fest: einen roten Kasten, geformt wie ein Würfel, an dessen einer Seite ein großer Trichter saß wie das Maul eines Instruments. Lange Kabel hingen von ihm herab, liefen die Wand entlang und über das Pflaster zu einer großen metallenen Maschine, die verrostet und alt aussah und viel zu schwer für die zwei Männer, die sie hergebracht haben mussten. Ich war mit Maschinen nicht vertraut; in Elwood gab es wenige, und die wenigen taten ihre Arbeit hinter Mauern. Diese hier stand mitten auf der Gasse und sah aus, als wartete sie.
„Was baut ihr da?“, fragte ich. „Und wer hat euch darum gebeten?“
Die beiden sahen sich an, und in dem Blick lag ein Stolz, der auf diese Frage nur gewartet hatte.
„Der Inquisitor“, sagte der Mann vor mir, und er setzte das Wort ab wie ein schweres Gewicht. „Heute angekommen. Er hat schon mit dem Bürgermeister gesprochen.“
„Halt das Kabel!“, kam es von der Leiter.
Der Mann bückte sich, hob die schwarze Schlange vom Pflaster und hielt sie straff, ohne den Faden seiner Rede zu verlieren. Oben stemmte sich der andere gegen die Wand, die Leiter gab einen Laut wie ein altes Boot, und aus den umliegenden Türen sahen inzwischen die ersten Leute zu, halb neugierig, halb misstrauisch, wie man einem Ding zusieht, das man noch nicht einordnen kann und das einem trotzdem an die Hauswand geschraubt wird. Niemand von ihnen fragte. Ich war an diesem Abend offenbar der Einzige, der fragte.
„Und jetzt ist er oben im Kloster, in den alten Archiven. Ich habe ihn gesehen, William, mit eigenen Augen. Furchterregend war er. Eine lange rote Robe, und eine Maske vor dem Gesicht; beinahe, als wäre er eine Art Monster.“
„Und was ist das hier?“ Ich deutete auf den Kasten mit seinem Trichter. „Wozu soll es gut sein?“
„Sirenen.“ Er sprach das Wort sorgfältig aus, wie ein Wort, das man erst seit heute besitzt und noch nicht abgenutzt hat. „Der Inquisitor hat den Bürgermeister angewiesen, sie in der ganzen Stadt aufzustellen. Das ist die neuste Technik aus der Hauptstadt. Wenn man die Maschine dort anwirft, dann schreit dieser Kasten lauter, als ein einzelner Mensch es je vermag.“ Oben rutschte das Kabel aus der Halterung; der Mann auf der Leiter fluchte leise und begann von vorn. „Man hat uns gesagt, das sei einfach aufzubauen. Es ist schwer. Sehr schwer.“
Ich sah an der Wand hinauf zu dem Kasten, der dort hing wie ein fremdes Wappen, und dann die Gasse hinab, wo in einiger Entfernung ein zweites Paar Männer mit einer zweiten Leiter beschäftigt war. In der ganzen Stadt, hatte er gesagt.
„Danke“, sagte ich. „Ich denke, ich sollte mich beeilen; mein Vater erwartet mich.“ Ich beendete das Gespräch schneller, als es dem Mann lieb war, dessen Namen ich noch immer nicht kannte, und ließ die beiden mit ihrem Kasten und ihrer Maschine zurück.
Ich ging nun rascher, den Hügel hinauf, dem Kloster entgegen, und war gespannt, was es zu bedeuten hatte, dass der Inquisitor so schnell an diesen Ort gereist war. Denn dass es etwas zu bedeuten hatte, wusste ich; um Morde in den Seenlanden kümmerte man sich sonst nicht mit solchem Nachdruck, und das wusste ich besser als jeder andere in dieser Stadt. Die Nachrichtenverwaltung Elwoods lag in meinen Händen. Jede Nachricht, die diesen Ort erreichte oder verließ, ob eine Taube sie trug, ein Rabe oder eine Kutsche, ging über meinen Tisch, und ich katalogisierte, analysierte und archivierte sie alle; ich kannte die Handschriften der Ämter und den Ton, in dem über die Seenlande geschrieben wurde, wenn überhaupt über sie geschrieben wurde: beiläufig, am Rand, zwischen Zollsachen und Wetter. Zwei Tote hätten eine Zeile ergeben, dazu eine zweite mit einer Anweisung an die örtliche Wache. Stattdessen war ein Inquisitor gekommen. Selbst. Und schnell. Aus diesen Nachrichten kannte ich die Welt, von der Peter sprach: Eisenburg, die Hauptstadt, das Zentrum von allem, mit ihren metallenen Türmen und ihren gigantischen Fabriken; einen Ort, der so viele Menschen an sich zog, dass die, welche auf dem Land blieben, fürchteten, es werde bald nichts anderes mehr geben als ihn. Ich verstand wenig von dem, was jenseits unserer Seen vor sich ging. Aber ich verstand genug, um Respekt vor der hohen Inquisition zu haben: Sie waren die Männer und Frauen, die Gerechtigkeit brachten, ihre Befehle waren Gesetz, und niemand stand über ihnen; der Einzige, dem sie je Folge leisteten, war der Großkönig Nathanael Vivas, von dem viele sagten, er verliere mit jedem Jahr an Macht. Und ein Mann dieser Ordnung war nun hier. In Elwood. Wegen zweier Toter aus den Seenlanden.
Hinter den letzten Häusern begannen die Gärten, und der Lärm fiel von mir ab; oben, über den Bäumen, stand das Kloster im letzten Licht, und seine Fenster sahen zu, wie ich stieg. Der Weg hinauf war mir nie lang vorgekommen. An diesem Abend war er es.
Schon von unten sah ich, dass das Kloster nicht mehr das Haus war, das ich am Morgen verlassen hatte. Die Torflügel standen offen, was sie um diese Stunde nie taten; im Hof brannten Laternen, obwohl das Licht noch reichte; und über den Platz eilten zwei der jüngeren Brüder mit Leinen und Kannen, mit jener lautlosen Hast, die in einem stillen Haus lauter ist als jedes Rufen. Am Tor selbst erwartete mich bereits Bruder Thomas, der Archivar und Verwalter des Wissens. Seine Robe war fein verziert, die Robe der hohen Tage, und ich las an ihr, noch ehe er ein Wort gesagt hatte, dass man den Inquisitor erwartet hatte: nicht seit Stunden, seit Tagen. Man hatte ihn erwartet, und nur mir hatte niemand ein Wort gesagt; ich verwaltete jede Nachricht dieser Stadt, und die eine, auf die es angekommen wäre, war an meinem Tisch vorbeigegangen.
„Endlich triffst du ein“, sagte Thomas. „Schnell, folge mir.“ Er ging schon, während er sprach, mit kurzen, eiligen Schritten, die nicht zu seiner Würde passten und gerade darum mehr sagten als alles Übrige. „Es ist äußerst unerwartet, aber der Inquisitor wünscht dich zu sprechen. Geh in deine Kammer, dein Gewand liegt bereit; wasch dir die Hände und das Gesicht.“ Auf der Treppe blieb er einen halben Schritt lang stehen, legte mir die Hand auf den Arm, was er nie tat, und sah mich an. „Sieh dem Inquisitor niemals in die Augen. Und berühre ihn nicht. Hast du verstanden?“
Ich nickte, und wir eilten weiter durch die Flure, schneller mit jedem Gang. Türen, die sonst offen standen, waren geschlossen; hinter einer hörte ich Stimmen, zu leise, um Worte zu sein; und wo wir vorüberkamen, traten die Brüder beiseite und sahen uns nach, mir nach, als wüssten sie bereits, wohin man mich brachte, und als wüssten sie es lieber nicht. Ich hätte gern eine einzige Frage gestellt. Ich stellte keine; Thomas’ Rücken verbot es.
Meine Kammer schien unberührt; nur eine Schale mit Wasser stand bereit, und über dem Stuhl lag das Festtagsgewand. Ich nahm es auf, und der Stoff war schwerer, als er aussah, gefüttert und dicht gewebt, mit Schließen aus mattem Metall, die kalt in der Hand lagen. Ich legte es an, wie man etwas anlegt, das einem nicht gehört: vorsichtig, Glied um Glied, und mit dem Gefühl, dass es mich mehr trug als ich es. Gewänder wie dieses hatte man früher zur Ehrung der alten Götter getragen; an Götter glaubte heute niemand mehr, aber die Gewänder waren geblieben, wie Traditionen bleiben, wenn ihr Grund längst gegangen ist. Ich hatte es erst selten getragen, und es zu einem Treffen mit einem Inquisitor anzulegen, galt als Ehre. Ich sagte mir das zweimal vor, während ich mir hastig Gesicht und Hände wusch. Dann blickte ich in den schummrigen Spiegel an der Wand: ein blasses Gesicht über einem fremden Gewand, kaum zu erkennen, ein Fremder, dem ich in einem Flur begegnet wäre, ohne zu grüßen. Ich stand einen Atemzug lang still und tat mit ihm, was ich sonst mit anderen tat: Ich las ihn. Die Ehre stand ihm nicht; die Angst stand ihm besser. Ich hoffte auf das Beste. Thomas klopfte wieder und wieder an die Tür, und ich beeilte mich, seiner Hast zu folgen.
Er führte mich hinab ins Archiv, Treppe um Treppe, an den Regalen der jüngeren Bestände vorbei, wo die Rücken der Bände noch glänzten, hinein in die älteren Gänge, wo das Leder stumpf wurde und die Schilder von Hand geschrieben waren, viele davon in der Schrift meines Vaters. Je tiefer wir stiegen, desto stiller wurde das Haus; die Schritte der Brüder über uns wurden zu einem fernen Regen und dann zu nichts; und desto deutlicher roch es nach dem, woraus dieses Haus in Wahrheit gemacht war: nach Pergament und Staub, nach kaltem Stein und dem Talg der Lampen. Ich war diesen Weg hundertmal gegangen. Ich war ihn nie so gegangen. Am Ende des letzten Ganges brachte er mich vor die Tür, die ich kannte, ohne je durch sie gegangen zu sein: die Kammer der Gedanken, der Raum, den außer meinem Vater niemand betreten durfte. Die Tür war schwer und ohne Zier, dunkles Holz mit eisernen Bändern, und gerade ihre Schmucklosigkeit sagte, was sie hütete: Dort lagerten die ältesten Schriften, die reinsten Aufzeichnungen unserer Geschichte, und dort wurden sie gelagert und analysiert, seit es dieses Haus gab. Als Kind hatte ich vor dieser Tür gestanden und gelauscht und nichts gehört als mein eigenes Herz. Thomas klopfte nicht. Er öffnete die Tür, trat zur Seite und sah zu Boden.
Als ich eintrat, sah ich zuerst die Hände.
Die Kammer war kleiner, als ich sie mir vorgestellt hatte, und voller: Regale bis unter die Decke, Rollen in ledernen Hülsen, Bände mit Schließen, lose Lagen unter Gewichten aus Stein; zwei Lampen brannten, und ihr Licht lag auf allem wie auf Dingen, die das Licht nicht gewohnt sind. Es roch hier anders als in den Gängen davor, trockener, älter; so, dachte ich, mochte es in einem Mund riechen, der lange nicht gesprochen hat. In der Mitte stand der lange Tisch meines Vaters. Und über den Tisch gebeugt stand ein großer Mann und berührte die Schriften.
Er fuhr mit bloßen Fingern über das Pergament, langsam, prüfend, wie man über einen Stoff fährt, den man zu kaufen gedenkt, und alles in mir zog sich zusammen; denn das war es, was in diesem Raum niemandem erlaubt war, niemandem, zu keiner Stunde. Mein Vater wusch sich die Hände, ehe er diese Blätter auch nur wendete, und er wendete sie mit einem Holzspan; ich hatte ihn ein Leben lang davon sprechen hören, dass die Haut eines Menschen genüge, um zu zerstören, was tausend Jahre überstanden hat. Der Mann am Tisch las mit den Fingern, ohne Eile und ohne Scheu. Er trug eine rote Robe, so wie der Mann in der Stadt es erzählt hatte. Die Maske lag neben ihm auf dem Tisch, ein stilles, geschlossenes Gesicht, das an mir vorbeisah.
„Tritt ein“, sagte er mit Nachdruck, ohne sich umzuwenden, und hinter mir schloss Thomas die Tür. Das Geräusch des Schlosses war klein und endgültig. Ich blieb zwei Schritte hinter der Schwelle stehen, die Hände am Saum des Gewandes, und wartete, wie man in diesem Haus zu warten lernte: aufrecht, stumm, die Fragen hinter den Zähnen.
Seine Hand wanderte weiter über die Zeilen, während er sprach. „Mein Name ist Martin Trevor, Inquisitor der Eisenburg und Gesandter des Königs von Auenberg. Man gab mir zu verstehen, dass du die alten Sprachen studierst. Ist das richtig?“
Ich zögerte. Die Anspannung stand im Raum wie ein Geruch, und ich hielt den Blick auf die Tischkante gerichtet, wie Thomas es mir aufgetragen hatte; auf die Tischkante, auf die Hände des Mannes, auf den Saum der roten Robe, die in diesem Licht dunkler wirkte, als Rot sein sollte. Ich hörte mein Herz und hoffte, dass er es nicht hörte.
„Ja, mein Herr“, sagte ich dann. „Ich spreche bereits vier der Novenario, der ältesten der Sprachen. Wie kann ich Euch behilflich sein?“
Zum ersten Mal hielt seine Hand auf dem Pergament inne. Es war nur ein Augenblick, kaum die Länge eines Atemzugs, aber ich sah es, weil ich nichts anderes ansah als diese Hand; dann wanderte sie weiter, als wäre nichts gewesen.
Er griff in eine Tasche, die er am Rücken trug, und zog eine kleine Schriftrolle hervor; und es entging mir nicht, dass er die alten Blätter meines Vaters mit dem Handrücken beiseiteschob, um ihr Platz zu machen, achtlos, wie man Krümel schiebt. Langsam breitete er die Rolle auf dem Tisch aus, beschwerte die Ränder mit zwei der steinernen Gewichte und strich sie glatt.
„Komm näher und sieh es dir an.“
Ich trat an den Tisch heran, ängstlich, und für einen Herzschlag streifte mein Blick all das Wissen, das mir sonst verboten war: Bände und Rollen und lose Blätter, Schrift an Schrift, ein Leben würde nicht reichen. Dann richtete ich ihn auf die Rolle des Inquisitors. Sie war klein, kaum länger als meine Hand, das Pergament an den Rändern dunkel vom vielen Rollen. Ich erkannte die Schrift sofort, die feine Führung der Feder, die schmalen, hohen Zeichen, die einander stützen wie Balken: Arte Wosa, eine der Novenario, der ältesten Zungen dieser Welt. Ich begann zu lesen, und das Lesen war wie immer bei den alten Sprachen: erst Zeichen, dann Silben, dann, mit einem kleinen Ruck, Sinn. Nur dass der Sinn diesmal kälter war als der Raum. Ich las die Zeile zweimal, wie ich alles zweimal las, und beim zweiten Mal hoffte ich, mich beim ersten geirrt zu haben. Ich hatte mich nicht geirrt. Das, was ich verstand, ließ mich nicht auf Gutes hoffen; und als ich sprach, hörte ich meine eigene Stimme, als gehörte sie einem anderen.
„Das ist der Anfang. Das ist der Weg. Dort, wo wir gehen, dort werden wir fallen“, übersetzte ich.
Die Worte standen im Raum, nachdem ich sie gesagt hatte, wie Dinge, die man nicht zurücknehmen kann. Der Inquisitor gab keinen Laut von sich; er sah auf die Rolle hinab, und ich hätte nicht sagen können, ob er noch las oder nur wartete. Dann nahm er die Rolle wieder an sich, rollte sie mit zwei Fingern zusammen und ließ sie in der Tasche verschwinden.
„Du hast mir sehr geholfen“, sagte er. „Geh nun zurück in deine Kammer. Morgen werden wir uns erneut unterhalten.“ Es war kein Angebot. Thomas öffnete mir bereits die Tür.
„Wo ist mein Vater?“, fragte ich.
Der Inquisitor griff nach der Maske und setzte sie auf, mit beiden Händen, sorgfältig, wie man ein Werkzeug anlegt.
„Ich bin es, der die Fragen stellt“, sagte er.
Es lag keine Schärfe in dem Satz, keine Drohung; er stellte nur eine Ordnung her, so beiläufig, wie man einen Stuhl gerade rückt. Das machte ihn schlimmer als jede Drohung. Thomas geleitete mich hinaus, und die Tür der Kammer der Gedanken schloss sich hinter uns; und erst auf der Treppe merkte ich, dass ich dem Inquisitor kein einziges Mal in die Augen gesehen hatte, so wenig wie er mir.
Der Rückweg kam mir kürzer vor als der Hinweg, wie Rückwege es tun, und Thomas sprach kein Wort; erst vor meiner Tür blieb er stehen und sah mich an, als wollte er etwas sagen, das über seine Ämter hinausging. Dann nickte er nur und ließ mich allein. Ich setzte mich auf das Bett, in dem schweren Gewand, das nach fremden Festen roch, und faltete die Hände, um ihr Zittern zu ordnen. Durch das Fenster kam das letzte Licht des Tages, und irgendwo unten in der Stadt schlug ein Hammer gegen Metall, gleichmäßig, geduldig; vielleicht war es einer der beiden Männer mit ihrem roten Kasten. Ich versuchte, den Tag zu ordnen, wie ich Nachrichten ordnete: nach Absender, nach Gewicht, nach dem, was fehlte. Ein Inquisitor, der es eilig hatte. Sirenen für eine Stadt, in der nie etwas geschah. Eine Schriftrolle in einer toten Zunge, die von Anfängen sprach und vom Fallen. Und ein Vater, nach dem man nicht fragen durfte. Es war das Fehlende, das am lautesten sprach. Draußen verklang der Hammer. Die Stadt unter mir machte sich fertig für die Nacht, ahnungslos oder gleichgültig; und über ihr, in einem Zimmer wie diesem, saß einer, der zu viel gelesen hatte, um noch ahnungslos zu sein, und zu wenig, um zu verstehen. Ich dachte an Peter, an den Staub auf seinen Armen und an das, was er gesagt hatte, und ich begriff, dass er recht behalten hatte, schneller, als uns beiden lieb sein konnte. Ich befand mich in einem Spiel, dessen Regeln ich nicht kannte und dessen Spieler ich nicht sah; ich wusste nur, dass es begonnen hatte und dass man mich an das Brett gesetzt hatte, ohne mich zu fragen.
Ein Spiel ist auch nur eine Sprache, dachte ich, ehe ich die Lampe löschte. Und Sprachen habe ich noch jede gelernt, bis sie mir gehörte.