Gemeinsam fort
Der Riemen glitt über Caspians Schulter, als er sich nach Ansel umwandte. Er hielt ihn fest, bevor das Bündel nach hinten rutschen konnte, und machte aus der Bewegung ein Zurechtrücken seines Kragens. Ansel saß noch bei der Pritsche. Der Faden lag um das kleine Holzstück gewickelt in seiner Hand.
„Du kannst die Straße auch im Sitzen ansehen“, sagte er. „Sie läuft dir nicht davon.“
„Das wäre eine angenehme Abwechslung. Gewöhnlich muss ich ihr hinterher.“
Ansel antwortete nicht auf den Scherz. Sein Blick blieb an Caspians Hand auf dem Riemen hängen. Die Finger hatten den Stoff zu fest gepackt, um Gleichgültigkeit vorzutäuschen. Caspian ließ etwas locker. Das Gewicht zog sofort wieder abwärts.
Er hätte durch die Tür gehen können. Draußen war der Hof, dahinter die Straße, und seine Füße standen endlich wieder in trockenen Schuhen. Doch Ansel war noch hier. Caspian hatte beim Packen vermieden, nach ihm zu fragen, als wäre Zurückhaltung dasselbe wie Mut. Nun wurde der Abstand zwischen ihnen mit jedem Augenblick größer, obwohl keiner sich bewegte.
„Der Riemen sitzt schlecht“, sagte Ansel.
„Er ist anderer Meinung.“
„Dann soll er dich tragen.“
Caspian sah noch einmal hinaus. Jemand zog einen leeren Korb über den Hof. Das Geräusch traf ihn mit einer unerklärlichen Heftigkeit: Ein anderer Tag konnte anfangen, während er hier stand. Es brauchte keine Erlaubnis dazu. Er trat von der Tür zurück und ließ das Bündel auf die Pritsche sinken. Die Schulter zuckte, als das Gewicht von ihr wich.
Ansel legte den Faden weg und stand auf. Caspian beugte sich bereits über die Schnürung. Er zog den Knoten auf, verschob das gepolsterte Stück am Riemen und band es wieder fest. Als er das Bündel anhob, saß die Kante noch schlechter. Er stellte es ab und begann von vorn.
„Lass mich einmal.“
„Ich habe es nicht zum ersten Mal gepackt.“
„Das sehe ich. Du packst es gerade zum dritten Mal.“
Caspian zog so heftig an der Schnur, dass der Knoten sich zusammenpresste. Er hielt inne. Ansels Hand war nicht einmal nahe genug gewesen, um ihn zu behindern. Trotzdem hatte er sich gegen sie gewehrt, als wolle Ansel ihm etwas wegnehmen.
„Ich bekomme das hin“, sagte er, leiser.
„Wahrscheinlich. Ich würde mich nur gern noch setzen, bevor wir beide alt sind.“
Caspian sah auf. Ansel versuchte mit den Zehen, den Rand seines Schuhs vom Fuß zu schieben. Im Leder über dem Ballen lief ein heller Riss. An der Ferse war die Kante nach innen gedrückt. Caspian kannte diese Schuhe; er hatte sie am Boden stehen sehen, neben der Pritsche, unter dem Tisch, überall dort, wo Ansels Anwesenheit ihm so viel wichtiger gewesen war als alles, was Ansel mitgebracht hatte. Jetzt sah er die dunkle Druckstelle darüber und den Mund, der beim Stehen angespannt blieb.
Er gab die Schnur frei.
Ansel löste den verengten Knoten mit dem Ende des kleinen Holzstücks. Er zog das Polster weiter nach vorn und schob die Kleidung im Bündel unter die harte Buchkante. Dabei kam die schmale Seitentasche unter Caspians Hand zu liegen. Caspian öffnete sie und nahm das kleine eingewickelte Metallstück heraus. Er strich das Tuch um die Münze glatt, ohne es aufzufalten, und steckte es in die innere Tasche seines Rocks. Dort würde es ihm beim erneuten Binden nicht entgegenfallen. Ansel bemerkte die Bewegung und arbeitete weiter.
„Das Buch liegt quer gegen deinen Rücken“, sagte er. „Wenn du dich vorbeugst, hebelt es dir die andere Seite hoch. So kannst du den Riemen binden, wie du willst.“
„Ich dachte, ich hätte es zwischen die Kleidung gelegt.“
„Hast du. Es wird davon nur nicht weich.“
Sie nahmen die oberen Kleidungsstücke noch einmal heraus. Das geschlossene Buch blieb in seinem Tuch. Caspian hielt es auf der Pritsche fest, während Ansel die Unterlage faltete; dann schob er es mit der schmalen Seite zum Rücken zurück. Als er das Bündel wieder anhob, lag das Gewicht ruhiger. Die Schulter schmerzte noch. Er hatte gehofft, die richtige Anordnung würde auch das beseitigen.
Ansel setzte sich mit einem hörbaren Ausatmen. Er beugte sich vor, löste seinen Schuh und zog die Ferse heraus. Ein Stück Strumpf klebte an der Haut. Er löste es langsam.
„Warum hast du nichts gesagt?“
Ansel blickte zu ihm hoch. „Über meinen Fuß?“
Die Frage klang nicht vorwurfsvoll. Das machte sie schwerer zu beantworten.
Caspian stellte das Bündel ab. „Ich habe mich aufgeführt, als wärst du hier aus einem weichen Bett gestiegen und hättest seitdem darauf gewartet, mir Wasser zu reichen.“
„Ich habe dir gern Wasser gereicht.“ Ansel zog den Strumpf zurecht. „Aber mein Bett war nicht besonders weich.“
Caspian setzte sich neben ihn. Er wollte nach dem Fuß greifen und wusste im selben Augenblick nicht, was er damit tun sollte. Ansel sah die ausgestreckte Hand, nahm sie und drückte sie kurz.
„Frag lieber, ob ich das Brot noch brauche. Du hast unseres eingepackt.“
Das obere Tuchfach war leicht zu öffnen. Caspian zog das Brot heraus und legte es auf den Tisch. Ansel blieb sitzen, während er den Wasserbeutel abnahm und die Becher füllte. Diesmal musste niemand ihn darum bitten.
Sie aßen langsam. Caspian war zunächst nur auf das Brot bedacht, das er mit beiden Händen auseinanderbrach. Die Kruste schnitt in den Daumen. Unter dem aufgerissenen Rand war es noch weich genug, dass er den größeren Teil Ansel hinschieben konnte, ohne daraus eine sichtbare Großmut zu machen. Ansel nahm sich ein Stück und schob den Rest zurück in die Mitte.
„Was ist das Erste, das wir erreichen können?“
Caspian hörte das Wir. Er sah Ansel an, doch der wartete auf eine Antwort und blickte kurz auf Caspians unberührten Becher.
„Aurel wird uns nicht dankbar entgegenlaufen. Selbst wenn er noch dort ist. Und wenn seine Macht nicht fort ist, dann werden die Männer, die ihn halten, irgendeinen Weg gefunden haben, ihn—“
„Ich frage nach einem Weg, den wir mit diesen Schuhen gehen können. Nicht danach, was Aurel tut, wenn wir vor ihm stehen.“
Caspian trank. Er war versucht, auf die Auskunft der Stationsfrau zu verweisen, als hätte Ansel nicht selbst neben ihm gestanden. Stattdessen dachte er an die Strecke zurück, die er zu den Paginae gegangen war. Einzelne Senken, eine Stelle mit festgetretenem hellem Boden, der niedrige Stein. Die Erinnerung gab ihm keinen fertigen Weg, nur die Gewissheit, an etwas vorbeigekommen zu sein, dessen Bedeutung er damals nicht gekannt hatte.
„Den Teil, an dem diese Kerben benutzt werden“, sagte er. „Die Frau hat ihn eingegrenzt. Ich kann uns bis in die Gegend bringen. Danach müssen wir nachfragen.“
„Nach Aurel?“
„Wenn ich sofort nach einem verschwundenen Hochinquisitor frage, wird das sicher für angenehme Gespräche sorgen.“
Ansel kaute zu Ende. „Du brauchst mich nicht mit Spott davon abzuhalten, dir eine gewöhnliche Frage zu stellen.“
„Das wollte ich nicht.“
„Dann beantworte sie.“
Caspian drehte seinen Becher zwischen den Händen. „Nach den Wegen. Nach Gebäuden, in denen Menschen untergebracht sind. Einer Gruppe, die Vorräte braucht. Irgendetwas, das nicht nur in meinem Kopf liegt. Ich werde Aurel nicht jedem nennen, der mir begegnet.“
„Gut. Und was essen wir, während du fragst?“
Nun musste Caspian doch lachen. Es kam schärfer heraus, als er beabsichtigt hatte. „Du hast eine bewundernswerte Fähigkeit, meine Vorhaben zu verkleinern.“
„Ich möchte sie unterwegs nicht tragen müssen.“
Der Satz blieb zwischen ihnen liegen. Caspian sah zu den Bündeln. Sein eigenes hielt Vorrat für einen Anfang, trockenes Zeug und ein Buch, dessen Gewicht sich genau genug angeben ließ, wenn man es lange trug. Was es ihm schuldete, konnte er nicht angeben. Er hätte auf Essen verzichtet, um es mitzunehmen, und war erschrocken, wie selbstverständlich dieser Gedanke noch immer kam.
Er zog den restlichen Proviant hervor. Sie legten ihn neben das Brot. Ansel zeigte, was davon zuerst gegessen werden musste, und Caspian packte den haltbareren Teil zurück. Wasser würden sie nachfüllen müssen, Unterkunft suchen, gegebenenfalls wieder arbeiten. Bei dem letzten Wort sank etwas in ihm ab. Er hatte die Station noch nicht verlassen, und schon sah er ihren Alltag vor sich: Lasten tragen, um die Kraft zu kaufen, mit der man weitere Lasten trug.
„Ich weiß nicht, wie lange wir suchen“, sagte er.
„Das habe ich auch nicht erwartet.“
„Ich weiß nicht einmal, ob wir auf der richtigen Seite einer alten Nachricht suchen. Das Bild kann vorbei sein.“
Ansel faltete das leere Brottuch zusammen. „Dann müssen wir möglichst bald etwas finden, das heute dort ist. Ein Mensch, der jemanden gesehen hat. Eine benutzte Tür. Auch eine falsche Auskunft wäre wenigstens etwas, das wir prüfen können.“
„Du klingst, als könntest du das ertragen.“
„Im Sitzen kann ich vieles ertragen. Frag mich noch einmal, wenn der Schuh nass ist.“
Caspian sah das müde Lächeln und erwiderte es. Zum ersten Mal seit seinem Blick nach draußen musste er sich nicht entscheiden, ob er hoffen oder misstrauen sollte. Er konnte Ansel ansehen und mit ihm essen.
Als alles wieder verstaut war, blieb Caspian neben dem Tisch stehen. Ansel legte die ledernen Reststücke in sein eigenes Bündel; den aufgewickelten Faden behielt er noch in der Hand. Er hatte den Schuh wieder angezogen, die Schnürung aber lockerer gelassen. Caspian nahm das Wasser und stellte es zwischen beide Gepäckstücke. Es gehörte noch keinem Rücken.
„Ich habe dich nicht gefragt“, sagte er.
Ansel hob den Kopf.
„Ich habe von Aurel gesprochen, als müsste ich nur endlich sagen, was ich will, und dann wäre alles weitere anständig genug. Ich habe sogar gedacht, ich lasse dir Freiheit, wenn ich nicht nach dir frage.“ Caspian rieb mit dem Daumen über die andere Hand. „Das war bequem. Wenn du von selbst mitkommst, muss ich nicht hören, was es dich kostet.“
„Du kannst mich jetzt fragen.“
Die Einfachheit des Angebots nahm ihm seine vorbereiteten Sätze. Er hatte um vieles gebeten, und oft war die Bitte nur der geschickteste Teil einer Täuschung gewesen. Hier schien ihm selbst die richtige Betonung verdächtig. Ansel wartete, ohne ihm zu helfen.
„Kommst du mit mir?“
„Weil du Aurel suchst?“
„Weil ich dich brauche.“
Das war näher an der Wahrheit und zugleich gefährlicher. Caspian sah, wie Ansels Finger sich um den Fadenwickel schlossen. Er ging nicht zu ihm. Wenn er ihn jetzt berührte, würde er versuchen, den Rest mit der Berührung zu sagen, und Ansel müsste daraus machen, was Caspian nicht aussprechen konnte.
„Ich möchte mit dir gehen“, fuhr er fort. „Nicht bloß heute. Nicht, bis ich an eine Tür komme, hinter der du auf mich warten sollst. Ich weiß nur nicht, wie ich dir etwas anderes anbieten kann. Ich kann nicht so tun, als ließe sich diese Sache hinter uns schließen. Wir haben versucht, unser Leben zu haben. Ich habe geglaubt, wenn ich es nur ernst genug meine, wenn ich mich gegen das andere entscheide, dann würde irgendwann ein gewöhnlicher Tag daraus.“
Er hatte lauter gesprochen. Vom Hof drang eine Stimme herein, und er senkte die eigene, als müsste er sich vor ihr entschuldigen.
„Stattdessen stehe ich schon wieder hier mit diesem verdammten Buch. Ich könnte es hassen, bis ich nichts anderes mehr fühle, und würde es doch einpacken. Es ist unter meiner Haut, Ansel. Nicht nur dieses Jucken. Dass etwas nach mir greift, wann es will, und ich hinterher herausfinden darf, was noch von mir da ist.“
Ansel legte den Faden hin. „Du bist jetzt da.“
„Ja. Und ich will, dass du da bist. Das macht die Bitte nicht klein.“
Caspian lachte kurz über sich selbst und brach ab. Er wollte nicht lachen. Seine Kehle war eng geworden. „Du hältst mich fest, wenn ich selbst nicht mehr weiß, woran. Aber ich will dich nicht festmachen wie etwas, das ich brauche und deshalb behalten darf. Ich weiß nicht, wie ich beides sagen soll, ohne dass das eine das andere frisst.“
Ansel stand auf. Caspian spürte den Wunsch, nach ihm zu greifen, noch bevor Ansel vor ihm angekommen war.
„Ich bin müde“, sagte Ansel. „Ich bin so müde, dass ich manchmal beim Essen denke, ich müsste mich nur kurz hinlegen, und dann schlafe ich doch nicht. Und ich habe Angst vor dem, was du mir erzählst. Nicht immer zur passenden Zeit. Manchmal sehe ich deine Hand, ganz gewöhnlich auf dem Tisch, und dann denke ich plötzlich daran, dass du nicht weißt, was geschehen ist, während du nichts mehr wusstest.“
Caspian senkte den Blick auf diese Hand. Ansel legte seine darüber.
„Wir sind endlich wieder zusammen, und ich will jetzt nicht bei deinem Bündel stehen und dir sagen, was ein vernünftiger Mensch tun würde. Ich will mit dir leben. Dazu gehört, dass ich mitentscheide, wohin meine Füße gehen und wann ich mich hinsetze. Es gehört auch dazu, dass ich wütend auf dich sein darf, ohne dass du gleich glaubst, ich hätte dich aufgegeben.“
„Das glaube ich nicht immer.“
„Oft genug.“
Caspian nickte. Er hatte nichts zu erwidern, das nicht nach einem Handel geklungen hätte.
Ansel drückte seine Hand fester. „Ich komme mit. Ich weiß nicht, ob ich dich vor irgendetwas schützen kann. Du wirst mich nicht später daran erinnern dürfen, dass ich hätte wissen müssen, worauf ich mich einlasse, und dann alles allein entscheiden. Wenn ich sage, ich kann nicht weiter, hörst du mir zu. Wenn du nicht weiterkannst, sagst du es.“
„Ich werde es versuchen.“
„Versuch es rechtzeitig.“
Caspian zog ihn an sich. Ansel kam ohne Widerstand näher, doch der erste Druck an der Schulter schmerzte, und Caspian zuckte. Ansel wollte sich zurücknehmen. Caspian hielt ihn an der Taille.
„Hier“, sagte er und führte ihn ein wenig zur Seite.
Es war ein unbeholfener Platz für eine Umarmung, zwischen Tisch und Pritsche, mit Gepäck an ihren Füßen und einem Arm, den Caspian nicht richtig heben konnte. Ansels Gesicht lag an seinem Hals. Caspian roch den gewaschenen Stoff und darunter die Wärme eines Menschen, der ebenfalls lange gegangen war. Er küsste ihn neben dem Mund, dann richtig. Ansel ließ ihn nicht mit einem dankbaren kleinen Kuss davonkommen. Seine Finger schoben sich an Caspians Nacken, und für einen Moment dachte Caspian an keine Tür.
Als sie sich lösten, musste Ansel den Fuß über einen Riemen heben. Er sah auf das Gepäck.
„Das Wasser nehme ich zunächst“, sagte er. „Du trägst die leichte Rolle. Später tauschen wir.“
Caspian wollte widersprechen, weil Ansel gerade von seiner Müdigkeit gesprochen hatte. Dann nahm er die Rolle. Sie verteilten, was sich verteilen ließ, ohne das Buch aus seinem Bündel zu nehmen. Ansel steckte noch den Fadenwickel vom Tisch zu den Lederresten. Caspian hob sein Bündel diesmal vom erhöhten Rand der Pritsche an. Ansel hielt den Riemen, bis er richtig lag, und ließ los.
Im Hof gaben sie die geliehenen Becher zurück. Ansel verabschiedete sich von der Stationsfrau. Caspian bedankte sich, ohne der Frau zu erklären, was ihr Dach verhindert oder ermöglicht hatte. Sie brauchte den Tisch wieder frei und wünschte ihnen trockene Wege. Hinter ihnen schlug ein Korb auf die Erde.
Sie gingen nebeneinander zur Straße.
Zunächst war es leichter, als Caspian befürchtet hatte. Das Bündel blieb an seinem Platz. Die Hüfte zog nur beim ersten längeren Schritt, und Ansel ging ohne Eile, als gäbe es nichts, das sie einholen mussten. Caspian war versucht, schneller zu werden. Er hielt sich zurück, bis der Hof verschwunden war, und dann noch einmal, als die Straße tiefer führte.
Die Geräusche der Station verloren sich hinter ihnen. Aus dem Rand des Wegs ragten Wurzeln, zwischen denen alter Schlamm hart geworden war. Caspian erinnerte sich an das mühselige Gehen auf seiner vorherigen Reise. Neben dieser Erinnerung war Ansels Schritt beinahe störend wirklich. Er konnte ihn hören, ohne ihn sich vorstellen zu müssen. Hin und wieder strichen ihre Ärmel aneinander.
Als sie eine ansteigende Strecke erreichten, begann die Wade zu ziehen. Caspian setzte den Fuß etwas anders auf. Das half, bis die andere Seite protestierte. Er sah zu den Bäumen und verlangsamte seinen Gang.
„Hübsch hier“, sagte er.
Ansel blieb stehen. Caspian ging noch weiter, als hätte er nur beiläufig gesprochen, und kehrte dann mit betonter Gelassenheit zu ihm zurück.
„Was?“
„Wie hübsch?“
„Müssen wir das abstufen?“
„So hübsch, dass du dich hinsetzen musst?“
Caspian betrachtete den niedrigen Rand neben dem Weg. Es war keine besonders gute Sitzgelegenheit, aber er hatte sie bereits bemerkt. Ansel sah es ihm an.
„Du könntest wenigstens so tun, als wäre meine Täuschung gelungen.“
„Sie ist gelungen. Wir sehen uns jetzt die Landschaft an.“
Ansel setzte sich zuerst. Caspian ließ das Bündel herunter und folgte ihm langsamer. Erst als er saß, merkte er, wie stark er die Zähne zusammengepresst hatte. Die Wade arbeitete noch nach, obwohl er sie nicht mehr bewegte. Ansel reichte ihm Wasser und zog selbst den Schuh aus. Er strich mit dem Daumen über den Strumpf an der Ferse.
„Schon bereut?“, fragte Caspian.
„Den Schuh? Ungefähr seit ich ihn habe.“
„Du weißt, was ich meine.“
Ansel sah die Straße hinunter. „Ja. Und du weißt, dass mein Fuß keine Antwort darauf ist.“
Caspian wollte sich entschuldigen. Stattdessen trank er noch einen Schluck und reichte das Wasser zurück. Der Wind war hier deutlicher zu spüren. Er bewegte das lose Ende von Ansels Schnürung über dem Boden. Caspian hielt es fest, bevor es in den Staub fiel, und legte es über den Schuh.
„Ich habe unterwegs manchmal so getan, als wäre ich zuversichtlicher“, sagte Ansel. „Auch vor mir selbst. Wenn jemand fragte, wohin ich wolle, musste ich irgendetwas sagen, das wie ein Ziel klang. Es wurde leichter, wenn ich es mit einer ruhigen Stimme sagte.“
Caspian hob den Kopf. „Du musstest niemandem Rechenschaft geben.“
„Das sagst ausgerechnet du.“
Er hatte recht. Caspian kannte den Ton, in dem man eine Richtung sagte, damit niemand die Unsicherheit dahinter hörte. Er hatte ganze Menschen aus solchen Tönen gebaut.
„Nach dem Licht?“, fragte er.
Ansel nickte. „Ich habe geglaubt, richtig zu handeln. Das glaube ich noch. Aber daraus wird kein Weg unter den Füßen. Ich konnte nicht jeden Morgen eine Gewissheit auspacken und davon essen. Manchmal wollte ich einfach, dass ich mich nicht geirrt habe.“
„Weil du mir nicht gefolgt bist.“
„Ja.“ Ansel zog die Finger unter dem Schuh hervor und legte beide Hände auf seine Knie. „Ich habe mir vorgestellt, was du sagen würdest, wenn du mich findest. Dann habe ich versucht, etwas Vernünftiges darauf zu antworten. Du warst in diesen Gesprächen unerträglich.“
Caspian lächelte, aber Ansel erwiderte es erst spät.
„Und manchmal“, fuhr er fort, „habe ich mir nicht einmal vorgestellt, dass du mich findest. Ich habe nur gearbeitet oder gegessen und so getan, als wären wir irgendwo voneinander getrennt, wie Menschen eben getrennt sind. Als müsstest du irgendwann um eine Ecke kommen. Das war feige. Vielleicht war es auch das Einzige, was an manchen Tagen ging.“
Caspian sah, dass Ansel jetzt auf eine Erwiderung wartete. Er konnte ihm keine geben, die zugleich seine eigene Zeit ungeschehen machte. Er war allein gewesen. Ansel war nicht gekommen. Sie hatten darüber gesprochen, und die Worte hatten den Mangel erklärt, nicht beseitigt.
„Ich habe mir auch Gespräche mit dir ausgedacht“, sagte er.
„War ich vernünftig?“
„Entsetzlich. Ich habe nicht ein einziges gewonnen.“
Ansel lachte, und Caspian konnte ihm endlich ins Gesicht sehen, ohne schon nach dem nächsten Beweis zu suchen.
„Ich will wissen, was dieses Licht war“, sagte Ansel. „Ich will nicht, dass es nur etwas ist, mit dem ich mich dafür entschuldige, dass ich nicht zu dir kam. Es war nicht böse. So habe ich es erlebt. Vielleicht liege ich falsch. Aber wenn ich jetzt so tue, als hätte ich gar nichts erfahren, damit ich dir nicht widerspreche, dann lüge ich dich auf eine neue Weise an.“
Caspian strich einen Stein vom Rand, auf dem sie saßen. Er hatte die alten Einwände sofort zur Hand. Ein freundliches Wesen konnte lügen. Ein tröstlicher Eindruck konnte eine Falle sein. Ansel kannte die Einwände bereits; er hatte gerade selbst Platz für sie gelassen.
„Ich möchte dir glauben können“, sagte Caspian. „Mehr kann ich dir gerade nicht geben.“
„Du hörst mir zu. Das ist schon etwas.“
Sie blieben sitzen, bis die Wade nicht mehr in kleinen Stößen zog. Caspian wollte Ansel nicht allein das Schweigen überlassen, also fragte er nach dem Schuh. Ansel zeigte ihm, wo die Kante drückte. Mit einem Rest weichen Stoffes, den er selbst aus seinem Bündel nahm, polsterte er sie aus. Caspian hielt das Wasser und wartete. Caspian reichte ihm danach die leichte Rolle und behielt den Wasserbeutel für das nächste Wegstück.
„Aurel hätte vermutlich jemanden verurteilt, wenn sein Schuh so aussähe“, sagte er.
„Wen?“
„Den Schuh zuerst. Anschließend die ganze Straße.“
Ansel zog die Schnürung fest. „Du freust dich auf ihn.“
Caspian schüttelte sofort den Kopf, und dann nicht mehr. Er freute sich nicht auf Aurels Stimme. Trotzdem spürte er etwas, wenn er an den lebenden Mann auf der Steinbank dachte. Er hatte sich an dessen Atem festgehalten, noch bevor er wusste, was er damit wollte.
„Ich freue mich darauf, ihm meine Wut sagen zu können“, sagte er. „Dass er noch lebt und sie hören muss. Das ist wahrscheinlich eine abscheuliche Art, es auszudrücken.“
„Ich verstehe es.“
„Verstehen macht es nicht besser.“
„Es macht es wenigstens zu etwas, worüber wir reden können.“
Caspian lehnte sich mit den Unterarmen auf die Knie. Aurel hätte aus dieser Haltung einen Mangel an Selbstbeherrschung gelesen, und Caspian ärgerte sich noch im Gedanken darüber. Er konnte sich das schöne Gesicht vorstellen, die kleine Ungeduld, wenn jemand zu lange brauchte, um eine Erklärung angemessen zu bewundern. Der Körper auf der Bank hatte diese Erwartung nicht ganz aufgegeben.
„Manchmal ist er wie ein Junge, dem jemand ein Schwert gegeben hat“, sagte Caspian. „Einer, der immer noch glaubt, es sei ein Spiel, solange er entscheidet, wann es aufhört. Ein Kind kann dir schon mit einem Holzschwert das Auge ausstechen. Aurel hat etwas, das durch einen Menschen hindurchgreift, und hält sich dabei für den einzigen Erwachsenen im Raum.“
„Er weiß, dass es kein Spiel ist.“
„Ich weiß.“
Caspian sah auf seine Hände. Radenas Hand hatte sich nicht selbst gegen sie gewandt. Er konnte Aurel jede kindliche Eitelkeit vorwerfen, ohne damit auch nur einen seiner Befehle aus der Welt zu nehmen.
„Ich möchte ihm manchmal etwas wegnehmen, das er nie hätte bekommen dürfen“, sagte er. „Und dann sehe ich ihn dort sitzen und denke, vielleicht hat man ihm längst alles genommen. Vielleicht gehen wir zu einem Mann, der nicht einmal mehr aufstehen kann, und ich habe unterwegs schon entschieden, wie sehr ich ihm misstrauen muss.“
Ansel legte die Hand an die Schuhspitze und bog sie vorsichtig. „Du misstraust ihm nicht wegen der Bank.“
„Nein.“
„Dann dürfen wir nachsehen, ob er aufstehen kann. Und danach haben wir immer noch Grund, ihm zu misstrauen.“
„So ordentlich wird er es uns nicht machen.“
„Vermutlich nicht. Aber wir müssen es ihm auch nicht leichter machen, indem wir schon auf dem Weg erfinden, was für ein Mensch er geworden ist.“
Caspian nickte. Er erinnerte sich an seine eigene Antwort am Tisch der Station. Sie war richtig gewesen, beinahe zu vollständig. Hier, mit einem Stein unter dem Gesäß und der Sorge, ob Ansels Schuh halten würde, musste daraus etwas werden, das sie tatsächlich tun konnten.
„Zuerst sehen wir ihn“, sagte er. „Wir hören ihn. Ich werde nicht für ihn sprechen, bevor er den Mund geöffnet hat.“
„Und wir verlangen keine Dankbarkeit, damit die Sache zu deiner Erleichterung passt.“
Caspian sah ihn scharf an. Ansel wich dem Blick nicht aus.
„Das war unnötig“, sagte Caspian.
„War es falsch?“
Er hätte die Frage gern zurückgeworfen. Stattdessen sah er wieder zu seinem Bündel. Er hatte sich bereits einen Augenblick ausgemalt, in dem Aurel ihn erkannte und etwas in seinem Gesicht nachgab. Caspian wusste nicht, ob er Mitleid gesucht hatte oder den Genuss, von jemandem gebraucht zu werden, der ihn einst so selbstverständlich benutzt hatte.
„Nein“, sagte er schließlich. „Nicht ganz.“
Ansel legte ihm die Hand auf den Unterarm. „Wir sind zwei Menschen, die ein Buch tragen. Wenn du anfängst, ihm wieder seine Größe zurückzugeben, damit deine Rettung größer wird, dann erinnere dich an meinen verdammten Schuh.“
Caspian musste lachen, obwohl es noch weh tat. Er nahm Ansels Hand und hielt sie einen Augenblick fest.
„Den werde ich so bald nicht vergessen.“
Sie standen auf. Diesmal versuchte Caspian nicht, die Bewegung schnell aussehen zu lassen. Ansel wartete, bis er das Bündel richtig aufgenommen hatte. Dann gingen sie weiter.
Die folgenden Tage hatten keinen gleichmäßigen Gang. Nach einer guten Nacht kamen sie leichter voran; nach einer schlechten wurde ein kleiner Anstieg zu etwas, das Caspian lange betrachtete, bevor er ihn begann. Sie aßen dort, wo sie Wasser fanden und sitzen konnten. Caspian wickelte das Brot sorgfältiger ein, als er je einen kostbaren Gegenstand behandelt hätte. Abends prüfte er seinen Schuh, bevor er ihn auszog, und morgens hoffte er, ihn falsch in Erinnerung zu haben.
Ansel trug das Wasser nicht allein. Sie tauschten, wenn einer es verlangte, und manchmal musste der andere daran erinnern. Caspian lernte, den Anfang seiner Erschöpfung zuzugeben, obwohl ihm der Satz jedes Mal wie eine unerwartete Niederlage vorkam. Es half, dass Ansel ebenfalls langsamer wurde und fluchte, wenn ein Stein genau die falsche Stelle unter der Sohle traf. Er war kein geduldiger Geist, den Caspian zu seiner Begleitung erfunden hatte. Er hatte Hunger, zog die Decke im Schlaf an sich und fand an einem Morgen Caspians Bemerkungen so wenig unterhaltsam, dass sie eine Weile schweigend gingen.
Später brachte Caspian ihn doch zum Lachen. Er blieb vor einem unscheinbaren Gebüsch stehen, setzte einen tief bekümmerten Blick auf und erklärte, dessen Anblick verlange dringend nach einer sitzenden Betrachtung.
Ansel musterte ihn. „Du willst nur an das Brot.“
„Du kannst meine Schmerzen nicht sehen.“
„Deinen Hunger leider schon.“
Sie teilten das Brot. Caspian behielt den kleineren Rest nicht aus Tugend, sondern weil Ansel sich inzwischen genau angesehen hatte, wie er brach. Das gemeinsame Misstrauen war für diesen Augenblick eine angenehme Sache.
Die Paginae blieben eingewickelt. Wenn Caspian abends die Kleidung verschob, sah er ihre Form und nahm sie wahr, ohne daraus jedes Mal eine Entscheidung zu machen. Das kleinere Päckchen mit der Falkenmünze fühlte er in seiner inneren Tasche, sobald er den Rock ablegte. Er ließ es dort. Es gab gewöhnlichere Dinge zu verlieren: einen Stoffstreifen, eine brauchbare Schnur, die Geduld mit dem Menschen, der neben ihm lag.
Als sie den niedrigen Stein erreichten, hätte Caspian ihn beinahe übersehen. Er stand etwas neben dem getretenen Weg, mit Erde am Fuß und einer so stumpfen Kopfkante, dass sie im schrägen Blick rund wirkte. Caspian ging an ihm vorbei, hielt an und kehrte zurück. Er ließ das Bündel am Wegrand sinken.
Ansel setzte seines daneben ab und löste den Wasserbeutel.
Caspian kniete sich nicht hin. Er beugte sich vor, legte die Hand auf den breiten Kopf und strich mit den Fingern über die Fläche darunter. Zwei flache Schnitte liefen schräg durch den Stein. In einem saß trockene Erde. Er schob sie mit dem Daumen heraus.
„Diese?“, fragte Ansel.
„Ja.“
Das Wort war heraus, ehe Caspian nach einer Einschränkung suchen konnte. Er ließ die Hand liegen. Er kannte nicht jeden Riss, nicht die abgeplatzte Stelle am Rand. Aber die Bearbeitung stimmte. Er sah etwas, das sich anfassen ließ, hier an der Straße, ohne dass er eine Seite öffnen musste.
Ansel trat neben ihn. Caspian zeigte ihm die Kerben. Dann richtete er sich auf und sah erst jetzt deutlich, wie der Weg sich hinter dem Stein teilte. Die breitere Spur führte weiter zwischen flache Böschungen. Die andere bog unter Bäume. Beide waren benutzt. Auf keiner stand geschrieben, wem ein Raum aus rauem Stein gehörte.
Ansel nahm den Wasserbeutel auf. „Gut“, sagte er. „Dann sind wir wenigstens in der Gegend.“
Caspian sah von einem Weg zum anderen. Seine erste Freude hielt der Verzweigung nicht ganz stand, aber sie verschwand auch nicht. Er nahm sein Bündel, wartete auf Ansel und ging mit ihm bis an die Gabelung.