I · Domus Aperta
Als der Wagen in ihre Straße einbog, erkannte William zuerst das offene Fenster.
Es war das Fenster des vorderen Zimmers. Seraphina hatte es vor der Abreise geschlossen, nachdem der Verwalter ihnen versichert hatte, er werde an trockenen Tagen lüften. Nun stand der eine Flügel offen, und der Vorhang hing schräg über dem Brett. Irgendjemand hatte einen Stein daraufgelegt, damit der Stoff nicht hinauswehte.
William war darüber beinahe erleichtert.
Dann bewegte sich der Mann unter der Decke.
»Langsamer«, sagte Bethany.
Der Fuhrmann nahm die Zügel an. Er hatte den Wagen schon seit der letzten Wegbiegung langsam geführt; Bethany sah trotzdem zu ihm auf, und er nickte. Auf dem Pflaster schaukelte die Ladefläche anders als auf der Landstraße. Jeder Stoß ging durch die Bretter, durch die gefalteten Mäntel und zuletzt in den Körper, den sie seit Tagen darauf betteten.
Aurel hatte den Kopf zur Seite gedreht. Unter dem Tuch, das seine Augen bedeckte, blieb ein schmaler Streifen seiner Wange sichtbar. Die Haut dort war heller als der Bart. Seine Finger lagen um den Saum der Decke geschlossen.
William beugte sich zu ihm.
»Wir sind da.«
Aurel antwortete nicht sofort. Sein Mund bewegte sich, ohne dass ein Wort kam. Bethany hob den kleinen Wasserbecher vom Boden auf.
»Erst stehen«, sagte sie. »Sonst schütten wir es Euch wieder ins Hemd.«
Es war dieselbe Stimme, mit der sie den Fuhrmann am Vortag aufgefordert hatte, nicht über jede Unebenheit zu schimpfen, wenn er anschließend doch darüberfuhr. William sah, wie Aurels Finger sich ein wenig lösten.
Vor dem Haus der Tuchmacherin wurde eine Tür geöffnet. Ein Junge trat mit einem leeren Korb heraus, sah zum Wagen und lief weiter. Niemand rief nach einer Wache. Niemand zeigte auf das verhüllte Gesicht.
William hatte sich während der letzten Wegstunde zu oft vorgestellt, dass genau das geschehen würde.
»Dort halten«, sagte er und deutete auf die schmale Einfahrt neben ihrem Haus.
Seraphina wandte sich vom Kutschbock um.
»Vorher brauchen wir den Schlüssel.«
»Ich weiß.«
»Dann sieh mich an, wenn ich mit dir rede.«
Er tat es. Sie hielt sich mit einer Hand am Wagen fest; in der anderen lag die Tasche mit den Reiseunterlagen. Ihre Augen waren gerötet, und am Kragen klebte Staub. Er hatte sie am Morgen noch schlafen lassen wollen. Sie hatte ihn gefragt, wer dann mit dem Wirt über die zweite Nacht verhandeln solle.
»Ich hole den Verwalter«, sagte sie. »Ihr bleibt hier. Wenn jemand fragt, sind wir zurück. Das wird sich kaum verheimlichen lassen.«
»Seraphina.«
»Den Namen weiß ich zu behalten.«
Sie stieg ab, ohne seine Antwort abzuwarten.
Der Fuhrmann brachte die Pferde zum Stehen. Durch das offene Fenster sah William die Decke auf dem Tisch, genau dort, wo sie gelegen hatte, als sie gegangen waren. Es war ein merkwürdig unerträglicher Anblick. Er hatte sich nach diesem Zimmer gesehnt, nach einer Tür, hinter der niemand etwas von ihm verlangte. Jetzt zählte er die Schritte vom Wagen bis zur Einfahrt und überlegte, ob sich ein Mensch tragen ließ, ohne dass ein Nachbar sehen konnte, dass es ein Mensch war.
Bethany berührte seinen Ärmel.
»Du kannst ihm kein zweites Tuch übers Gesicht legen.«
Er sah sie an.
»Das habe ich nicht vor.«
»Du schaust so.«
Sie hielt den Becher an Aurels Lippen. Er nahm zwei kleine Schlucke, hustete und hob die Hand. Bethany setzte sofort ab.
»Gut. Mehr später.«
»Wie weit?«, fragte er.
Seine Stimme war rau, aber deutlicher als am Morgen nach dem Brand. Das allein hätte William freuen sollen. Stattdessen spürte er die alte Gereiztheit darüber, dass Aurel mit wenigen Worten wieder ein Gespräch bestimmen konnte.
»Bis ins Haus nur einige Schritte.«
»Treppen?«
William blickte zur Einfahrt.
»Auch Treppen.«
Bethany wandte den Kopf zu ihm. Sie sagte nichts. Das war schlimmer, als wenn sie widersprochen hätte.
Aurel schob seine Zunge über die trockene Unterlippe.
»Sagt es, bevor ihr mich hebt.«
»Das werden wir«, antwortete sie.
Der Fuhrmann war abgestiegen und prüfte einen Riemen, der keine Prüfung brauchte. Seit sie den Verletzten aus dem brennenden Haus geholt hatten, hatte er manche Dinge auf diese Weise getan. Er zog Schnallen nach, wenn William und Bethany leise miteinander sprachen. Er ging zu den Pferden, wenn Aurel aufwachte. Er hatte nicht noch einmal gefragt, wer der Mann sei.
William wusste nicht, ob das Rücksicht war oder Vorsicht. Beides war ihm lieber als Neugier.
»Wir müssen ihn durch die Einfahrt bringen«, sagte er.
»Dann lade ich erst die Kisten ab.«
»Die können warten.«
Der Mann sah zur schmalen Öffnung hinüber. »Wenn die Kisten auf dem Wagen bleiben, komme ich von dieser Seite nicht an ihn heran.«
William folgte seinem Blick. Die Büchertruhe stand zwischen Radkasten und Aurels Füßen.
»Ja«, sagte er. »Natürlich.«
Der Fuhrmann nickte nur. Er hob die erste Reisetasche herunter.
***
Der Verwalter kam mit Seraphina zurück und hatte bereits die Schlüssel in der Hand. Er begann mit dem Dach.
Es sei kein neuer Regen eingedrungen, sagte er. Die Stelle an der Wand habe er zweimal geprüft. Im hinteren Raum fehle allerdings ein Haken am Fensterladen; der alte sei beim Öffnen aus dem Holz gekommen. Er habe keinen neuen einsetzen lassen, weil er nicht gewusst habe, ob sie denselben Beschlag wiederhaben wollten.
William hörte jedes Wort und verstand erst beim letzten, dass eine Antwort erwartet wurde.
»Ein passender Haken genügt.«
»Das sagte ich ihm auch«, bemerkte Seraphina.
Der Verwalter betrachtete den Wagen. Sein Blick hielt sich einen Augenblick an Bethany fest, dann an der Decke über Aurel.
»Ihr habt jemanden mitgebracht.«
»Einen Verletzten«, sagte William.
»Soll ich nach einem Heiler schicken?«
»Wir haben ihn versorgt.«
»Unterwegs«, ergänzte Bethany. »Jetzt braucht er ein Bett, in dem er liegen bleiben kann.«
Der Verwalter nickte. Er fragte nicht nach dem Namen. William hätte ihm dafür danken können, aber schon ein Dank wäre auffällig gewesen.
Seraphina deutete auf den Schlüsselbund.
»Wir müssen zuerst hinten hinein. Könnt Ihr vorn bleiben und dem Fuhrmann zeigen, wohin das Gepäck kommt? Die kleineren Taschen nehmen wir selbst.«
»Die Truhe auch?«
»Die bleibt bei mir.«
Der Mann sah sie kurz an. Sie sah zurück, ohne zu lächeln. Dann ging er zur Haustür.
William hörte den Schlüssel im Schloss, das vertraute Scharren des unteren Türholzes über die Schwelle. Er hatte vergessen, wie viel von einem Haus man am Geräusch erkannte. Der Verwalter reichte Seraphina die Schlüssel, und sie löste den für den Keller vom Ring.
Die Einfahrt führte in einen kleinen Hof. An dessen Ende lag die Küchentür. Hinter ihr führte ein kurzer Gang zum niedrigen Zugang des Kellers. William hatte auf der Reise immer nur an diese innere Tür gedacht: an die Wand dahinter, an die wenigen Stufen, an den Raum, den niemand betreten musste, der gewöhnlich ins Haus kam.
Nun stand ein Wassereimer davor.
Er nahm ihn fort, stieß dabei mit dem Henkel gegen den Türpfosten und erschrak über den Klang.
Bethany war ihm gefolgt. Sie trug Aurels Wasserbecher und das Bündel mit den sauberen Tüchern.
»Zeig mir den Raum.«
»Wir sollten ihn erst hineinbringen.«
»Ich möchte wissen, wohin.«
Von vorn drang die Stimme des Verwalters zu ihnen. Er erklärte dem Fuhrmann, dass Bethanys Stuhl nicht mit den anderen an den Tisch gehöre. William hatte nicht gewusst, dass der Mann sich das gemerkt hatte.
Seraphina brachte ihm den Schlüssel. Er schloss die Kellertür auf.
Die Luft war kühl. Nicht verdorben, nicht feucht genug, um sich auf den Brettern niederzuschlagen. Aber sie roch nach Mauerwerk, gelagerten Gefäßen und einem Raum, in dem seit längerer Zeit niemand gesessen hatte. Durch das kleine Fenster fiel ein schmaler Streifen Licht. An der inneren Wand stand eine niedrige Bank.
»Die können wir verbreitern«, sagte William. »Mit den Brettern aus dem hinteren Raum. Die Matratze passt darauf.«
Bethany blieb auf der letzten Stufe stehen.
»Und wenn ich auf die andere Seite muss?«
»Wir ziehen sie vor.«
»Wohin?«
Er sah auf den Boden. Zwischen Bank und Regal war Platz für einen Menschen, vielleicht für zwei, wenn einer sich seitlich stellte.
Bethany stieg hinunter, kniete sich vor die Bank und legte die Hand darauf. Dann stand sie wieder auf.
»Er liegt hier zu tief. Ich kann mich zum Waschen hinknien. Zum Aufrichten brauche ich aber Platz für meine Beine, und du auch. Wenn er hustet und sich verschluckt, will ich nicht erst ein Regal versetzen.«
»Das Regal kommt heraus.«
»Gut. Und die Bank?«
William schwieg.
»Du hast einen Platz gesucht, an dem ihn keiner sieht«, sagte sie. »Ich brauche einen, an dem wir ihn versorgen können.«
Er trat an das Fenster. Es lag hoch in der Wand, draußen aber kaum über dem Hofboden. Wer sich davor bückte, würde hineinsehen können. Der Riegel ließ sich mit zwei Fingern bewegen. William öffnete ihn einen Spalt, prüfte den Luftzug an seiner feuchten Hand und schloss wieder.
»Die Truhe mit dem alten Bettzeug steht oben«, sagte er. »Wir nehmen den Rahmen aus dem unbenutzten Zimmer. Ohne Fußstück müsste er hier durchpassen.«
»Ich halte«, sagte Bethany.
William nahm die Schnur aus seiner Tasche. Er maß die lichte Breite und danach den Platz an der inneren Stufenkante. Dort mussten sie den Rahmen drehen können; mit dem hohen Fußstück würde er hängen bleiben.
Sie hielt ihm das eine Ende, während er das andere an die innere Kante der Tür legte.
***
Sie brachten Aurel zunächst in die Küche.
Es war Bethanys Entscheidung, und William widersprach ihr nicht mehr. Der Raum lag hinter dem vorderen Zimmer, die Tür zum Hof ließ sich schließen, und auf dem breiten Tisch konnten sie die Unterlage aus dem Wagen ablegen, ohne ihn erneut tief hinabzulassen.
Der Fuhrmann half bis dorthin.
»Wir heben jetzt«, sagte William.
Aurel nickte. Als sich die Decke unter seinem Körper spannte, packte er nach Williams Unterarm. Der Griff traf genau dieselbe Stelle wie im brennenden Haus.
William blieb stehen.
»Ich habe dich.«
Aurels Finger drückten fester.
»Nicht an der Schulter ziehen«, sagte Bethany. »Die Hand darf bleiben. Wir bewegen uns zusammen.«
Der Fuhrmann wartete mit angehaltenem Atem. William nickte ihm zu, und sie gingen.
Es waren nur wenige Schritte. Im Türrahmen mussten sie sich drehen. Aurels Füße stießen gegen das Holz, nicht hart, doch er zuckte so heftig zusammen, dass William beinahe seinen Halt verlor.
»Pfosten«, sagte Seraphina sofort. »Nur der Pfosten. Noch ein Stück nach links, William.«
Er folgte ihrer Stimme. Dann waren sie im Haus.
Auf dem Tisch entspannte Aurel die Hand nicht gleich. William ließ sie liegen, bis Bethany ihm sagte, er könne sich lösen.
Draußen räusperte sich der Verwalter. Er stand im Hof, die beiden Reisetaschen zu seinen Füßen.
»Ich kann den Haken heute noch holen.«
Seraphina zog die Küchentür halb zu.
»Morgen reicht. Heute nehmen wir das Haus erst wieder in Besitz.«
Sie sagte es freundlich. Der Verwalter bückte sich nach den Taschen.
»Die stelle ich noch hinein.«
»Danke.«
William hörte sie über den Beschlag, die Rechnung und einen Sack Kohlen sprechen, der vor ihrer Abreise bestellt worden war und noch nicht geliefert. Das Gespräch war vollkommen gewöhnlich. Gerade deshalb kostete es ihn Mühe, nicht hinauszugehen und es abzukürzen.
Bethany nahm Aurels Handgelenk.
»Bleib bei ihm«, sagte sie. »Ich hole warmes Wasser.«
»Ich kann gehen.«
»Ich weiß. Bleib trotzdem.«
Sie ließ ihn mit Aurel allein.
In der Küche war es heller als auf dem Wagen. Ohne das Rütteln und die Straße zwischen ihnen schien die Nähe größer. William sah die Schmutzränder an den Fingernägeln des Mannes, den dunklen Fleck am Ärmel, den sie trotz aller Tücher nicht sauber bekommen hatten. Er sah das Gesicht unterhalb des Verbandes und konnte sich so genau an ein anderes Gesicht erinnern, dass er die Augen senken musste.
Aurel bewegte den Kopf.
»Ist die Tür zu?«
»Fast.«
»Mach sie zu.«
William sah auf die schmale Öffnung zum Hof.
»Bethany kommt gleich zurück.«
»Ich höre Menschen.«
»Unseren Verwalter. Den Fuhrmann.«
Aurels Mund wurde schmal.
»Er weiß deinen Namen nicht«, sagte William.
»Welcher?«
William antwortete erst nach einem Atemzug.
»Keiner von beiden.«
Aurel lag still. Es war keine Ruhe. William sah es an der Hand, die den Stoff der Unterlage zusammendrückte.
»Du bist in unserem Haus«, sagte er. »Wir bringen dich in einen Raum, den wir abschließen können. Vorher richten wir ihn her.«
»Unter die Erde.«
Die Worte kamen ohne Frage.
»In den Keller.«
»Wie viele Ausgänge?«
William spürte, wie sich sein Kiefer anspannte.
»Einen.«
Aurel wandte das Gesicht von ihm ab.
Einen Moment lang wollte William ihm erklären, dass er keine Ansprüche stellen konnte. Dass sie umgekehrt waren, dass sie seit Tagen kaum geschlafen hatten, dass Bethany über seinen Verbänden gesessen hatte, während Seraphina Essen, Pferde, Zimmer und einen verschwiegenen Weg durch fremde Höfe besorgte. Er wollte aufzählen, was dieser Mann ihnen schuldete.
Stattdessen sah er auf dessen Finger.
»Die Tür bleibt innen unverschlossen, wenn wir bei dir sind«, sagte er. »Und du hörst, wenn jemand kommt. Wir sagen jedes Mal, wer es ist.«
Aurel antwortete nicht.
William wusste nicht, ob das genügte. Er wusste nur, dass er im Augenblick nichts anderes anbieten konnte.
***
Der Fuhrmann wollte den vereinbarten Lohn und einen Zuschlag für die Rückfahrt. William bezahlte beides.
Sie standen im Hof. Die Pferde scharrten in der Einfahrt, und vom Haus nebenan kam das Schlagen eines Webstuhls, unregelmäßig, weil dazwischen jemand sprach.
»Für die Hilfe«, sagte William und legte weitere Münzen auf die offene Hand.
Der Mann zählte nicht sofort nach.
»Ich hätte ihn nicht auf der Straße liegen lassen.«
»Das weiß ich.«
»Dann bezahlt mich nicht, als hätte ich es erst erwägen müssen.«
William nahm die Hand zurück.
Der Fuhrmann sah ihn an. Zum ersten Mal seit der Umkehr lag etwas Unverhülltes in seinem Blick, eine Müdigkeit, die nicht allein von der Fahrt kam.
»Die Nächte waren länger«, sagte William. »Die Pferde mussten öfter stehen. Und Ihr habt getragen, wenn Ihr längst hättet schlafen können.«
Der Mann blickte auf das Geld und schloss die Finger darum.
»Dafür nehme ich es.«
William nickte.
Er hatte sich eine Bitte zurechtgelegt. Keine ungewöhnliche Bitte, nur einen Satz über die Verletzungen des Reisenden und darüber, dass man sich im Haus selbst kümmern werde. Als er den Fuhrmann jetzt vor sich sah, hörte er, wie dieser Satz klingen würde.
»Wenn jemand fragt«, begann er dennoch.
Der andere zog den Riemen seiner Tasche über die Schulter.
»Man wird mich fragen, warum ich früher zurück bin.«
»Sagt die Wahrheit. Wir haben einen Verletzten gefunden und sind umgekehrt.«
»Das hatte ich vor.«
William ließ die Luft aus den Lungen.
»Seinen Namen solltet Ihr auch weiterhin nicht kennen.«
»Dann ist es gut, dass Ihr ihn mir nicht gesagt habt.«
Er ging zu den Pferden. Vor dem Aufsteigen wandte er sich noch einmal um.
»Meine Decke liegt auf dem Stuhl. Ich lasse sie da. Ihr könnt sie mir beim nächsten Auftrag wiedergeben.«
William sah durch die Küchentür zu Bethany, die am Herd stand.
»Wir geben sie zurück.«
»Das genügt.«
Als der Wagen die Einfahrt verließ, trat Seraphina neben William.
»Er hat uns nicht gefragt, ob wir wieder nach Süden fahren.«
»Nein.«
»Ich glaube, er möchte es vorerst nicht.«
William sah dem Rad nach, bis es hinter der Mauer verschwunden war.
Seraphina steckte die Schlüssel ein.
»Der Verwalter kommt morgen mit dem Haken. Ich habe ihm gesagt, wir ruhen uns heute aus und erledigen den Rest selbst.«
»Was hat er gefragt?«
»Ob der Mann bleiben wird.«
William drehte sich zu ihr.
»Und?«
»Dass wir es noch nicht wissen.«
Sie hatte die Antwort so schlicht gegeben, dass er einen Augenblick nach dem Teil suchte, den sie ausgelassen haben musste.
»Das wissen wir auch nicht«, fügte sie hinzu.
»Ich hätte mit ihm sprechen sollen.«
»Du hast mit dem Fuhrmann gesprochen. Ich kann mit unserem Verwalter sprechen.«
»So war es nicht gemeint.«
Seraphina sah ihn an. Ihr Blick fiel kurz auf seine Hand, die noch immer halb geschlossen war, als halte er das Geld darin.
»Dann lass es nicht so aussehen.«
Sie ging hinein.
***
William löste das Fußstück des Bettes, solange der Rahmen noch im oberen Zimmer stand. Die Verbindung saß fester, als er erwartet hatte, gab aber nach, als er den Druck von der richtigen Seite nahm. Er legte die Teile zusammen und zeigte Seraphina, wo sie greifen sollte.
An der Kellertür drehte er seine Seite hoch.
»Halte deine noch einen Augenblick so. Jetzt kann ich über die Leiste hinweg.«
Seraphina lehnte die Schulter an die Wand und wartete, bis er einen sicheren Stand hatte.
»Hier ist nicht viel Platz für einen zweiten Versuch«, sagte sie.
»Einer genügt.«
Von der Küche rief Bethany: »Wenn ihr das Bett im Treppenloch zusammensetzt, muss einer von euch darin schlafen.«
Seraphina lachte einmal, unvermittelt und heiser. William spürte, wie sein eigener Griff lockerer wurde.
William hob die hintere Kante über das Holz. »Jetzt zu dir. Langsam.«
Der Rahmen glitt durch die Öffnung, ohne an die Wand zu schlagen.
Sie stellten das Bett an die innere Wand, weit genug davor, dass Bethany an beide Seiten gelangen konnte. Das leere Regal kam in die Küche. Die Gefäße daraus verteilten sie auf zwei andere Schränke, was Seraphina ärgerte, weil sie nun nicht mehr wusste, wo das Salz stand.
William legte die Matratze auf und drückte mit beiden Händen dagegen. Der Rahmen bewegte sich.
Er kniete nieder, fand die ungleich aufliegende Verbindung und unterfütterte sie mit einem flachen Holzstück. Erst als Seraphina sich auf die Bettkante setzte und wieder aufstand, ohne dass es knarrend zur Seite nachgab, ließ er davon ab.
Das Fenster blieb zunächst geschlossen. Sie erwärmten den Raum nicht mit Feuer, sondern brachten trockene Decken und ließen durch die offene Tür die mildere Luft des Hauses hinein. Bethany prüfte die Wand hinter dem Kopfende und verlangte einen weiteren Abstand.
William rückte das Bett vor.
»So?«
Sie schob ihre Hand zwischen Holz und Mauer.
»So.«
Für Wasser und Tücher nahmen sie den kleinen Tisch. Für das gebrauchte Leinen einen eigenen Korb. Bevor sie ihn hinstellten, legte William sich aufs Bett und streckte den Arm aus.
»Er muss den Becher finden können, ohne über etwas anderes hinwegzugreifen.«
Bethany rückte den Tisch heran. William schloss die Augen, fand die Kante und danach den Becher. Den Korb ließ er auf die andere Seite stellen.
»Da komme ich auch heran, wenn ich bei ihm sitze«, sagte Bethany.
Seraphina nahm den Becher wieder auf und füllte frisches Wasser ein.
Bevor sie Aurel holten, ging William noch einmal in den Hof und kniete sich vor das Fenster. Durch die Scheibe sah er den hellen Fleck der Matratze. Seraphina, die unten den Tisch abwischte, bemerkte ihn erst, als er an das Glas klopfte.
Sie sah hinauf.
»Sehr unauffällig«, sagte sie durch den geöffneten Spalt.
»Leg das dunkle Tuch über die untere Hälfte. Ich möchte sehen, was dann sichtbar bleibt.«
Sie tat es. William rückte nach links, dann nach rechts. Vom Bett sah er nur noch das Fußende. Er richtete sich auf und prüfte den Blick von der Einfahrt her. Die Hofmauer nahm einem Vorübergehenden fast die ganze Sicht; wer hereinkam, hätte sich immer noch eigens zum Fenster wenden müssen.
Zurück im Keller befestigte er das Tuch so, dass es sich zum Lüften abnehmen ließ.
»Wir könnten es ganz verhängen«, sagte Seraphina.
»Dann sähe jeder ein verhängtes Kellerfenster.«
»Jetzt sieht jeder ein halb verhängtes.«
»Und wir sehen ihn beim Verbandwechsel.«
Sie strich die Falte aus dem Stoff und ließ es dabei.
Oben in der Küche lag Aurel still. Bethany saß bei ihm und hatte inzwischen selbst die Augen geschlossen. Als William näherkam, öffnete sie sie sofort.
»Fertig?«
»Das Bett. Noch nicht alles andere.«
»Was fehlt?«
Er zeigte ihr den Schlüssel.
»Wer wieder heraufkommt, behält ihn nicht bei sich. Wir hängen ihn oben neben die Kellertür. Wenn einer von uns draußen ist, müssen die anderen nicht erst auf ihn warten.«
Bethany streckte die Hand aus. Er gab ihr den Schlüssel.
»Und wenn er uns braucht?«, fragte sie.
William sah zum Keller, dann zu dem kleinen Metallbecher auf dem Tisch.
»Den kann er anschlagen. Das hören wir.«
»Wenn er ihn erreicht.«
»Ich werde es mit ihm versuchen. Falls es nicht geht, bleibt jemand bei ihm.«
Bethany drehte den Schlüssel zwischen zwei Fingern.
»Auch während wir schlafen wollen.«
William nickte. Das war der Teil, für den es keine geschickte Anordnung von Möbeln gab. Er sah, wie tief die Schatten unter ihren Augen lagen.
»Die erste Nacht nehme ich«, sagte er.
»Die erste Hälfte«, antwortete sie. »Du hast ihn auch getragen.«
Seraphina kam mit dem letzten Kissen in die Küche.
»Weckt mich danach. Und falls einer von euch entscheidet, aus Rücksicht allein durchzuwachen, darf er morgen erklären, weshalb wir ihm noch ein Bett im Keller aufstellen müssen.«
Bethany lachte leise. William nahm das Kissen und hielt es Aurel unter den Kopf, bevor sie ihn bewegten.
Als sie Aurel hinunterbrachten, hatte William jeden Schritt im Kopf. Er sagte sie ihm trotzdem einzeln an. Schwelle. Drehung. Erste Stufe. Noch eine.
Aurel hielt sich diesmal an seinem Ärmel fest. Auf halber Höhe blieb er mit dem Atem hängen.
»Warten«, sagte Bethany.
Sie standen still. William spürte das Gewicht in den Armen und den Schweiß zwischen seinen Schulterblättern. Er hörte Seraphina hinter sich atmen, angestrengt, aber gleichmäßig.
»Es geht«, sagte Aurel.
»Ihr müsst nicht entscheiden, wann es geht«, antwortete Bethany. »Atmet erst.«
Er tat es. William hätte nicht erwartet, dass er ihr so rasch gehorchte.
Unten lösten sie ihre Griffe erst, als Aurel sicher auf dem Bett lag. Seine Beine waren unter der Decke kaum mehr als schmale Erhebungen. Er bewegte den rechten Fuß, als müsse er prüfen, ob er noch zu ihm gehörte.
Bethany strich die Decke glatt.
»Der Becher steht rechts von Euch. Noch nicht greifen. Ich zeige Euch nachher den Rand des Tisches.«
»Wo ist die Tür?«
»Links von deinen Füßen«, sagte William. »Ein paar Schritte entfernt.«
»Das Fenster?«
»Hoch an der Wand gegenüber.«
Aurel hob das Kinn ein wenig.
William merkte, dass er auf eine dritte Frage wartete. Auf einen Befehl, einen Namen, auf etwas, das ihm den Mann zurückgab, den er kannte.
»Wer bleibt?«, fragte Aurel.
Bethany sah zu William, dann zu Seraphina.
»Jetzt ich«, sagte sie. »Die beiden machen oben etwas zu essen.«
Seraphina griff nach dem leeren Wasserkrug.
William stand noch immer am Fußende. Erst als Bethany ihn beim Namen ansprach, ging er mit.
Auf der obersten Stufe hörte er den hellen Schlag gegen den Metallbecher. Er blieb stehen. Unten sprach Bethany mit Aurel, dann klang es ein zweites Mal, schwächer.
»Auch das«, rief William hinunter.
»Gut«, antwortete sie.
Seraphina zog ihn am Ärmel aus der Tür. »Dann lass uns jetzt etwas essen, solange er uns nicht braucht.«
***
Sie aßen nacheinander.
Zuerst saß William allein am Tisch und schluckte Brot, das trocken wirkte, obwohl es das nicht war. Dann kam Bethany herauf, und Seraphina brachte Aurel die dünne Brühe, über deren Salzgehalt sie in der Küche gestritten hatten. William hatte gesagt, sie sei zu schwach. Seraphina hatte ihm den Löffel gegeben und gewartet. Er hatte nichts mehr hinzugesetzt.
Bethany zog ihren Stuhl vom Tisch fort und setzte sich mit dem Rücken zur Wand.
Ihre Hand lag auf der blank geriebenen Stelle der Lehne. Sie strich einmal darüber. William sah es und sagte nichts.
»Ich hatte mir das anders vorgestellt«, sagte sie.
Er brach ein Stück Brot ab.
»Die Rückkehr?«
»Den ersten Abend.«
Sie zog einen Fuß unter sich und verzog das Gesicht, als sie die Bewegung zu rasch machte. Dann streifte sie den Schuh ab.
»Ich wollte baden. Lange. Und danach wollte ich niemanden mehr anfassen müssen, der nicht vorher selbst gebadet hat.«
William sah auf seine Hände.
Bethany folgte seinem Blick und lächelte müde.
»Du warst eingeschlossen.«
»Das ist beruhigend.«
»Es sollte dich zur Eile anhalten.«
Er lachte leise. Das Geräusch fühlte sich ungewohnt an.
Eine Weile hörten sie nur die Schritte unter dem Boden. Seraphina sprach unten. Die Worte waren nicht zu verstehen, nur der gleichmäßige Ton, mit dem sie jemandem einen Becher erklärte, der ihn nicht sehen konnte.
Bethany legte das Brot hin.
»Wir brauchen morgen sauberes Leinen. Mehr als wir haben. Und etwas, womit wir arbeiten können, ohne jedes Mal eine Schüssel aus der Küche zu nehmen.«
»Ich gehe.«
»Wir gehen. Du suchst sonst wieder das, was sich am unauffälligsten tragen lässt.«
Er wollte widersprechen. Dann dachte er an die Bank im Keller.
»Gut.«
Bethany nahm das Brot wieder auf, aß aber nicht.
»William.«
Er sah sie an.
»Ich bin froh, dass du mich dort zu dir gerufen hast.«
Die Worte trafen ihn an einer Stelle, die den ganzen Tag ungeschützt geblieben war. Er senkte den Blick.
»Ich hätte früher rufen können.«
»Du hast gerufen.«
Unten wurde ein Stuhl über Stein geschoben. Bethany wartete, bis das Geräusch aufhörte.
»Warum er es war, möchte ich trotzdem wissen.«
William nickte.
»Heute.«
»Wenn Seraphina wieder oben ist.«
Es war keine Drohung. Gerade deshalb konnte er ihr nicht mit einer späteren Stunde ausweichen.
Nach dem Essen wusch er die Schüsseln. Bethany ließ ihn und ging in ihr Zimmer. Als Seraphina heraufkam, trug sie die leere Brühschale so vorsichtig, als wäre sie noch voll.
»Er fragt nach Geräuschen«, sagte sie.
William trocknete sich die Hände ab.
»Welchen?«
»Allen. Der Tür. Deinen Schritten. Dem Wasser, das du im Hof ausgegossen hast. Ich habe ihm gesagt, wenn er jedes Geräusch persönlich kennen lernen will, wird er lange wach bleiben.«
»Was hat er gesagt?«
»Nichts. Danach hat er nach dem Wasser gefragt.«
Sie stellte die Schale hin.
William nahm die grüne Lampe aus dem vorderen Zimmer. Das Glas war sauber, der Staubschutz sorgfältig daruntergefaltet. Er erinnerte sich daran, wie Bethany ihn vor der Abreise zurechtgelegt hatte.
»Du brauchst unten nicht viel Licht«, sagte Seraphina.
»Ich möchte trotzdem etwas sehen.«
Sie ließ ihn vorbei.
Im Keller war es wärmer geworden. Die Luft roch jetzt nach frischem Leinen und der Brühe. Aurel lag auf dem Rücken, das Gesicht zur Decke gewandt. William stellte die Lampe auf den Tisch.
»Ich bin es.«
»Allaway.«
»Ja.«
Er setzte sich. Lange sagte keiner etwas.
Dann hob Aurel die Hand ein wenig vom Bett. William dachte, er wolle nach dem Becher greifen, doch die Finger suchten die Kante der Decke.
William zog sie höher.
Aurel ließ die Hand sinken.
Es war eine so geringe Bewegung, dass sie nichts hätte bedeuten müssen. William blieb trotzdem sitzen, als wäre mit ihr eine Entscheidung getroffen worden, die er noch nicht verstand.
Über ihnen ging eine Tür. Bethany. Danach zwei Schritte, eine Pause, Seraphinas Stimme.
»Sie wissen, dass du hier bist«, sagte William.
Aurel wandte das Gesicht in seine Richtung.
»Die beiden.«
»Ja.«
Ein Atemzug verging. Noch einer.
»Und jetzt?«
William sah auf das Licht im grünen Glas.
»Jetzt werde ich mit ihnen sprechen.«
Er stand auf. An der Tür blieb er stehen und sagte, wie sie es vereinbart hatten, dass er gehe.
Oben waren drei Becher auf den Tisch gestellt worden.
Bethany hatte ihren Stuhl herangerückt. Seraphina saß noch nicht. Sie wartete am Fenster, bis William die Kellertür hinter sich geschlossen hatte, und ließ dann den Vorhang fallen.