I · Locus Novus
Die Antwort kam an einem Morgen, an dem William beschlossen hatte, nicht mehr auf sie zu warten.
Er stand im vorderen Zimmer und hielt einen Becher, aus dem er noch nichts getrunken hatte. Der Mann an der Tür hatte nach seinem Namen gefragt, dann nach der Schreibweise, obwohl sie auf dem gefalteten Blatt stand. William buchstabierte sie. Als er die Nachricht endlich in der Hand hatte, hörte er noch etwas von einer Bestätigung des Empfangs. Er musste den Becher abstellen und sich eine Feder holen.
»Ist etwas zu zahlen?«
»Nein. Nur Euer Name.«
Den hatte William gerade zweimal genannt. Er unterschrieb trotzdem, gab die Empfangsbestätigung zurück und wartete, bis die Tür geschlossen war. Die Faltung saß so fest, dass er mit dem Daumen unter die Kante fahren musste.
Weren war zurückgekehrt.
William las die Zeile noch einmal. Steenvik. Es folgte eine knappe Angabe zum Ort, dann die Auskunft, die Rückkehr liege noch nicht lange zurück. Die Anfrage war weitergereicht worden; der Schreiber bedauerte die Verzögerung in einer Wendung, die William selbst schon oft gelesen hatte. Unten standen Name und Amtszeichen. Kein Gruß Werens, keine Nachricht über den früheren Brief.
Das genügte.
Er ging zur Tür, kehrte um, nahm den Becher und ließ ihn dann doch stehen. Seraphina saß im hinteren Zimmer am Tisch. Vor ihr lagen mehrere Blätter. Sie hatte eines quer über die anderen gelegt und schrieb langsam, als müsse jede Zeile den Platz rechtfertigen, den sie beanspruchte.
»Wir haben ihn.«
Ihre Feder blieb über dem Papier stehen.
»Wen?«
William hielt ihr die Nachricht hin. »Weren. Er ist nach Steenvik zurückgekehrt. Die Auskunft kam über die Stelle, an die ich geschrieben hatte. Es hat gedauert, weil sie die Anfrage weiterleiten mussten.«
»Und jetzt will er uns sehen?«
»Er ist dort.«
Seraphina legte die Feder ab und nahm das Blatt. William beugte sich neben ihr über den Tisch, obwohl er wusste, was darauf stand. Sie las bis zur Unterschrift und begann noch einmal oben.
»Du kannst ihn nicht durch längeres Lesen wieder fortschicken«, sagte er.
»Ich suche gerade nach der Einladung.«
»Es ist eine amtliche Auskunft.«
»Das sehe ich.«
Er richtete sich auf. Seraphina betrachtete die Rückseite, auf der außer der Anschrift nichts stand.
»Er weiß möglicherweise noch nicht einmal, dass du ihm geschrieben hast«, sagte sie.
»Dann werden wir es ihm sagen.«
Diesmal sah sie zu ihm hoch. Der kleine Widerstand in ihrem Gesicht ärgerte ihn, ehe er begriff, dass sie selbst lächelte.
»Gut«, sagte sie. »Dann haben wir einen Ort.«
William zog einen Stuhl heran. Er wollte ihr von den Möglichkeiten erzählen, die er sich zurechtgelegt hatte, während sie las. Die ersten Abschnitte würden sie mit der Bahn zurücklegen können. Danach mussten sie sehen, welche Verbindungen tatsächlich bestanden. Einen Wagen mit brauchbarem Einstieg für Aurel hatten sie ohnehin besprochen. Bisher hatten sie nur Lindenval gehabt, eine alte Anschrift, von der keine Antwort gekommen war. Nun konnten sie nach Steenvik fahren.
Seraphina ließ ihn eine Weile reden. Dann nahm sie das quer liegende Blatt vom Tisch und legte es beiseite.
»Wann?«
»Sobald wir alles vorbereitet haben. Wenn wir heute anfangen, könnten wir in wenigen Tagen nach den Verbindungen fragen und dann entscheiden, welche wir nehmen.«
»Ich brauche mehr als ein paar Tage.«
»Dann fahren wir später. Ich möchte jetzt wissen, welche Wege uns offenstehen.«
William sah auf die Blätter, die sie zugedeckt hatte. »Hast du etwas, das dich länger hierhält?«
Sie antwortete nicht sofort. Sie ordnete die Seiten zu einem Stapel, stieß die schiefe Kante gegen den Tisch und zog ihre Hand zurück.
»Ich habe Dinge angefangen, weil nicht feststand, wann du eine Antwort bekommst. Ich werde nicht heute Nachmittag verschwinden. Bethany ebenso wenig.«
»Das habe ich nicht verlangt.«
»Dann brauchst du auch nicht so zu schauen.«
Er wollte wissen, wie er schaute, ließ die Frage aber liegen. Vor einer Minute hatte er noch geglaubt, ihr mit dieser Nachricht eine Freude zu machen. Nun saß er da wie jemand, der sie bei einer Arbeit störte, für die er selbst keine Verwendung hatte.
Seraphina nahm die amtliche Auskunft wieder auf.
»Ich will mit, William. Ich will wissen, ob dieser Mann etwas mit den Texten anfangen kann. Und ich möchte im Norden nach Egon fragen. Nicht nur dann, wenn wir ohnehin vor einer Tür stehen, hinter der zufällig jemand etwas wissen könnte.«
»Dafür reisen wir beide«, sagte William.
»Du kannst mir keine Spur versprechen«, fuhr sie fort. »Das verlange ich auch nicht. Aber wenn ich eine Gelegenheit finde, mit jemandem zu sprechen, will ich sie nutzen können. Ohne dass jeder verlorene Nachmittag gegen deine Arbeit gerechnet wird.«
William sah auf das Blatt zwischen ihnen. Der Schreiber hatte Steenvik mit einem langen, fast waagerechten Strich über dem letzten Wort abgeschlossen.
»Du solltest dich nicht jedes Mal rechtfertigen müssen«, sagte er.
»Ich möchte es lieber vorher sagen.«
»Ja.« Er zog den Stuhl näher an den Tisch. »Dann lass uns vorher darüber sprechen.«
Sie zog die verdeckten Blätter wieder hervor. Auf ihre beiden Nachrichten an die noch erreichbaren Bekannten war keine Antwort gekommen. Ein Bote würde sie zunächst in Krasnoyang suchen. Seraphina wollte vor der Abreise bei Valeska vorbeigehen; dort sollte man erfahren, wo Nachrichten für sie angenommen wurden. William schlug vor, den Verwalter auch darüber zu unterrichten.
»Wenn ich mit ihr gesprochen habe«, sagte sie.
Er ließ ihr die Blätter und nahm nur die Auskunft über Weren an sich.
»Die Nachricht läuft uns heute nicht davon«, sagte er.
»Weren könnte es.«
William sah sie an.
»Das war ein Scherz«, sagte sie. »Ein schlechter, anscheinend.«
Er lachte schließlich doch. Er legte die Auskunft vor sich auf den Tisch und strich mit der Hand darüber, bis der Knick flach auf dem Holz lag.
***
Bethany kam erst gegen Mittag zurück. William hörte ihre Schritte im Flur und stand auf, bevor sie im Zimmer erschien. Sie zog gerade einen Handschuh aus und blieb stehen, als sie sein Gesicht sah.
»Was ist passiert?«
»Eine Antwort aus dem Norden.«
»Von ihm?«
»Über ihn.«
Sie streifte den zweiten Handschuh ab. »Du siehst aus, als hätte er dir schon alles erklärt.«
Er küsste sie, ehe er ihr das Blatt gab. Sie erwiderte den Kuss, legte dann aber die Hand gegen seine Brust, um genügend Abstand zum Lesen zu haben. William ließ sie los. Hinter ihr stand noch die offene Tasche, die sie vom Besuch mitgebracht hatte.
Bethany las langsamer als Seraphina. Bei Steenvik hob sie kurz den Blick. Als sie fertig war, blieb die Nachricht in ihrer Hand.
»Das ist weiter, als du zuerst dachtest.«
»Es ist ein Ort, den wir erreichen können.«
»Ich habe nicht gesagt, dass wir ihn nicht erreichen können.«
»Seraphina will vorher noch einige Dinge abschließen. Wir könnten währenddessen nach den Verbindungen fragen. Je früher wir wissen, was geht, desto weniger Zeit verlieren wir nachher.«
Bethany sah an ihm vorbei zu Seraphina, die am Tisch saß.
»Wie lange sprecht ihr schon darüber?«
»Seit die Antwort da ist«, sagte William.
»Und ich komme jetzt gerade rechtzeitig zum Aufbruch?«
»Bethany.«
Sie drückte ihm das Blatt zurück. »Ich möchte erst meine Tasche wegbringen und etwas essen.«
Er folgte ihr nicht. Aus dem Flur hörte er sie mit Aurel sprechen. Der Mann fragte, ob sie etwas mitgebracht habe, das besser rieche als das Essen vom Morgen. Bethany erwiderte, er hätte es nicht bis zum Erkalten stehenlassen müssen. Ihre Stimmen entfernten sich.
William legte die Nachricht auf den Tisch.
Seraphina nahm die Feder wieder auf. »Du kannst die Antwort einstweilen dort lassen. Wir haben sie beide gesehen.«
Er hatte nicht bemerkt, dass er wieder danach greifen wollte.
Beim Essen erzählte Bethany zunächst von ihrem Vormittag. Eine Frau hatte die verabredete Schonung so verstanden, dass sie eine belastende Arbeit nun zweimal langsamer erledigte. Sie hatte geglaubt, damit genug zu tun, und war unwillig geworden, als Bethany nachfragte. Der Streit hatte länger gedauert als die Untersuchung.
»Sie kann die Arbeit nicht einfach liegenlassen«, sagte Bethany. »Das weiß sie selbst. Sie wollte von mir hören, dass es so schon gehen wird.«
»Was hast du ihr gesagt?«, fragte William.
»Dass ich am Ende der Woche wiederkomme. Bis dahin versucht sie eine andere Aufteilung. Die muss sie erst mit jemandem besprechen, der nicht besonders gern einspringt.«
William dachte an das Ende der Woche und schwieg.
Bethany brach ein Stück Brot ab. »Du darfst etwas sagen.«
»Ich versuche gerade, dir zuzuhören.«
»Das ist anstrengender, wenn man auf eine bestimmte Antwort wartet.«
Seraphina trank aus ihrem Becher. Sie sah keinen von beiden an. William ärgerte sich über sich selbst und darüber, dass Bethany es ihm so leicht ansah.
»Ich will nicht ohne dich fahren«, sagte er.
»Das hoffe ich. Aber du sprichst, als würde ich mich weigern. Ich habe mich auf diese Reise gefreut, bevor dieser Brief kam.«
»Dann sag mir, wie viel Zeit du brauchst.«
Bethany legte das Brot hin.
»Das kann ich dir nicht aus dem Kopf sagen. Ich muss mit den Menschen reden, die sonst zu mir kommen. Bei einigen ist bereits jemand erreichbar, bei anderen noch nicht. Wenn wir ein paar Tage weg wären, ließe sich manches verschieben. Du weißt aber nicht, wie lange es wird.«
»Nein.«
»Eben. Ich kann niemandem sagen, er solle warten, bis wir wiederkommen, wenn ich damit alles zwischen einigen Wochen und sehr viel länger meinen könnte.«
William sah ihre Hände auf dem Tisch. An einem Finger saß noch eine Druckstelle vom Handschuh. Sie war müde, und er hatte sie an der Tür mit seiner Ungeduld empfangen. Trotzdem klang ihre Stimme lebhafter, seit sie von der Reise sprach.
»Würdest du nach Hause schreiben?«, fragte er.
Bethany hob die Augen.
»Dass wir in den Norden kommen«, fügte er hinzu. »Noch ohne einen Tag zu nennen. Ich dachte, deine Mutter würde es gern wissen.«
»Meine Mutter würde gern sehr viel wissen.«
»Dann schreibe ich nicht ohne dich.«
»Das wäre besser.« Ein Lächeln ging über ihr Gesicht und verschwand nicht gleich wieder. »Sie würde aus deinem Brief herauslesen, was sie hören möchte. Vielleicht säßen wir dann plötzlich zum Abendessen bei ihr, obwohl du nur höflich gewesen bist.«
»Ich würde gern mit ihr essen.«
»Das glaubst du jetzt.«
Seraphina stellte ihren Becher ab. »Sollten wir uns darauf vorbereiten?«
»Auf das Essen nicht. Auf die Fragen vielleicht.«
Bethany erzählte, wie ihre Mutter einen Gast nach seinen Plänen fragen konnte, während sie ihm nachlegte, sodass jede Antwort länger dauerte als beabsichtigt. William wollte wissen, ob ihr Vater ebenso sei. Sie schüttelte den Kopf. Ihr Vater ließ einen eher zu Ende sprechen, was nicht bedeutete, dass er alles glaubte. Als sie von ihm sprach, wurde ihre Stimme weicher. William fragte weiter. Für eine Weile lag die Auskunft aus dem Norden unter dem Rand einer Schale.
Dann sagte Bethany: »Ich will ihnen nicht schreiben, dass wir bestimmt kommen, solange wir nicht wissen, wie sich der Weg machen lässt. Aber ich möchte die Möglichkeit nicht wieder verlieren, weil etwas anderes dringender wird.«
William hörte die Bitte. Er hörte auch, wie vorsichtig sie sie formuliert hatte.
»Wir halten sie offen«, sagte er. »Und wenn wir genauer wissen, wo wir stehen, entscheiden wir zusammen.«
»Mit mir am Tisch.«
»Mit dir am Tisch.«
Sie nahm ihr Brot wieder auf. Seraphina zog die amtliche Nachricht unter der Schale hervor, ehe Fett an den Rand gelangte, und reichte sie William.
***
Aurel wollte die Auskunft vorgelesen bekommen.
Er hatte gewartet, bis William zu ihm ins vordere Zimmer kam. Die Tasse stand an der gewohnten Stelle neben seinem Stuhl. Seit die Wachen vor dem Haus abgezogen waren, saß Aurel tagsüber öfter hier. Er wollte hören, wer kam, statt auf Schritte vor seinem Zimmer zu warten. William ließ die Außentür geschlossen. Dass Besucher ihn trotzdem sehen konnten, machte ihm noch immer Unbehagen. Als William den zweiten Stuhl zurechtrückte, hob Aurel eine Hand.
»Lass ihn nicht im Weg zur Tür stehen.«
William zog ihn noch ein Stück zur Seite und sagte, wo er saß.
»Welche Auskunft?«
»Die, wegen der ihr seit dem Mittagessen abwechselnd erfreut und beleidigt klingt.«
»Wir haben über eine Reise gesprochen.«
»Das habe ich verstanden. Ich wüsste gern, ob ich darauf mitreise oder ob der Auszubildende die Fenster putzt, während die Meister fort sind.«
»Du würdest dich über die Fenster beschweren.«
»Vermutlich mit Recht.«
William nahm das Blatt aus der Tasche und las es vor. Er ließ auch die Unterschrift nicht aus. Aurel wartete nach dem letzten Wort noch einen Augenblick, als rechne er mit einer Fortsetzung.
»Ein bescheidener Anlass für so viel Aufregung.«
»Wir wissen jetzt, wo wir hinmüssen.«
»Ihr wisst, wo ein Mann kürzlich gewesen ist. Das ist schon etwas. Ich will deinen Morgen nicht verderben.«
»Es ist Nachmittag.«
»Dann bin ich spät dran.«
William faltete das Blatt. Aurel tastete nach der Tasse, fand sie und zog sie zu sich. Er prüfte den Rand mit dem Finger, bevor er trank. Diese kleinen Handlungen gelangen ihm hier meist ohne Hilfe. Man konnte darüber vergessen, wie vieles von der Stelle eines Stuhls abhing.
»Du kommst mit«, sagte William. »Über den Platz hatten wir gesprochen. Wir müssen noch entscheiden, wie wir die einzelnen Abschnitte zurücklegen.«
»Wir?«
»Wir vier.«
Aurel stellte die Tasse ab. Sie stand weiter vom Rand entfernt als zuvor.
»Gut.«
Das Wort war so schlicht, dass William zunächst weiterreden wollte, nur um das Schweigen dahinter zu verdecken. Er hielt sich zurück. Durch die offene Tür kam Bethanys Stimme aus einem anderen Zimmer. Jemand lachte kurz, dann wurde ein Gegenstand über Holz geschoben.
»Ich brauche nicht bei jeder Schwierigkeit eine Versammlung«, sagte Aurel schließlich. »Wenn ein Weg nicht geht, sagt mir, weshalb. Wenn einer besser geht, sagt mir das ebenfalls. Aber ich möchte nicht erst beim Aufstehen erfahren, dass ihr mich alle längst irgendwohin verlegt habt.«
»Du wirst auch sagen müssen, wenn etwas nicht geht.«
»Das pflegt man zu bemerken, sobald ich nicht weiterkomme.«
»Lieber vorher.«
Aurel verzog den Mund. »Manchmal weiß ich es vorher nicht.«
William hatte darauf keine schnelle Antwort. Er sah zu der Tasse, dann zu Aurels Händen. Eine lag auf der Stuhllehne, die andere auf dem Knie. Er erinnerte sich an Hände, die ohne Zögern gehandelt hatten, an die Selbstverständlichkeit, mit der Aurel früher über andere Menschen verfügt hatte. Es kostete ihn noch immer etwas, diesen Mann nach seinen Wünschen zu fragen.
»Dann versuchen wir es«, sagte er. »Und wenn es nicht geht, ändern wir etwas.«
»Das klingt nach einer ausgezeichneten Ausbildung. Viel Versuch, wenig Gewissheit. Ich hätte eine solche Lehranstalt früher schließen lassen.«
William stand auf.
»Früher konntest du vieles schließen lassen.«
Aurel wandte ihm das Gesicht zu. Er sagte nichts mehr, und William war froh darüber. Einen weiteren Scherz hätte er in diesem Augenblick schlecht ertragen.
Er ging bis zur Tür. Dort blieb er stehen und nannte Aurel noch einmal die Stelle, an der der zweite Stuhl jetzt stand.
***
Am späten Nachmittag bat William die Frauen, mit ihm in den Garten zu kommen. Sie setzten sich nicht an den Tisch. Bethany blieb an der Mauer stehen, Seraphina auf dem Weg daneben. Von dort konnten sie die offene Tür sehen.
»Es geht um Aurel«, sagte William.
»Das dachte ich mir«, erwiderte Bethany.
Er hatte mit einer anderen Einleitung anfangen wollen. Nun kam ihm jede umständlich vor.
»Wir wissen nicht, ob jemand nach ihm sucht. Hier kennt man das Haus. Unterwegs könnte sein Name jemandem etwas sagen.«
»Sein Gesicht auch«, sagte Seraphina.
William nickte. Die Verletzungen hatten ihn verändert. Er wollte nicht darauf bauen, dass sie jede frühere Bekanntschaft auslöschten.
»Er war Hochinquisitor von Valdris«, sagte Bethany. »Das vergisst niemand, der mit ihm zu tun hatte, bloß weil wir ihn jetzt vom Stuhl zur Tür bringen.«
Valdris. Das Königreich des Großkönigs. William hatte an Radoshen gedacht, seit die Reise zum ersten Mal einen wirklichen Ort bekommen hatte. Er dachte an die Reichweite dieses Namens, an das, was selbst Menschen daraus machten, die den König niemals gesehen hatten. Ein Auftrag aus der Ferne hatte genügt, ihre Arbeit, ihre Wege und ihr Haus einem anderen Willen zu unterstellen. Haldanus, der Sonderermittler des Großkönigs, hatte ihr Reiseverbot und die Meldepflichten aufgehoben. Aurel hatte in dieser Freigabe mit keinem Wort gestanden.
»Wenn jemand ihn erkennt, werden wir erklären müssen, weshalb er bei uns ist«, sagte Seraphina. »Wissen wir selbst genug dafür?«
»Nein«, sagte William.
Bethany sah ihn an. Er hatte die Antwort nicht gern gegeben.
»Dann ist das die Schwierigkeit«, sagte sie. »Nicht, ob wir seinen Namen besonders unauffällig aussprechen können.«
William strich mit der Hand über eine raue Stelle an der Mauer. Im vergangenen Jahr hatte er zu oft versucht, aus einem unvollständigen Wissen eine Entscheidung zu gewinnen, die wenigstens einen Tag lang hielt. Nun stand er wieder vor ihnen und wollte aufbrechen. Dass sie frei fahren konnten, hatte sich am Morgen noch wie eine ausreichende Antwort angefühlt.
»Wir könnten ihn hierlassen«, sagte Seraphina.
Bethany wandte sich zu ihr.
»Ich sage nicht, dass ich das will. Aber wenn wir darüber reden, sollten wir auch sagen, was die andere Möglichkeit wäre. Jemand müsste für ihn da sein. Er könnte nicht einfach mit dem Verwalter hierbleiben, als hätte der nichts anderes zu tun. Und hier wäre er ebenso zu finden.«
»Vielleicht leichter«, sagte William.
»Vielleicht. Wir wissen es nicht.«
Aus dem Haus kam Aurels Stimme. Er fragte nach dem Wasser. Bethany hob die Hand, obwohl er sie nicht sehen konnte, und rief zurück, dass sie gleich käme. William blickte zur Tür. Ein Teil von ihm wollte das Gespräch damit beenden. Sie konnten aufhören, Möglichkeiten gegeneinanderzustellen, sobald jemand eine einfache Hilfe brauchte.
Seraphina ließ ihn nicht.
»Unsere Bedingungen kennt er«, sagte sie. »Was ändert die Reise daran?«
»Wir werden Menschen begegnen, ohne sie vorher durch diese Tür zu lassen. Ich möchte, dass er uns sagt, wenn er jemanden kennt. Dass er nicht allein mit Leuten verhandelt, die sich an sein Amt erinnern. Seine Zusage muss auch gelten, wenn jemand ihn unterwegs anspricht.«
Bethany zog die Brauen zusammen. »Und wenn er sich nicht daran hält?«
William ließ die Hand von der Mauer sinken.
»Dann kann ich ihn nicht weiter als meinen Begleiter ausgeben. Aber ich werde ihn nicht vorsorglich irgendwo abliefern, um mir diese Entscheidung zu ersparen.«
Bethany sah zur Tür.
»Ich habe ihm vorhin gesagt, dass er mitkommt«, fuhr er fort. »Über den Platz hatten wir schon gesprochen. Jetzt müssen wir klären, was unterwegs anders wird.«
»Für mich wäre die Reise nicht einfacher, wenn ich nicht wüsste, bei wem er ist«, sagte Bethany. »Das heißt nicht, dass ich keine Angst davor habe, ihn mitzunehmen.«
William nickte langsam. Das war näher an dem, was er selbst empfand, als seine bisherigen Überlegungen. Er dachte an Peter und spürte den alten Widerstand dagegen, dass Aurels Zukunft überhaupt so viel Raum in ihrem Leben bekam. Dann hörte er drinnen die Tasse über den Tisch schaben.
»Wir sagen es ihm zusammen«, sagte Seraphina. »Damit er es nicht für eine schlechte Laune von dir hält.«
Bethany ging zuerst ins Haus.
William erinnerte Aurel an seine Zusage, ihnen Nachrichten und Kontaktversuche mitzuteilen. Aurel hörte zu, ohne ihn zu unterbrechen. Erst als William von einer möglichen Begegnung mit jemandem aus Valdris sprach, legte er den Kopf leicht schräg.
»Du kannst von mir verlangen, dir eine Bekanntschaft nicht zu verschweigen«, sagte er. »Du kannst nicht verlangen, dass ich jeden Menschen erkenne, der mich erkennt.«
»Wenn du den anderen nicht erkennst, sagst du uns, womit er sich dir vorstellt. Mehr kann ich nicht verlangen. Weniger genügt mir nicht.«
»Du wirst die Antworten überprüfen.«
»Ja.«
Aurel strich mit dem Finger über die Armlehne. Bethany sprach über die Hilfe unterwegs und darüber, dass sie sich untereinander ablösen würden.
»Ich höre euch«, sagte Aurel, als sie fertig war. »Ihr müsst es nicht alle drei noch einmal sagen.«
»Dann antwortet darauf«, erwiderte sie.
Er wandte den Kopf in ihre Richtung. »Ja. Ich werde euch sagen, wenn ich jemanden erkenne. Und ich werde mich nicht irgendwo zum Hochinquisitor ausrufen lassen, während ihr die Pferde bezahlt.«
William lächelte nicht. Aurel wartete, als könne er es am Schweigen bemerken.
»Ich habe verstanden«, sagte er dann, leiser.
Mehr bekam William an diesem Nachmittag nicht von ihm. Es war genug, um weiterzumachen.
***
Am Abend lag die Nachricht neben Bethanys noch unbeschriebenem Briefbogen. William hatte sie dort abgelegt, damit sie die Ortsangabe vor sich hatte. Sie hielt die Feder zwischen den Fingern, ohne sie einzutauchen.
»Ich weiß nicht, womit ich anfangen soll«, sagte sie.
»Mit der Reise?«
»Meine Mutter kennt mich. Wenn ich mit der Reise anfange, wird sie denken, ich wollte ihr etwas anderes nicht erzählen.«
William setzte sich zu ihr. Die Lampe erhellte ihre Hand und einen schmalen Rand des Ärmels. Er hatte sich am Morgen vorgestellt, wie er Weren gegenübertreten würde. Nun versuchte er sich vorzustellen, wie Bethanys Mutter diesen Brief öffnete. Es gelang ihm nur mit Bethanys Gesicht, älter gedacht, und er wusste, dass er sie damit wahrscheinlich verfehlte.
»Dann schreib zuerst, dass es dir gut geht.«
»Das hat sie noch nie davon abgehalten, sich Sorgen zu machen.«
»Dass es mir gut geht?«
Bethany sah zu ihm und lachte. »Sie wird fragen, ob ich dich genug essen lasse.«
»Das ließe sich beantworten.«
»Nach diesem Mittagessen besser nicht.«
Sie tauchte die Feder ein und schrieb die ersten Worte. William blieb bei ihr sitzen. Nach einer Weile zog sie mit der freien Hand seine zu sich und legte sie auf ihren Schoß. Er betrachtete ihre Schrift. An einer Stelle setzte sie neu an, strich ein Wort durch und ließ die Korrektur stehen.
»Ich will nicht nur in deiner Geschichte vorkommen«, sagte sie, ohne aufzusehen.
Er schwieg.
Bethany beendete die Zeile und drehte sich zu ihm. »Das klingt größer, als ich es meine. Ich möchte dir meine Menschen zeigen. Wenn wir hinfahren können. Ich möchte nicht die ganze Zeit überlegen, ob du lieber schon wieder bei deinen Büchern wärst.«
William schloss seine Finger um ihre Hand.
»Das werde ich manchmal sein wollen«, sagte er. »Und ich möchte trotzdem mitkommen.«
Sie sah ihn eine Weile an. Dann nickte sie, nicht ganz zufrieden, aber ohne die Hand wegzuziehen.
»Damit kann ich mehr anfangen.«
Er küsste sie an der Schläfe. Bethany lehnte sich kurz gegen ihn und nahm danach die Feder wieder auf. William las die amtliche Nachricht nicht noch einmal. Er sah ihr beim Schreiben zu, bis sie ihn bat, ihr das Licht ein wenig näher zu stellen.