I · Proxima itineris pars
Der Mann, auf den sie gewartet hatten, brauchte beinahe so lange, um sich auf dem Wagen einzurichten, wie er zuvor für den Weg durch das Tor gebraucht hatte. Sein Bündel passte weder unter seine Knie noch neben seine Hüfte. Er versuchte es auf dem Schoß, stieß mit einem herausragenden Schuh gegen Seraphinas Mantel und entschuldigte sich zum dritten Mal.
»Lasst den Schuh dort«, sagte sie. »Er hat inzwischen einen besseren Platz als Ihr.«
»Den muss er auch haben. Der ist für meinen Bruder.«
»Und der zweite?«
Der Mann sah auf sein Bündel, als könne ihm unterwegs einer abhandengekommen sein. Dann begriff er und lachte. Er hatte ein breites, gutmütiges Gesicht, dessen eine Hälfte vom Laufen noch stärker gerötet war als die andere. Eine Locke klebte ihm an der Stirn. Hinter ihnen wurden die Stimmen am Abfahrtsort leiser; die letzten Häuser verdeckten bereits das Tor.
William schob seinen Fuß unter die Bank. Auf einmal war Platz genug. Der Schuh ruhte zwischen zwei Frachtkisten, und der Mann konnte sich mit dem Rücken an deren Rand lehnen. Er atmete zufrieden aus.
»Jetzt können wir.«
»Wir fahren schon eine Weile«, sagte Aurel.
»Ja. Verzeiht. Ich bin heute zu allem ein wenig zu spät.«
William lächelte. Der Wagen rollte über eine flache Ausbesserung im Straßenpflaster. Unter der Plane rieben zwei Holzflächen aneinander, dann ging das Geräusch im gleichmäßigen Knarren unter. Er kannte inzwischen die Stelle, an der die Tafel stand. Seraphina hatte vor der Abfahrt ein weiteres Stück gefalteten Stoff zwischen ihre Hülle und die Ladung geschoben. Solange die Kisten dort blieben, konnte der Stein kaum verrutschen. Er nahm sich vor, bei der ersten Rast nachzusehen, und wandte sich der Landschaft zu.
Astoria blieb hinter ihnen. Zwischen den Gärten, die sich noch ein Stück an der Straße entlangzogen, hing Wäsche über niedrigen Mauern. Eine Frau winkte dem Fahrer zu; er hob zwei Finger von den Zügeln. Ihr Ruf ging im Wagenlärm verloren. Dahinter begannen Felder, und zwischen den schmalen Wegen sah William die ersten Menschen, die sich so selbstverständlich durch ihren Morgen bewegten, als habe es weder den Tempel noch die Wüste gegeben.
Er ertappte sich dabei, dass er dieses Selbstverständliche für einen Mangel hielt. Die Erkenntnis beschämte ihn gerade genug, um einen Augenblick lang still zu sein. Dann stellte er sich wieder vor, wie Weren den hellen Band öffnen würde.
Die Freude daran ließ sich schwer zügeln. Er konnte jede der ersten Fragen benennen, die er dem Gelehrten stellen wollte, und sobald er eine davon in Gedanken beantwortet hatte, drängten sich drei weitere vor. Die Tafel war wirklich auf diesem Wagen. Er hatte sie weder geträumt noch in seiner Erschöpfung für etwas gehalten, das beim Tageslicht seinen Wert verlieren musste. Seraphina hatte dieselben Zeichen betrachtet. Sie war ihm an einer Stelle zuvorgekommen, und gerade das machte die Erinnerung so angenehm: Es gab etwas zu prüfen, etwas, bei dem auch sein sorgfältigster Blick noch Hilfe brauchen konnte.
»Wenn wir die kurzen Gruppen zuerst nebeneinanderstellen«, begann er, »könnten wir Weren die Abfolge zeigen, ohne ihm gleich unsere ganze Vermutung aufzubürden.«
Seraphina saß ihm gegenüber. Sie hatte den Kopf gegen die Kiste hinter sich gelehnt und die Augen halb geschlossen.
»Wir könnten ihn auch erst begrüßen.«
»Natürlich.«
»Und abwarten, ob er uns überhaupt hineinlässt.«
»Das wird er.«
Nun öffnete sie die Augen ganz. William hörte seine eigene Sicherheit und fügte hinzu: »Ich hoffe es.«
»Was habt Ihr denn für Gruppen?«, fragte der Mitreisende.
William suchte eine kurze Antwort. Er wollte weder die Funde ausbreiten noch einen Menschen mit Fragen zu alten Schriften langweilen, der gerade erst seinen Schuh untergebracht hatte.
»Wiederkehrende Zeichen in einem alten Text.«
»Ah.« Der Mann wartete höflich.
»Wir versuchen herauszufinden, wie die verschiedenen Teile zusammengehören.«
»Und dazu müsst Ihr nach Norden?«
»Dort lebt jemand, der uns helfen kann.«
Der Mann nickte. Nach einer Weile sagte er: »Wenn ich eine Seite so lange ansehen muss, bis ich einen anderen Menschen dafür brauche, lege ich das Buch meistens weg.«
Seraphina lachte. William konnte sich über den Satz kaum ärgern, zumal er ihn einer verständlichen Ordnung des Lebens entnommen fand.
»Das kommt auf die Seite an«, sagte er.
»Bei mir kommt es darauf an, ob ich dafür bezahlt werde.« Der Mann zog sein Bündel etwas näher. »Arbeitet Ihr den ganzen Weg?«
»Er würde«, sagte Seraphina.
»Du hast gestern noch vorgeschlagen, die Kopien vor der Ankunft zu vergleichen.«
»Gestern. Heute möchte ich sehen, wo wir sind.«
Sie zeigte auf einen Weg, an dem ein großer Hund vollkommen reglos neben einem kleinen Jungen saß. Der Junge hatte beide Arme um den Hals des Tieres gelegt. Als der Wagen näher kam, reckte er das Kinn, als müsse er die anderen überzeugen, dass er den Hund allein unter Kontrolle habe. Das Tier gähnte.
»Der ist ganz sicher gefährlich«, sagte Seraphina.
Der Mitreisende sah hinüber. »Wenn der Junge fertig ist, bestimmt.«
William ließ die Zeichenfolge los, die er noch im Kopf fortgesetzt hatte. Er beobachtete den Jungen, bis die Hecke ihn verdeckte. Seraphina begann mit dem Mann über den Hund zu sprechen, dann über Tiere, die auf Wagen mitfahren mussten, schließlich über ein Huhn, das ihm einmal aus dem Mantel einer Frau entgegengeflogen war. William vermutete, dass das Huhn bei jeder Erzählung etwas größer wurde. Seraphina fragte nach der Frau. Das hatte der Mann offenbar nicht erwartet. Er musste lachen und gab zu, dass sie mehr Angst um das Tier als um ihn gehabt hatte.
Eine Weile hörte William einfach zu.
Gegen Mittag veränderte sich die Straße. Das feine Rütteln wurde zu einzelnen harten Stößen. Der Fahrer lenkte um tiefe Rinnen herum, doch eine davon lag im Schatten eines quer über die Fahrbahn gewachsenen Astes. Als das Rad hineinsank, rutschte Aurel mit der Hüfte von seinem gefalteten Mantel. Er griff nach der Bankkante. William hob die Hand, um ihm zu zeigen, wo die nächste Stütze war, und bemerkte die sinnlose Bewegung erst, als er schon sprach.
»Links von dir ist die Kiste.«
»Die habe ich kennengelernt.«
Aurel richtete sich wieder auf. Er tastete nach seinem Stock, dessen Schaft zwischen seinen Knien lag, und legte die Hand darauf. Der Fahrer wandte den Kopf.
»Alles gut hinten?«
»Eine Warnung vor dem nächsten Loch wäre hilfreich«, sagte Aurel.
»Ich sehe die auch erst, wenn wir davor sind.«
»Dann genügt eine kurze Warnung.«
Der Fahrer schnaubte. »Ich versuche es.«
William betrachtete Aurels Gesicht. Der Ärger darin war schnell gekommen und bereits wieder unter jener beinahe nachlässigen Ruhe verschwunden, mit der er es anderen schwermachen konnte, ihm einen Gefallen anzubieten. Seine Augen blieben unter dem Tuch verborgen. An manchen Tagen war William so sehr an dieses Gesicht gewöhnt, dass die Erinnerung an das frühere wie die Erinnerung an einen anderen Menschen wirkte. Dann genügte ein Satz, ein kleiner Anspruch in der Stimme, und beide Bilder schoben sich wieder übereinander.
»Du kannst dich etwas näher zu mir setzen«, sagte er.
»Ich sitze gut.«
»Dein Mantel ist heruntergerutscht.«
»Das spüre ich.«
Der Mitreisende zog die Beine an, ohne etwas zu sagen. Aurel hörte das Scharren seiner Sohlen und fragte, ob neben ihm mehr Platz sei. Der Mann bejahte es. Aurel suchte mit der Hand die Bankkante, rückte ein Stück und setzte sich erneut zurecht. William hob den Mantel auf. Diesmal fragte er, wohin Aurel ihn haben wolle.
»Gib ihn mir.«
Ein paar Augenblicke später rief der Fahrer: »Loch!«
Alle spannten sich an. Der Wagen holperte nur leicht.
»Das war ein sehr höfliches Loch«, sagte Aurel.
»Ich kann Euch auch ein anderes suchen.«
Der Mitreisende lachte so laut, dass er sich anschließend dafür entschuldigte. Aurel drehte das Gesicht in seine Richtung.
»Ihr müsst Euch nicht für alles entschuldigen. Wir haben eine lange Fahrt vor uns.«
»Das sagt meine Frau auch.«
»Dann kennt sie Euch besser als wir.«
Sie rasteten an einer flachen Stelle neben einem Brunnen. Der Fahrer löste sich von seinem Sitz, streckte den Rücken und ging zuerst zu den Tieren. William sprang hinab. Unter seinen Stiefeln war die Erde weich und von vielen früheren Wagen zerfahren. Er bot Aurel die Hand an und sagte ihm, wo der Tritt lag.
»Wie weit darunter?«
William nannte ihm ungefähr die Höhe. Aurel suchte mit der Schuhspitze, fand das Brett und hielt inne, als der Wagen unter seiner Bewegung leise nachgab.
»Ich bin hier«, sagte William.
»Das höre ich.«
Trotzdem nahm er seine Hand. William führte ihn auf den festen Rand des Weges. Als beide Füße den Boden berührten, löste Aurel den Griff und bat um seinen Stock. Er schlug einmal vorsichtig mit dessen Ende auf die Erde. Dann fragte er nach dem Brunnen und der Entfernung zum Wagen. Die Gegend blieb ihm fremd; die wenigen Schritte zwischen beiden wollte er wenigstens kennen.
Der Mitreisende setzte sich auf einen Stein und öffnete sein Bündel. Zwischen den Schuhen, einem zusammengerollten Hemd und etwas, das in ein Tuch gewickelt war, fand er schließlich ein Stück Brot. Er sah es an, als habe es ihn persönlich enttäuscht.
»Gestern war es noch weich.«
»Gestern wart Ihr auch rechtzeitig?«, fragte Seraphina.
»Gestern habe ich alles vorbereitet, damit ich heute rechtzeitig bin.«
Sie setzten sich in den Schatten. Der Mann teilte sein Brot und erklärte, dass er für seinen Bruder außerdem einen kleinen Topf Eingemachtes dabeihabe. Den wollte er erst am Ziel öffnen. Seraphina bot ihm von ihrem Essen an. Er lehnte zunächst ab, nahm dann doch etwas und begann ausführlich über die Gastwirtschaft zu schimpfen, in der er zuletzt gegessen hatte. Der Brei dort war ihm so dünn erschienen, dass er zunächst angenommen hatte, es gebe den eigentlichen Brei später.
»Vielleicht war es eine Suppe«, sagte William.
»Dann hätten sie es sagen sollen. Für eine Suppe war er zu teuer.«
Der Einwand war so unmittelbar, dass William lachen musste. Die Unterhaltung sprang von schlechtem Essen zu schlechten Betten. Aurel behauptete, ein Wirt habe ihm einmal ein Zimmer als ruhig angepriesen, weil der Mann, der in der angrenzenden Kammer schnarchte, zu Beginn der Nacht gewöhnlich noch wach sei.
»Das kann er wirklich gesagt haben«, meinte der Mitreisende.
»Das hat er.«
»Habt Ihr dort geschlafen?«
»Versucht.«
Seraphina erzählte von einem Bett, dessen Decke man am Morgen ausgeschüttelt hatte, während sie noch darin lag. William erinnerte sich an eine Unterkunft mit Bethany, an ihre Wut über etwas, das ihm damals ganz belanglos erschienen war, und daran, wie sie später über seine Erklärung gelacht hatte. Er begann den Satz schon, bevor ihm klar wurde, dass er den eigentlichen Anlass nicht mehr sicher wusste.
»Bethany hätte den Wirt wohl selbst geweckt«, sagte er schließlich.
»Eure Frau?«
»Ja.«
»Reist sie nicht gern?«
»Sie reist«, sagte Seraphina. Dann überließ sie William die Antwort.
»Im Augenblick ist sie zu Hause. Wir haben eine Tochter.«
Der Mann nickte mit jenem raschen Verständnis, das auf Reisen oft mehr Fragen ersparte, als es beantwortete. Er erzählte von seinem Bruder, der seit der Geburt seines zweiten Kindes jede Einladung mit dem Satz beendete, sie könnten auch leise kommen. William fragte nach dem Alter der Kinder. Der Mann überlegte lange, verwechselte die Reihenfolge und gab lachend zu, dass er bei der nächsten Ankunft wieder Ärger bekommen werde.
William lächelte mit ihm. Unter dem Mantel, dicht bei seinen eigenen Sachen, lagen Bethanys Briefe. Er wusste genau, wo sie waren. Die Sicherheit erschien ihm für einen Moment lächerlich. Er konnte den Ort zweier Briefe mit größerer Gewissheit nennen als das, was seine Tochter an diesem Tag beschäftigte.
Der Fahrer rief zur Weiterfahrt. William stand auf und ging zur Plane. Seraphina sah ihm nach.
»Nur die Befestigung«, sagte er.
»Ich habe nichts gesagt.«
Er prüfte sie tatsächlich nur kurz. Der Stein war an seinem Platz. Als er zurückkam, hatte der Mitreisende Aurel bereits beschrieben, wo der Tritt lag. William wartete, bis Aurel um seine Hand bat.
Am zweiten Abend fanden sie Unterkunft bei einem Hof, dessen Besitzer dem Fahrer bekannt war. Ein niedriger Raum neben dem Stall stand Reisenden offen; es gab Strohsäcke, eine Feuerstelle und einen Tisch, den jemand mit einem dunklen, klebrigen Mittel behandelt hatte. William zog seinen Ärmel vorsichtig davon ab und beschloss, dort keine Blätter auszubreiten.
Der Mitreisende war nach dem Essen hinausgegangen, um nach einer günstigen Weiterfahrt zu fragen. Aurel saß nahe der Feuerstelle und hörte dem Fahrer zu, der von einem Tier erzählte, das sich bei jeder Gelegenheit hinlegte, sobald es ein Geschirr sah. Seraphina nahm den Platz gegenüber William ein. Ihre Haare waren noch feucht; sie hatte sich an der Pumpe waschen können und sah aus, als habe dieser kleine Erfolg ihren ganzen Abend verbessert.
»Woran denkst du?«, fragte sie.
William legte das Stück Brot, mit dem er die Schüssel ausgewischt hatte, wieder hinein.
»An Weren.«
»Das hätte ich auch ohne Frage herausbekommen.«
»An das, was wir ihm zuerst zeigen.«
»Und danach?«
Er sah sie an. Sie deutete auf die freie Stelle neben seiner Schüssel.
»Keine Zeichen. Wie lange?«
»Du warst dabei, als wir darüber gesprochen haben.«
»Ich weiß. Du klangst vorhin, als hättest du bereits Arbeit für den ganzen nächsten Winter verteilt.«
William blickte zur Feuerstelle. Aurel hatte den Kopf leicht gesenkt; er konnte zuhören, ohne dass man es bemerkte. William zwang sich, wieder Seraphina anzusehen.
»Ich werde keinen langen Aufenthalt zusagen, bevor Bethany antworten konnte.«
»Gut.«
Das eine Wort ärgerte ihn. Es klang wie die Zustimmung zu einer richtigen Antwort, und er wollte ihr sagen, dass er keine Prüfung vor ihr ablegen müsse. Zugleich wusste er, wie schnell er in Gedanken bereits bei der Arbeit war, die nur nach einem solchen Aufenthalt überhaupt möglich werden konnte.
»Ich habe es ihr geschrieben«, fügte er leiser hinzu.
»Das weiß ich auch.«
»Warum fragst du dann?«
Seraphina betrachtete ihn einen Augenblick. »Weil ich mitfahre. Weil du gestern gesagt hast, dass wir nach den ersten Vergleichen bestimmt noch andere Stellen finden werden. Weil ich gern dort arbeiten möchte und trotzdem wissen will, ob du schon etwas entschieden hast, das du bisher nur einen Gedanken nennst.«
William lehnte sich zurück. Er hatte mit einer Ermahnung gerechnet. Ihre eigene Beteiligung ließ ihm weniger Raum, sich darüber zu beklagen.
»Ich habe nichts weiter zugesagt.«
»Dann können wir uns darüber streiten, wenn wir überhaupt wissen, ob Weren mit uns streiten will.«
Er musste lächeln. »Daran zweifle ich nicht.«
»Ich möchte die Kopien noch einmal selbst vergleichen. Ein paar Stellen beschäftigen mich seit der Abfahrt. Ich möchte sie erst in Ruhe ansehen, bevor wir zu dritt darüber reden.«
»Du kannst sie jederzeit haben.«
»Ich meine auch dich damit. Wenn ich am Tisch sitze, musst du nicht sofort fragen, was ich gefunden habe.«
William hob die Hände. »Ich werde es versuchen.«
»Mehr verspreche ich bei dir vorläufig auch nicht.«
Als der Mitreisende zurückkam, hatte er keine neue Verbindung gefunden. Dafür brachte er die Nachricht, dass es morgen früh warmes Brot geben werde, und behandelte sie mit angemessener Freude. Er setzte sich zu ihnen und erzählte, seine Frau müsse längst glauben, er bleibe einen weiteren Tag fort. Sie habe ihm aufgetragen, vor der Heimkehr beim Bruder vorbeizugehen, damit dessen Geschenk endlich ankomme. Nun werde sie behaupten, er habe diesen Auftrag nur deshalb so gründlich ausgeführt, weil er dadurch später zu Hause sein könne.
»Stimmt es?«, fragte Seraphina.
»Ein bisschen. Mein Bruder hat eine Bank vor dem Haus. Wenn man dort sitzt, fragt eine Weile niemand, ob man noch etwas erledigen wollte.«
»Bis Euer Bruder kommt«, sagte William.
»Der setzt sich dazu.«
Der Mann lächelte bei dem Gedanken. William stellte sich eine andere Bank vor, Bethany daneben und Carisophia irgendwo so nahe, dass man ständig nach ihr sehen musste. Er wusste, wie gern er selbst erzählen würde. Von der Wüste, von einem Licht, das er noch immer nicht verstand, von Zeichen, die aus ihrem jahrhundertelangen Schweigen ein paar kurze Antworten gegeben hatten. Doch er sah Bethanys Gesicht in dieser Vorstellung kaum. Er hatte ihr einen Platz zugewiesen und sich selbst schon reden hören.
Er nahm die Schüssel und stand auf.
»Ich bringe das weg. Braucht jemand noch etwas?«
Seraphina bat um Wasser. Aurel antwortete von der Feuerstelle, dass er gern wissen würde, ob das störrische Tier am Ende doch verkauft worden sei. Der Fahrer drohte, seine Geschichte noch einmal von vorn zu beginnen. William ging in die Küche und hörte sie hinter sich lachen.
Am nächsten Nachmittag endete die gebuchte Fahrt. Der Fahrer bog in einen Hof mit zwei offenen Lagerschuppen ein, und mehrere Männer kamen sofort heraus, um die Fracht zu übernehmen. William wartete, bis der Wagen stand. Über einer Tür hing ein Bündel getrockneter Kräuter, dessen Geruch sich mit dem Staub und dem Duft frisch geschnittenen Holzes vermischte. Durch das offene Tor konnte er die Straße sehen, die weiter nach Norden führte.
Ihr Fahrer hatte andere Ziele. Er zeigte sie mit einer knappen Bewegung in die entgegengesetzte Richtung und erklärte, weshalb er die nächste Lieferung zuerst abgeben müsse. William hatte es schon bei der Buchung gewusst. Trotzdem fragte er nach der Weiterfahrt, als könne sich an der Vereinbarung durch die inzwischen gemeinsam verbrachten Tage etwas geändert haben.
»Frühestens in vier Tagen kommt hier einer durch, der Euch ein Stück mitnehmen könnte«, sagte der Fahrer. »Und der fährt am Ende nach Westen. Danach müsst Ihr wieder sehen.«
»Ein Stück nach Norden reicht vielleicht«, sagte William.
»Vielleicht. Fragt ihn, wenn er kommt.«
Seraphina trat neben ihn. »Wir könnten uns auch selbst etwas suchen.«
Der Fahrer sah zu ihrem Gepäck. »Für den Stein braucht Ihr einen Wagen. Auf dem Rücken wollt Ihr den bestimmt nicht mitnehmen.«
»Das hatten wir nicht vor«, sagte William.
»Dann fragt im Ort. Irgendwer verkauft immer etwas, das er selbst nicht mehr fahren will.«
»Ein verheißungsvoller Anfang«, bemerkte Aurel.
Der Mitreisende hatte sein Bündel bereits wieder unter dem Arm. Sein Bruder wohnte nur einen kurzen Weg entfernt. Er verabschiedete sich von jedem einzeln und nahm sich bei Aurel die Zeit, ihm zu sagen, von welcher Seite er die Hand reichte. Dann zog er einen der Schuhe aus dem Tuch und hielt ihn noch einmal prüfend hoch.
»Wenigstens sind beide angekommen.«
»Gebt dem Bruder den Topf zuerst«, riet Seraphina. »Dann sieht er Eure Schuhe vielleicht freundlicher an.«
Der Mann lachte und ging. William sah ihm nach, bis er zwischen zwei Häusern verschwand. Drei Tage hatten sie miteinander gesprochen, und er wusste weder, welche Arbeit der Mann verrichtete, noch wie er hieß. Er kannte die Bank seines Bruders und die dünne Suppe, über die er sich geärgert hatte. Für eine Reisebekanntschaft war das vielleicht die bessere Auswahl gewesen.
Der Fahrer half ihnen, ihr Gepäck in einen trockenen Winkel des Hofes zu bringen. Für die Nacht konnten sie hier bleiben, wenn sie für das Essen bezahlten. Danach wurde er wieder ungeduldig. Seine Lieferung wartete. Er reichte William die Hand, wünschte Aurel weniger Löcher auf dem nächsten Wagen und fuhr mit einem kurzen Ruf zu den Tieren vom Hof.
Seraphina setzte sich auf eine niedrige Mauer.
»Ein eigener Karren«, sagte sie. »Dann können wir anhalten, wenn wir wollen.«
William sah die Straße hinauf. »Und früher aufbrechen.«
»Das wirst du zuerst darin sehen.«
»Du möchtest ebenfalls nach Steenvik.«
»Ja. Ich möchte unterwegs auch manchmal aussteigen, ohne dass fremde Leute auf mich warten. Und essen, bevor ich Kopfschmerzen bekomme.«
Aurel suchte mit dem Stock die Mauer. Als er sie gefunden hatte, tastete er nach der freien Stelle neben ihr.
»Ich möchte einen Sitz, von dem ich beim ersten Loch nicht herunterfalle.«
William sah die beiden an. Der Einwand, dass ein eigenes Tier täglich versorgt werden musste und ein eigener Wagen auch eigene Schwierigkeiten bedeutete, lag ihm bereits auf der Zunge. Sie wussten das. Er wusste ebenso gut, dass er in diesem Augenblick gern jeden Nachteil in Kauf genommen hätte, wenn sie dadurch rascher weiterkamen.
»Wir sehen es uns morgen an«, sagte er. »Gemeinsam.«
Seraphina rückte zur Seite, damit Aurel Platz bekam. William setzte sich auf die andere Seite. Für eine Weile blieben sie dort, mit ihrem Gepäck im Hof und einer Straße vor sich, deren nächsten Abschnitt noch keiner von ihnen kannte.