Leseprobe

Cum Cavillator Orbem Explicavit

Gesamtband 27 · Scriptis Verbis 17 · Erstes Kapitel

I · Ad ripam

Der Wagen hielt so unvermittelt, dass William die Hand auf den Bücherbeutel legen musste. Vor ihnen stritt jemand mit dem Fuhrmann. Er sah einen breiten Rücken, einen gehobenen Arm und dahinter das Wasser zwischen zwei schmalen Häusern. Seit Stunden hatten sie den Fluss nur gelegentlich durch die Bäume gesehen. Hier lag er plötzlich mitten im Ort, grau und bewegt, mit hellen Fetzen auf den kleinen Wellen.

»Wir sind da«, sagte William.

Seraphina schob die Decke von ihren Knien. »Das habe ich gemerkt.«

Ein Junge lief an ihnen vorbei und zog einen Karren, dessen eines Rad bei jeder Umdrehung kreischte. Darüber hinweg rief der Fuhrmann dem breiten Rücken etwas zu. William verstand nur, dass sie dort unmöglich stehen bleiben konnten. Er richtete sich auf. An einem Haus jenseits der Straße hing das Zeichen einer Schreibstube; darunter stand ein Mann auf einer Leiter und versuchte, ein Stück Holz zwischen Dachrinne und Mauer zu treiben.

»Wenn dort auch die Post angenommen wird, können wir gleich fragen.«

»Du kannst gleich fragen, wo der Boden ist«, sagte Aurel.

William drehte sich um.

Aurel saß noch auf seinem Platz, die Hände an den Knien. Der Wind hob den Rand seiner Kapuze. Von der Seite sah William das Tuch in Aurels Gesicht und den schmalen Streifen Haut darunter. Die Narben waren längst geschlossen. Die Art, wie Aurel vor einer Bewegung still wurde, konnte William trotzdem noch an die ersten Tage erinnern, als jede Berührung wehtat.

»Ein Tritt unter dir«, sagte er. »Dann Pflaster. Ich steige zuerst aus.«

»Wie tief?«

William beugte sich über die Kante. »Bis unter dein Knie. Der Stein darunter liegt schief. Warte.«

Er sprang hinunter und merkte beim Auftreten selbst, wie weit sich der eine Pflasterstein gesenkt hatte. Wasser stand in der Fuge. Neben dem Wagen lag ein zertretener Fischkopf; eine Möwe landete drei Schritte entfernt und wartete mit einer Unverschämtheit, die ihn für einen Augenblick ärgerte.

Der Fuhrmann zog bereits an der Plane über dem Gepäck. »Alles mitnehmen. Ich fahre zum Stall.«

»Einen Augenblick«, sagte William.

»Der Wagen muss von der Gasse.«

Ein Knecht kam um das Vorderrad. Er betrachtete Aurel und sah dann William an. »Kriegt Ihr den herunter?«

»Gewiss«, sagte Aurel. »Sobald einer von Euch aufgehört hat, die Frage dem Falschen zu stellen.«

Der Knecht blinzelte. Seraphina, die inzwischen auf der anderen Seite abgestiegen war, nahm William wortlos den Bücherbeutel ab.

»Mein Arm«, sagte William und führte Aurels Hand an seinen Ärmel. »Links von dir. Der Tritt ist direkt unter deinem Fuß.«

Aurel fand ihn mit der Schuhspitze, prüfte den Halt und verlagerte sein Gewicht. William spürte, wie fest sich die Finger in den Stoff schlossen. Ein zweiter Wagen kam so nahe vorbei, dass er die Schulter einziehen musste. Aurel hielt mitten in der Bewegung inne.

»Bleibt stehen«, sagte William zum Knecht. »Den Sack könnt Ihr nachher nehmen.«

»Ich stehe.«

»Dann bleibt dort.«

Der Fuhrmann fluchte über den Verkehr. Aurel setzte den zweiten Fuß auf das Pflaster und behielt Williams Arm, bis der vorbeifahrende Wagen sich entfernt hatte. Erst dann löste er die Hand.

»Euer Stock«, sagte der Knecht.

Diesmal sprach er Aurel an. Er gab ihm den Stock in die offene Hand und wartete, während Aurel dessen Spitze aufsetzte.

»Danke. Und nun könnt Ihr den Sack nehmen.«

Der Knecht grinste unsicher. William bezahlte den Rest des vereinbarten Fahrgelds. Der Fuhrmann prüfte die Münzen mit der Aufmerksamkeit eines Mannes, dessen ganze Freundlichkeit von diesem letzten Augenblick abhing, und wünschte ihnen anschließend eine gute Reise.

Seraphina sah ihm nach. »Jetzt ist es unsere.«

»Das war sie vorher auch.«

»Vorher musste wenigstens jemand anders herausfinden, wo man mit einem Wagen durchkommt.«

William nahm ihr den Beutel wieder ab. Das Leder war an einer Stelle dunkler geworden, wo es an der feuchten Plane gelegen hatte. Er öffnete die Klappe gerade weit genug, um das eingeschlagene Tuch zu fühlen. Trocken. Der helle Band lag zwischen dem dunklen Buch und der Sennar-Abschrift. Die Kanten drückten durch den Stoff gegen seine Finger.

Aurel drehte den Kopf zum Wasser. »Wie breit?«

»Der Fluss?«

»Wenn du inzwischen eine andere Breite entdeckt hast, die ich kennen sollte, darfst du mit ihr beginnen.«

William sah über den Kai. Auf der anderen Seite standen niedrige Speicher, und hinter ihnen stieg der Ort zwischen Gärten an. Zwei Lastkähne lagen am Ufer. Zwischen ihren Rümpfen schaukelte ein schmales Boot, in dem ein Mann kniete und Wasser schöpfte.

»Man könnte vom einen Ufer zum anderen rufen«, sagte er. »Bei diesem Wind würdest du die Antwort vermutlich erst morgen bekommen.«

Aurel hob das Gesicht ein wenig. »Dann haben wir Zeit für ein Zimmer.«

William blickte zur Schreibstube. Der Mann auf der Leiter hatte das Holz endlich verkeilt und stieg hinab. Aus der Tür kam eine Frau mit einem leeren Korb.

»Zuerst die Post. Sie ist offen.«

Seraphina zog den Riemen ihrer Tasche höher. Er hatte ihr über die Schulter eine rote Falte in den Mantel gedrückt. »Und dann ein Zimmer.«

»Und dann ein Zimmer.«

Sie gingen am Rand der Straße entlang. Aurel nahm Seraphinas Arm. William versuchte, den Strom der Menschen vorauszusehen, die vom Kai heraufkamen, und musste zweimal stehen bleiben, weil er mit dem Beutel seitlich gegen jemanden gestoßen wäre. Der Ort war kleiner, als er ihn sich nach den Erzählungen unterwegs vorgestellt hatte. Trotzdem schien jeder Platz schon vergeben. Fässer standen in Eingängen, ein Seilmacher hatte einen Strang über die halbe Gasse gespannt, und vor einem Backhaus stritten zwei Frauen darüber, wem die verbrannten Laibe gehörten.

An der Schreibstube warteten vier Menschen. Ein Reisender in einem guten, vom Wetter fleckig gewordenen Mantel hielt seinen Hut unter dem Arm. Er stand so dicht vor dem Tisch, dass die Frau dahinter jedes Mal zur Seite sehen musste, wenn jemand anderes eine Frage stellte.

»Ich habe Euch doch gesagt, dass ich zurückkomme.«

»Das habt Ihr.«

»Dann verstehe ich diese Auskunft nicht.«

»Ihr wart fünf Wochen fort.«

»Vier und drei Tage.«

Die Frau nahm einen Finger von dem Brief, den sie gerade gewogen hatte. »Dann versteht Ihr die Auskunft sehr gut.«

William blieb nahe der Tür. Drinnen roch es nach nasser Wolle und dem scharfen Öl, mit dem jemand das Holz eingerieben hatte. Die Fenster waren klein; an dem weiter entfernten saß ein Schreiber und kaute auf dem Ende seiner Feder. Er hatte die Auseinandersetzung offenbar oft genug gehört, um nicht aufzusehen.

Der Reisende legte seinen Hut auf den Tisch. »Meine Schwester ist krank. Die Nachricht kann wichtig sein.«

Die Frau sah ihn nun ganz an. Ihre Stimme wurde leiser. »Dann fragt bei der Adresse, an die sie zurückging. Ich kann Euch sagen, mit welchem Boten. Ich kann sie Euch hier nicht wieder hervorholen.«

Er hielt die Hände auf der Hutkrempe. Eine Weile sagte niemand etwas. William hatte schon einen Satz bereit, eine Frage nach einer Ausnahme, nach dem genauen Tag, vielleicht nach einer noch erreichbaren Abfahrt. Dann fiel ihm auf, wie müde die Frau aussah. Unter ihrem Tisch standen zwei verschnürte Körbe. Der Reisende sah sie ebenfalls an, als müsste der Brief in einem davon liegen, wenn er nur darauf bestünde.

Schließlich nahm er den Hut wieder auf.

»Welcher Bote?«

Sie nannte ihm einen Namen und beschrieb einen Hof jenseits des Brunnens. Als er gegangen war, atmete sie durch die Nase aus, zog den gewogenen Brief zu sich heran und beendete das Geschäft mit der nächsten Kundin.

William ließ sie fertig werden.

»Allaway«, sagte er, als sie ihn ansah. »William Allaway. In Steenvik habe ich angegeben, dass meine Post hierher nachgeschickt werden soll. Briefe aus Krasnoyang.«

Sie fragte nach dem Absendetag. William konnte ihn genauer nennen, als sie erwartet hatte. Sie suchte in einem schmalen Verzeichnis, nickte und stellte zwei kurze Fragen, um sicherzugehen, dass sie den richtigen Eintrag gefunden hatte. Als sie Seraphinas Namen hörte, sah sie zu ihr hinüber.

»Ihr könnt ebenfalls abholen.«

Seraphina nickte. »Ja, das haben wir so abgemacht.«

»Gut. Noch ist nichts für Euch da.«

William hatte es erwartet. Dennoch spürte er die kleine Enttäuschung im Bauch. In den Tagen auf dem Wagen hatte die Möglichkeit eines Briefes allmählich die Gestalt eines Briefes angenommen. Er hatte Bethanys Schrift vor sich gesehen, den leicht zu weit laufenden Zug eines Buchstabens und die Stelle, an der sie gewöhnlich neu ansetzte.

»Wir bleiben ein paar Tage«, sagte er. »Dann geht es weiter nach Süden. Wohin kann man uns die Post von hier nachschicken?«

Die Frau fragte, auf welcher Straße. William beschrieb den Weg, von dem ihm der Fuhrmann erzählt hatte. Sie drehte den Kopf zum Schreiber am Fenster.

»Fährt der Wagen wieder regelmäßig?«

Der Mann nahm die Feder aus dem Mund. »Seit voriger Woche.«

»Bis zur Station?«

»Bis zum Gasthof. Der Sohn nimmt die Post mit.«

Die Frau nannte William den Ort und erklärte, über welchen Weg die Post dorthin ging. Er fragte noch einmal nach. Sie antwortete geduldig, solange seine Fragen die Reise betrafen. Als er wissen wollte, was aus einem Brief würde, wenn die vier Wochen um wären und sie unterwegs einen anderen Weg genommen hätten, legte sie beide Hände auf den Tisch.

»Ihr müsst uns sagen, wohin.«

»Das verstehe ich. Falls sich die Route erst unterwegs ändert …«

»Dann schreibt Ihr von unterwegs.«

Aurel lachte leise.

William sah ihn an. Der Kopf unter der Kapuze war der Frau zugewandt. Er konnte nicht wissen, dass William ihn gerade ansah, und William ärgerte sich darüber, dass er trotzdem das Gefühl hatte, ertappt worden zu sein.

»Ich werde vor dem Aufbruch wiederkommen«, sagte er.

Die Frau schob den nächsten Brief auf ihre Waage. »Das ist vernünftig.«

Draußen hatte der Wind gedreht. Der Rauch aus dem Backhaus stand nun quer über der Gasse. Seraphina rieb sich die Augen.

»Vier Wochen«, sagte Aurel. »Du könntest dich mit deinen Fragen sogar beeilen.«

»Ich wollte verhindern, dass ein Brief verloren geht.«

»Und sie wollte erfahren, wo du bist. Eine erstaunlich hartnäckige Frau.«

William hätte ihm gern eine scharfe Antwort gegeben. Stattdessen ließ er die Luft langsam entweichen und fragte Seraphina, ob sie das Schild des Gasthauses gesehen habe, das ihnen die Frau genannt hatte.

»Ja. Ich laufe seit einer Weile darauf zu.«

Das Haus stand eine Straße vom Wasser entfernt. Vor der Tür hing ein heller Fisch aus geschnitztem Holz, dessen Schwanz vor langer Zeit abgebrochen war. Im Hof schüttelte ein Mädchen eine Decke aus. Eine Wolke aus Staub und Federn stieg auf, und für einen Augenblick musste William lachen, weil das Mädchen selbst so überrascht darüber war. Es hielt die Decke weit von sich, als habe sie es angegriffen.

»Nach vorn«, rief es ihnen zu. »Wenn Ihr Zimmer wollt.«

Der Wirt saß in der Gaststube über einer Schüssel und aß mit der Entschlossenheit eines Menschen, der erwartete, jeden Augenblick unterbrochen zu werden. Als sie eintraten, schluckte er, legte den Löffel ab und stand auf.

Für drei Reisende bot er ihnen eine Kammer mit zwei Betten und eine kleinere mit einem Bett an. Die größere lag an der Straße, die kleinere zum Hof. William fragte nach dem Preis und danach, ob man einen Raum wählen könne, in dem sie abends lesen dürften, ohne gleich mit dem Rest des Hauses das Licht zu löschen. Der Wirt nickte bei jeder Frage ein wenig langsamer.

»Lesen könnt Ihr in der Stube. Wenn Ihr die Lampe bezahlt.«

»Und oben?«

»Oben auch. Wenn Ihr die Lampe bezahlt.«

Seraphina setzte sich auf die nächste Bank. Der Riemen ihrer Tasche glitt von der Schulter. Aurel stand noch an ihrem Arm.

»Wir sollten die Zimmer ansehen«, sagte sie.

Der Wirt führte sie über eine Treppe, deren Stufen in der Mitte ausgetreten waren. William zählte sie für Aurel, kam bei der schmalen Wendung aus dem Takt und begann zu erklären, weshalb die nächste Stufe höher liege.

»Sag mir, wenn wir oben sind«, sagte Aurel. »Den Rest werde ich merken.«

Die Kammer an der Straße hatte ein Fenster, das sich weit öffnen ließ. Man hörte den Karren des Jungen noch immer irgendwo unten. In der kleineren stand das Bett so dicht unter der Dachschräge, dass William sich beim Blick auf das Kopfende instinktiv duckte. Ein kleiner Verschlag dahinter roch nach altem Stroh. Hinten im Haus gebe es noch eine Kammer mit zwei Betten, sagte der Wirt. Die sei ruhiger, koste aber mehr, und man erreiche sie vom Gang aus nur durch einen schmalen Durchgang.

William sah noch einmal zur Straße.

»Für zwei Nächte könnte das genügen.«

»Wir haben von mehreren Tagen gesprochen«, sagte Seraphina.

»Mehrere Tage machen aus dem Rad dort unten kein größeres Rad.«

»Es macht aus dem Geräusch eine längere Nacht.«

Der Wirt sah mit dem Ausdruck eines Mannes zu, der jeden Ausgang des Gesprächs als möglichen Verkauf betrachtete.

Aurel hatte den Türrahmen mit der Hand gefunden. »Wo ist der Weg nach unten?«

William erklärte es. Aurel fragte nach der Waschgelegenheit und danach, ob auf dem Gang nachts Dinge abgestellt würden. Der Wirt sagte zunächst nein, erinnerte sich dann an den Korb mit der frischen Wäsche und versprach, ihn an die Wand zu stellen.

»An dieselbe«, sagte Aurel.

»Gewöhnlich steht er dort.«

»Dann belassen wir es bei dieser vortrefflichen Gewohnheit.«

Seraphina sah William an. Ihr Gesicht war blasser als am Morgen, und an der Stelle, wo sie sich die Augen gerieben hatte, lag ein schmaler roter Strich.

Er fragte nach dem ruhigeren Zimmer.

Als der Wirt hinunterging, blieb William noch einen Augenblick auf dem Gang. Vom Hof herauf hörte er das Mädchen über die Decke schimpfen. Er hatte sich Rietfjord als den ersten Punkt einer Suche vorgestellt, als einen Ort, von dem Fragen ausgingen. Nun standen sie zwischen Betten, für die er mehr bezahlt hatte, als er wollte, und besprachen einen Wäschekorb.

Seraphina nahm ihm das kleinere Gepäckstück ab. »Du kannst heute noch fragen.«

»Das habe ich vor.«

»Ich weiß.«

Sie verschwand in ihrer Kammer. William half Aurel, den Weg zu seinem Bett einmal abzugehen, zeigte ihm die Bank am Fußende und beschrieb das Fenster. Aurel strich über die Decke, setzte sich und stützte die Hände neben sich auf.

»Wie lange?«

»Bis wir wissen, wen wir fragen können.«

»Ich meinte, bis es etwas zu essen gibt.«

William sah ihn an. Dann musste er wider Willen lächeln.

»Ich frage den Wirt.«

»Eine Antwort, die ich mit Vergnügen erwarten werde.«

Am späten Nachmittag war die Gaststube fast leer. Der Wirt hatte sein Mittagessen beendet und bereitete sich auf den Abend vor. William setzte sich an den Tisch nahe dem Fenster. Durch die kleinen Scheiben lag das Licht auf dem Holz wie trübes Wasser. Er hatte den Beutel mitgenommen, öffnete ihn aber nicht.

Der Wirt brachte einen Krug und fragte, ob sie essen wollten, sobald die Suppe fertig sei. William bejahte und erkundigte sich nach jemandem, der alte Reisegeschichten kenne.

»Die meisten hier kennen ihre eigenen.«

»Ich suche ältere Überlieferungen. Ortsgeschichten. Erinnerungen an Dinge, die vielleicht schon verschwunden sind.«

»Was für Dinge?«

William dachte an den Sonnenteich. Im hellen Band gehörte der Name zu einem Tempel. Wo er lag, wussten sie nicht. Er hoffte, dort zu erfahren, woher die Lehren der beiden Bücher stammten. Das Wort lag ihm so leicht auf der Zunge, dass er es einen Augenblick lang kaum zurückhalten konnte. Wer es zuerst von ihm hörte, gab es ihm womöglich nur als Antwort zurück.

»Alte Gebäude. Plätze, die früher eine besondere Bedeutung hatten. Wasserstellen zum Beispiel.«

Der Wirt überlegte. Er stellte den Krug ab, drehte ihn mit zwei Fingern und sah zum Fenster, als müsse die gesuchte Person dort vorbeigehen.

»Beim Markt erzählt manchmal eine alte Frau. Die Leute hören ihr zu.«

»Wohnt sie hier?«

»Draußen. Ein Stück den Fluss hinauf. Ihr Enkel bringt sie, wenn das Wetter gut ist. Sie kennt mehr Tote als Lebende, und über jeden hat sie etwas zu sagen.«

»Ist sie wieder beim nächsten Markt?«

»Fragt den Mann mit den Holzwaren. Er fährt die Strecke. Ich kann ihn morgen abpassen.«

William bedankte sich. Der Wirt sah auf den Bücherbeutel.

»Wollt Ihr etwas aufschreiben?«

»Vielleicht.«

»Dann lasst sie erst erzählen. Mein Bruder hat sie einmal nach einem Namen gefragt, weil er meinte, sie habe ihn verwechselt. Sie sprach den Rest des Tages nur noch mit seiner Frau.«

»Hatte sie ihn verwechselt?«

Der Wirt grinste. »Das weiß mein Bruder bis heute nicht.«

William lachte. Der Mann ging in die Küche, und William blieb mit einer Erwartung zurück, die dem Ort endlich die Gestalt gab, auf die er gehofft hatte. Eine alte Frau, ein Markt, ein Gespräch. Es war wenig, und es war erreichbar.

Als Seraphina und Aurel herunterkamen, hatte sich die Stube gefüllt. William stand auf und rückte die Bank so, dass Aurel leicht an seinen Platz gelangen konnte. Dieser blieb bei der letzten Wendung stehen, fragte nach dem Tischrand und setzte sich, nachdem Seraphina seine Hand dorthin geführt hatte. Er legte den Stock neben sein Bein. Der Wirt brachte Brot und Suppe. Eine Weile hörte man von ihrem Tisch nur die Löffel.

William erzählte von der Frau.

»Wie alt?«, fragte Aurel.

»Der Wirt sagte, sie kenne mehr Tote als Lebende.«

»Das ließe sich durch große Unbeliebtheit ebenfalls erreichen.«

Seraphina lachte in ihren Becher. William nahm ein Stück Brot.

»Wir werden sie trotzdem anhören.«

»Ich habe nichts dagegen. Vielleicht besitzt sie die Freundlichkeit, ihre Toten beim richtigen Namen zu nennen.«

William erzählte auch die Geschichte vom Bruder des Wirts. Seraphina wollte wissen, ob die Frau überhaupt zu einem Gespräch bereit sei. Er sagte, dass er das morgen erfahren werde. Sie nickte und aß weiter.

Später, als die erste Müdigkeit einem schwereren, ruhigeren Gefühl gewichen war, sprach Aurel davon, den kurzen Weg vom Tisch zur Treppe selbst wiederholen zu wollen. Seraphina ging ihn mit ihm. William blieb sitzen. Er sah, wie Aurel an der Wand innehielt, die Hand ausstreckte und nach der nächsten Wendung fragte. An einem anderen Tisch rückte jemand seinen Stuhl zurück, bevor er darauf hingewiesen werden musste.

William wandte sich zum Fenster.

Im Hof hatte das Mädchen Wäsche aufgehängt. Zwischen zwei großen Tüchern hing eine kleine geflickte Jacke. Die Ärmel bewegten sich im Wind, einer höher als der andere. Er versuchte sich vorzustellen, wie groß Carisophia inzwischen in einer solchen Jacke aussehen würde, und merkte, dass er das falsche Maß im Kopf hatte. Er sah ihre Hände vor sich, den konzentrierten Ernst, mit dem sie nach etwas gegriffen hatte. Einen Teil ihres Gesichts musste er aus mehreren Erinnerungen zusammensetzen.

Er würde Bethany schreiben, sobald er die Frau gesprochen hatte. Er wollte ihr etwas erzählen können, das über Straßen und Preise hinausging. Für einen Augenblick stellte er sich vor, wie sie am Tisch saß und den Brief öffnete, während ihre Tochter an ihrem Rock zog. Vielleicht würde sie lachen, wenn er Aurels Antwort auf dem Wagen genau genug wiedergab.

Seraphina kam zurück. »Er möchte den Rest oben allein versuchen. Ich warte an der Tür.«

William nickte.

»Kommst du?«

Er legte die Hand auf den Beutel neben sich und stand auf. Vor der Treppe hörte er Aurel nach dem Wäschekorb fragen. Die Antwort des Wirts kam aus der Küche, laut und freundlich, und Aurel erwiderte mit vollkommener Ernsthaftigkeit, er schätze Menschen, auf deren Gewohnheiten Verlass sei.

Oben brannte schon eine Lampe. William blieb einen Moment am Absatz stehen, bis sich seine Augen an das ruhigere Licht gewöhnt hatten. Hinter der offenen Kammertür tastete Aurel nach der Bank. Seraphina lehnte am Rahmen und wartete, die Arme vor der Brust verschränkt.

Als er saß, ging sie zu ihrem eigenen Zimmer. William brachte die Bücher hinein, legte sie auf den trockenen Platz, den er ihnen ausgesucht hatte, und löschte erst danach das Licht auf dem Gang. Sein Abzeichen ließ er in das Hemd gerollt in der Kleidertasche. Seit sie aus dem Norden aufgebrochen waren, hatte er es niemandem gezeigt. Einem Inquisitor erzählte unterwegs niemand gern eine alte Geschichte, und Seraphina hielt es mit ihrem ebenso.