Die Welt zu seinen Füßen
Caspian wachte auf, weil die Sonne ihm ins Gesicht schien. Er hätte den Kopf drehen können. Stattdessen blieb er liegen und genoss es, dass er es nicht musste.
Durch das offene Fenster kam kühle Luft. Der Vorhang bewegte sich, strich über den Boden und blieb an einer Unebenheit im Holz hängen. Unten in den Kastanien stritten zwei Vögel. Einer von ihnen besaß offenbar etwas, das der andere ebenfalls haben wollte. Caspian hörte eine Weile zu und entschied sich für den lauteren. Eigentum ohne die Bereitschaft, dafür einzutreten, war schließlich kaum der Rede wert.
Er streckte einen Arm aus dem Bett. Auf dem kleinen Tisch stand Wasser. Das Glas war kühl, und als er trank, sah er über den Rand hinweg die Dächer Eisenburgs zwischen den Baumkronen. So gefiel ihm die Stadt am besten: geschäftig genug, um interessant zu sein, und weit genug entfernt, um ihn vor dem Frühstück in Ruhe zu lassen.
»Ein weiterer Tag, an dem ich brillieren muss«, sagte er. Seine Stimme klang angenehm ausgeschlafen. »Was würde diese Stadt nur ohne mich tun?«
Der Vogel draußen antwortete mit einem kreischenden Laut.
»Eben.«
Er stand auf, ließ die Bettdecke dort, wo sie hingefallen war, und ging zum Fenster. Die Luft kühlte seine nackten Füße. Über den unteren Dächern löste sich ein heller Dunst auf; dahinter lagen die Türme und die gedrängten Häuser, zwischen denen bereits Wagen fuhren, Lasten getragen und vermutlich schlechte Entscheidungen getroffen wurden. Die breite Auffahrt seines Hauses verlief in sanften Biegungen den Hang hinab. Ein Weg, auf dem man Zeit hatte, sich zu überlegen, ob man wirklich hinunterwollte.
Heute wollte er.
Am Schrank nahm er zuerst die dunkelblaue Jacke heraus. Sie saß ausgezeichnet. Allerdings waren die Ärmel enger, als ein vernünftiger Mensch sie an einem solchen Morgen brauchen konnte. Er hielt das Kleidungsstück vor sich, prüfte im Spiegel den Kragen und legte es wieder zurück. Die hellere Jacke war bequemer. Ein genauer Beobachter mochte daraus schließen, dass er nicht besonders viel Mühe auf seine Erscheinung verwandte. Ein noch genauerer Beobachter würde bemerken, wie viel Mühe nötig war, damit es so aussah.
Beim Zuknöpfen entdeckte er einen losen Faden. Er zog daran, bemerkte rechtzeitig, dass damit eine Naht aufgehen könnte, und suchte nach einer kleinen Schere. In der obersten Schublade lag sie unter zwei Handschuhen. Er schnitt den Faden ab, betrachtete sein Werk und war zufrieden. Manche Angelegenheiten ließen sich durchaus selbst erledigen. Man musste nur vermeiden, daraus eine Gewohnheit zu machen.
Er wusch sich, strich das Haar zurück und entschied sich gegen das Halstuch, das bereits bereitlag. Zu förmlich. Er nahm ein anderes und musste zweimal ansetzen, ehe der Knoten so locker saß, wie er sollte. Danach sah er keineswegs aus wie ein Mann, der zweimal hatte ansetzen müssen.
Auf dem Weg zum Frühstück ließ er die Hand über das glatte Geländer gleiten. Im Treppenhaus war es noch kühl. Das Licht lag auf den breiten Stufen, und von der offenen Tür am Ende des Ganges kam der Geruch gerösteten Brotes. Er mochte diese Strecke durch das Haus. Schlafzimmer, Treppe, Frühstücksraum: wenige notwendige Entscheidungen, alle zu seinen Gunsten getroffen.
Der junge Mann stand neben dem gedeckten Tisch. Eine schmale Mappe lag auf seinem Unterarm. Er hatte sie so platziert, dass Caspian sie sehen musste, ohne dass sie zwischen ihn und das Frühstück geriet.
»Guten Morgen, Herr de Varelli.«
»Das hoffe ich.«
»Ich habe mir erlaubt, mit dieser Annahme zu arbeiten.«
Caspian setzte sich. »Sehr vernünftig. Behält man sie bei, lassen sich erstaunlich viele unangenehme Dinge auf den Nachmittag verschieben.«
Der Gehilfe lächelte und schenkte ihm ein. Auf dem Teller lagen Brot, Butter und ein Stück weicher Käse. Caspian brach eine Ecke ab und kostete sie, ehe er nach dem Messer griff. Der Käse war gut. Er schnitt sich mehr davon ab.
»Was habt Ihr da?«
Der junge Mann sah auf seine Mappe, als sei sie eine zufällige Begleitung, über die er sich ebenfalls eben erst wunderte. »Eure heutigen Angelegenheiten. Sauber geordnet, soweit sich die Wünsche anderer Menschen überhaupt ordnen lassen.«
»Das klingt nicht nach einem guten Morgen.«
»Dann beginne ich mit dem Teil, der Euch gefallen wird. Es ist weniger zu schreiben, als Ihr befürchtet.«
»Ich befürchte nicht, schreiben zu müssen. Ich befürchte, dass andere erwarten könnten, ich würde es tun.«
»Eine wichtige Unterscheidung.«
Caspian hob sein Glas. Der Gehilfe hatte die angenehme Eigenschaft, eine Bemerkung nicht dadurch zu ruinieren, dass er sie erklärte.
»Ist etwas dringend?«
»Für die Betroffenen selbstverständlich.«
»Und für uns?«
»Eine Angelegenheit verdient einen Blick von Euch. Eine andere vielleicht einen ganzen Gedanken.«
»Nur einen?«
»Ich wollte den Gelehrten nicht entmutigen, indem ich mehr versprach, als er bezahlen kann.«
Caspian lachte. »Ein Gelehrter. Das klingt schon besser. Was hat er angestellt?«
»Er bittet um Rat.«
»Dann besteht noch Hoffnung.«
Er bestrich ein Stück Brot und wies mit dem Messer auf den Stuhl gegenüber. Der junge Mann setzte sich erst, als Caspian die Bewegung wiederholte. Dabei hielt er die Mappe auf den Knien, als sei auch für Papier ein gewisser Abstand zum Frühstück angebracht.
»Ihr könnt sie weglegen. Ich werde Euch nicht vorwerfen, wenn Ihr einmal keine Unterlagen tragt.«
»Ich möchte vermeiden, dass Euch ein guter Einfall kommt und ich nichts habe, um ihn festzuhalten.«
»Dann müsstet Ihr neben meinem Bett schlafen.«
»Ich fürchte, das würde die Qualität Eurer Einfälle beeinträchtigen.«
»Die Qualität meines Schlafes gewiss.«
Der Gehilfe legte die Mappe auf den freien Stuhl neben sich. Caspian aß weiter. Ein Sonnenfleck wanderte über den Tisch und brachte die kleine Vertiefung im Griff des Buttermessers zum Leuchten. Es war schön, reich zu sein. Er konnte nicht begreifen, weshalb Menschen diesen Gedanken immer mit einer Entschuldigung verbanden. Gewiss war es unangenehm, arm zu sein; gerade deshalb durfte man die Vorteile der anderen Möglichkeit doch anerkennen.
»Was würde geschehen«, fragte er, »wenn ich heute überhaupt nicht arbeitete?«
Der junge Mann überlegte. Er machte es gründlich genug, um die Frage ernst zu nehmen, aber nicht so lange, dass Caspian seine Meinung hätte ändern müssen.
»Ein Mann würde seinem Bruder etwas Unbedachtes sagen. Der Bruder würde antworten. Beide würden später behaupten, der andere habe angefangen. Ein Gelehrter wäre beleidigt. Und morgen hättet Ihr mehr Arbeit.«
»Eine wenig reizvolle Auswahl.«
»Ihr könntet auch nur den ersten Mann vor sich selbst retten und den Gelehrten auf einen anderen Tag legen.«
»Dann wäre der Gelehrte weiterhin beleidigt.«
»Vermutlich. Aber mit einer Aussicht.«
Caspian nahm das letzte Stück Brot. »Ihr verkauft mir die Arbeit, als wolltet Ihr mir eine Reise schmackhaft machen, bei der die Hälfte der Brücken fehlt.«
»Ich dachte, Euch gefalle das Gefühl, gebraucht zu werden.«
Das war eine freche Antwort, gerade frech genug, um unterhaltsam zu sein. Caspian sah ihn über den Tisch hinweg an. Der Gehilfe hielt seinem Blick mit einem höflichen Lächeln stand.
»Gebraucht werde ich ohnehin. Die Frage ist, ob ich mich darum kümmere.«
»Natürlich, Herr de Varelli.«
»Gut. Den ersten Mann sehe ich mir an. Was will er?«
Der Gehilfe griff nach der Mappe.
»Noch nicht.« Caspian legte das Messer auf den Teller. »Ihr habt eben gesagt, morgen wäre es mehr Arbeit. Ich würde gern vorher fertig frühstücken, damit Ihr mir nicht hinterher erklärt, ich hätte dadurch Zeit gewonnen.«
Der junge Mann nahm die Hand zurück. »Dann warte ich.«
Caspian schenkte sich nach. Es war angenehm, jemanden warten lassen zu können, der dabei nicht seufzte.
Später, im Arbeitszimmer, störte ihn zunächst die Stellung des Sessels. Er schob ihn ein Stück zum Fenster, setzte sich und stellte fest, dass das Licht nun auf die falsche Seite des Blattes fiel. Der Gehilfe nahm den kleinen Tisch, zog ihn näher und drehte die Mappe. Eine Lösung, die so einfach war, dass Caspian sich ärgerte, sie nicht zuerst vorgeschlagen zu haben.
»So ist es gut«, sagte er.
»Ich hoffte es.«
Auf dem obersten Blatt standen zwei Brüder, ein gemeinsames Haus und ein Tisch. Caspian las weiter. Er erwartete eine komplizierte Aufteilung, einen verschwundenen Teil des Vermögens oder wenigstens eine halbwegs interessante Lüge. Stattdessen ging es tatsächlich um den Tisch.
»Ist das ein besonders wertvoller Tisch?«
»Darüber scheinen die Brüder ebenfalls verschiedener Meinung zu sein.«
»Natürlich sind sie das. Warum sollten sie ausgerechnet beim Wert vernünftig werden?«
Er lehnte sich zurück. Der eine hatte dem Verkauf des Tisches zugestimmt. Der andere hatte diese Zustimmung dazu benutzt, auch nach Käufern für Stühle, Truhen und weiteres Gerät zu suchen. Nun wollte der erste seine Zustimmung zurücknehmen, bevor alles verkauft war, und der zweite verlangte, er solle sich an sein Wort halten.
Caspian las die wenigen Zeilen noch einmal. Diesmal bemerkte er einen Zusatz am Rand. Der Tisch stand in einem Raum, der ausgeräumt werden sollte. Das machte die Sache für den zweiten Bruder bequemer und für den ersten ärgerlicher, aber noch lange nicht schwieriger.
»Wer hat das aufgeschrieben?«
»Ich habe die Angaben geordnet.«
»Dann fehlt etwas. Warum will er den Tisch plötzlich behalten?«
»Er sagt, es gehe ihm ums Ganze.«
»Das sagen Leute, wenn sie nicht wissen, welchen Teil sie meinen.«
Der Gehilfe hielt bereits eine Feder bereit. Caspian wies mit dem Blatt darauf. »Legt das weg. Wir sprechen erst.«
Er stand auf und ging zum Fenster. Von hier sah man einen anderen Teil der Stadt, die Dächer weiter westlich und einen Streifen der Auffahrt. Am Rand des Weges bewegten sich die Blätter in einem Wind, den man im Zimmer nicht spürte.
»Stellt Euch vor, ich erlaube Euch, diesen Sessel hinauszutragen«, sagte er. »Und Ihr nehmt den Schreibtisch gleich mit.«
»Ich würde Euch zuvor fragen.«
»Ihr sollt nicht Ihr sein. Ihr sollt der Bruder sein.«
»Dann würde ich vermutlich behaupten, Ihr hättet endlich eingesehen, dass der Raum leer besser aussieht.«
»Sehr gut. Und wenn ich nun schreie, der Sessel müsse bleiben?«
»Dann stünde immer noch der Schreibtisch vor der Tür.«
Caspian drehte sich um. »Eben. Der Mann kämpft mit dem falschen Möbelstück.«
Der Gehilfe lächelte breiter, als der Satz verdiente. Trotzdem war es ein guter Satz.
Caspian nahm das Blatt wieder auf. »Hat er dem Verkauf zugestimmt, weil er Geld braucht?«
»Er möchte jedenfalls seinen Anteil daran.«
»Und er mag den Tisch nicht besonders?«
»Er beklagt vor allem, dass sein Bruder ihn für einen Narren hält.«
»Dann werde ich ihm sagen, dass er es seinem Bruder nicht so leicht machen sollte.«
»Wollt Ihr ihn das wissen lassen?«
»In freundlicherer Form. Er bezahlt mich schließlich dafür, etwas zu bemerken, das er selbst noch nicht bemerkt hat. Ich muss ihm die Freude nicht verderben, es hinterher für seinen eigenen Gedanken zu halten.«
Der junge Mann nickte. Er nahm die Feder erst, als Caspian sie ihm mit einer kleinen Handbewegung zugestand.
»Keine lange Antwort«, sagte Caspian. »Er soll morgen noch wissen, worüber er heute sprechen wollte. Zustimmung zum Tisch. Keine Zustimmung zum Rest. Wenn er den Tisch inzwischen aus einem eigenen Grund behalten möchte, muss er diesen Grund nennen. Aber er soll ihn nicht als Sperrbalken vor das ganze Haus schieben.«
Der Gehilfe sah auf, bevor er zu schreiben begann. »Darf ich Euch etwas fragen?«
»Dafür seid Ihr hier.«
»Wenn der Käufer bereits mit dem Bruder gesprochen hat und alles zusammen holen will, wird er vielleicht auch den Tisch nicht mehr nehmen.«
Caspian blickte wieder auf das Blatt. Das war möglich. Ärgerlich, aber möglich. »Ist es denn so?«
»Das weiß ich nicht.«
»Dann fragt es. Eine Möglichkeit wird nicht dadurch zum Unglück, dass wir uns bemühen, es vorwegzunehmen.«
»Aber wenn es so wäre?«
Caspian setzte sich auf die Kante des kleinen Tisches. Der stand nun so nah am Sessel, dass er kaum Platz für die Beine hatte. Er schob ihn wieder fort und dachte nach.
»Dann könnte er weniger Geld bekommen, weil er verhindern möchte, dass sein Bruder noch mehr verkauft. Manchmal kostet es etwas, einen Dummkopf aufzuhalten. Besonders dann, wenn man mit ihm verwandt ist.«
Der Gehilfe legte die Feder quer über das Blatt. »Würde ihn Eure Antwort dann noch zufriedenstellen?«
»Sie wäre noch immer richtig.«
»Gewiss.«
Das freundliche Wort gefiel Caspian diesmal weniger. Er trommelte mit zwei Fingern auf das Holz. Der Mann wollte seinen Tisch verkaufen, wollte seinen Bruder bremsen, wollte von keinem Käufer übervorteilt werden und wollte vermutlich noch hören, dass er sich von Anfang an tadellos verhalten hatte. Eine ordentliche Sammlung von Wünschen für jemanden, der noch nicht einmal selbst erschienen war.
»Schreibt ihm nicht, dass alles einfach ist«, sagte er schließlich.
Der Gehilfe hob die Augenbrauen.
»Ihr hattet vor, es zu schreiben. Ich sehe Euch das an. Ihr wollt ihn beruhigen, damit er dankbar ist, bevor wir anfangen. Hinterher glaubt er, ich hätte ihm ein Ergebnis versprochen. Das tun wir nicht.«
»Was soll ich ihm stattdessen sagen?«
Caspian nahm die Feder, tauchte sie ein und zog eine kurze Linie auf einem freien Stück Papier. Daneben schrieb er Tisch. Unterhalb setzte er Hausrat. Er betrachtete die beiden Wörter, dann schob er das Blatt zurück.
»Er soll mir erzählen, was er behalten will. Nicht, worüber er sich am meisten ärgert. Das wird ohnehin aus ihm herauskommen.«
»Und wenn er alles behalten möchte, sobald jemand dafür bezahlen will?«
»Dann hat er ein Problem, für das ich ihm keinen Bruder wegnehmen kann.«
Er wischte einen kleinen Tintenfleck von seinem Finger, bevor er trocknete. Schreiben war eine unnötig schmutzige Tätigkeit. Dennoch hatte ihm die kurze Bewegung geholfen. Er betrachtete die beiden Wörter noch einmal.
»Nehmt das mit«, sagte er. »Es klingt lächerlich, aber vielleicht sieht er es eher, wenn beides nicht in derselben Zeile steht.«
»Soll ich eine saubere Fassung anfertigen?«
»Wenn er meine Schrift nicht lesen kann, soll er fragen. Das tut er sonst ja auch.«
Der Gehilfe faltete das kleine Blatt sorgfältig. Caspian hielt ihn zurück.
»Und sagt ihm, er soll nichts weiter zurücknehmen, bevor wir gesprochen haben. Er hat offenbar schon genug getan, um sich das Leben schwerzumachen.«
»Wollt Ihr ihn also doch länger hören?«
»Ich will wissen, ob er den Tisch verkaufen möchte. Wenn ein Mensch dafür eine lange Antwort braucht, kann ich ihm leider nicht in wenigen Worten helfen.«
Der junge Mann nickte. Caspian mochte den Ausdruck auf seinem Gesicht. Aufmerksamkeit, eine Spur Vergnügen und der Eindruck, soeben etwas gelernt zu haben. Es war erstaunlich, wie viel angenehmer ein Morgen wurde, sobald jemand darin begriff, warum man ihn brauchte.
»Ihr hättet ihm das natürlich auch selbst sagen können«, fügte Caspian hinzu.
»Das habe ich vermutet.«
»Aber?«
»Dann wäre ich der junge Mann gewesen, der seine Beschwerde auf zwei Möbelstücke verkleinert. Von Euch hört er es vielleicht anders.«
Caspian lächelte. »Dann solltet Ihr es genießen, dass ich den unangenehmen Teil Eurer Arbeit übernehme.«
»Ich werde an Euch denken, während ich die Abschriften mache.«
Der Gehilfe begann zu schreiben. Das Kratzen gefiel Caspian für einige Atemzüge; dann ging es ihm auf die Nerven.
»Ihr formuliert bereits wieder zu viel.«
»Ich habe bislang nur die beiden Zustimmungen getrennt.«
»Dann trennt langsamer. Sonst muss ich hier sitzen und dem Schreiben zusehen.«
Er zog den Sessel zurück, wie er anfangs gestanden hatte, und setzte sich. Für diese Art von Arbeit war das Licht völlig ausreichend. Er sah auf die Tür, auf das Blatt und schließlich auf den jungen Mann.
»Warum kommt er nicht selbst?«
»Er kann Euch in der Stadt treffen.«
»Warum sollte ich ihm entgegenlaufen?«
»Ihr wolltet doch hinunter.«
Das stimmte. Caspian fand es dennoch misslich, dass ein eigener Wunsch auf diese Weise zum Argument für die Bequemlichkeit eines anderen wurde.
»Ich wollte spazieren gehen.«
»Dann könnten wir ihm sagen, wo der Spaziergang Euch vorbeiführt.«
»Wir könnten ihm sagen, wo er mich nicht länger als nötig aufhält.«
»Das wird ihn gewiss zu einer knappen Darstellung ermuntern.«
Caspian sah ihn misstrauisch an. Der Gehilfe blickte auf das Blatt. Sein Mundwinkel bewegte sich kaum.
»Ihr findet das komisch.«
»Ich stelle mir vor, wie dankbar er sein wird.«
»Ihr dürft es ruhig komisch finden. Solange er bezahlt.«
Der junge Mann schob das Blatt beiseite. Darunter lag ein zweites, und schon dessen Anblick war angenehmer. Weniger Beschwerden. Ein klarer Name.
Ottavian Heldrath.
Caspian nahm es ihm aus der Hand, bevor er es vorlesen konnte. Ein Gelehrter, Fragen zur Verwendung seiner Schriften, die Sorge, dass andere aus seinen Gedanken etwas machten, dem er nicht zugestimmt hatte. Das war wenigstens ein menschlicher Fehler mit etwas Ehrgeiz dahinter.
»Was genau will er?«
»Er möchte selbst mit Euch sprechen.«
»Das möchten sie alle. Habt Ihr ihm gesagt, dass ein persönliches Gespräch teurer wird als eine kurze Antwort?«
»Er bestand danach noch immer darauf.«
Caspian strich den Rand des Blattes glatt. »Dann hat er entweder ein gutes Einkommen oder ein sehr schlechtes Problem.«
»Vielleicht erkennt er auch den Wert Eurer Gedanken.«
»Das wäre die erfreulichste Erklärung. Behält man sie bei, könnte daraus sogar ein guter Besuch werden.«
Er las die Anfrage bis zum Ende. Darin war von einem Text die Rede, der außerhalb seines ursprünglichen Zusammenhangs verwendet worden sei, und von Zeichnungen, die jemand beim Nachbauen verändert hatte. Caspian stellte sich einen Gelehrten vor, der verzweifelt zusah, wie ein Dummkopf seine ordentliche Welt in die Hand nahm und verkehrt herum hielt. Dafür hatte er ein gewisses Verständnis.
Andererseits konnte man eine Sache auch so erklären, dass sie niemand verstand, und sich dann auf die Dummheit der anderen berufen. Er hatte Männer erlebt, die ihre Überlegenheit hauptsächlich dadurch bewiesen, dass nach ihren Erläuterungen alle verwirrter waren als zuvor. Caspian hielt sich für einen besseren Mann. Wenn jemand ihn nicht verstand, konnte er ihm gewöhnlich genau sagen, an welchem Punkt der Fehler lag.
»Besorgt mir das Beispiel, über das er sprechen will. Keine Truhe voll Bücher. Etwas, das er selbst für geeignet hält.«
»Ich werde es vorbereiten.«
»Und gebt ihm noch keinen Besuch zu früh. Ich will wissen, ob er eine Antwort sucht oder einen Mann, der ihm zustimmt.«
»Wäre Letzteres teurer?«
Caspian legte das Blatt hin. »Das hängt davon ab, wie oft er recht hat.«
Der Gehilfe lachte. Diesmal klang es nicht wie die freundliche Begleitung eines Vorgesetzten. Es war ein kurzes, helles Lachen, das Caspian ansteckte. Er stand auf und streckte die Arme über den Kopf.
»So. Genug gearbeitet.«
»Ihr habt zwei Angelegenheiten in Gang gebracht.«
»Dann war es sogar ein fleißiger Morgen.«
»Soll ich die übrigen Dinge für später zurücklegen?«
Caspian sah auf die Mappe. Sie war dünn genug, um unschuldig zu wirken, und dick genug, um noch Ärger zu enthalten.
»Was meint Ihr mit übrigen Dingen?«
»Abschriften, die Reihenfolge einiger Besuche, eine Rückfrage nach Eurer Verfügbarkeit.«
»Ich bin Anwalt, kein Dienstbote und kein Schreiberling. Erledigt es und sagt mir, wenn Ihr meine Gedanken braucht. Ich bin hier, um etwas zu leisten, nicht um über fremden Listen zu schwitzen.«
Der junge Mann neigte den Kopf. »Dafür habt Ihr mich.«
»Ich weiß. Es ist eine meiner besseren Einrichtungen.«
Er ging zur Tür, blieb aber noch einmal stehen. »Der Mann mit dem Tisch soll keine Stühle mitbringen. Ich traue Leuten inzwischen alles zu.«
»Ich werde eine entsprechende Vorsichtsmaßnahme treffen.«
Im Flur nahm Caspian seinen Beutel vom kleinen Tisch. Er prüfte das Gewicht, schüttete einige Münzen in die Hand und ließ sie durch die Finger gleiten. Eine blieb zwischen Zeige- und Mittelfinger hängen. Er klappte die Hand zu, drehte sie und öffnete sie leer. Dann holte er die Münze hinter seinem Handgelenk hervor.
Der Gehilfe war ihm gefolgt. »Sehr geschickt.«
»Ihr habt nicht hingesehen.«
»Ich habe genug gesehen, um das zu sagen.«
»Das ist genau die Haltung, mit der meine Auftraggeber zu mir kommen.«
Caspian steckte das Geld ein. Der Trick war einfach. Er mochte ihn gerade deshalb; eine kleine Bewegung, sauber ausgeführt, und ein Gegenstand hörte für einen Augenblick auf, dort zu sein, wo jeder ihn erwartete. Keine Tinte, keine Beschwerden, keine zwei Brüder, die sich über eine Tischplatte in die Haare gerieten. Man machte etwas, und es gelang.
Vor der Haustür blieb er stehen und atmete tief ein. Auf der Freitreppe war die Sonne bereits warm. Von dort aus sah das Haus noch größer aus als von den Fenstern, seine drei Flügel, die langen Reihen des hellen Mauerwerks, die schmalen Schatten unter den Simsen. Caspian strich sich eine Falte aus dem Ärmel. Eine solche Umgebung verlangte nicht unbedingt Demut.
Der Gehilfe hielt die Mappe unter dem Arm und wollte den Weg zur Auffahrt nehmen.
»Nicht so schnell«, sagte Caspian. »Wir gehen heute erst ein Stück durch den Garten.«
»Damit wir später zur Stadt kommen?«
»Damit ich durch den Garten gehe.«
»Wie Ihr wünscht.«
Das war eine brauchbare Antwort. Caspian nahm die andere Treppe, langsamer, als er es allein getan hätte. Am Rand eines Beetes hielt er an, um einen kleinen Kiesel aus dem Schuh zu schütteln. Der junge Mann wartete. Caspian zog den Schuh wieder an und hatte plötzlich gute Lust, aus dem geplanten Weg einen längeren zu machen.
»Wenn Ihr dem Mann mit dem Tisch begegnet, sagt ihm, ich komme.«
»Soll ich vorausgehen?«
Caspian sah durch die Bäume auf Eisenburg. Die Stadt würde auch in einer Weile noch voller Menschen sein, die seinen Rat brauchten.
»Bis zur Auffahrt könnt Ihr mitkommen. Danach sehe ich weiter.«
Er ging zuerst. Hinter ihm raschelte Papier, dann verstummte es. Caspian hob den Kopf in die Sonne. Der Tag hatte noch nicht viel von ihm verlangt. Er beabsichtigte, dass es eine Zeit lang so blieb.