Ruina · De Via Brevi
Am achten Reisetag lachte Velkar so sehr, dass er den Pferden den nächsten Zuruf schuldig blieb. Der Graue drehte ein Ohr nach hinten. William sah es und musste seinerseits lachen; offenbar fiel auch dem Tier auf, wenn auf dem Bock etwas anders zuging als gewöhnlich.
„Jetzt habt Ihr ihn beleidigt“, sagte Velkar. „Er hört seinen Namen und bekommt nichts dafür.“
„Ich habe nach seiner Meinung gefragt.“
„Das ist schlimmer. Die beiden Kinder meines Cousins fragen ihn den ganzen Tag nach seiner Meinung. Hinterher muss ich ihm wieder beibringen, dass er vor dem Wagen laufen soll.“
William stützte die Arme auf die Lehne vor sich. Seit einer Weile saß er vornüber, um mit Velkar sprechen zu können; jedes Mal, wenn er sich zurücklehnte, fiel ihm eine weitere Frage ein. Die Sonne wärmte das Holz. Er hatte den Umhang geöffnet, und der Wind, den die Fahrt hereintrug, roch nach Staub und trockenem Gras. Unter der Bank stießen sein Kleiderbündel und das Wassergefäß leise gegeneinander. Peters Tasche lag schwer an seiner Hüfte.
„Und was sagt er ihnen?“
„Dass es ihm schlecht geht. Dass wir alle zu viel von ihm verlangen. Dass ein Pferd mit seinem Verstand einen anderen Platz im Leben verdient hätte.“ Velkar sah über die Schulter. „Der jüngere von beiden ist sicher, er würde lieber im Haus wohnen.“
„Mit seinem Verstand wäre das auch die vernünftige Wahl.“
„Dann könnte mein Cousin in den Stall. Ist ohnehin öfter dort.“
William stellte sich den Mann vor, den er noch nie gesehen hatte: älter als Velkar, zwischen zwei Kindern und einem Pferd, dessen Anspruch auf das Haus jeden Tag überzeugender wurde. Er fragte, ob sie auf dem Rückweg zu ihm kämen.
„Ich schon. Ihr bleibt mit Eurem Brief in Kikazimeng, und ich bringe die beiden und den Wagen zurück an den Straßenhof. Weiter südlich, dort, wo wir sie übernommen haben. Mein Cousin lässt mich mit einem lahmen Pferd gar nicht erst zum Essen herein.“
„Ist er so streng?“
„Am Straßenhof ist das Essen gut. Er weiß, womit er drohen muss.“
Der Graue trat auf ein Stück harten Grund. William hörte das veränderte Geräusch und blickte an der Wagenwand vorbei nach unten.
„Rechts“, sagte Velkar.
„Ich wollte nichts sagen.“
„Ihr müsst auch nichts sagen. Ihr schaut seit gestern bei jedem dritten Stein auf diesen Fuß.“ Er ließ die Leinen durch die Finger gleiten. „Er setzt ihn zu flach auf. Das Eisen ist fest; ich habe heute früh noch einmal nachgesehen. Im nächsten Stall sehen wir genauer hin.“
William betrachtete die ruhige Hand. Am ersten Tag hatte er die kleinen Bewegungen für Unruhe gehalten. Inzwischen sah er, wie früh Velkar auf ein nach hinten gelegtes Ohr oder eine Unebenheit reagierte. Er sprach mit den Tieren in halben Lauten, von denen William nach sieben Tagen kaum mehr verstand als zu Beginn. Doch er hörte nun den Unterschied zwischen einer Ermunterung und einer Mahnung. Manchmal genügte ein Atemzug.
„Ich habe auf der Reise mehr über Pferde erfahren als über die Orte, durch die wir gekommen sind.“
„An den Orten konnte ich Euch auch nichts erklären. Ihr habt auf alles gezeigt, das hundert Jahre älter war als ich.“
„Nicht auf alles.“
„Auf die Steine schon.“
William ließ das gelten. Die Reise hatte es ihm leicht gemacht, neugierig zu sein. Die Kontrollen hatten sie kaum aufgehalten, die Tiere fraßen gut, und abends war seine Müdigkeit angenehm gewesen. Es war lange her, dass er sieben Tage hintereinander so wenig Grund gehabt hatte, sich nach dem nächsten Morgen zu fragen. Selbst der Brief, den er unter dem Umhang trug, schien unterwegs leichter geworden zu sein. Sein Auftrag lag vor ihm; für einige Stunden am Tag konnte er ihn dort lassen.
Velkar nahm die Leinen etwas kürzer. Der Weg begann zu steigen.
„Wenn ich genug zusammenhabe, nehme ich einen kleineren Wagen“, sagte er. „Einen eigenen. Für zwei Pferde, aber so gebaut, dass man ihn auch wieder den Berg hinaufbekommt.“
„Würdet Ihr weniger fahren?“
„Anders laden.“ Er sah auf die beiden Rücken vor sich. „Wer die Ladung bestellt, sieht den Wagen meistens auf ebenem Boden. Da ist neben dem letzten Sack immer noch Platz. Am Hang sitzt er dann selten bei mir.“
„Und wenn es Euer eigener ist, entscheidet Ihr, wann er voll ist.“
„Das wäre die Hoffnung. Es wird sich wohl auch dann jemand finden, der mir erklärt, wie viel ich damit verdienen könnte.“
William lächelte. „Ihr müsstet ihm sagen, dass er den letzten Sack selbst tragen darf.“
„Wenn Ihr bei solchen Gesprächen dabei wärt, hätte ich bald keine Arbeit mehr.“
„Aber einen leichteren Wagen.“
Velkar lachte wieder, diesmal leiser. Eine Weile sprachen sie nicht. William sah über seine Schulter den Weg zwischen den Pferden auftauchen, unter ihnen verschwinden und erneut auftauchen. Er mochte die bescheidene Bestimmtheit dieses Wunsches: einen Wagen, den Velkar selbst beladen durfte. Kein großes Vermögen, kein anderer Mann sein. Über das entscheiden können, woran die eigenen Hände arbeiteten.
An der Gabelung hielt Velkar an. Die breite Straße zog weiter nach Süden; ein schmalerer Weg stieg an der Bergflanke hinauf. Oben hing eine helle Wolke, so dünn, dass der Himmel durch sie hindurchschien.
„Da hinauf könnten wir gehen“, sagte er. „Die Seitenpassage. Sie kommt weiter unten wieder auf unsere Straße. Ich bin sie schon gefahren.“
William beugte sich zur Tür. Die Fahrspuren waren trocken. Zwischen ihnen standen Grashalme, die von einem schwachen Wind bewegt wurden.
„Wie viel sparen wir?“
Velkar nannte den Vorsprung, den sie gegenüber dem weiten südlichen Bogen gewinnen konnten, und zeigte mit dem Kinn auf den Hang. „Bei Regen würde ich außen herumfahren. Da oben läuft alles über den Weg. Heute kommen wir gut durch.“
William zog den Brief hervor. Er brauchte den Wortlaut kaum noch zu lesen, suchte den Termin aber trotzdem auf. Am achtundzwanzigsten Reisetag sollte er in Kikazimeng sein. Noch schien das bequem erreichbar; eine schlechtere Straße, ein krankes Pferd, längeres Warten an einer Grenze konnten diesen Abstand rasch verkürzen. Er blickte vom Papier wieder zu Velkar.
„Dann nehmen wir sie.“
„Ihr werdet kurz laufen müssen, wenn es steiler wird.“
„Damit der Graue keinen Anlass zur Beschwerde hat?“
„Den findet er.“
William steckte den Brief weg. Velkar gab den Pferden ein Zeichen, und der Wagen bog bergwärts ab.
Als der Hang anzog, stieg William aus. Er ging neben dem Wagen her und legte gelegentlich eine Hand auf das warme Holz. Das Schwert schlug ihm beim Gehen gegen den Oberschenkel; er rückte Veritas et Justitia zurecht und zog Peters Taschenriemen höher auf die Schulter. Er war froh, sich bewegen zu können. Unterhalb der Straße lag das Land schon tiefer, als es vom Sitz aus gewirkt hatte. Weiter hinten staffelten sich die Höhen des Tervagrat. Velkar wartete oben an der flacheren Stelle, bis William wieder eingestiegen war.
Der erste Windstoß kam, während er sich setzte.
Er hob den Kopf. Staub flog gegen die Wagenwand. Velkar nahm die Leinen an, sagte etwas zu den Pferden und schaute hinauf. Aus dem hellen Himmel über ihnen war ein grauer geworden. William wollte fragen, wie weit es noch bis zur abfallenden Strecke sei. Da trafen die ersten schweren Tropfen das Dach.
Binnen weniger Augenblicke war der Wind voller Wasser. Es kam schräg durch die Öffnung, klatschte William ins Gesicht und machte das Holz unter seiner Hand dunkel. Die Pferde drängten zusammen. Velkars Stimme blieb deutlich, höher nun, anstrengender. Er führte sie zur Bergseite.
Ein Stein sprang über den Weg.
William hörte ihn unter dem Wagen anschlagen. Der nächste war kleiner und verschwand im Regen. Weiter oben polterte etwas, das er nicht sehen konnte. Er hielt sich an der Bank fest.
„Velkar?“
Der Fuhrmann wandte sich halb um. Unter dem Rad knackte es; der Wagen hob sich schief. Gleichzeitig schlug von der Bergseite her etwas Schweres gegen Wand und Rahmen. William sah das Holz auf ihn zukommen. Dann sprang die Tür auf und krachte draußen gegen den Fels.
Er riss Peters Tasche am Schulterriemen hoch und klemmte sie unter den Oberarm.
Der Wagen ruckte seitwärts. Die Bank verschwand unter ihm, und er flog durch die offene Tür. Für einen Augenblick waren da Regen, Holz und der helle Streifen Straße, auf den sein Körper zuschlug. Sein Umhang riss irgendwo fest. Ein Fuß geriet zwischen Steine, während Hüfte und Schultern sich weiterdrehten.
Der Schmerz nahm ihm jeden Gedanken.
Er lag mit dem Gesicht im Schlamm und bekam keine Luft. Sein Mund war offen. Er versuchte einzuatmen, doch unter den Rippen blieb alles hart. Neben ihm schrie ein Pferd; aus der Straße kam ein tiefes, brechendes Geräusch. Er tastete mit der Hand nach Halt und fand nur nassen Boden.
Dann strömte Luft in ihn zurück, so heftig, dass er hustete. Schlamm lag auf seiner Zunge. Er hob das Gesicht und sah den äußeren Straßenrand sinken.
Der Wagen kippte darüber. Ein Rad stand hoch im Regen, die Deichsel schwang, und die Pferde wurden mit hinuntergerissen. William versuchte sich aufzurichten. Es ging zu schnell. Zwischen zwei Felsen schlug der Wagen auf, Holz brach, und ein dunkler Körper verschwand dahinter. Stein und Wasser stürzten nach.
Als der Lärm abnahm, hörte er noch ein Rad arbeiten. Ein dünnes, wiederkehrendes Knarren. Er wartete auf Velkars Stimme.
„Velkar!“
Das Knarren hörte auf.
William zog das Knie an. Sein Fuß saß noch zwischen den Steinen, und beim ersten Versuch, ihn zu befreien, wurde ihm schwarz vor Schmerz vor den Augen. Er blieb mit der Stirn auf dem Unterarm liegen, bis er wieder etwas anderes als seinen Atem hörte. Dann schob er sich zurück, löste den Fuß langsam aus dem Spalt und hielt ihn still.
„Velkar, könnt Ihr mich hören?“
Er schrie den Namen noch einmal. Regen lief ihm in den Mund. Er drehte sich auf die Seite und suchte durch das Wasser nach dem Bock, nach einer Hand, nach dem Hut des Mannes. Felsen verdeckten den unteren Teil des Wagens. Wo eben die Straße gewesen war, floss brauner Schlamm über eine ausgefranste Kante.
Velkar musste irgendwo daneben sein. Der Bock war offen gewesen. Vielleicht war er früher abgesprungen, auf der anderen Seite gelandet, vielleicht saß er nur ebenso atemlos da und hörte ihn nicht. William stemmte sich hoch.
Sobald Gewicht auf den verletzten Fuß kam, knickte das Bein weg. Er fiel auf Hände und Knie. Der Stoß fuhr bis in seine Hüfte, und diesmal entkam ihm ein Laut, den er im Regen kaum wiedererkannte. Er starrte auf seine Finger im Schlamm. Die Hände hatte er noch. Mit ihnen konnte er vorwärts.
Er kroch zur Kante.
Zuerst sah er den Grauen. Der Hals lag in einem Winkel, bei dem William die Hände fester in den Boden drückte. Noch vor wenigen Minuten hatte das Tier ein Ohr zu ihnen zurückgedreht. Nun schlug Regen auf das offene Auge. Ein Stück daneben lag der Braune, halb vom Geschirr gehalten. William wartete auf eine Bewegung seiner Flanke. Er konnte sie lange genug sehen. Beide Pferde waren tot.
Er suchte weiter.
Die zerbrochene Wagenwand ragte gegen den Hang. Unter ihr staute sich Wasser, das an einer Seite wieder hervorbrach. Vom Bock erkannte er nur ein schräges Brett. Velkar war nirgends zu sehen.
„Ich bin hier oben!“
Seine Stimme wurde vom Regen verschluckt. Er schob sich auf den Unterarmen weiter vor und entdeckte eine Rinne, die neben dem nächsten Felsen hinunterführte. Wenn er sich auf dem Rücken hinabließe, den gesunden Fuß voran, konnte er vielleicht bis zum Wagen kommen. Mit der flachen Hand tastete er den Anfang ab.
Der Boden löste sich unter seinen Fingern. Ein Klumpen fiel weg, schlug tiefer auf und riss weiteren Schlamm mit. William zog die Hand zurück. Wasser füllte die Stelle, an der sie gelegen hatte. Er hätte sich dort nicht halten können. Er hätte auch nichts gehabt, woran er wieder heraufkam.
Also zur Wand.
Er kroch bergwärts, bis seine Schulter den Fels berührte. Dort führte eine dunkle Platte schräg nach unten. Von der Kante aus hatte sie rau gewirkt; aus der Nähe sah er den geschlossenen Wasserfilm auf ihrer Oberfläche. Er legte die Hand auf den Stein, suchte nach einem Riss, kam mit dem gesunden Fuß näher. Seine Sohle glitt weg. Nur weil er noch mit dem Knie auf dem festeren Boden lag, rutschte er nicht weiter.
Er blieb an die Wand gedrückt. Der verletzte Fuß pochte. Unten musste ein Mann liegen, der vielleicht gerade versuchte, seinen Namen zu rufen, und William kam nicht einmal über diese eine Platte.
„Sagt etwas“, flüsterte er.
Er versuchte es lauter. Er rief, bis ihm der Hals wehtat, und hielt dann den Atem an, um besser hören zu können. Wasser rauschte an der Wand hinab. Irgendwo im zerbrochenen Wagen schlug ein loses Holz.
Er dachte an die Gabelung. An den Brief in seiner Hand und das leichte Gefühl, Zeit gewonnen zu haben. Dann nehmen wir sie. Er hatte es so beiläufig gesagt, wie man am Abend einen Platz am Tisch wählte. Noch immer konnte er Velkar dort auf dem Bock sitzen sehen, beide Pferde lebendig vor ihm, und es schien unerträglich, dass er diesen Mann in seiner Erinnerung mit einem einzigen anderen Satz auf der breiten Straße hätte halten können.
Ein neuer Stein schlug in die Rinne. William zuckte zurück. Gleich darauf kam weiterer Schutt, kleiner, mit Wasser vermischt. Er presste die Wange gegen den Fels, als könnte er sich darin verbergen. Die Kälte des Steins drang durch den Stoff bis an die Brust.
Er musste hier weg.
Der Gedanke kam mit einer Scham, die ihm heiß ins Gesicht stieg. Er sah noch einmal zum Wagen hinunter. Über dem Grauen hing ein zerrissener Riemen. Velkar hatte die Leinen gehalten; William wusste nicht, wo sie endeten.
„Ich suche einen Weg von der Seite“, rief er. „Hört Ihr? Ich komme von der Seite!“
Dann drehte er sich um.
Er kroch von der Abbruchkante fort, langsam genug, um den verletzten Fuß nicht über jeden Stein zu schleifen. In seinem Kopf ging die Suche weiter. Ein flacherer Hang unterhalb der Biegung. Ein Pfad hinter der Wand. Etwas, das Velkar gewusst hätte. Er hob den Kopf und sah durch den Regen zu den Felsen oberhalb der Straße.
Ein breiter Stein stand dort über einem dunklen Streifen vor. Darunter fiel das Wasser in einzelnen Fäden, während es ringsum dicht vom Hang kam. Der Überhang lag etwas höher, erreichbar über wenige feste Vorsprünge. William betrachtete sie, bis er jeden vom anderen unterscheiden konnte. Er musste unter diesen Stein. Danach konnte er wieder denken.
Auf der Westreise hatte er gelernt, wie rasch Nässe einen Menschen erschöpfte, selbst wenn der Tag noch nicht besonders kalt gewesen war. Damals hatte jemand neben ihm gestanden, der den passenden Platz schon sah, während William noch die nächste Wegbiegung betrachtete. Er erinnerte sich an eine Hand auf seiner Schulter und an die Ungeduld, mit der er weitergewollt hatte. Jetzt wusste er, wonach er suchen musste, und zitterte so sehr, dass er es kaum erreichte.
Er setzte sich mit dem Rücken an einen Stein. Erst als er versuchte, den Fuß bequemer zu legen, sah er, wie stark das Gelenk angeschwollen war. Der Schuh drückte. Er lockerte ihn, zog dabei zu hastig und musste beide Hände gegen den Boden stemmen, bis der Schmerz nachließ. Die Zehen ließen sich bewegen. Er fühlte seine Fingerspitzen an ihnen, fühlte auch die Wärme der Haut unter der Nässe. Er strich einmal über den Fuß, vorsichtig, fast bittend. Auftreten konnte er damit nicht.
An den Händen fehlte stellenweise die oberste Haut; in den kleinen Wunden saß Schmutz. Das Knie brannte, die Schulter schmerzte bei jedem Zug am Taschenriemen. Links an der Brust tat ein tiefer Atemzug weh. Er probierte einen zweiten, langsameren, und ließ die Luft ebenso langsam wieder hinaus. Dann sah er zum Überhang.
Die erste Stufe lag kaum höher als sein Knie. Er wusste, dass er das verletzte Bein beim Hochziehen irgendwo anschlagen würde. Schon der Gedanke ließ ihn stillhalten.
Sein Schwert lag quer über den Schenkeln. William schob es zur Seite, hielt dann inne und legte die Hand auf die Scheide. Sie war lang genug, das Bein von außen zu stützen. Er sah hinauf, wieder auf die Scheide, und begann den Gürtel zu lösen.
Der Brief musste zunächst unter den Stoff seines Hemdes; mit der anderen Hand hielt er den Umhang fest, damit der Wind ihn nicht wegnahm. Dann zog er Veritas et Justitia. Die Klinge kam hell aus der dunklen Scheide. Er konnte sie nicht offen neben sich liegen lassen und auch nicht in der Hand tragen. Er faltete den Umhang um das blanke Schwert, mehrmals, mit einer Sorgfalt, die ihm mitten im Regen lächerlich langsam vorkam. Ein schmaler Streifen des Saums hing nur noch an wenigen Fäden. Er ließ ihn hängen.
Die verhüllte Klinge schob er flach zwischen Rücken und Tasche. Peters Riemen hielt das Bündel nahe am Körper; William rückte es zurecht, bis die Spitze weder am Stoff zerrte noch beim Vorbeugen frei wurde. Dann legte er die leere Scheide außen an das verletzte Bein. Der Schwertgürtel und seine Hängeriemen mussten reichen, um sie zu befestigen.
Es gelang nicht beim ersten Mal. Eine nasse Lasche glitt ihm aus den Fingern. Er beugte sich zu weit vor, der Fuß bewegte sich, und er saß keuchend da, beide Hände über dem Schienbein. Für einen Augenblick hätte er gern nach Velkar gerufen, einfach damit dieser ihm den Riemen hielt.
Er wartete, bis seine Hände ruhiger wurden. Dann versuchte er es noch einmal.
Die Scheide lag schließlich fest genug, das Bein beim Ziehen zu führen. William stützte sich auf die Handballen, drehte sich auf das gesunde Knie und prüfte, ob das verhüllte Schwert am Rücken blieb. Der Regen schlug ihm nun unmittelbar auf Schultern und Hemd. Ohne Umhang schien der Weg zum Felsen länger geworden zu sein.
Er nahm den ersten Vorsprung mit beiden Händen.
Der Stein war rau. Das half. Er zog die gesunde Ferse unter sich und hob den Körper so weit an, dass die Hüfte auf der Kante lag. Das geschiente Bein kam nach. Als die Scheide über den Stein strich, schloss er die Augen und wartete auf den Schmerz. Er kam, dumpfer als zuvor, aber noch immer stark genug, ihm den Atem zu verkürzen.
Von dort musste er seitwärts über eine flache Stelle. Er fand einen Griff, verlagerte das Gewicht und rutschte mit der nassen Hand ab. Die Schulter schlug gegen den Fels. In seinem Fuß stach es so plötzlich, dass er würgte. Er presste die Lippen zusammen und lag still, bis die Übelkeit sich verlor.
Oberhalb der Straße knackte etwas.
Er hob den Kopf. Ein zweiter Laut folgte, dumpf und kurz. Darin lag für ihn auf einmal die Silbe eines Namens.
„Velkar?“
William hielt sich auf einem Ellenbogen hoch. Er sah hinunter, so weit der Fels es erlaubte. Das Wasser schob Geröll über die gebrochene Straße. Ein Stück davon sprang gegen die Wagenwand, und derselbe Laut kam wieder.
Sein Arm begann nachzugeben. Er senkte sich zurück und drückte die Stirn an den Stein. Er hatte die Stimme so deutlich hören wollen, dass das Ausbleiben einer Antwort ihn jedes Mal aufs Neue traf.
Noch eine Stufe.
Er zog sich höher. Den Weg unter seinen Händen kannte er jetzt bis auf die einzelne helle Kante, die sich von unten als guter Griff gezeigt hatte. Er griff danach, bekam vier Finger darum und zog. Die Tasche blieb an seinem Rücken. Das verletzte Bein folgte steif. Als er den Oberkörper unter den Überhang schob, hörte der Regen auf, ihm ins Gesicht zu schlagen.
Er blieb dort liegen, mit den Beinen noch draußen.
Unter dem Stein roch es nach Erde und altem Laub. Das Geräusch des Regens rückte ein Stück von ihm ab. Er hörte seinen eigenen Atem und darin ein Zittern, das er nicht beruhigen konnte. Schließlich schob er sich ganz hinein und setzte den Rücken an die Wand.
Der Platz war flach und kalt, aber er hielt. William legte die Hand neben sich auf den Boden, nur um etwas zu berühren, das nicht unter ihr wegbrach.
Vom Wagen sah er hier aus nichts.
Er sagte Velkars Namen leise. Der Laut passte nicht zu diesem engen Unterschlupf. Er gehörte auf die Straße, zwischen Hufschlag und das kleine Knarren der Bank. William hatte gedacht, er würde ihn noch oft benutzen, an diesem Abend und am folgenden Morgen, vielleicht später einmal an dem Straßenhof, wenn Velkar längst einen eigenen Wagen besaß.
Er zog das unverletzte Bein an. Den anderen Fuß ließ er ausgestreckt liegen. Die Riemen drückten inzwischen gegen die Schwellung; er löste sie langsam und nahm die Scheide fort. Als der Druck nachließ, war es für einige Atemzüge beinahe angenehm. Danach spürte er den Fuß wieder in seiner ganzen Schwere.
Das Schwert musste vom Rücken. Er schob die Tasche nach vorn, löste den Umhang um die Klinge und trocknete sie mit einer inneren Falte des Stoffes, die noch weniger nass war. Zwischen seinen Fingern sah er die vertrauten Linien des Heftes. Er konnte sich erinnern, wie es sich angefühlt hatte, dieses Schwert zum ersten Mal bei sich zu tragen. Jetzt war er vor allem froh, die Scheide wieder darüberziehen zu können. Er legte den Gürtel an und wickelte sich in den Umhang.
Der Brief war feucht geworden. Er zog ihn unter dem Hemd hervor und faltete ihn gerade so weit auf, dass er die Schrift sah. Sie war noch lesbar. Die Buchstaben standen dicht und ordentlich nebeneinander, als wäre die Straße unter ihnen nie fortgebrochen. William schloss das Blatt und schob es wieder an seinen Platz im Umhang.
Bethany und Seraphina wussten, dass er nach Süden fuhr.
Der Gedanke überraschte ihn mit einer Wärme, die gleich darauf wehtat. Er sah die drei Briefe auf der Truhe im Turmzimmer vor sich: Bethanys rechts, Seraphinas links, seinen in der Mitte. Wie wenig Raum drei gefaltete Blätter brauchten. Wie viel von einem Menschen man darin auf die Reise schickte, weil man selbst an einem anderen Ort bleiben musste.
Er hatte sich in seinen Worten auf kommende Tage verlassen. Es hatte keinen Grund gegeben, es nicht zu tun. Wahrscheinlich würden sie jetzt, wenn sie an ihn dachten, einen Wagen auf einer südlichen Straße sehen und ihn darin über einem Buch oder im Gespräch mit dem Mann auf dem Bock. Dieses Bild war ihnen geblieben. Niemand hatte es durch den Regen und die zwei toten Pferde ersetzt.
William zog den Umhang höher. Der eingerissene Saum hing an seiner Hand. Er ließ den Stoff sinken und sah hinaus.
Peters Tasche hatte sich beim Sturz am Riemen verzogen. Er nahm sie näher an den Körper und fuhr mit dem Daumen über die gespannte Naht. Sie hatte gehalten. Als er die Hand darauf liegen ließ, zitterte sie weniger; er drückte sie fester gegen das Leder.
Auf der Straße sammelte sich das letzte matte Licht des Nachmittags. Unter ihm lagen der Wagen, das Kleiderbündel, das Wassergefäß. Der Regen zog so dicht dazwischen, dass selbst die nächste Biegung verschwand. William versuchte sich den Weg vorzustellen, den er von der Seite her nehmen konnte. Er kam in Gedanken bis zu einer dunklen Felsnase, die er beim Heraufkriechen gesehen hatte. Dahinter wusste er nichts mehr.
„Wenn es heller ist“, sagte er.
Er wusste nicht, ob er damit die Wolken oder den nächsten Morgen meinte. Sein Blick blieb auf der Felsnase, bis er die Augen schließen musste. Er war eben noch ein Mann gewesen, den man in Kikazimeng erwartete. Nun saß er unter einem Stein und wartete selbst auf eine Stimme.