Leseprobe

Ex scientia fides, ex fide ignis

Band 10 · Erstes Kapitel

Ruina · De Via Brevi

Die Sonne stand über der Straße, und der Pferdetakt gab dem Vormittag ein Maß, dem William sich gern überließ. Vier Hufschläge, das leise Arbeiten der Achsen, eine kurze Pause, wenn der Weg stieg, dann wieder vier Hufschläge. Sieben gute Reisetage lagen hinter ihnen. Auch am achten liefen die Räder ruhig, die Pferde kräftig und die wenigen Kontrollen kaum länger als eine Begrüßung. Staub lag auf dem Wagen. William hatte den Umhang geöffnet und spürte bei jeder Unebenheit Peters Werkzeugtasche an der Hüfte. Unter der Bank lagen sein verschnürtes Kleiderbündel und das Wassergefäß; Brief, Schwert und der kleine Reisezündsatz trug er am Körper.

Vorn auf dem Bock saß Velkar mit gelockerten Schultern. Er hielt die Leinen gespannt, ohne die Tiere bei jedem Schritt zu mahnen. Ein Finger zog an, der Graue richtete ein Ohr zurück; die rechte Hand sank, der Braune verkürzte am Anstieg den Schritt. William hatte zuerst gemeint, Velkar rede beinahe ununterbrochen mit ihnen. Inzwischen hörte er, dass vieles davon Atem und Zungenschläge waren. Die Bedeutung kannte er nicht. Die Pferde kannten sie.

Velkar drehte den Kopf weit genug, dass William die Hälfte seines Gesichts sah. „Ihr zählt schon wieder die Hufe. Der Graue braucht nur einmal falsch zu treten, und Ihr schaut strenger als ein Stallmeister.“

„Mir bleibt das Zählen. Eure Laute versteht er offenbar besser als meine Fragen.“

„Die beiden Kinder meines älteren Cousins am Straßenhof würden Euch recht geben. Seit sie im Stall helfen, hat jedes Pferd für sie eine Meinung.“

„Und welche hat der Graue?“

„Dass harter Stein eine Zumutung ist. Ich sehe trotzdem zuerst nach dem Eisen. Ihr zählt, ich halte die Leinen.“

Velkar lachte über seine eigene Ordnung, William mit ihm. Der Graue hob den Kopf, als beanstande er die Störung, und Velkars Lachen wurde breiter. Ein leiser Ruf von ihm genügte, dann gingen die Tiere wieder in demselben Takt.

An einer trockenen Rinne zeigte Velkar mit zwei Fingern neben die Radspur. „Ihr schaut in die Furche. Seht auf den Grund daneben. Er fällt zum Berg, also bleibt das Wasser dort. Ich fahre außen herum.“ Im Tervagrat, sagte er, brauche solcher Grund nach langen Regenwochen Zeit; heute hob selbst das Rad nur hellen Staub.

William folgte der kaum sichtbaren Neigung. „Ich habe nach dem ganzen Verlauf gesucht und die erste Ursache übersehen.“

„Darum sitzt Ihr hinten und ich vorn.“

Gegen Mittag hielt Velkar an einer Wegteilung. Der breite Weg bog weit nach Süden; ein schmalerer Nebenpass stieg hinter einer hellen Felsnase an. Sein Grund war trocken, alte Radspuren lagen fest darin. Velkar kannte ihn aus mehreren Fahrten und mied ihn nach Regen, weil die oberen Rinnen Geröll über den Weg trugen. Über ihnen standen nur dünne hohe Wolkenstreifen.

William las Route und Meldefrist im geöffneten Zuweisungsbrief. Die Abzweigung blieb auf dem bezeichneten südlichen Weg. „Was gewinnen wir wirklich?“

„Genug, dass uns morgen ein loses Eisen nicht die Frist kostet. Mehr nicht. Heute trägt der Grund, und die beiden haben Kraft.“

„Dann nehmt ihn. Bei den Pferden verlasse ich mich auf Euch.“

„Gut. Ich halte sie innen. Treiben werde ich sie nicht. Zeit, die man aus einem müden Pferd presst, bezahlt man am nächsten Stall doppelt.“

Der Wagen bog auf den Pass. William schob den Brief zurück an die Brust. Wo der Weg stärker stieg, ging er einige Schritte zu Fuß, damit die Pferde weniger Gewicht zogen. Oben hielt Velkar an einer breiteren Stelle, lockerte das Geschirr und fuhr mit dem Daumen über das Eisen des Grauen.

„Auf hartem Grund setzt er rechts zu flach auf“, sagte er. „Locker ist das Eisen nicht. Beim nächsten Stall lasse ich nachsehen.“

„Bleibt Ihr nach der Ablieferung in Kikazimeng?“

„Nur bis Ihr und Euer Brief dort seid, wo Ihr hinmüsst. Dann gehen Wagen und Pferde an den südlichen Straßenhof zurück. Die Kinder meines Cousins kennen den Grauen. Die schicken ihn nicht wieder auf harten Grund, ohne das Eisen anzusehen.“ Velkar zog den Riemen am Hals des Tieres in seine gewöhnliche Lage. „Und wenn mein Anteil irgendwann reicht, fahre ich einen kleineren Wagen auf eigene Rechnung. Bis dahin gehört mir wenigstens die Sorge, mit der ich diese beiden zurückbringe.“

William sah zu, wie Velkar dem Grauen gegen den Hals klopfte. „Warum ein kleinerer Wagen?“, fragte er, als sie wieder saßen. „Wenn Ihr auf eigene Rechnung fahren wollt, bringt mehr Raum nicht auch mehr Lohn?“

„Mehr Raum bringt zuerst mehr Ladung, für die jemand Eile verlangt.“ Velkar ließ die Pferde um eine ausgewaschene Stelle gehen. „Und mehr Leute, die Euch erklären, weshalb ausgerechnet ihr Fass nicht warten darf. Ein kleiner Wagen reicht für Wege, bei denen ich weiß, was ich geladen habe und welchem Tier ich es zumute.“

„Ihr wollt also weniger verdienen, um mehr entscheiden zu dürfen.“

„Ich will verdienen, ohne jeden Abend drei Auftraggebern dieselbe Verspätung zu erklären.“ Velkar warf einen Blick zurück. „Mein älterer Cousin nennt das den teuersten Vorwand, den ich seit Jahren pflege. Er meint, ich suche nur einen feinen Grund, jeden schlechten Kauf abzulehnen.“

„Das wäre immerhin ein nützlicher Vorwand.“

„Nützlichkeit entschuldigt keine langweilige Geschichte.“

Der Braune schnaubte, und Velkar erklärte ihn zum einzigen Verwandten, der ihm ohne Widerspruch recht gebe. Die beiden Kinder seines Cousins, sagte er, stritten längst darüber, wer später neben ihm sitzen dürfe. Keines von ihnen habe bisher gefragt, wer morgens zuerst den Mist aus dem Hof trage. William wollte wissen, ob Velkar ihnen das Fahren trotzdem zeigen würde.

„Wenn sie gelernt haben, dass eine Leine nicht zum Ziehen da ist. Und dass ein Pferd auch dann Arbeit macht, wenn kein Wagen fährt.“

„Das klingt nicht nach einer schnellen Einweisung.“

„Darum fange ich bei anderer Leute Kindern früh an.“ Velkar grinste, ohne sich umzudrehen. „Bei eigenen könnte ich die Schuld nicht mehr meinem Cousin geben.“

William lachte. Velkar lachte kurz mit und wandte sich dann wieder ganz dem Weg zu. Der Graue setzte auf dem harten Grund erneut etwas flach auf. Velkar nahm die Leinen kaum sichtbar an und hörte hin, bis der Takt wieder stimmte. Danach sagte er, die Kinder würden ihn bei der Rückkehr ohnehin zuerst nach dem Grauen fragen. Ob William pünktlich angekommen sei, interessiere sie erst danach. „Eine vernünftige Ordnung. Der Graue kann seine Beschwerden nicht selbst aufschreiben. Ihr schon.“

„Sie werden enttäuscht sein, wenn ich ihnen nur von Schrift und Fristen erzählen kann.“

„Erzählt ihnen, Ihr hättet jeden Huf gezählt. Das macht Euch in ihren Augen fast brauchbar.“ Velkar zog die Schultern hoch, als die Straße kurz schmaler wurde. „Und findet in Kikazimeng zuerst heraus, wo man Euch zu essen gibt. Ein Hof zeigt einem Fremden gern drei Türen für seine Pflichten und vergisst die eine zur Küche.“

„Sprecht Ihr aus Erfahrung?“

„Ich fahre Waren ab. Natürlich spreche ich aus Hunger.“

Die Sonne lag dabei auf dem hellen Stein. Das Gras stand beinahe still. William hörte Räder, Hufe und Velkars halblauten Ruf an den Braunen.

Dann verlor der Hang seine Farbe.

Es wurde nicht langsam dunkel. Wind fuhr aus einer Richtung über den Pass, aus der den ganzen Vormittag keine Luft gezogen war, drückte Williams offenen Umhang gegen seine Hand und schlug Staub vom Weg. Velkar richtete sich auf. Die Pferde brachen ihren gleichmäßigen Takt ab.

Einzelne schwere Tropfen trafen das Dach. Im nächsten Augenblick lief Wasser über das Fenster und machte aus dem Weg eine dunkle Fläche. Velkar zog die Leinen fester, führte die Tiere zur Bergseite und rief ihnen kurz zu. William griff nach dem Umhangverschluss.

Oberhalb prallte etwas gegen den Hang. Ein Stein sprang auf den Weg, schlug einmal auf und verschwand unter dem Wagen. Ein Rad hob sich. Holz stieß gegen Metall.

Dann traf der große Stein.

Der Schlag kam von der Bergseite. Die Wagenwand gab mit einem dumpfen Krachen nach, der Rahmen wurde talwärts gerissen, und William flog gegen die Bank. Das Bündel unter ihm schlug gegen Holz. Das Wassergefäß fuhr in seiner Halterung hoch. Vor dem Wagen bäumte sich eines der Pferde im Geschirr auf, während der Fahrer die Leinen an sich riss.

Noch während das Holz nachgab, wartete ein Teil von William darauf, dass Velkar den Stoß mit einem seiner trockenen Sätze beantwortete. Eben hatte der Mann vom Straßenhof gesprochen, von einem kleinen Wagen, der vielleicht irgendwann ihm gehören würde. Diese Nähe blieb in Williams Wahrnehmung bestehen, obwohl der Bock bereits aus der gewöhnlichen Welt gerissen wurde. Das Geschehen kündigte sich nicht als Gefahr an, die Zeit zum Begreifen ließ. Es nahm einen hellen Nachmittag und setzte Gewalt an genau dieselbe Stelle.

Der Boden unter den Rädern war nicht fort. Der Wagen stand auch nicht. Er wurde seitlich vom Berg weggedrückt, ruckend, mit blockierten Rädern und schreiendem Holz. Wand und Bank verschoben sich gegeneinander. Die bergseitige Tür bog sich, ihr Riegel sprang aus der Halterung, und die Tür schlug nach außen gegen den Fels. Für einen Augenblick war dort statt Wand ein grauer Ausschnitt aus Regen und Stein.

William griff nach der Bankkante. Seine Finger fanden glattes Holz und verloren es wieder. Die Werkzeugtasche sprang an seiner Seite hoch. Er klemmte sie unter den Oberarm, ehe er wusste, wonach er griff; der Riemen fing sich hart an seiner Schulter. Das Schwert zog am Gürtel. Dann trug ihn die Bewegung des Wagens durch die offene Tür.

Seine Hüfte traf zuerst den Rand, die Schulter danach. Der Umhang riss an der unteren Kante. Ein schmaler Streifen des Saums blieb am Stein hängen, gab fast über seine ganze Länge nach und hing nur an wenigen Fäden weiter am Kleid. William schlug auf nassem Geröll auf. Seine Hände glitten fort. Ein Knie prallte gegen den Weg, sein Fuß geriet zwischen zwei Steine, und das Bein drehte sich, während der übrige Körper weiterfiel. Der Schmerz war weiß und vollständig. Er nahm ihm jede Richtung.

Der Körper kam zum Liegen, doch Williams Wahrnehmung tat es nicht. Wagenwand, grauer Himmel, Velkars Schulter und der offene Weg erschienen in falscher Reihenfolge, einzelne Bilder ohne Abstand. Er wusste, dass etwas den Hang getroffen hatte. Er wusste nicht, ob seitdem ein Atemzug oder viele vergangen waren. Seine rechte Hand suchte noch immer nach der Bankkante und schloss sich stattdessen um nassen Kies. Erst der Schmerz in den Fingern machte den Stein gegenwärtig.

Sein Gesicht lag im Schlamm. Er war wach. Das wusste er, bevor er wieder Luft bekam, weil er den Regen auf der Wange fühlte und den eigenen Mund öffnen konnte. Der Atem kam nicht. Brust und Rücken spannten sich gegen eine Leere, die sich nicht füllen ließ. William presste die Hände in den Boden, als ließe sich Luft aus dem Stein drücken. Nichts geschah. Dann brach ein heiserer Laut aus ihm, und der erste Zug fuhr schmerzhaft in die Brust. Der zweite war flacher. Beim dritten löste sich etwas unter den Rippen, ohne dass der Schmerz verschwand. Schlamm lag ihm zwischen den Zähnen. Er spuckte ihn aus, drückte die Finger in das nasse Geröll und hob den Kopf so weit, dass Regen statt Erde in sein Gesicht fiel. Für wenige Atemzüge sah er nur den schiefen Rest des Weges und Steine, die an ihm vorbeisprangen.

Hinter ihm brach der Wegrand.

William hob den Kopf. Der Wagen rutschte von ihm weg. Das äußere Rad hing halb über dem Abhang und drehte sich, obwohl es keinen festen Grund mehr berührte. Erde löste sich darunter in breiten Stücken. Das Rad sank. Der Wagen kippte, zog die Pferde seitlich herum und glitt mit ihnen über den abbrechenden Rand. Der Fahrer war auf dem Bock nicht zu sehen. Ob er gefallen war, ob das hochgerissene Dach ihn verdeckte oder ob William im Regen an die falsche Stelle sah, ließ sich nicht erkennen. Das Gespann rutschte tiefer, stieß gegen Fels und blieb mehrere Wagenlängen unterhalb in den zerstörten Resten des Hangs hängen.

Die Geräusche endeten nicht zugleich. Ein Rad lief aus und schlug bei jeder Drehung gegen etwas Hartes. Ein Riemen knarrte. Kleine Steine folgten der breiten Spur abwärts und klackten gegen Holz. Der Regen lag über allem. William wartete auf die Stimme des Fahrers, auf einen Fluch, einen Befehl an die Pferde, irgendeinen jener kurzen Laute, mit denen der Mann sieben Tage lang jede Schwierigkeit beantwortet hatte.

Das auslaufende Rad schlug noch einmal. William ordnete den Abstand bis zum nächsten Schlag, als könne er daraus bestimmen, wann Velkar sprechen musste. Nichts an den vergangenen Tagen hatte den Mann für Schweigen vorbereitet. Ein loser Riemen hatte ein Wort bekommen, eine schlechte Spur einen Einwand, selbst der schiefe Tritt des Grauen eine ganze kleine Abhandlung. Nun war der Wagen dort unten und Velkar gab keinem Geräusch einen Namen. William begriff die Abwesenheit nicht. Er hörte sie nur.

Bis dahin hatte William den Namen meist gebraucht, um beim Halt nach dem weiteren Weg oder nach den Pferden zu fragen. Nun musste er ihn gegen Regen, Holz und Geröll werfen, ohne zu wissen, wo der Mensch lag, der sich darin erkennen sollte. Schon vor dem ersten Ruf fühlte sich der Name verändert an.

„Velkar! Hört Ihr mich?“

Seine Stimme war zu leise. William holte Luft, zu schnell, und der Schmerz zog durch seine Seite. „Velkar, ich sehe Euch nicht. Ruft, wenn Ihr könnt!“

Keine Antwort kam. Er stemmte sich auf beide Hände. Die Tasche lag unter seinem Oberarm, der Riemen straff an der Schulter. Er zog sie frei, ohne den Verschluss zu öffnen, und ließ sie an die Seite sinken. Als er das Knie unter den Körper bringen wollte, berührte der verletzte Fuß den Boden. Der Knöchel gab nach, bevor William sein Gewicht darauf setzen konnte. Er fiel auf die Hände zurück und schlug mit der Handwurzel gegen einen scharfkantigen Stein.

„Ich komme näher! Gebt mir irgendeinen Laut!“

Der Ruf ging in den Regen. William setzte das unverletzte Bein vor, schob sich eine Armlänge näher an den Rand und zog das andere hinterher. Geröll bewegte sich unter seinen Knien. Er hielt an, wartete, schob sich weiter. Ein Teil des Weges zwischen ihm und dem Wagen war mit der äußeren Kante fortgebrochen. In der offenen Rinne lief Schlamm talwärts. Unterhalb lag der Wagen auf der Seite, verkantet zwischen zwei Felsblöcken.

Die Pferde bewegten sich nicht. Der Graue lag oberhalb der Deichsel, den Kopf in einer Lage, in der kein lebendes Tier ihn hielt. Der Braune war tiefer gegen den Wagen gedrückt. William starrte auf dessen Brust. Der Regen sprang auf dem Fell, doch darunter hob und senkte sich nichts. Auch an den Beinen, am Hals und am Geschirr war keine Bewegung zu sehen. Beide waren tot.

Am Grauen erkannte William das helle Vorderbein, dessen Tritt er am Vormittag gezählt hatte. Er erwartete beinahe, dass sich der Huf gegen den harten Grund wandte oder ein Ohr auf Velkars Laut reagierte. Nichts geschah. Das Tier, dem die Kinder am Straßenhof eine Meinung zugesprochen hatten, lag als Körper im Geschirr. Der Braune, Velkars einziger widerspruchsloser Verwandter für die Dauer eines Scherzes, war ebenso still. Der Abstand zwischen diesen beiden Bedeutungen ließ sich nicht mit dem Wort Unfall schließen. William kannte das Wort. Es half ihm nicht zu verstehen, wie schnell etwas Lebendes aus einer gemeinsam begonnenen Fahrt fallen konnte.

Sieben Tage lang hatte William beobachtet, dass Velkar bei jedem Halt zuerst zu den Pferden ging. Manchmal war es nur eine Hand am Geschirr oder ein Blick auf einen Huf gewesen. William hatte darin die Sorgfalt eines guten Fahrers gesehen und kaum mehr. Nun begriff er, wie viele kleine Entscheidungen in dem ruhigen Takt gelegen hatten: wann ein Tier langsamer gehen durfte, wo ein Rad die weichere Spur mied, weshalb ein Eisen am nächsten Stall angesehen werden musste. Diese Arbeit hatte den Tag so gewöhnlich gemacht, dass William sie mit Sicherheit verwechselt hatte. Der tote Graue machte sie nicht bedeutungslos. Er zeigte nur, dass Fürsorge keine Macht über jeden Stein besaß.

Von Velkar sah William nichts.

Er suchte den Bock, soweit der gebrochene Aufbau ihn freigab. Er suchte die Strecke zwischen Wagen und Pferden, den Schlamm daneben, die Felsen unterhalb. Ein Stück Stoff bewegte sich im Wasser, aber es gehörte zur Bespannung des Wagens. Die breite Spur verlor sich hinter einem Vorsprung. William konnte nicht sehen, was dort lag. Er konnte nur sehen, dass der Fahrer nicht an der Stelle war, an der er gesessen hatte.

Ein kleiner Rutsch ging durch den Hang. Erde sank unter Williams vorderer Hand weg. Er zog den Arm zurück und schob sich vom Rand fort, bis seine Hüfte gegen den bergseitigen Fels stieß. Das Herz schlug ihm bis in den Kiefer, der Atem folgte keinem Maß mehr. Für einen Augenblick legte er zwei Finger an den Hals. Der Puls war sofort da. Die Gewissheit, selbst zu leben, half ihm nicht bei der Frage, die unterhalb des Vorsprungs lag.

William hatte dem Nebenpass zugestimmt. Der Satz stand klarer in ihm als alles, was seit dem Einschlag geschehen war. Velkar hatte den trockenen Grund geprüft, die bekannten Rinnen genannt und die Pferde nicht getrieben. William hatte Route und Frist gelesen und die kürzere Strecke erlaubt. Keine dieser Entscheidungen hatte den Regen befohlen oder den Stein gelöst. Trotzdem suchte der Schock aus ihnen sofort eine einfache Linie: seine Zustimmung, der Pass, der tote Graue. Eine solche Linie konnte Schuld behaupten, bevor sie Ursache bewies. William durfte sie weder als Entlastung verwerfen noch als Urteil annehmen. Velkar war verschwunden, und solange William handeln konnte, musste diese Tatsache größer bleiben als der Wunsch, sich selbst bereits anzuklagen.

Das ließ den Atem nicht ruhiger werden. Es gab seinen Händen nur eine Aufgabe, die nicht darin bestand, dieselben letzten Augenblicke wieder und wieder zu sehen. Wenn Velkar lebte, brauchte er William nicht als Richter über eine Wegentscheidung. Er brauchte einen Menschen, der den eigenen Körper so weit verstand, dass er den nächsten tragenden Griff erreichte. William setzte die Handflächen auf die Oberschenkel. Beide zitterten. Wissen über Verletzungen, Abstürze und Überleben war vorhanden; zwischen diesem Wissen und seinen Händen lag der Mann, der eben noch auf dem Bock gesessen hatte.

William sah auf seine Hände. Schlamm lag in den Linien der Haut, Blut nur an den aufgerissenen Stellen. Er hätte sitzen bleiben und den eigenen Körper prüfen müssen. Stattdessen stemmte er sich hoch, weil Velkars Platz auf dem Bock leer war. Der verletzte Fuß berührte den Grund, knickte unter ihm fort, und William fiel mit der Hüfte gegen den Fels. Der Schmerz stieg so jäh bis in die Wade, dass er den Namen des Fahrers nur als Luft ausstieß.

Für eine Weile saß er mit angezogenem Bein da und hörte den Regen. Auf seinen Ruf folgte nichts. Das Schweigen machte jeden Augenblick am eigenen Körper zu verlorener Zeit; der zusammenbrechende Knöchel machte daraus trotzdem eine Grenze. William strich den Schlamm von Händen und Unterarm. Die Schürfungen bluteten wenig, Schulter und Knie bewegten sich. Unter dem Haar fand er weder eine offene Wunde noch warmes Blut, doch der Sturz blieb deshalb nicht folgenlos oder verstanden. Die linke Brustwand stach bei einem tiefen Atemzug und beim Husten, ohne ihm die Luft zu nehmen. Als er das Bein vor sich ausstreckte, spannte der Stoff bereits über dem Gelenk. Er lockerte den Schuh. Der Fuß blieb warm, Berührung kam bis in die Zehen, kein Knochen stand sichtbar falsch. Gewicht nahm der Knöchel nicht an. William ließ die Ferse liegen und hörte auf, vom Körper eine genauere Antwort zu verlangen, als er geben konnte.

Das Wissen war da. Er hatte Verletzte gesehen, Warnzeichen gelernt, auf früheren Wegen Männern zugeschaut, die einen gefährlichen Grund lasen, bevor sie ihn betraten. Im sicheren Raum hatten diese Dinge eine Reihenfolge besessen. Hier drängten Regen, Schmerz und die Vorstellung eines Mannes unterhalb der nächsten Kante gleichzeitig gegen sie. William konnte sagen, was er tun sollte, und im selben Augenblick das Gegenteil versuchen. Diese Lücke erschreckte ihn beinahe ebenso wie der Schmerz. Sie bedeutete, dass Wissen ihn nicht trug. Es musste von einem zitternden Körper ausgeführt werden, der gerade bewiesen hatte, dass er sich nicht zuverlässig gehorchte.

Im Regen blieb ihm Velkars Stimme näher als der zerstörte Wagen. William hörte den Satz über das Eisen des Grauen, den Einwand gegen überladene Wagen, das kurze Lachen über die Kinder seines Cousins. Keiner dieser Sätze hatte Bedeutung verlangt. Velkar hatte über Arbeit gesprochen, weil Arbeit vor ihm lag, über eine Rückkehr, weil man nach einer Fahrt gewöhnlich zurückkehrte, über einen kleineren Wagen, weil ein Mensch Pläne machte, ohne sie gegen einen abbrechenden Hang verteidigen zu müssen. Gerade ihre Gewöhnlichkeit ließ William die Worte nicht fortschieben. Sie gehörten zu einem Mann, nicht zu einem Zeichen vor seinem möglichen Tod.

Nun lag der Graue still im Geschirr. Der Braune bewegte sich nicht. Velkar war weder auf dem Bock noch auf dem sichtbaren Grund. William bemerkte, wie sein Denken den fehlenden Mann abwechselnd sterben und überleben ließ, je nachdem, welche Möglichkeit den nächsten Entschluss leichter machte. Er hielt sich an das Wenige, das der Hang tatsächlich zeigte: Velkar hatte nicht geantwortet, und William konnte ihn nicht sehen. Die Ungewissheit war keine kleine Mitte zwischen Hoffnung und Tod. Sie zog ihn in beide Richtungen zugleich.

Er legte die Hand auf Peters Werkzeugtasche. Der Riemen hatte ihn an der Schulter geschlagen, doch das Leder war geschlossen geblieben. Brief, Schwert und der kleine Reisezündsatz saßen noch am Körper; die feuchten Briefränder ließen die Schrift erkennen, die Scheide war zerkratzt, die Gürteltasche fest. William nahm diese Dinge nicht einzeln auseinander. Er berührte sie, weil seine Hände etwas Festes brauchten und weil jedes erhaltene Stück später nützlich sein konnte. Unterhalb fehlten das Kleiderbündel und das Wassergefäß. Regen lief ihm über die Finger, und er hatte nichts, worin er einen einzigen Schluck halten konnte. Der fast abgerissene Saumstreifen schleifte im Schlamm. William hob ihn an, ließ die wenigen Fäden bestehen und legte den Stoff über das Bein.

Dann wandte er sich wieder dem Wagen zu.

Velkar konnte unterhalb des Vorsprungs liegen. Er konnte im zerbrochenen Aufbau verborgen sein. William durfte aus der fehlenden Stimme keinen Tod machen. Der direkte Weg hinunter bestand aus der breiten Rinne, die der Wagen in den Hang gerissen hatte. Sie begann wenige Schritte von ihm entfernt. Wenn er sie erreichte, konnte er vielleicht mehr sehen.

Er rutschte auf dem Gesäß vorwärts, stützte sich mit beiden Händen ab und hielt das verletzte Bein gestreckt. Das andere schob ihn über den Rest des Weges. Nach drei Bewegungen wurde der Boden weicher. Nach der vierten löste sich unter seiner Hand eine Schicht aus Kies und Erde. Sie floss über den Rand und nahm weitere Steine mit. William wich zurück. Ein größerer Teil der Rinne sank dort ein, wo sein unverletzter Fuß eben angesetzt hatte. Der Schlamm lief ohne Halt bis zum ersten Felsblock unterhalb.

William versuchte es einen Schritt näher an der Bergwand. Dort lag festeres Gestein, aber es endete an einer glatten nassen Platte. Über ihr rieselte Wasser, unter ihr bewegte sich der Hang. Er streckte den Arm aus, fand keinen Griff und sah, wie ein weiterer Stein aus der Erde brach, genau die Linie kreuzte, die er hätte nehmen müssen, und hinabrollte. Es war keine Strecke, die durch Vorsicht begehbar wurde. Nicht mit zwei gesunden Beinen, nicht im Regen und nicht mit einem Knöchel, der unter seinem Gewicht nachgab.

Er blieb zu lange dort. Der Wunsch, eine andere Antwort im Hang zu finden, hielt seinen Blick fest, während Wasser über den Nacken in die Kleidung lief. Erst als die Finger an der Felsplatte abrutschten, zog William die Hand zurück. Er bewegte sich denselben kurzen Weg wieder bergwärts und setzte sich auf den tragenden Rest des Weges.

Die Umkehr fühlte sich nicht an wie eine vernünftige Entscheidung. Sie fühlte sich an, als ließe William einen Verletzten dort liegen, obwohl er nicht einmal wusste, ob dort einer lag. William sah erneut auf die Rinne. Der Schlamm hatte bereits die Stelle fortgenommen, an der sein gesunder Fuß gestanden hatte. Ein weiterer Versuch würde nicht denselben Weg wiederholen; er würde auf einem schlechteren beginnen. Trotzdem musste William beide Hände auf den Stein pressen, um nicht sofort noch einmal hinabzurutschen.

Velkar hätte einen solchen Grund nicht befahren. William sah ihn beinahe vor sich, die Leinen lose genug für ruhige Pferde, die Aufmerksamkeit auf Radspur und Rand. Der Mann hätte das rutschende Erdreich nicht zu Mut erklärt. William konnte ihn nicht fragen, und genau deshalb klang jede Umkehr in ihm wie eine Ausrede.

Ein weiterer Teil der Rinne sank ab. Schlamm füllte die Stelle, an der William eben noch Halt gesucht hatte. Er sprach gegen das Geräusch an: „Nicht auf diesem Weg.“

Danach zwang er den Blick vom Wagen fort. Oberhalb lag der dunkle Rand einer Felsplatte. Ihn anzusehen war schwerer, als weiter in die Rinne zu starren, denn mit dem Blick wechselte auch sein unmittelbares Ziel. William wollte zu Velkar. Sein Körper ließ ihm zunächst nur die Aufgabe, nicht neben ihm zu verschwinden.

Er rief noch einmal. Diesmal sagte er nicht nur den Namen. „Ich komme bei Licht von der Seite. Hört Ihr mich? Ich komme zurück.“ Die Worte verloren sich im Regen. William wusste nicht, ob er einem Verletzten etwas versprach, einem Toten hinterherrief oder nur sich selbst an eine spätere Handlung band. Keine der Möglichkeiten machte den Satz unnötig. Er musste den Mann unterhalb als jemanden behandeln, der eine Rückkehr verdiente, solange der Hang ihm nichts Sichereres zeigte.

Die Antwort blieb aus. William wartete trotzdem, bis ihm kalt genug wurde, dass die Zähne gegeneinanderschlugen. Erst dann zog er das gesunde Bein unter sich und drehte den Körper bergwärts. Die Bewegung fühlte sich falsch an. Rücken und Schultern wiesen nun zu dem Ort, an dem Velkar verschwunden war. William sah über die Schulter, als könne die veränderte Haltung eine Stimme gerade in dem Augenblick verdecken, in dem sie kam. Der Wagen lag weiterhin stumm zwischen den Felsen.

Die Stelle bot ihm keinen Schutz. Regen fiel auf ihn, Wind strich über den Weg und nahm ihm die Wärme aus den nassen Ärmeln. Oberhalb, kaum weiter als einige Dutzend mühsame Schritte, ragte eine Felsplatte aus dem Hang. Unter ihrer Kante lag eine dunkle Vertiefung mit einem trockener wirkenden Bodenrand. Von seinem Sitzplatz aus sah William auch die Strecke dorthin: feste Steine, niedrige Stufen und ein schmaler Grundstreifen, der nicht mit dem übrigen Hang rutschte.

Auf der westlichen Reise hatte William einen Begleiter erlebt, der vor schwindendem Licht zuerst nach einem Dach gesehen und einen überspülten Weg nicht erzwungen hatte. William erinnerte sich an die Hand, die festen Grund prüfte, bevor der nächste Fuß folgte. Als er nun selbst die Hände aufsetzte, um sich zur Felsplatte zu ziehen, zitterten seine Arme. Der verletzte Fuß schwebte einen Augenblick über dem Grund, dann streifte die Ferse einen Stein. Der Schmerz nahm ihm den Halt in der rechten Hand.

Er setzte sich wieder. Der Knöchel hatte schon bei einer zufälligen Berührung die Richtung verloren; auf dem kurzen Weg zur Felsplatte würde jede Unebenheit ihn erneut verdrehen. William suchte den eigenen Körper nach etwas Geradem ab. Seine Hand blieb an der Schwertscheide liegen. Sie war lang genug, das Bein außen zu führen. Dafür musste sie leer sein.

William nahm den feuchten Brief aus der Umhangtasche und schob ihn flach unter das Hemd. Dann löste er den schweren Stoff von den Schultern und zog das Schwert. Regen setzte sich sofort auf die Klinge. Er legte sie auf den Umhang und faltete den Stoff wieder und wieder darüber, bis weder Spitze noch Schneide frei lag. Das Paket war breit und unbequem. Es ließ sich jedoch flach zwischen seinen Rücken und Peters Werkzeugtasche schieben. Als William den Schulterriemen straffte, hielt das Leder den eingeschlagenen Stahl an seinem Körper.

Die leere Scheide legte er außen an das verletzte Bein. Schwertgürtel und Aufhängeriemen reichten, um sie oberhalb der Schwellung und weiter unten zu halten. Williams nasse Finger glitten an der kleinen Schnalle ab. Beim zweiten Griff stieß er an den Knöchel und musste warten, bis der Schmerz aus der ganzen Wade wieder in eine bestimmbare Stelle zurückwich. Danach schloss er die Riemen vorsichtiger. Wo zuvor das Heft an der Hüfte gelegen hatte, führte nun nur Leder das Bein. Der Fuß blieb warm, die Zehen bewegten sich. Mehr verlangte William ihm nicht ab.

Die Stütze machte aus ihm keinen Gehenden. Arme, Hüfte und das gesunde Bein mussten den Körper über den Grund ziehen, während das verletzte Bein gerade folgte. Schon nach der ersten Bewegung spürte William, wie wenig die gelernte Vorstellung von einer kurzen Strecke bedeutete. Der Felsschutz lag sichtbar über ihm. Zwischen Sichtbarkeit und Erreichbarkeit standen sein Atem, die nassen Hände und ein Körper, dessen Kraft nach jedem Zug kleiner wurde.

Er begann. Die Tasche drückte breit gegen den Rücken. Der Umhang fehlte auf den Schultern, und der Wind fand die nasse Kleidung darunter. William kam an einer Stelle rasch voran, weil flache Steine ineinandergriffen. Danach verlor der gesunde Fuß den Druck, und er sank zurück. Die Scheide schlug gegen Fels. Der Knöchel bewegte sich innerhalb der Bindung nur wenig, doch der Schmerz reichte, um Übelkeit in den Hals steigen zu lassen. William blieb liegen, die Wange auf dem Unterarm, bis er den nächsten Atemzug nicht mehr gegen ein Stöhnen halten musste.

Von hier war der Bock hinter der Felsnase verschwunden. William rief Velkars Namen. Seine Stimme klang klein gegen Wasser und Geröll. Er wartete. Für einen Augenblick meinte er eine Antwort zu hören, kurz und rau wie einer von Velkars Lauten an die Pferde. William hob den Kopf. Das Geräusch kam erneut, nun ohne jede Ähnlichkeit mit einer Stimme: Wasser strich unter einer Steinplatte hindurch und drückte loses Geröll gegen deren Rand.

Er blieb länger liegen, als das Erkennen des Geräusches verlangte. Der Hang hatte ihm für einen Atemzug den Mann zurückgegeben und sofort wieder genommen. William wollte noch einmal rufen, als könne ein richtigerer Ton aus dem Wasser eine Antwort lösen. Stattdessen sah er auf die Felsplatte über sich. Der Abstand war nicht größer geworden. Seine Kräfte waren kleiner.

Auf der westlichen Reise hatte er einem erfahrenen Begleiter zugesehen, der einen überspülten Weg nicht mit Entschlossenheit verwechselt hatte. Vom trockenen Rand aus war das ein einfacher Lehrsatz gewesen. Hier vergaß William eine eben berührte lose Kante und griff ein zweites Mal nach ihr. Das Stück brach ab und rollte an seiner Schulter vorbei. Er erschrak nicht über den Stein, sondern über das fehlende Erinnern. Schock, Kälte und Schmerz nahmen dem Wissen die Zuverlässigkeit, bevor sie ihm die Worte nahmen.

William legte die Hand danach auf breite raue Flächen statt auf vorspringende Kanten. Er sprach nicht aus, was er tat. Die Sätze wären vorhanden gewesen; sie hätten die Arme nicht gehoben. Bewegung folgte auf Pause, Pause auf Bewegung. Die Felsplatte rückte nicht sichtbar näher, bis ihre untere Kante plötzlich über seinem Kopf lag. William setzte beide Hände daran und zog sich unter den Vorsprung.

Eine Körperlänge tiefer erreichten ihn nur noch Spritzer. Der Boden war kalt und uneben, aber er floss nicht unter ihm fort. William schob sich bis an die Rückwand und ließ das gestützte Bein gerade vor sich liegen. Erst als die Schulter den Stein berührte, begriff sein Körper, dass er für diesen Augenblick nicht weiter musste. Das Zittern in seinen Händen wurde stärker, nicht schwächer.

Er wollte den Namen des Fahrers rufen und brachte zunächst keinen Ton hervor. Nicht der Schmerz hinderte ihn. Der Atem blieb vorhanden, doch etwas in ihm erwartete noch immer die Antwort, die nach sieben Tagen selbstverständlich gewesen war. Velkar hatte auf Fragen geantwortet, auf schlechte Wege, auf ein schiefes Eisen, sogar auf das Schnauben des Braunen. William hatte sich an diese Bereitschaft gewöhnt, ohne sie als Eigenschaft des Mannes zu bemerken. Nun lag zwischen dem Namen und jeder möglichen Antwort ein Hang, dessen Tiefe er nicht kannte.

„Velkar!“

Der Ruf stieß gegen den Felsschutz und kam schwächer zurück. William hörte darin die eigene Stimme. Mehr nicht.

Seine Hand lag noch auf der Brust, wo der Brief unter dem Hemd steckte. Das Papier war verletzt und lesbar. Es trug eine Frist, einen Ort und die amtliche Gewissheit, dass Williams Reise ein Ziel besaß. Wenige Schritte unterhalb konnte ein Mensch liegen, dessen Plan für die Rückfahrt in keinem Schreiben stand, das William mit sich führte. Der Brief hatte den Sturz überlebt, weil Stoff und Körper ihn zufällig gehalten hatten. Velkars Zukunft hing nicht deshalb geringer an der Welt, weil sie nur ausgesprochen worden war. Diese Ungleichheit beleidigte jedes Gefühl von Ordnung, ohne selbst eine Aussage darüber zu machen, was geschehen war.

William presste die Finger gegen das Papier, bis die Kante durch den Stoff fühlbar wurde. Er dachte an die Kinder am Straßenhof. Sie würden nach dem Grauen fragen. Velkar hatte darüber gelacht, als sei die Rückkehr eine gewöhnliche Sache, und bis zum Einschlag war sie das gewesen. William wusste weder, wer ihnen von den Pferden erzählen würde, noch ob jemand ihnen Velkar zurückbringen konnte. Er besaß nicht einmal die Gewissheit, die eine solche Nachricht verlangte. Nur der Name war ihm geblieben und die Pflicht, ihn nicht vorschnell in eine Vergangenheit zu setzen.

Erst jetzt nahm William wahr, wie kalt er geworden war. Während des Weges hatte jeder Griff den Körper beschäftigt; im Stillstand zog die Nässe durch Hemd und Gewand, und seine Zähne fanden keinen ruhigen Abstand mehr. William drückte die Oberarme an den Rumpf. Selbst diese kleine Bewegung ließ die Brustwand schmerzen. Der Felsschutz gab ihm Boden und nahm den unmittelbaren Regen. Wärme gab er nicht. Auch darin lag keine Rettung, nur ein engerer Ort, an dem William noch handeln konnte.

Solange William gekrochen war, hatte die nächste Handstelle jeden Gedanken begrenzt. Im Stillstand kehrte der ganze Nachmittag zurück. Velkars Lachen stand unmittelbar neben dem brechenden Holz; der warme Stein des Passes neben dem kalten Schlamm an Williams Knien. Dazwischen lag kein Übergang, den er nachträglich hätte erkennen können. Die Natur hatte ihre Bedingungen nicht erklärt und keine Rücksicht darauf genommen, dass ein Mann Pläne für den Abend besaß. Sie hatte nur Kraft ausgeübt. William wusste genug über Gestein, Wasser und Gewicht, um einzelne Folgen zu benennen. Keine Benennung machte den Eingriff kleiner.

Er sah zum regenverhangenen Eingang. Von hier war weder der Wagen noch der Platz sichtbar, an dem Velkar gesessen hatte. Das nahm William die Bilder nicht. Es ließ ihm nur einen Ort, an dem er sie überleben konnte. Wenn Licht und Körper es erlaubten, musste er den erreichbaren Hang absuchen. Bis dahin bestand Loyalität darin, nicht an derselben ungangbaren Rinne zu sterben. Der Gedanke war vernünftig und fühlte sich dennoch wie Verrat an.

Für einen Augenblick lagen die drei Briefe wieder auf der Truhe im Turm, Bethanys rechts, Seraphinas links, seiner zwischen beiden. Sie wussten, dass sein Weg nach Süden führte; wenn er hier starb, würde die Entfernung ihnen nicht einmal sagen, wo er geendet hatte, und William weigerte sich, ihr dieses letzte Urteil zu überlassen.

Die Riemen am Bein mussten fort, ehe die Schwellung weiter zunahm. William öffnete Schwertgürtel und Aufhängung und zog die leere Scheide vom Knöchel weg. Die Erleichterung kam als neuer tiefer Schmerz. Er ließ das Bein liegen, bis es wieder nur an einer Stelle pochte. Der Fuß blieb warm. Damit endete die Prüfung.

Das eingewickelte Schwert zwischen Rücken und Werkzeugtasche hinderte ihn daran, sich ganz gegen den Fels zu lehnen. William brachte die Tasche nach vorn und nahm das Stoffpaket mit beiden Händen auf die Knie. Die Faltungen öffneten sich schwer unter seinen nassen Fingern. Auf dem Stahl lagen einzelne Tropfen. Er strich sie mit der trockeneren Innenseite fort, schob die Klinge in die Scheide und gürtete sie wieder. Danach zog er den Umhang um die Schultern. Der fast abgelöste Saumstreifen blieb an seinen wenigen Fäden; William legte ihn flach über das verletzte Bein.

Zuletzt nahm er den Brief unter dem Hemd hervor. Das Papier war feucht geblieben, aber die Schrift stand noch darin. William schob es in die Innentasche zurück und schloss den Stoff darüber. Erst als Schwert, Umhang und Brief wieder an ihren gewöhnlichen Stellen lagen, bemerkte er, wie dankbar seine Hände diese kleine Ordnung angenommen hatten. Die Dinge widersprachen ihm nicht. Sie ließen sich retten, verschieben und wieder schließen. Der Mann im Hang ließ sich durch keinen dieser Handgriffe erreichen. William legte die Hände neben sich auf den trockeneren Bodenrand und sah in den Regen.

William zog Peters Werkzeugtasche zu sich und prüfte ihren Verschluss mit dem Daumen; er saß fest. Dann fuhr er den Riemen mit beiden Händen von der Tasche bis zur Schnalle ab. An der Schulterstelle war das Leder gedehnt, aber nicht eingerissen. William straffte den um ein Loch gelösten Riemen, schloss seine Schnalle und legte die Tasche neben sich auf den trockeneren Stein. Draußen prasselte der Regen gegen den Felsschutz.