Praefatio · De Sorte
Der Saal entließ sie in die Höfe, und die Höfe nahmen sie auf, wie ein Flussbett das Hochwasser nimmt: rauschend, drängend, in hundert Rinnsalen aus Stimmen, die alle zugleich sprachen und einander doch nicht hörten. William stand darin wie ein Stein, den das Wasser umspült, ohne ihn zu bewegen.
Er wusste nicht, wie lange er schon so stand. Die Glocke hatte das Ende der Zeremonie geläutet, das wusste er noch, und ebenso, dass er sich irgendwann in Bewegung gesetzt haben musste, denn er stand nicht mehr unter dem Gewölbe, sondern draußen, im Sommerlicht, das senkrecht und weiß auf den Stein der Höfe fiel und die Schatten kurz machte; aber zwischen dem Läuten und dem Licht lag ein Stück Zeit, das er nicht besaß, ein Gang durch Türen und über Schwellen, den seine Füße getan hatten, während sein Kopf woanders gewesen war. Das kannte er von den Toten. Menschen, die einen großen Schrecken empfangen hatten, verloren zuweilen die Minuten danach; der Leib ging weiter, tat das Nächstliegende, trug den Menschen fort vom Ort des Schreckens, und der Verstand holte ihn erst später wieder ein, an einer Straßenecke, in einem fremden Zimmer, in einem Hof voller Stimmen. Er kannte das aus den Berichten und hatte es an den Angehörigen gesehen, die man ihm ans Bett der Toten gestellt hatte, und er hatte es für eine Schwäche der anderen gehalten, für etwas, das einem Menschen widerfuhr, der sich nicht in der Hand hatte. Nun widerfuhr es ihm, mitten am Vormittag, unter einem Himmel ohne eine einzige Wolke, und das Wort, das es ausgelöst hatte, war nicht einmal ein schreckliches Wort. Es war nur ein Name.
Portovica.
Er trug ihn seit dem Saal mit sich wie einen Gegenstand, den man einem in die Hand gedrückt hat und den man nicht fallen lassen darf, obwohl man nicht weiß, wozu er gut ist. Ein Name, drei Silben, ein Ort am äußersten Rand der bekannten Welt, dort, wo das Land aufhörte und das offene Meer begann; ein Freihafen, über den man wenig sagte und nichts Gutes, ein Ort, an dem die Ordnung dünn war und die lange Hand des Ordens, so hieß es, nur noch als Gerücht reichte. Das war alles, was er über sein Los wusste, und es war zugleich mehr, als er fassen konnte. Um ihn her wurden andere Namen getauscht, in einem fort, wie Münzen auf einem Markt; er hörte sie, ohne es zu wollen, denn das Hören ließ sich so wenig abstellen wie das Atmen, und aus den Fetzen setzte sich ihm, ungefragt, das Bild dieses Vormittags zusammen. Da war einer, der in eine der großen Städte des Ostens ging und es dreimal hintereinander sagte, jedes Mal ein wenig lauter, als müsse er sich selbst überzeugen, dass es wahr war; da war eine, die man in den Süden schickte, in die Hitze, und die tapfer darüber scherzte, während ihre Hände den Saum ihres Ärmels kneteten; da waren zwei, die einander gerade entdeckt hatten, dass ihre Orte nur wenige Tagereisen auseinanderlagen, und die daraus schon eine halbe Zukunft bauten. Freude, Enttäuschung, Erleichterung, alles durcheinander, alles laut; die große Gleichheit des Wartens, die noch vor einer Stunde über den Höfen gelegen hatte, war zerbrochen, und aus den Scherben klaubte jeder das eigene Stück auf und hielt es gegen das Licht.
Niemand sprach von Portovica. Er hätte es gehört. Der Name war einmal gefallen, im Saal, als der Hochinquisitor ihn verlesen hatte, und ein Raunen war durch die Reihen gegangen, kurz, verwundert, und dann verebbt, wie Raunen verebbt, wenn es nichts findet, woran es sich halten kann. Jetzt, in den Höfen, war der Name schon wieder vergessen, und der, den er getroffen hatte, stand im Gedränge wie ein Fremder auf einem Fest, zu dem alle anderen geladen waren.
Die beiden fehlten ihm. Das war das Erste, was durch die Betäubung drang, körperlich, wie ein Fehlen von Wärme an der Seite: dass links und rechts niemand stand. Der Abschied war kurz gewesen, kürzer, als ein Jahr es verdient hätte; die Kutschen hatten schon gewartet, denn der Orden verlor keine Zeit, wenn er einmal verfügt hatte, und so war für die großen Worte kein Raum geblieben, und vielleicht war das gut so, denn die großen Worte waren am Abend zuvor gesagt worden, oben auf dem Turm, oder eben nicht gesagt und gerade dadurch. Bethany hatte ihm die Feldflasche hingehalten, mitten im Gedränge, wortlos, mit einem schiefen Lächeln, das sich über die eigene Feierlichkeit lustig machte, und er hatte getrunken und sie an Seraphina weitergereicht, und das war die ganze Wiederholung des Pakts gewesen, die sie sich erlaubten: ein Schluck Wasser aus einem verbeulten Gefäß, zwischen Fremden, die es für nichts hielten. Dann eine Umarmung, die zu fest war, um beiläufig zu sein, und ein Blick, der zu ruhig war, um leer zu sein, und dann waren die beiden in verschiedene Richtungen davongegangen, die eine nach Norden, in die Nähe ihrer Wälder, die andere an einen Ort, dessen Namen William im Saal gehört und im selben Atemzug wieder verloren hatte, weil in jenem Atemzug sein eigener noch in ihm nachgedröhnt hatte. Er hatte nicht nachgefragt. Es war ihm erst jetzt aufgefallen, dass er nicht nachgefragt hatte, und es beschämte ihn ein wenig; aber die Briefe kannten den Weg, das hatten sie einander versprochen, die Briefe fanden einen, wohin der Orden einen auch stellte, und der Name eines Ortes war nur ein Name. Die Trias Cordis war kein Ort. Das war der Sinn des Wortes gewesen, das sie sich gegeben hatten, und er hielt sich daran fest, wie man sich an einem Geländer festhält, von dem man weiß, dass man es selbst gezimmert hat: mit dem Vertrauen des Zimmermanns und der leisen Sorge dessen, der die Stelle kennt, an der das Holz gestückt ist.
William stellte sich in den Schatten eines Torbogens, aus dem Strom heraus, und versuchte zu ordnen.
Ordnen war, was er konnte. Man hatte es ihm beigebracht, erst der Vater, dann die Festung, zuletzt ein Jahr an den Tischen der Toten, an denen die Unordnung eines Lebens auf einer Platte lag und darauf wartete, in eine Reihenfolge gebracht zu werden: erst dies, dann das, daraus jenes. Ein Toter war ein Satz, den jemand nicht zu Ende geschrieben hatte, und Williams Handwerk war es, die fehlenden Worte aus den vorhandenen zu erschließen. Also legte er den Vormittag vor sich hin wie einen Befund und begann.
Man schickte ihn nach Portovica. Das war die Tatsache, der Leichnam sozusagen, das, woran nicht zu rütteln war. Man schickte nicht irgendeinen nach Portovica, man schickte ihn, den man in den Höfen den Besten dieses Jahrgangs genannt hatte, nicht aus Eitelkeit, sondern weil die Listen es hergaben; einen, der die Prüfung des Jahres bestanden hatte wie wenige vor ihm, dem ein Meister, der nie lobte, am Ende nicht widersprochen hatte, was bei diesem Meister mehr war als jedes Lob. Einen solchen schickte man dorthin, wo sich ein Ruf mehren ließ, in die großen Städte, an die schweren Fälle, oder man schickte ihn dorthin, wo er sich gewünscht hatte hinzugehen, wenn der Wunsch dem Orden nützte; und sein Wunsch hätte dem Orden genützt, denn was ist einem Orden nützlicher als ein Mann, der an den Ort seines Versagens zurückwill, um es dort besser zu machen. Stattdessen das Ende der Welt. Ein Hafen, den man mit nichts verband als mit Schmuggel und dünner Ordnung, ein Posten, auf den man, wenn das Gerede stimmte, Männer stellte, die man vergessen wollte. Es ergab keinen Sinn, wenn man es als das las, was es zu sein vorgab, als eine Zuteilung unter Hunderten; und es ergab einen Sinn, sobald man annahm, dass es etwas anderes war.
Also war es inszeniert, dachte er, und der Gedanke stand so glatt und fertig da, als hätte er die ganze Zeit nur auf die Erlaubnis gewartet, gedacht zu werden. Alles. Der Auftritt, die Verlesung, der Ort. Man hat mich nicht verteilt; man hat mich gesetzt, wie man einen Stein auf einem Brett setzt.
Und kaum stand der Gedanke, begann er zu wuchern, wie diese Gedanken es taten. Denn wenn der Ort gesetzt war, warum dann nicht auch der Weg dorthin; und wenn der Weg, warum nicht das Jahr davor; und wenn das Jahr, warum nicht alles. Wozu lässt man einen Menschen eine ganze Ausbildung durchstehen, jede Prüfung, jede Kälte, jede Nacht über den Büchern; wozu lässt man ihn Menschen verlieren, an denen er hing, und aus den Verlusten lernen, was man aus Verlusten lernt; wozu formt man ihn zwei Jahre lang mit allem Aufwand einer Festung, die jeden Handgriff wägt, wenn man am Ende nur mit ihm zu spielen scheint, ihn hierhin stellt und dorthin, nach Regeln, die man ihm nicht nennt? Er suchte das Muster dahinter, denn ein Spiel hat Regeln und Regeln haben ein Muster, und er fand keines, das trug. Er fand Bruchstücke, die sich zu vielem fügen ließen und darum zu nichts: Man wollte ihn fern haben, von wem, wovon; man wollte ihn prüfen, worauf; man wollte ihn brechen, wozu dann der Aufwand; man wollte gar nichts und er las in eine Laune der Verwaltung ein Gesicht hinein, wie Kinder in die Maserung einer Tür. Jede dieser Lesarten passte auf einige der Tatsachen und keine auf alle, und je länger er sie gegeneinander hielt, desto deutlicher spürte er unter dem Denken jenes andere, vertraute Gefühl, das ihn seit dem Saal nicht verlassen hatte: dass er nach Mustern griff, wie ein Fallender nach Ästen greift, nicht weil er sie sah, sondern weil er fiel.
Er kannte dieses Greifen. Es war das älteste an ihm, älter als die Festung, älter vielleicht als der Verlust, aus dem er es immer hergeleitet hatte; die Hand des Verstandes, die sich um alles schloss, was nach Halt aussah. Und er wusste, wohin es führen konnte, wenn man ihm die Zügel ließ. Er hatte es einmal geschehen lassen, in einer fremden Stadt, in seinem ersten Praktikum; hatte aus echten Zeichen ein falsches Bild gebaut, so folgerichtig, so schön geschlossen, dass die Wirklichkeit daneben ärmlich ausgesehen hatte, und war dem Bild gefolgt statt der Wirklichkeit, bis die Wirklichkeit ihn eingeholt hatte, auf ihre Art, die immer die härtere war. Die Lösung war zu klein für die Frage gewesen. Das war der Satz, den er sich damals mitgenommen hatte, sein Fehler, nicht der der Zeichen; und er hatte sich geschworen, das Greifen nie wieder mit dem Sehen zu verwechseln. Nun stand er in einem Torbogen, keine zwei Jahre danach, und ertappte die Hand schon wieder in der Luft.
Also zwang er sie hinunter. Nicht das Fragen; das Fragen war sein Recht, und die Fragen waren echt, sie standen da wie Steine im Feld, man konnte sie nicht wegdenken, nur umgehen. Aber das Antworten zwang er hinunter, das voreilige, das hungrige Antworten, das lieber eine falsche Ordnung hatte als gar keine. Es gab an diesem Vormittag genau eine Sache, die er wusste, und er sagte sie sich vor, langsam, wie man einem Kranken die Wahrheit sagt, damit sie nicht mehr behauptet, als sie hält: Man schickte ihn nach Portovica, und er wusste nicht, warum. Das war der ganze Befund. Alles darüber hinaus war Maserung in einer Tür.
Es half nicht viel. Aber es hielt.
Draußen, vor den inneren Toren, formierte sich der Abschied des hohen Besuchs, und das Gedränge, das eben noch mit sich selbst beschäftigt gewesen war, wandte sich ihm zu wie Gras dem Wind.
William sah es von seinem Torbogen aus, über die Köpfe hinweg: die Garde zuerst, die sich in zwei Reihen aufstellte, mit jener Genauigkeit, die er am Morgen im Saal gesehen hatte und die immer noch etwas in ihm zusammenzog, jeder Schritt der gleiche, jeder Abstand der gleiche, ein einziger Wille in vielen Körpern; dann die Banner, die man aus dem Saal getragen hatte und die nun in der windstillen Hitze schwer an ihren Stangen hingen, tiefblaue Bahnen, das Blau von Valdris, auf denen das Silber des gestickten Vogels in der Sonne nicht glänzte, sondern brannte, kalt und weiß, wie Licht auf Eis. Ein Rabe, dachte William, und dachte es so nüchtern, wie es sich denken ließ: das Wappentier eines fernen Reiches, dasselbe Tier, das er selbst auf der Brust trug, klein und golden, unter dem Stoff, wo niemand es sah; ein Zufall der Heraldik, hatte er sich im Saal gesagt, Reiche führten Tiere, seit es Reiche gab. Er ließ den Gedanken liegen, wo er lag. Zwischen den Bannern wartete eine Reisekutsche, dunkel und ohne allen Zierrat, was auf seine Weise mehr sagte als Zierrat; die Pferde standen, als hätte man auch sie erzogen wie die Garde, und ein Diener hielt den Schlag auf, ohne dass schon jemand gekommen wäre. Man hielt einem solchen Mann die Türen auf, ehe er sie brauchte. Das war die Grammatik der Macht, und die Höfe lasen sie fließend: Es wurde stiller, Reihe um Reihe, die Gespräche sanken zu einem Murmeln und das Murmeln zu jener wachen, gereckten Stille, in der Menschen stehen, wenn sie etwas sehen wollen, von dem sie später erzählen können.
Dann kam er.
Aurel trat aus dem Schatten des Portals in die Sonne, ohne Eile, wie er alles ohne Eile tat, zwei Männer seines Gefolges einen halben Schritt hinter sich, und die Höfe gaben ihm eine Gasse, die niemand befohlen hatte. Er ging durch sie hindurch, als ginge er durch einen leeren Garten; hier und dort neigte sich ein Kopf, und er erwiderte es mit einem kleinen, gleichmäßigen Nicken, das jedem galt und keinem, eine Münze, die er auswarf, ohne hinzusehen, wohin sie fiel. Die Sonne lag voll auf ihm, und sie fand nichts, woran sie sich hätte stoßen können.
William stand im Schatten und sah ihn an, und in ihm war es sehr ruhig und sehr laut zugleich.
Das ist er, dachte er. Nicht als Erkenntnis; die Erkenntnis war im Saal geschehen, mit der Wucht eines Bodens, der nachgibt. Jetzt, aus der Entfernung, in der vollen Sonne, war es eher ein Nachmessen, Zug um Zug, wie man einen Befund gegenprüft, den man nicht glauben will und doch glauben muss. Der Gang: derselbe. Die Art, den Kopf zu halten, ein wenig, als lausche er auf etwas Angenehmes: dieselbe. Die Hände, die beim Gehen ruhig blieben, wo andere Hände reden: dieselben. Er hatte an der Seite dieses Mannes gestanden, in einem anderen Leben, in einer kleinen Stadt zwischen Seen; hatte ihm Beweise gereicht und Gedanken anvertraut und Vertrauen geschenkt, das ganze, dumme, restlose Vertrauen eines Jungen, der zum ersten Mal einen Gefährten zu haben glaubte, und dieser Gang, dieser Kopf, diese ruhigen Hände hatten es genommen wie eine Münze, die man einsteckt. Dann war Peter tot gewesen. Dann war alles andere gekommen, die Asche, die Flucht, die Jahre; und durch die Jahre hatte ihn ein einziger Satz getragen, geschworen in Nächten, in denen ihm nichts anderes geblieben war: Nie wieder. Nie wieder blind sein, wie er bei diesem Gesicht blind gewesen war. Der Satz hatte in ihm gelegen wie ein Werkzeug, das man lange nicht braucht und dessen Griff die Hand trotzdem kennt, und seit dem Vormittag lag die Hand wieder darauf. Er spürte es genau, dieses Aufwachen des Schwurs, und er spürte auch, wie wenig der Schwur mit der Lage anzufangen wusste, in der er aufwachte. Man schwört sich Rache an einem Flüchtigen, an einem Schatten, an einem Namen, den man in einer Gasse zu stellen hofft. Man schwört sie nicht an einem Mann, der unter Bannern reist und vor dem sich Meister verneigen. Der Schwur war da, wach und ganz, und stand vor einer Mauer, und William stand mit ihm davor und wusste nicht mehr als er.
Er war sich sicher. Das musste man festhalten, gerade weil alles andere schwankte: Er war sich vollkommen sicher, dass der Mann, der dort durch die Gasse aus Menschen ging, derselbe war, den er gekannt hatte. Nicht einer, der ihm ähnlich sah; nicht ein Bruder, ein Vetter, ein Spiel der Erinnerung. Derselbe. Er hatte im Saal aus der Nähe in dieses Gesicht gesehen und darin die Botschaft gelesen, die nur für ihn bestimmt gewesen war, und man liest eine solche Botschaft nicht in einem fremden Gesicht. Es war Aurel, der ihn belogen hatte, es war Aurel, der Peter in den Tod geführt hatte, es war Aurel, dem sein Schwur galt; daran war so wenig zu zweifeln wie an dem Stein unter seinen Füßen.
Und unter dieser Gewissheit, für die Dauer eines Lidschlags, nicht länger, regte sich ein anderer Gedanke, klein und quer: Kenne ich ihn überhaupt noch?
Er kam aus keiner Beobachtung. Das war das Ärgerliche daran; er hätte ihn leichter fortgeschickt, wenn er sich an etwas hätte festmachen lassen, an einer Geste, die nicht stimmte, an einem Zug, der neu war. Aber da war nichts dergleichen, da war nur die schlichte Arithmetik der Jahre: dass zwischen der kleinen Stadt und diesem Hof eine Zeit lag, in der er selbst ein anderer geworden war, so gründlich ein anderer, dass der Junge von damals ihm zuweilen wie ein entfernter Verwandter vorkam, von dem man Briefe besitzt; und dass er von diesen Jahren, was den Mann dort betraf, nichts wusste, keinen Tag, keinen Weg, keine Stunde. Er kannte den Aurel von damals. Der Mann dort trug dessen Gang und dessen Hände, aber was er sonst noch trug, unter der Robe, hinter der Ruhe, davon wusste William so wenig wie die Gaffenden ringsum, und für einen Augenblick kam ihm sein eigenes Wissen vor wie eine Landkarte, deren Ränder man abgeschnitten hat: genau in der Mitte, weiß darum herum.
Er verwarf es. Es war ein müßiger Gedanke, einer von der Sorte, die klug klingen und nichts tragen; natürlich kannte er ihn nicht mehr, so wenig, wie man irgendeinen Menschen nach Jahren noch kennt, das war keine Erkenntnis, das war eine Binsenwahrheit, aufgeblasen von einem Vormittag, der ihm den Boden weggezogen hatte. Was zählte, war nicht, wen er kannte, sondern was er wusste, und was er wusste, genügte. Ein dummer Einfall, sagte er sich, und schob ihn beiseite, wie man ein Blatt beiseiteschiebt, das auf den falschen Stapel geraten ist, und sah wieder hin.
Aurel hatte die Kutsche fast erreicht. Er blieb noch einmal stehen, halb gewandt, und sagte etwas zu einem der Meister, die ihn geleiteten; man sah den Meister nicken, zweimal, mit einer Bereitwilligkeit, die Meistern sonst nicht anstand. Dann gab Aurel den Blick frei, hob ihn, beiläufig, wie man einen Hof überblickt, den man verlässt, ließ ihn über die Menge gehen, über die Köpfe, die Reihen, die Tore.
Und fand ihn.
Es war keine Suche gewesen; das hätte William gesehen, ein suchender Blick tastet, dieser tastete nicht. Er ging über die Menge und blieb an ihm hängen, wie ein Blick an einem bekannten Gesicht hängen bleibt, ohne Überraschung, beinahe ohne Gewicht, und über die Länge des Hofes hinweg, über hundert fremde Köpfe, sahen sie einander an. Es dauerte einen Atemzug, vielleicht zwei. Nichts geschah. Kein Nicken, kein Lächeln, keine Spur jener Freundlichkeit, die er im Saal an alle verschenkt hatte; aber auch nichts anderes, keine Härte, keine Botschaft, nicht einmal das Vergnügen, das William am Morgen für einen Herzschlag darin gesehen hatte. Zwei Männer sahen einander über einen Hof hinweg an, und der eine wusste alles über den anderen und der andere wusste nicht, was der eine wusste, und die Sonne stand über beiden und machte keinen Unterschied. Dann wandte Aurel sich ab, ohne Hast, wie man sich von einem Fenster abwendet, stieg ein, und der Diener schloss den Schlag.
Die Kutsche fuhr an. Die Garde setzte sich in Bewegung, die Banner schwankten und fingen den Tritt der Träger auf, und der ganze blausilberne Zug glitt durch das große Tor hinaus, gleichmäßig, wie etwas, das nicht fährt, sondern fließt, und die Menge sah ihm nach, bis der letzte Bannersaum hinter dem Torschatten verschwunden war. Dann, wie auf ein Zeichen, hob das Stimmengewirr wieder an, lauter als zuvor, denn nun hatte man etwas gesehen, wovon sich erzählen ließ.
William blieb im Torbogen stehen, bis der Hof ihn vergessen hatte.
Der Blick arbeitete in ihm nach. Er versuchte, ihn zu lesen, wie er alles las, und fand nichts darin; das war der Befund, und er kannte ihn schon, es war derselbe wie am Morgen. Ein leeres Gesicht über einer Entfernung, ein Blick ohne Inhalt, und gerade die Leere war das Beunruhigende, denn Leere in einem Gesicht, das alles konnte, war keine Abwesenheit, sondern eine Wahl. Er hätte hineinlegen können, was er wollte: Hohn, Prüfung, Gruß, Warnung, das Wiedererkennen zweier Spieler über einem Brett. Jede Lesart hätte gepasst, und weil jede passte, taugte keine, und er ließ sie alle fallen, eine nach der anderen, wie man Werkzeuge weglegt, die nicht greifen. Was blieb, war nur das eine, das keiner Deutung bedurfte: Der Mann hatte ihn gefunden, ohne zu suchen. Unter Hunderten, im Schatten eines Bogens, am Rand. Er hatte gewusst, wo William stand.
Auch das legte William weg. Vorsichtig, wie man etwas Scharfes weglegt, mit der Schneide von der Hand.
Der Kutscher fand ihn wenig später, ein grauer Mann in grauem Dienstrock, der seinen Namen nicht fragte, sondern feststellte, „Allaway“, als läse er ihn von einer Liste ab, die er im Kopf trug, und dann mit einer knappen Wendung des Kinns die Richtung wies. William folgte ihm.
Sein Gepäck war schon verladen, die kleine, geschnürte Kiste mit dem, was zwei Lehrjahre hinter diesen Mauern einem Menschen an Besitz ließen; sie sah auf dem Dach der Kutsche verloren aus, wie das Gepäck eines Mannes, der behauptet zu verreisen. Nur die Werkzeugtasche trug er selbst, wie er sie immer selbst trug. Er stellte sie zwischen die Füße, als er saß, und als die Kutsche anfuhr, nahm er sie doch wieder auf und behielt sie auf den Knien, beide Hände auf dem alten Leder, das an den Kanten speckig geworden war von den Jahren und den Händen, seinen und den anderen davor. Zwei Handwerke in einer Tasche, hatte er einmal gedacht, als er zum ersten Mal begriffen hatte, was er da eigentlich trug: obenauf sein eigenes, das Schreibzeug, die Federn, den Stein; darunter, im doppelten Boden, das andere, das ältere, Peters Meißel und die schmalen Dietriche, die Hände eines Steinmetzsohns, gefaltet unter den Händen eines Skriptorensohns. Er öffnete sie nicht. Er kannte auswendig, was darin lag und wie es lag, und es genügte ihm an diesem Vormittag, das Gewicht zu spüren, das vertraute, doppelte Gewicht, das schwerer war, als Werkzeug wiegt.
Die Kutsche rollte durch die Anlage, und er sah hinaus, um nicht hineinzusehen.
Die Festung zog an ihm vorüber, Mauerzug um Mauerzug, in der harten Mittagssonne: der Brunnen, an dem er an so vielen Morgen in der Frühe gestanden hatte, das Wasser eiskalt auch im Sommer; die Front der Bibliothek mit ihren schmalen Fenstern, hinter denen das Wissen der Welt lag, rationiert wie Brot in einer Belagerung; der Glockenturm, dessen Stimme sein Leben in Abschnitte geteilt hatte, so lange, bis er die Abschnitte im Leib trug und keine Glocke mehr brauchte. Es war seltsam, das alles im Vorbeifahren zu sehen, aus einem Fenster, wie ein Besucher. Er hatte diesen Ort nicht geliebt. Er hatte ihn gefürchtet, dann gehasst, dann ertragen, und irgendwann, spät, ohne den Tag benennen zu können, hatte das Ertragen sich in etwas anderes verwandelt, für das er lange kein Wort gesucht hatte, weil das naheliegende Wort ihm nicht zustehen wollte. In der Festung hatte er zum ersten Mal seit Elwood an einem Ort gelebt, an dem er nicht fremd gewesen war. Das war die nüchternste Fassung, die er zustande brachte, und auch sie war schon fast zu groß. Nun fuhr er hinaus, und der Ort schloss sich hinter ihm, Hof um Hof, Tor um Tor, gleichmütig, wie Orte es tun, und William saß mit der Tasche auf den Knien und ließ ihn ziehen und stellte fest, dass das Fortgehen von einem Ort, der einem etwas geworden ist, dem Fortgehen von einem gleichgültigen Ort zum Verwechseln ähnlich sieht. Es war dieselbe Straße, dasselbe Rumpeln, derselbe Staub. Der Unterschied fuhr innen mit.
Was ihn erwartete, wusste er nicht, und er versuchte diesmal gar nicht erst, es zu erraten. Portovica: ein Hafen im äußersten Westen, Wochen entfernt, hinter der Westflanke des Gebirges, in einem Land ohne Banner, das man das Ungezählte nannte, weil keine Krone es je gezählt hatte; Schiffe, Salz, fremde Zungen; die Ordnung dünn, die Gesetze dünner. Das war der ganze Inhalt seines Wissens, zusammengekratzt aus Vorlesungen, in denen der Westen zwei Sätze bekommen hatte, und aus dem Raunen des Saals, das keine Quelle war. Es war wenig genug, um ehrlich zu sein, und er beschloss, es dabei zu lassen: wenig zu wissen und es zu wissen. Das war, im Kleinen, alles, was das vergangene Jahr ihn über das Wissen gelehrt hatte, und wenn dieser Vormittag zu irgendetwas taugte, dann dazu, die Lehre gleich am ersten Tag zu erproben.
William hatte erwartet, dass die Kutsche sich nach dem äußeren Tor bergab wenden werde, auf die lange Straße, über die er einst heraufgekommen war, hinunter zu den Vorbergen und der Schiene; stattdessen bog sie, kaum durch das Tor, seitwärts, auf einen gepflasterten Weg, der sich am Fuß der Mauern entlangzog und dann auf den Berg selbst zuhielt, dorthin, wo der Fels kahl aus dem Hang trat und ein niedriges, breites Torhaus davorstand, aus Eisen und geschwärztem Holz, das William kannte, ohne sich je gefragt zu haben, wohin der Schacht dahinter noch führte außer hinab ins offene Land.
„Der westwärtige Bahnhof“, sagte der Kutscher nach vorn, ohne sich umzudrehen, als beantworte er eine Frage, die zu stellen William versäumt hatte. „Liegt im Berg. Von dort gehen die Züge nach Westen. Es gehen nicht viele.“
William sah auf das Torhaus, das näher kam, und auf den Fels dahinter, der in der Mittagssonne heller war als der Himmel, und begriff, dass die Reise nicht mit einer Straße begann, sondern mit einem Schacht.
Der große Aufzug war kein Anblick, an den man sich gewöhnte, und William hatte auch nach zwei Fahrten nicht aufgehört, ihn mit jenem stillen Unglauben zu betrachten, den Werke hervorrufen, die eine Nummer zu groß sind für die Hände, die sie gebaut haben.
Hinter dem Torhaus öffnete sich der Fels zu einer Kammer, in der die Plattform wartete: eine Fläche aus Eisen und schwerem Bohlenwerk, groß genug für die Kutsche samt Pferden und für zwei weitere dazu, gefasst in ein Gerüst aus Streben und Ketten, das oben im Dunkel des Schachtes verschwand. An den Ecken brannten Laternen in Drahtkörben, und ihr Schein reichte gerade weit genug, um zu zeigen, wie weit er nicht reichte. Männer in Lederschürzen liefen die Ränder ab, prüften Bolzen mit Schlägen, die der Fels vervielfachte, riefen einander Zahlen zu; irgendwo hinter der Wand arbeiteten die Maschinen, noch gemächlich, ein tiefes, atmendes Stampfen, das man weniger hörte als in den Sohlen spürte. Der Kutscher fuhr die Kutsche auf, wortlos, auf eine mit Kreide markierte Fläche, stieg ab und legte den Pferden Tücher über die Augen, mit Handgriffen, die er tausendmal getan haben musste; die Tiere standen danach sehr still, die Ohren spielend, und William dachte, dass es eine eigene Gnade war, nicht zu sehen, was mit einem geschah, und verwarf den Gedanken als wohlfeil, denn er selbst hätte das Sehen um keinen Preis hergegeben.
Dann ein Glockenschlag, kurz und blechern, ganz anders als die Stimme des Turms; das Stampfen hinter der Wand wechselte den Takt, wurde schwer und ernst, Dampf schoss irgendwo mit einem langen Zischen aus, und die Plattform löste sich vom Rand der Kammer, so sanft, dass William es zuerst nur an den Laternen sah, deren Licht am Fels entlangzugleiten begann. Dann sank sie, und der Berg nahm sie auf.
Es war eine Welt für sich, dieser Schacht, und sie bestand aus wenigem: aus Dunkel, das die Laternen zu Inseln schnitten; aus dem Kreischen des Eisens, das in langen Intervallen kam und ging, wenn die Führungen griffen; aus dem Grollen der Gegengewichte, die irgendwo jenseits der Wand ihre eigene Reise in die andere Richtung taten, tonnenschwer, unsichtbar, und aus dem Dampf, dessen Zischen in der Tiefe zu einem Atem wurde, ein und aus, als schliefe im Berg etwas sehr Großes, das man besser nicht weckte. Ab und zu stoben Funken aus dem Dunkel über ihnen, ein kurzer, oranger Regen, der verlosch, ehe er die Plattform erreichte. Die Pferde standen mit ihren verhängten Augen und zitterten leise in der Haut. Der Kutscher stand bei ihnen, eine Hand am Halfter, und kaute auf etwas, das er nicht schluckte.
William stand am Geländer, die Tasche über der Schulter, und sah in das vorbeiziehende Nichts, und zum ersten Mal an diesem Tag hörte sein Kopf auf zu arbeiten.
Es war keine Ruhe; dafür war zu viel Lärm in ihr. Es war eher, als hätte der Schacht das Denken übernommen, so wie ein sehr lautes Wasser das Reden übernimmt: Man gibt es auf, gegen ihn anzudenken, und lässt die Dinge treiben, und die Dinge trieben. Der Saal trieb vorbei, die Fanfaren, das Silber auf Blau; der Blick über den Hof, der ihn gefunden hatte, ohne zu suchen; die Feldflasche, aus der drei getrunken hatten; der Meister, der nie lobte und nicht widersprochen hatte; ein Name, dreisilbig, am Rand der Welt; die Frage nach dem Warum, groß und still wie der Schacht selbst, ohne Boden, soweit das Licht reichte. Er hielt nichts davon fest. Er sah zu, wie es vorüberzog, im Takt der Laternen, die alle paar Herzschläge ein Stück nasse Felswand aus dem Dunkel hoben und wieder hineinließen, und irgendwann, er hätte nicht sagen können nach wie langer Zeit, mischte sich unter das Treibende ein Bild, das nicht von diesem Tag war.
Ein Junge in einer kalten Schreibstube, die Finger blau von der Tinte, ein Buch vor sich, das nicht auf den Pulten liegen sollte und das doch da lag, aufgeschlagen, mit Karten, deren Ränder ins Leere liefen, und mit Sätzen, die nach Salz schmeckten. Das Buch war fort, seit langem; aber der Junge hatte es behalten, in jenem tieferen Auswendig, das keine Worte mehr braucht, und der Mann, der aus dem Jungen geworden war, stand jetzt auf einer sinkenden Plattform in einem Berg, mit einer Kiste auf dem Dach einer Kutsche und einem Namen im Gepäck, der nach Salz schmeckte, und fuhr dorthin, wo die Ränder der Karten ins Leere liefen.
Der Gedanke kam ihm quer, halb ungläubig, wie eine Rechnung, die nicht stimmen kann und doch aufgeht; er prüfte ihn zweimal, und er ging beide Male auf, und etwas in seinem Gesicht bewegte sich, das den ganzen Tag starr gewesen war und von dem er nicht mehr gewusst hatte, dass es sich bewegen konnte.
Bald werde ich selbst einer sein, dachte er, in das Kreischen und den Dampf hinein, während der Boden unter ihm tiefer und tiefer in den Berg sank. Einer, der an den Rand der Welt hinausfährt. Ein Abenteurer, wie der Mann, dessen Buch ich als Junge gelesen habe.
Und die Plattform sank, und die Laternen zogen ihre Lichtinseln die Wand hinauf, eine um die andere, und William Allaway stand still zwischen ihnen und ließ sich hinab.