I · Vir in fine itineris
Der Fuhrmann hielt vor einem Haus, dessen breite Einfahrt zur Hälfte von leeren Kisten versperrt war. Er sah die Kisten an, dann William, und schnalzte mit der Zunge.
»Weiter fahr ich Euch nicht. Da müsste ich erst das Haus wegräumen.«
William beugte sich unter dem niedrigen Verdeck hervor. Über der Tür hing ein dunkles Brett, auf dem ein verblasster Krug noch immer mehr versprach als die geschlossenen Fenster. Daneben führte ein schmaler Durchgang in den Hof. Die Anschrift stimmte.
»Hier sollte ich ohnehin aussteigen.«
»Gut. Dann war's Absicht.«
Der Mann grinste, während William sein Gepäck zwischen zwei Säcken hervorzog. Die letzten Stunden hatte der Wagen mehr geschüttelt, als der Zug es auf der ganzen vorherigen Strecke getan hatte. Ein feiner Staub lag in den Falten seines Mantels; als er das Bündel auf die Schulter hob, stob er ihm bis ans Kinn. Der Fuhrmann nahm die vereinbarte Bezahlung, prüfte die Münze und wies mit ihr auf den Hof.
»Wenn Ihr was Warmes wollt, fragt gleich. Sie sagt nachher, Ihr hättet's eher sagen müssen. Und wenn sie Euch nachher doch was macht, dann sagt sie's noch mal.«
»Ich werde mich bemühen, rechtzeitig hungrig zu sein.«
»Seid Ihr doch längst.«
Damit hatte er recht. William wartete, bis der Wagen angezogen hatte, und trat durch den Durchgang. In einem Fenster über ihm wurde ein Tuch ausgeschlagen. Er blieb stehen; der Staub ging an ihm vorbei. Aus dem Hof roch es nach nassem Holz, Kohl und einem viel zu lange benutzten Wischlappen.
Eine Frau kam ihm entgegen, die einen leeren Eimer am Griff schwenkte. Sie war breitschultrig, hatte einen Ärmel bis über den Ellbogen geschoben und am anderen eine dunkle feuchte Stelle. Ihr Blick blieb einen Augenblick an seinem Schwert hängen, glitt zum Gepäck und kehrte in sein Gesicht zurück.
»Wollt Ihr schlafen oder wartet Ihr auf wen?«
»Zunächst suche ich Herrn Althagen. Terenz Althagen. Mir wurde diese Herberge als Treffpunkt genannt.«
»Dann beides, würd ich sagen.«
Sie setzte den Eimer ab und schob mit dem Fuß eine Kiste gegen die Mauer. Unter ihr lag ein zerdrückter Apfel.
»Ist er nicht hier?«
»Vorhin war er hier. Jetzt ist er irgendwo zwischen seinem Zimmer und meinem Hinterraum. Wenn er nicht zwischendurch wieder raus ist. Hat er Euch bestellt?«
William nannte seinen Namen und erklärte in wenigen Worten die Zuweisung. Die Frau betrachtete ihn nun etwas genauer. Nicht ehrerbietiger, wie er mit einer gewissen Erleichterung feststellte. Sie schien lediglich zu prüfen, wie lange ein solcher Aufenthalt dauern mochte.
»Ah. Der junge Mann. Er hat gesagt, dass einer kommt. Hat bloß nicht gesagt, dass der auch essen muss.«
»Das ist bedauerlicherweise kaum zu vermeiden.«
»Bei ihm schon. Wenn man's ihn entscheiden lässt.« Sie nahm den Eimer wieder auf. »Ich bin Ragna Ulenbeek. Ihr könnt mir Eure Sachen da neben die Tür stellen, aber nicht mitten hinein. Oben hab ich eine kleine Kammer frei. Bett, Tisch, Waschschüssel. Das Fenster lässt sich öffnen. Zum Zumachen müsst Ihr es ein Stück anheben.«
Sie nannte den Preis für die Nacht und einen zweiten für das Essen. William rechnete beides zusammen und fragte, ob er zunächst eine Nacht nehmen könne.
»Solange Ihr mir morgen sagt, wenn Ihr noch eine wollt. Ich kann sie nicht für Euch leer halten, bloß weil Herr Althagen meint, vielleicht käme er am Abend wieder.«
»Ich zahle meine Unterkunft selbst.«
»Das ist mir recht. Er zahlt seine auch selbst. Nur nicht immer an dem Tag, an dem ich's gern hätte.«
Mehr sagte sie dazu nicht. Sie wartete, bis William sein Bündel an die bezeichnete Stelle gestellt hatte, und führte ihn durch einen schmalen Gang. Die Gaststube dahinter war heller, als die geschlossenen Fenster von der Straße vermuten ließen. Zwei Türen zum Hof standen offen. An einem Tisch schnitt ein Mann Brot in dicke Scheiben, während eine Frau ihm offenbar erzählte, warum es an einem anderen Tisch hätte geschnitten werden müssen. Keiner beachtete William lange.
Ragna gab ihm einen Schlüssel, versprach eine Schüssel von dem, was noch im Topf sei, und deutete nach hinten.
»Wenn Ihr ihn findet, sagt ihm, er soll mir die Laken lassen. Ich hab ihm drei gegeben. Drei sind genug.«
William blieb mit dem Schlüssel in der Hand stehen.
»Soll ich sie ihm abnehmen?«
»Nein, um Himmels willen. Sagt's ihm bloß. Ich will, dass er sich wenigstens schlecht fühlt, wenn er das vierte zerschneidet.«
Sie ging weiter, bevor er erwidern konnte, dass er vermutlich nicht wegen seiner Fähigkeit, fremdes Leinen zu bewachen, hierhergeschickt worden war.
Im oberen Stock brachte William sein Gepäck in die kleine Kammer. Das Fenster klemmte tatsächlich; mit angehobenem Rahmen ließ es sich schließen. Er zog den Mantel aus, klopfte ihn behutsam am geöffneten Fenster aus und wusch sich. Das Wasser war kalt genug, um die Müdigkeit wenigstens aus seinem Gesicht zu vertreiben. Als er die nassen Hände auf dem Rand der Schüssel abstützte, hörte er unten jemanden lachen.
Er hatte sich diese erste Begegnung mehrfach vorgestellt. Nicht ausführlich, doch immer dann, wenn während der Reise kein Gespräch und kein Umsteigen seine Aufmerksamkeit gebraucht hatten. Ein Mann, der ihn zunächst kaum beachtete. Einer, der ein scharfes Urteil über seine Kenntnisse fällte. Vielleicht ein wortkarger Beobachter, dessen Zurückhaltung er sich erst verdienen musste. Die Auskunft an der Akademie hatte wenig Anlass gegeben, mit einem freundlichen Empfang zu rechnen.
Ein Teil von ihm hatte sich darüber geärgert. Er war kein Kind mehr, das einem Erwachsenen allein durch seine Anwesenheit Umstände machte. Er hatte gearbeitet, gelehrt, geprüft und sich prüfen lassen. Er brachte etwas mit, das auch einem widerwilligen Ausbilder nützen konnte. Trotzdem hatte er vorhin im Hof für einen Augenblick gehofft, der Mann werde noch nicht zurück sein.
William trocknete die Hände. Er nahm die Reiseanweisung aus dem Gepäck, legte sie wieder hinein und schloss den Verschluss. Seinen Namen würde er ohne ein Blatt nennen können.
Unten war Ragnas Schüssel bereits auf einen Tisch gestellt worden. Er aß, bevor er weiterging, und merkte erst nach den ersten Löffeln, wie hungrig er gewesen war. In der warmen Brühe schwammen weiche Stücke von Gemüse und Fleisch. Der Mann mit dem Brot rückte ihm ein Brett herüber, ohne sein Gespräch zu unterbrechen. William bedankte sich. Ein wenig Fett lief ihm über den Daumen. Für diesen Augenblick hatte die Reise ein sehr einfaches Ende gefunden.
***
Hinter der Gaststube stand eine Tür offen. William hörte das Scharren von Holz und einen leisen, gereizten Ausruf. Als er anklopfte, antwortete eine Männerstimme:
»Wenn's wegen der Laken ist, ich habe drei.«
»Dann bin ich wenigstens mit diesem Teil meines Auftrags bereits fertig.«
Der Mann im Raum hob den Kopf. Er kniete vor einem kleinen Koffer, dessen offener Deckel von einem gefalteten Mantel gestützt wurde. Neben ihm lagen ein Bündel sauberer Stoffstreifen, zwei verschlossene Flaschen und ein Riemen, den William erst bemerkte, als der Mann mit dem Knie darauf rutschte.
»Welcher Auftrag?«
»Frau Ulenbeek bat mich, Euch von einem vierten Laken abzuhalten. William Allaway. Ich soll mein letztes Praktikum bei Euch verbringen.«
»Natürlich.«
Terenz Althagen stand zu rasch auf, stieß mit dem Oberschenkel gegen einen niedrigen Hocker und fing einen der Stoffstreifen auf, bevor er auf den Boden fiel. Den Hocker schob er mit der Ferse zurück. Erst dann streckte er William die freie Hand entgegen.
Sein Händedruck war trocken und kurz. Er war jünger, als William nach der Stimme erwartet hatte. Das Gesicht schmal, die Augen von Müdigkeit verschattet; das dunkle Haar war zurückgestrichen, doch eine Strähne hatte sich gelöst und hing ihm an der Schläfe. Seine Robe ließ noch erkennen, was sie einmal gewesen war. Der Saum war gekürzt, an einer Seite ein Schlitz weiter aufgetrennt und mit gröberen Stichen eingefasst worden. Aufgesetzte Taschen veränderten den Fall des Stoffs. Eine Naht am Ärmel war mit hellerem Faden geflickt, der sich aus der Nähe deutlich abhob. Der Rabe an seiner Brust war stumpf geworden.
William hatte abgetragene Kleidung an fähigen Männern gesehen. Was ihn beunruhigte, war die Verbindung aus fahrigen Bewegungen und der offenbar ernsthaften Suche nach etwas, das unmittelbar zu Füßen des Suchenden lag.
»Ihr seid rechtzeitig«, sagte Terenz. »Das ist schon etwas. Die meisten schreiben, wann sie kommen wollen, und sind dann beleidigt, wenn man sie an dem Tag auch erwartet.«
»Die Verbindungen haben gehalten.«
»Bis auf den Wagen. Der hält nie. Er fällt nur langsam auseinander.« Terenz sah zur Tür. »Habt Ihr gegessen?«
William nickte.
»Gut. Dann muss ich mich darum nicht auch noch kümmern.«
Er nahm den aufgefangenen Stoff, prüfte die Seite, mit der er den Hocker berührt hatte, und legte ihn getrennt von den übrigen auf eine Bank. Seine Bewegung war nun genau. Er schob die saubere Lage weiter vom Rand des Tisches fort, an dem eine klebrige dunkle Spur glänzte.
»Ragna lässt hier Gemüse abstellen. Dann nennt sie es einen freien Raum. Setzt Euch irgendwo hin, wo nichts liegt, das Ihr nachher an Euch tragen müsst.«
William zog einen Stuhl heran. Terenz blieb stehen und betrachtete ihn mit einer Offenheit, die beinahe unhöflich gewesen wäre, hätte er nicht selbst zugleich so wenig Mühe auf einen guten Eindruck verwendet.
»Ihr seht aus, als wüsstet Ihr alles. Wisst Ihr alles?«
William sah zu ihm auf.
»Genug, um diese Frage zu verneinen.«
Terenz verzog den Mund. »Eine saubere Antwort. Habt Ihr sie für mich aufgehoben?«
»Nein. Aber ich hatte damit gerechnet, dass Ihr meinen Kenntnissen misstrauen würdet.«
»Euren Kenntnissen? Die kennt doch inzwischen die ganze Akademie.«
»Eben. Das ist etwas anderes, als mit mir gearbeitet zu haben.«
Der Mann ließ sich auf die Bank sinken. Unter dem Mantel fand er den Riemen, nach dem er gesucht hatte, und zog ihn hervor, als habe er von Anfang an gewusst, dass er dort lag. William sagte nichts.
»Was wollt Ihr hier lernen, Allaway? Sagt nicht: alles. Dafür hab ich weder Zeit noch Lust.«
William hatte während der Reise eine geordnete Antwort auf diese Frage gefunden. Jetzt erschien ihm die lange Fassung unpassend.
»Wie Ihr Eure Arbeit führt. Wie Ihr entscheidet, was Ihr übernehmt, wenn Euch niemand die nächste Aufgabe zuweist. Wie Ihr an einem Ort Einfluss gewinnt, an dem Euer Name nichts bedeutet. Und wann Ihr aufhört.«
»Weil die Sache fertig ist?«
»Oder weil Ihr sie mit Euren Mitteln nicht weiterbringen könnt.«
Terenz zog den Riemen durch eine Schnalle am Koffer. Das Leder war an der Kante glatt und dunkel geworden.
»Das Letzte gefällt den Leuten selten. Die hören: Ihr könnt nichts mehr tun. Und sie meinen: Ihr wollt nichts mehr tun. Manchmal meinen sie auch, für die Antwort hätten sie Euch nicht bezahlen müssen.«
»Habt Ihr dann eine andere?«
»Nicht immer.«
Er sagte es ohne die Befriedigung eines Mannes, der aus einer bitteren Erkenntnis ein Rätsel für seinen Schüler machte. William wartete einen Augenblick. Als nichts weiter kam, fragte er:
»Werdet Ihr mich selbstständig arbeiten lassen?«
»Sobald ich weiß, was Ihr selbstständig tun könnt, ohne mir den nächsten Tag zu verderben.«
»Dann solltet Ihr mir bald etwas geben, an dem Ihr es feststellen könnt.«
Terenz hob den Blick. William hielt ihm stand. Es war nicht die Art des Beginns, die er sich gewünscht hatte, doch er würde nicht die nächsten Monate damit verbringen, seine Berechtigung zu entschuldigen.
Nach einer Weile lachte der andere leise.
»Ja. Vermutlich sollte ich das.«
Er legte den Riemen beiseite und rieb mit dem Daumen über eine Druckstelle an seinem Finger. Für einen Moment wirkte er weniger unruhig. William bemerkte, dass seine Hände viele kleine Spuren von Arbeit trugen: eine abgeheilte Schramme am Gelenk, verhärtete Haut, eine schmale neue Rötung, wo das Leder gerieben hatte.
»Man hat mir gesagt, Ihr hättet die Zuweisung nicht gewollt«, sagte William.
»Das stimmt.«
»Es wäre mir lieber, wir würden das nicht bei jeder Gelegenheit neu feststellen müssen.«
Terenz sah ihn an. Diesmal lächelte er nicht.
»Mir auch.«
Im Gang klapperte Geschirr. Von vorn rief jemand nach Ragna. Sie antwortete mit dem Namen eines Mannes und der Aufforderung, selbst nachzusehen. Terenz wartete, bis die Schritte vorbeigegangen waren.
»Sie haben mir geschrieben, ich würde einen Anwärter aufnehmen. Einen besonders erfolgreichen. Ich habe zurückgeschrieben, dass erfolgreiche Anwärter wahrscheinlich auch an Orten lernen könnten, an denen man ein Zimmer für sie hätte und wüsste, wo man übermorgen frühstückt. Das hat niemanden sehr beeindruckt.«
»Das wusste ich.«
»Dann habe ich nachgefragt. Über Euch. Manches in diesen Schreiben klang, als sei ein Mann aus den fünf Künsten zusammengesetzt worden und müsse nur noch durch die Welt getragen werden, damit jeder etwas davon habe.«
William spürte Ärger aufsteigen. »Ich habe diese Schreiben nicht verfasst.«
»Schon gut. Das hab ich mir gedacht. Jedenfalls sagte man mir auf Nachfrage, dass Ihr Valerius kanntet.«
Der Name änderte den Raum. William konnte später nicht sagen, woran er es zuerst bemerkt hatte: an der eigenen Aufmerksamkeit oder daran, dass Terenz den Riemen nicht wieder aufgenommen hatte.
»Ja«, sagte er.
»Und dass er damals Eure Zulassung unterschrieben hat.«
»Das hat er.«
Terenz nickte langsam.
»Da hab ich zugesagt.«
William wusste einen Augenblick nicht, was er darauf erwidern sollte. Er hatte mit einer Erklärung der widerwillig erfüllten Pflicht gerechnet, vielleicht mit einer weiteren Warnung. Nicht mit einer Entscheidung, die jemand seinetwegen gefällt hatte, ohne ihn zu kennen.
»Ihr habt ebenfalls unter ihm gelernt?«
»Ich kannte ihn auch. Er bedeutete mir alles damals.« Terenz schaute auf seine Hände. »Er war kalt, distanziert, aber er war weise. Er wusste immer die richtige Antwort. Kannte immer den richtigen Weg. Ich habe meinen nie gefunden.«
William dachte an Valerius, wie er zuletzt dagelegen hatte. An den Aufwand, den ein gewöhnlicher Satz ihm hatte machen können. Es war nicht dasselbe Bild, das Terenz gerade vor sich sah. Und doch erkannte William in dessen Stimme etwas so Vertrautes, dass sein vorbereiteter Widerspruch ausblieb.
»Er hat nicht viele solcher Zulassungen unterschrieben«, sagte Terenz. »Das war jedenfalls nicht der Mann, den ich kannte. Er hat niemanden aus Freundlichkeit für geeignet erklärt. Aus Unfreundlichkeit schon eher für ungeeignet.«
William musste lächeln. Es tat ihm beinahe weh.
»Er konnte sehr genau sein.«
»Er konnte einen damit wahnsinnig machen. Man kam mit einer Frage zu ihm und ging mit drei weiteren wieder heraus. Dann stand er da, als hätte er einem einen außerordentlich großzügigen Dienst erwiesen.«
Das Lächeln verschwand nicht ganz aus Williams Gesicht. Eine Erinnerung drängte sich vor, noch ehe er sie in Worte fassen konnte. Er hatte Valerius seit dessen Tod vor allem in der Stille vermisst. Hier war plötzlich ein anderer Mensch, der sich über ihn ärgern konnte.
Terenz hob den Blick.
»Ich hörte es erst, als ich wegen Euch fragte.«
William nickte. Der Satz brauchte keinen Namen für das, was er meinte.
»Es tut mir leid«, sagte Terenz.
»Mir auch.«
Sie saßen eine Weile schweigend da. William hatte nicht den Eindruck, dass man von ihm eine Erzählung erwartete. Gerade deshalb hätte er beinahe zu sprechen begonnen.
Ragna klopfte mit zwei Fingern gegen den Türrahmen.
»Euer Mann ist da.«
Terenz blickte auf. »Welcher?«
»Dijkholt. Der mit dem Krug. Ihr habt gesagt, er soll wiederkommen, wenn Ihr zurück seid. Jetzt ist er wiedergekommen, weil Ihr zurück seid.«
Sie stellte einen Becher auf die freie Ecke des Tischs.
»Und den trinkt Ihr, bevor er kalt wird. Ihr habt den anderen seit heute früh stehen lassen.«
»Ich komme gleich.«
»Das hab ich ihm schon gesagt. Macht mich nicht zur Lügnerin.«
Als sie gegangen war, trank Terenz. William sah an ihm vorbei auf den Hof. Zwischen den Kisten war ein schmaler Streifen Licht gewandert. Er hätte gern noch gewusst, wann Terenz zuletzt mit Valerius gesprochen hatte. Stattdessen stand er auf.
***
»Eines noch«, sagte Terenz, während er die Flaschen in den Koffer setzte. »Ich kann Euch nicht den ganzen Tag sagen, was Ihr als Nächstes tun sollt. Wenn ein Mann hier sitzt und auf eine Antwort wartet, dann muss er sie kriegen. Nicht erst eine Erklärung, warum ich gerade diese Antwort gebe.«
»Das erwarte ich nicht.«
»Wenn Ihr anderer Meinung seid, sagt es. Möglichst, bevor ich deswegen etwas Falsches tue. Aber versprecht niemandem in meinem Namen Geld, Zeit oder einen Besuch. Gerade den Besuch nicht. Die Leute merken sich jedes Vielleicht als ein Ja.«
William nahm die getrennt abgelegte Stoffbahn und fragte, wohin sie gehöre. Terenz deutete auf einen Korb neben der Bank.
»Die muss noch mal gewaschen werden.«
»Und meine Arbeit?«
»Was ist damit?«
»Ich werde Euch nicht in jedem Gespräch aufhalten. Doch wenn ich etwas übernehme, möchte ich nachher wissen, wie Ihr es beurteilt. Auch dann, wenn es Euren Erwartungen genügt hat. Ich soll nicht bloß aus Eurem Ärger schließen müssen, dass etwas misslungen ist.«
Terenz hielt eine Flasche über dem offenen Fach. »Ihr verlangt recht viel Aufmerksamkeit für jemanden, der gerade erklärt hat, allein arbeiten zu können.«
»Ich erkläre, weshalb ich hier bin. Ihr müsst am Ende eine Beurteilung abgeben. Sie sollte sich auf Arbeit beziehen, die Ihr mich tatsächlich habt tun lassen.«
William hörte die Schärfe in seiner eigenen Stimme. Er nahm sie nicht zurück. Der andere stellte die Flasche ab und schloss den kleinen Halter darüber.
»Gut«, sagte er. »Das ist vernünftig. Wenn ich's vergesse, erinnert mich. Nachher. Nicht, wenn gerade jemand vor mir liegt.«
»Einverstanden.«
»Und kommt rechtzeitig. Auch wenn wir sehr spät fertig geworden sind.«
»Das gilt für uns beide.«
Terenz blickte zu ihm und stieß ein kurzes Lachen aus. »Ich hätte Euch vielleicht doch nicht nehmen sollen.«
Er meinte es anders als zuvor. William ließ ihm den Satz.
Gemeinsam räumten sie den Tisch frei. Es waren wenige Dinge, doch sie hatten feste Plätze. William reichte die längere Flasche zuerst in das falsche Fach; Terenz hielt sie auf und zeigte auf den Halter an der Seite. Dort war sie auch beim Tragen gegen den Deckel gesichert. Die kleinen Instrumente lagen in einem Tuch, die sauberen Verbandstreifen getrennt darunter. Als der Koffer geschlossen war, blieb auf dem Tisch kaum etwas zurück, das von der Arbeit des Mannes erzählte.
Terenz hob ihn an, prüfte den Riemen und zog den Mantel von der Bank. Dabei fiel ein Stück Brot heraus. Er sah es mit solcher Enttäuschung an, dass William unwillkürlich lächelte.
»Das war fürs Mittagessen«, sagte er.
»Frau Ulenbeek hat noch Suppe.«
»Natürlich hat sie noch Suppe. Sie hat immer Suppe, wenn ich mein Brot wiederfinde.«
Er steckte es ein und rieb sich über das Gesicht. Die Müdigkeit trat jetzt unverstellt hervor. William sah die tiefe Falte neben seinem Mund und die Mühe, mit der er die Schultern zurücknahm.
»Habt Ihr lange gearbeitet?«, fragte er.
»Ich bin müde. Das ist mein Normalzustand, weil ich immer arbeite. Wenn ich nicht arbeite, dann bin ich tot.«
Es klang so beiläufig, dass William nicht gleich wusste, ob eine Antwort überhaupt erwünscht war. Terenz ging bereits zur Tür. Dort blieb er stehen, weil William ihm den Koffer abnehmen wollte.
»Den trage ich.«
»Ich dachte nur—«
»Weiß ich. Nehmt lieber den Mantel. Der fällt mir heute dauernd aus der Hand.«
William nahm ihn. Der Stoff war schwerer, als er aussah, und roch nach Regen und der scharfen Sauberkeit ausgewaschener Arzneigefäße. Im Gang zog Terenz ihn wieder an, ohne stehen zu bleiben. Seine Bewegungen fanden plötzlich zusammen, als der Raum zu eng wurde, um noch Unruhe darin zu verschwenden.
Vorn wartete ein älterer Mann mit einem sorgfältig gebundenen Halstuch. Er saß dicht an der Tischkante und hielt die Hände um einen unberührten Becher. Als er Terenz sah, stand er halb auf, setzte sich wieder und zog den freien Stuhl näher heran.
»Endlich. Man sagt mir den ganzen Tag, dass Ihr gleich kommt.«
»Seit einer Viertelstunde«, sagte Ragna vom anderen Tisch.
»Es kommt einem länger vor.«
Terenz stellte den Koffer ab. »Das kann ich verstehen, Herr Dijkholt. Dies ist William Allaway. Er arbeitet in nächster Zeit mit mir.«
Der Krämer sah William an, musterte seine Kleidung und nickte rasch. Offenbar genügte ihm die Versicherung eines anderen Menschen eher als dessen Auftreten.
William legte eine Hand auf die Lehne des freien Stuhls. Terenz rückte seinen eigenen zur Seite, sodass beide Platz hatten.
»Nun«, sagte der Ausbilder. »Erzählt uns, was fehlt.«