Leseprobe

Manes ex Carcosa perdita

Band 5 · Vorspruch & erstes Kapitel

Vorspruch

Es gibt eine alte Art, das Wahre zu sagen, ohne es beim Namen zu nennen, und sie ist so alt, dass niemand mehr weiß, wer sie zuerst gebrauchte: Man kleidet es in ein Tier.

Man nimmt, was ein Mensch über sich selbst nicht hören will (seinen Hochmut, seine Feigheit, seine Gier, die kleine tägliche Falschheit, mit der er sich das Leben erträglich macht), und legt es einem Fuchs an, einem Raben, einem Wolf, und erzählt es weiter, als ginge es um Tiere. Und der Zuhörer lacht über den Fuchs und schüttelt den Kopf über den Raben und weiß die ganze Zeit nicht, dass von ihm die Rede ist, bis der letzte Satz fällt und ihn trifft wie ein Schlag, den er hatte kommen sehen und doch nicht abwehren konnte, weil er ihn für einen anderen bestimmt geglaubt hatte.

Das ist die List der Fabel, und es liegt keine Bosheit darin, sondern eine Gnade. Denn niemand sieht sich selbst gern ins Gesicht. Das Auge ist nach außen gestellt, nicht nach innen; es ist gemacht, die Welt zu betrachten und nicht den, der sie betrachtet, und wer sich dennoch zu erkennen sucht, findet nur, was ein Mensch im Wasser findet, über das er sich beugt: ein Bild, das zittert, sobald sein Atem es berührt, und zerläuft, sobald er die Hand danach ausstreckt.

Darum der Umweg. Darum das Tier. Wer eine Fabel erzählt, blickt zuerst nach innen, in die eigene, schlecht ausgeleuchtete Kammer, und holt dort etwas hervor, das er nicht ertrüge, sähe er es unverstellt; und er trägt es hinaus und hängt es einem Löwen um, einem Esel in geliehener Haut, einer Grille, die den Sommer lang gesungen und den Winter nicht bedacht hat, und stellt es in die Sonne, wo man es ansehen kann, ohne zu erblinden. So wird aus dem Blick nach innen, der für sich allein nichts sieht, ein Blick nach außen; und wer die Fabel dann hört und meint, er sähe hinaus (auf Tiere, auf Fremde, auf die Torheit anderer Leute), der sieht in Wahrheit hinein, in sich, ohne es zu wollen und ohne es zu merken. Das ist ihr ganzer Trick und ihr ganzer Sinn: Eine Fabel ist ein Spiegel, den man schräg hält, damit man das eigene Gesicht für ein fremdes nimmt, lange genug, um den Blick auszuhalten.

Die Geschichte, die nun beginnt, führt viele solcher Spiegel mit sich, einen über jedem ihrer Stücke, und über jeden ist der Name einer Fabel geschrieben: mancher der Name einer, die man kennt, seit man ein Kind war, mancher der Name einer, die es nie gegeben hat, ehe sie hier steht. Es ist kein Zierat, und es ist keine Laune. Wer liest, tut gut daran, die Namen nicht zu überschlagen; denn sie sind nicht die Aufschrift über einer Tür, sondern die Neigung des Spiegels dahinter, der Winkel, in dem hineinzusehen ist.

Mehr darf ein Vorspruch nicht sagen, und dies sagt auch nichts, denn es verrät keine Geschichte, sondern allein, wie man sie liest: dass am Ende keine Fabel von Füchsen handelt und keine von Raben und keine von den Tieren, die sich für Herren halten. Sie handeln alle von dem einen, der zusieht, und der sich, wenn die Geschichte gut ist, zuletzt nicht mehr damit herausredet, er habe ja nur zugesehen.

Sieh also hin. Sieh die Tiere an, sieh die Fremden an, sieh zu, wie sie stolpern und lügen und fallen. Und wundere dich nicht, wenn ihr Gesicht dir mit jeder Seite ein wenig bekannter wird.

Kapitel 1 — Es war einmal…

Das Kaffeehaus stand am östlichen Rand von Eisenburg, dort, wo die Stadt aufhörte, sich Mühe zu geben, wo die letzten gepflasterten Gassen in gestampften Lehm übergingen, die Häuser niedriger wurden und ehrlicher, als schämten sie sich ihrer Armut nicht länger, weil ohnehin niemand mehr hersah, und Caspian de Varelli saß an einem Fenster, das die Morgensonne nicht erreichte, vor einer Tasse, die längst kalt geworden war, und tat, was er in den vergangenen Tagen am gründlichsten beherrscht hatte: Er rührte in etwas, das er nicht zu trinken gedachte, und sah einer Stadt zu, die ihn nicht mehr brauchte.

Es war eine merkwürdige Empfindung, gebraucht zu werden und es plötzlich nicht mehr zu sein; sie hatte, fand er, mehr von einem Verlust als von einer Befreiung, obgleich man ihm das Gegenteil mit Gründen hätte beweisen können, die alle stimmten. Die Gefahr war vorüber. Das Netz, das ihn ein halbes Leben lang umsponnen hatte, lag zerrissen, nicht von seiner Hand, was das Sauberste daran war. Und der Mann, dem er, ohne es je gewollt zu haben, beinahe zu jenem Meisterstück geworden wäre, das ein Gärtner aus Schmutz und Geduld zieht; dieser Mann saß irgendwo in der Stadt unter ihm in einem Kontor und führte Buch, reicher um einen Freispruch und ärmer um etwas, wofür seine Kaufmannssprache kein Wort besaß. Es war erledigt. Caspian hätte es Erleichterung nennen sollen; er suchte das Wort, ehrlich, und fand es nicht, dort, wo es hätte liegen müssen.

Er hatte es beendet. Das war das Wort, das stimmte, und das einzige. Nicht mit einer Klinge; die hatte er verweigert, in einem Kontor unter der Stadt, vor einer Tür, durch die ein einziges Wort gegangen war: dass der Mann von ihm nichts mehr bekäme, nicht einmal das. Nicht den Tod von seiner Hand. Nicht das Ungeheuer, das ihn vollbrächte. Nichts. Das war die Abrechnung gewesen, die einzige, die einen Mann wie Silas Korbett traf, nicht der Verlust des Geldes, das er zurückverdiente, nicht der Verlust der Freiheit, die ihm ein Gericht zurückgab, sondern der Verlust seines besten Werks an dessen Weigerung, sein Werk zu sein. Ich bin nicht das Monster geworden, das er sich gewünscht hat. Er hatte den Satz vor wenigen Nächten ausgesprochen, auf einem Dach, zu einem Mann, der zuhörte, und er hatte ihn ruhig ausgesprochen, ohne Triumph, weil kein Triumph darin war. Es war eine nüchterne Bilanz, gezogen von einem, der wusste, wie nah er an dem Abgrund gestanden hatte. Es war nicht leicht gewesen. Es hatte ihn Jahre gekostet. Und beinahe den Rest.

Das war der Punkt, an dem die Rechnung nicht aufging, so oft er sie auch nachschlug: dass das Beenden ihm nicht gegeben hatte, was Beenden verspricht. Man stellt es sich anders vor, das Ende einer langen Schuld, als ein Einrasten, das satte, endgültige Geräusch eines Schlosses, das endlich greift. So war es nicht. Er hatte die Tür zugemacht und stand nur noch davor, die Hand am kalten Eisen, und ging nicht weiter, weil er nicht wusste, wohin.

Es hatte, in den letzten Tagen jenes Winters, einen Mann gegeben, der ihm das Weitergehen leichter und schwerer zugleich gemacht hatte, einen Inquisitor mit jungen Augen und einer alten Art zu lesen, der durch die Stadt gegangen war wie durch ein Hauptbuch und in ihr gelesen hatte. Zweimal hatten sie einander auf einem Dach gegenübergestanden, mit zwei Bechern und einer Laterne dazwischen, und beim ersten Mal hatte der Mann etwas gesagt, beiläufig, wie man eine Karte aufdeckt, von der man weiß, dass der andere sie zu würdigen versteht: dass er kürzlich einen Berg hinaufgestiegen sei; dass das Haus ihn abgewiesen habe, durch eine Pforte, mit drei Sätzen. Und dann, nach einem Atemzug: Der Garten nicht. Dieser nicht. Er wird gehalten. Auf seine Art.

Caspian hatte ein Wort darauf gehabt, ein einziges, So, und über die Stadt gesehen; das Wort hatte keinen Nachsatz bekommen, weil keiner zu haben war, der nicht eine Tür geöffnet hätte, die er besser geschlossen ließ. Denn er wusste, welchen Berg der Mann meinte, welches Haus jemanden mit drei Sätzen abweist, er kannte solche Sätze, hatte selbst einmal welche gehört, in anderer Tonart, an einem anderen Tor: Nur dein Tod könnte den Namen reinwaschen, und welcher Garten hinter jenem Haus lag und nicht abwies, sondern gehalten wurde. Er wusste, wer ihn hielt.

Was er nicht wusste (und das war das Unbehagen daran, ein leises, hartnäckiges), war, was der Inquisitor in jenem Garten gesehen hatte. Der Mann hatte den Garten genannt und sonst nichts. Keinen Namen. Kein Gesicht. Keine Worte, die dort gefallen sein mochten. Er hatte die Tür einen Spalt geöffnet und wieder zugezogen, ehe Caspian hineinsehen konnte, und das war kein Versehen gewesen, sondern eine Höflichkeit, deren Grund er nicht kannte. So blieb ihm das Wissen ohne die Sache: dass ein Fremder in dem Garten gestanden hatte, den er hinter sich gelassen hatte, dass dieser Garten gehalten wurde, von einer Hand, die er kannte, und dass er nicht dort gewesen war, als es zu halten galt. Er schob den Gedanken fort, wie man ein Blatt fortschiebt, das nicht an die Wand gehört, und es ließ sich fortschieben, eine Weile.

Beim zweiten Mal, am Vorabend der Abreise des Inquisitors, war es um etwas anderes gegangen, und es hatte keinen Namen gehabt und gerade darum gehalten. Keinen Eid, Eide waren für Leute, die einander nicht trauten. Keinen Plan, keine Adresse, kein Treffen, das man verabreden und also verraten könnte. Nur eine kleine, lose Form, für den Fall, dass einer von ihnen eines Tages etwas jagte, das größer war als er selbst: Dann lese ich die Akten nach Ihnen, hatte Caspian gesagt, und der andere, ohne zu zögern, in der genauen, gespiegelten Tonart, die das Ganze erst zu etwas machte, das hielt: Dann frage ich die Nacht nach Ihnen. Jeder würde den anderen dort suchen, wo der andere zu Hause war. Wie verrät man eine Form, die nur aus zwei Sätzen besteht und einer Bereitschaft? Wie bricht man ein Versprechen, das keinen Tag nennt und keinen Ort? Es war nicht zu fassen, also nicht zu brechen, und das hatten beide gewusst, ehe sie es aussprachen. Zum Abschied hatte Caspian Wir sehen uns, Inquisitor gesagt, und der andere, schon im Gehen, nur: Später.

Sein Kartendeck, das ihn länger begleitet hatte als jeder Mensch, war seither nicht mehr vollständig. Ein Ass fehlte, er hatte es in einer Nacht des Zugriffs auf eine Kellerstufe gelegt, das Bild nach oben, wie man eine Visitenkarte auf ein Tablett legt, und am Ende war es doch bei dem Inquisitor gelandet, in der Brusttasche, über dem Herzen, und Caspian hatte es ihm gelassen. Behalten Sie sie, hatte er gesagt, beiläufig, als spräche er vom Wetter. Männer wie wir brauchen ein Lesezeichen. Wenn er das Deck nun in den Fingern wog, fand die Hand die Lücke, ehe der Verstand sie suchte, und es war ihm recht so: Manche Dinge wurden dadurch ärmer, dass man sie ergänzte.

Und einmal, in jener zweiten Nacht, hatte er dem Mann etwas geschenkt, ungefragt, und gewusst, dass es ein Geschenk war, weil es wehtat, ihm selbst, im Geben. Er hatte gesehen, dass der Inquisitor einen Toten falsch trug, einen alten Mann, der an einem Fluss gestorben war, und ihn als Schuld trug, als das Gewicht dessen, was die eigene Art angerichtet hatte. Der Alte ist nicht an Ihnen gestorben, hatte Caspian gesagt. Er ist an dreißig Jahren gestorben, in einer einzigen Nacht, an dem, was er war, und er wusste, was er tat. Tragen Sie ihn, aber tragen Sie ihn richtig. Nicht als Ihre Schuld. Als sein letztes Stück Leben. Es war wahr gewesen, jeder Buchstabe, und es war ihm leichter über die Lippen gegangen, als ein solcher Satz einem Mann über die Lippen gehen sollte, der selbst Tote in einem Buch trug, das pulste. Vielleicht hatte er ihn auch zu sich selbst gesagt, durch den anderen hindurch, wie man manche Wahrheiten nur an einem fremden Beispiel auszusprechen wagt.

Unter all dem aber, tiefer als die Tage in Eisenburg, tiefer als die zwei Dächer und die Spinne in ihrem Kontor, lag eine ältere Schicht, an die er seltener rührte, weil das Rühren nichts besserte. Es hatte eine Wüste gegeben, und in der Wüste eine Stimme, die ihn bei einem Namen genannt hatte, der einmal zärtlich gewesen war und in ihrem Mund zu etwas anderem wurde, Sternenstaub, der Name, den ihm ein toter Junge gegeben hatte, weil er behauptete, seine Augen funkelten im Mondlicht, ein Junge, der mit acht an einem Fieber gestorben war, gegen das alles Gold des Grafen nichts vermochte. Die Stimme hatte um diesen Namen gewusst und um vieles mehr, und sie hatte ihm einen Handel angeboten, in einer Stunde, in der ein Mann jeden Handel annimmt, zu einem Preis, der nicht in Gold zu zahlen war. Sein Name. Sein Erbe. Seine Familie. Alles, was ihn an die Welt geknüpft hatte, in die er geboren war, war seither dahin, nicht genommen, sondern abgegeben, mit offenen Augen, und das war das Bittere und das Ehrliche daran zugleich.

Geblieben war ihm wenig, und das Wenige trug er bei sich. Ein silbernes Medaillon, in dem ein Kind sein eigenes Gesicht zeigte, gemalt für ein anderes Kind, das ihn ohne Verachtung angesehen hatte, das einzige Gesicht aus jener kalten Welt, das es je getan hatte. Seine Schwester. Er hatte sie in dem Haus auf dem Berg zurückgelassen, in den kalten Zimmern, unter dem Mann, der ihren beider Namen sprach wie das Wort einer Verordnung, und er hatte ihr einmal versprochen, sie zu beschützen, und das Versprechen lag dort, wo er es gelassen hatte, ungehalten, in dem Garten, von dem der Fremde gesprochen hatte, dass er noch gehalten werde. Auf seine Art. Caspian rührte in der kalten Tasse und dachte ihren Namen nicht, weil das an diesem Morgen zu viel gewesen wäre, und es war doch da, das Denken, unter dem Nichtdenken, wie Wasser unter Eis.

Und ein Tuch. Ein ausgebleichtes, einst goldbesticktes Stück Seide, das die Sonne fast bis zur Farblosigkeit gezogen hatte, von Sand durchwirkt, die Kanten ausgefranst von Wind und Zeit, das Letzte, das ihm von einer Frau geblieben war, mit der er einmal hatte fortgehen wollen, weit fort, in ein Land, das keiner von ihnen kannte, unter Namen, die noch keiner trug. Es war anders gekommen. Wie es gekommen war, sagte er sich nicht vor, nicht an diesem Morgen, nicht an den meisten; das Tuch sagte es für ihn, wortlos, indem es da war und sie nicht. Es wog nichts und vermochte nichts, und er hätte es um keinen Preis hergegeben.

Und so kam es, dass Caspian de Varelli an diesem grauen Morgen, über einer Tasse, die er nicht trank, am Rand einer Stadt, die ihn nicht mehr brauchte, einen Entschluss fasste, der älter war als der Morgen, so alt wie ein Plan, den er einmal gehabt und für eine Fremde in einer Gasse weggeworfen hatte. Ihm selbst war Eisenburg zu viel geworden, nicht die Gefahr (die war vorüber), sondern das Gewicht dessen, was er hier geworden war: die Namen in einem Buch, der Mann, der er beinahe gewesen wäre, das Haus auf dem Berg, der Garten, den er nicht hielt. Es gab keinen Caspian de Varelli mehr, der mit reinem Namen und einer Zukunft vom Berg hinabgestiegen war; den hatte ein Vater mit drei Sätzen unmöglich gemacht. Und es gab keinen, der je wieder hinaufsteigen könnte; den hatte eine Wüste unmöglich gemacht. Was es geben könnte, war eine offene Frage, und offene Fragen, das hatte er von einem Inquisitor gelernt, beantwortet man nicht, indem man sie an eine Wand heftet und eine These darum baut, sondern indem man sie mit sich trägt, an einen anderen Ort, und wartet, bis sie sich fügt. Er würde die Stadt verlassen und herausfinden, welcher Caspian de Varelli die längere Nacht überdauerte. Und er wusste, wo er anfangen musste.

Der Pferdemarkt am Osttor war um diese Stunde schon in vollem Gang, erfüllt vom warmen, schweren Geruch der Tiere, vom Klappern der Hufe auf dem Pflaster und dem geschäftigen Stimmengewirr der Händler, die ihre Gespanne anpriesen mit der Inbrunst von Predigern und der Redlichkeit von Spielern. Caspian fand den Mann, den er suchte, dort, wo er ihn vor einem halben Leben gefunden hatte: bei einer soliden Reisekutsche aus dunkel lackiertem Holz, einen alten Kutscher mit ehrlichen Augen und schwieligen Händen, der eben das Geschirr eines Rappen prüfte, mit der ruhigen Sorgfalt eines Mannes, der seinem Werkzeug mehr traute als den Menschen.

„Heinrich“, sagte Caspian.

Der Kutscher richtete sich auf und sah ihn an, und in dem ehrlichen Gesicht arbeitete für einen Atemzug das Wiedererkennen, und unter dem Wiedererkennen, gleich darauf, eine Vorsicht, die Caspian nicht übelnahm, denn er hatte sie sich verdient.

„Herr de Varelli.“ Heinrich sprach den Namen leise, nicht ohne Wärme, aber mit der bedachten Langsamkeit eines Mannes, der gelernt hat, dass mancher Name besser ungesprochen bleibt. „Ich hatte nicht gedacht, Euch wiederzusehen. Nicht nach … damals.“

„Damals“, sagte Caspian, und gestattete sich das feine, eingeübte Lächeln, das ihm so leicht über die Lippen kam wie anderen das Atmen, „bin ich dir eine Erklärung schuldig geblieben und einen Morgen, den du für mich geopfert hast, ohne eine Meile zu fahren. Es ist vieles damals schuldig geblieben. Das meiste davon ist inzwischen beglichen.“

Heinrich musterte ihn, und was er sah, schien ihn nicht zu beruhigen und nicht zu beunruhigen, sondern nur nachdenklich zu machen. „Ihr seht anders aus“, sagte er schließlich. „Ich könnte nicht sagen, wie. Älter, vielleicht. Aber nicht so, wie Männer altern, die zu gut gelebt haben.“

„Ich habe nicht zu gut gelebt“, sagte Caspian. „Aber ich habe überlebt, und das ist, wie ich höre, nicht selbstverständlich.“ Er trat näher, und die Leichtigkeit wich aus seiner Stimme, nicht ganz, aber genug, dass der Kutscher es hörte. „Ich brauche noch einmal deine Hilfe, Heinrich. Nicht für eine Flucht, diesmal; die Männer, vor denen ich einst geflohen bin, sind kein Anliegen mehr, von keiner Seite. Nur für eine Reise. Dieselbe, eigentlich, die ich einst bezahlt und nie angetreten habe. Ich habe noch ein wenig Geld. Genug, dass es sich für dich lohnt.“

Heinrich sah zur Kutsche, dann zu den Rappen, dann wieder zu Caspian, und in dem Schweigen wog er etwas ab, das nicht das Geld war. „Das Geld“, sagte er endlich, „ist es nicht. Ihr habt mir einst einen ganzen Morgen bezahlt, mehr, als ausgemacht war, und seid nicht eine Meile gefahren, und ich habe das Gold genommen und ein schlechtes Gewissen dazu, das ich seither mit mir herumtrage wie einen Stein im Stiefel. Es wäre mir recht, den Stein loszuwerden.“ Er klopfte mit der flachen Hand an das Holz der Kutsche, eine alte Geste. „Und es trifft sich. Ich wollte ohnehin in jene Richtung, ich habe einen Bekannten dort, einen alten, den zu besuchen ich mir seit Jahren vornehme und nie tue. Es ist, als hätte es sich so fügen wollen.“ Er sah Caspian an. „Wohin soll es gehen, Herr de Varelli?“

Caspian nannte ihm ein Land, das weit lag, jenseits der Pässe, jenseits der Grenzen, die das Reich seine nannte, ein reiches Land, hatte man ihm einmal gesagt, dessen Adel die Künste liebte und gegen begabte Fremde großzügig war, ein Boden, auf dem ein Mann mit raschen Fingern und einem geübten Blick nicht bloß überleben, sondern gedeihen könne. Er nannte es ohne die alte Glut, mit der er es einmal genannt hatte, vor einem halben Leben, über ausgebreiteten Karten, als sei es ein Versprechen. Es war kein Versprechen mehr. Es war eine Richtung, in die zu gehen war, weil man irgendwohin gehen musste.

„Ich kenne die Straßen dorthin“, sagte Heinrich. „Es sind weite Straßen. Wir brauchen ein paar Stunden, ehe wir aufbrechen können, die Pferde, der Proviant, die Papiere für die Zollstationen. Habt Ihr noch viel zu rüsten?“

„Nichts“, sagte Caspian, und es war die Wahrheit, und sie hatte etwas Befreiendes und etwas Trostloses zugleich. „Ich reise leicht. Ich habe nicht mehr viel, das ich tragen müsste.“

Es passte alles in eine Reisetasche aus gegerbtem Leder: ein Buch, ein Deck Karten mit einer fehlenden Karte, ein Tuch, ein Medaillon, ein wenig Geld. Ein Leben, zusammengeschmolzen auf das, was eine Hand fassen konnte. Heinrich nickte, als verstünde er, und vielleicht verstand er einen Teil davon, denn er war ein Mann, der viele Menschen befördert und gelernt hatte, dass die mit dem leichtesten Gepäck nicht selten das schwerste trugen.

Sie brachen am späten Vormittag auf, und Eisenburg blieb hinter ihnen zurück, Mauer um Mauer, Vorstadt um Vorstadt, bis die Häuser sich verloren und das Land sich öffnete, weit und früh und kahl, die Felder eben erst gepflügt und dunkel, der Himmel von jener dünnen, klaren Schärfe, die er nur am Beginn des Frühjahrs hat, ehe die Wärme kommt. Die Kutsche rollte gleichmäßig, das Holz knarrte, die Räder fanden ihren Rhythmus auf der Landstraße, und Heinrich sprach wenig, was Caspian recht war, und sang einmal halblaut etwas vor sich hin, eine alte Weise, deren Worte der Wind davontrug, ehe sie das Innere der Kutsche erreichten.

Caspian hatte in der Nacht zuvor nicht geschlafen, die Nacht auf dem Dach, das Packen, das lange Wachsein eines Mannes, der weiß, dass er morgen geht, und nicht weiß, wohin, und die Müdigkeit kam jetzt, mit der Wärme und dem Schaukeln, mit dem gleichmäßigen Schlag der Hufe, und sie kam wie eine Hand, die einem sanft die Augen zudrückt. Er wehrte sich nicht. Er lehnte den Kopf gegen das kühle Leder der Rückwand, und die Felder zogen vorüber, langsamer und langsamer, und dann gar nicht mehr.

Der Traum hatte keinen Anfang. Er hatte einen Geruch, den dichten, grünen, würzigen Atem eines Gartens in der Sonne, den man nirgends sonst auf der Welt findet, nur dort, nur in diesem einen, in dem die Sommer seiner Kindheit gewohnt hatten, ehe man ihn fortschickte. Er stand zwischen den verwachsenen Rosenhecken, an der halb verfallenen Laube, deren bröckelndes Gebälk zwei Kinder einmal zu ihrem Königreich erklärt hatten, und die Wärme lag auf den Steinen, und alles war, wie es nie mehr sein würde, und es war gut.

Und am Ende des Weges, mit dem Rücken zu ihm, stand sie.

Er kannte den Schnitt der Schultern, die Art, wie das Haar fiel, und etwas in ihm, das im Wachen schwieg, weil das Schweigen leichter war, hob sich ihr entgegen, mit einer Freude, die wehtat. Er ging auf sie zu. Er sagte etwas, ihren Namen vielleicht, doch der Traum nahm die Worte, wie der Wind die Weise genommen hatte. Sie drehte sich um.

Sie hatte kein Gesicht.

Da war keine Wunde, kein Schrecken, nichts, das man hätte zeigen können, nur eine glatte, leere Stelle, wo ein Gesicht hätte sein müssen, das einzige Gesicht, das ihn je ohne Verachtung angesehen hatte, und nun war da nichts mehr, das ansehen konnte. Und während er hinsah, ohne sich rühren zu können, begann das Leere sich zu verändern, begann die Gestalt nachzugeben, weich zu werden an den Rändern, als sei sie nie aus festem Stoff gewesen, sondern aus etwas, das die Wärme nicht trug; sie begann zu schmelzen, lautlos, ohne Schmerz, ohne Klage, wie Wachs schmilzt, wie Schnee, langsam und unaufhaltsam in sich zusammen.

Er wandte sich ab.

Es war das Letzte, was er tat, und das Schlimmste, und er wusste es, noch im Traum: dass er sich abwandte, wie er sich einmal abgewandt hatte, dass er nicht hinsah, weil das Hinsehen unerträglich war, dass er sie ließ, ein zweites Mal. Und in dem Augenblick, in dem er sich abwandte, in dem die Wärme von den Steinen wich und der Garten kalt wurde und der grüne Atem zu etwas anderem, kam aus dem Schatten neben ihm eine Hand.

Sie war nicht groß. Das war das Falsche daran, das eine, das nicht stimmte: dass sie nicht groß war und nicht drohend, sondern nur da, mit einer Selbstverständlichkeit, die schlimmer war als jede Drohung, und sie legte sich auf sein Gesicht, von hinten, fünf Finger über Augen und Mund, kühl und trocken und mit einem Druck, der kein Greifen war, sondern ein Nehmen, als nähme der Schatten Maß.

Caspian erwachte.

Er erwachte mit einem Ruck, der ihn nach vorn warf, schweißgebadet, das Herz hämmernd in der Kehle, und seine erste Empfindung, ehe der Verstand sich ordnete, ehe er wusste, wo er war, war die seiner eigenen Hände: dass die rechte sich um etwas geschlossen hatte, fest, krampfhaft, so fest, dass die Knöchel weiß hervortraten. Das Buch. Er hatte es im Schlaf umklammert, ohne es zu wissen, hatte es an sich gezogen wie ein Kind ein Spielzeug, und es lag in seiner Faust, warm, wie es immer warm war, mit jenem leisen, steten Pulsen, das nie ganz aufhörte, dem stillen Schlag von etwas, das nicht sein eigenes Herz war und doch in seiner Hand schlug.

Draußen zogen die Felder vorüber, dieselben Felder, dunkel und gepflügt; die Kutsche rollte, Heinrich sang nicht mehr. Es war nichts geschehen. Es war ein Traum gewesen, nichts weiter, und Caspian, der gelernt hatte, sich seine Schrecken zu erklären, weil das Erklären sie kleiner machte, erklärte sich auch diesen: die schlaflose Nacht, das Aufbrechen, die alten Schulden; die Schwester, die er zurückgelassen hatte, der Garten, von dem ein Fremder gesprochen hatte. Das Gewissen, sagte er sich, fand seine eigenen Bilder, und keines davon brauchte er ernster zu nehmen als das Wasser unter Eis, das ihm den Schlaf verdarb. Er lockerte die Faust. Er strich sich den Schweiß von der Stirn, richtete sich auf und atmete, bis das Herz wieder ging, wie ein Herz gehen soll.

Aber er legte das Buch nicht fort. Er hielt es, die ganze Fahrt über, locker nun, in beiden Händen, und schlug es nicht auf, und die Hand auf seinem Gesicht, kühl und trocken und maßnehmend, ließ sich nicht so leicht fortschieben wie das Blatt am Morgen, und blieb, wo sie nicht hingehörte, eine Weile länger, als ihm lieb war.

Es wurde dunkel, ehe sie ein Dach erreichten, und das Dach, das sie erreichten, war ein gewöhnliches: ein Gasthaus an der Landstraße, ein wenig abgelegen, ein schlichtes, festes Haus mit erleuchteten Fenstern und einem Stall, in dem die Kutsche untergestellt und die Pferde versorgt werden konnten. Heinrich lenkte das Gespann in den Hof mit der Sicherheit eines Mannes, der den Weg kannte, und kaum hatte er gehalten, trat aus der Tür eine Frau in mittleren Jahren, rundlich und rotwangig, mit aufgekrempelten Ärmeln und einem Lappen über der Schulter, und ihr Gesicht öffnete sich, als sie den Kutscher sah, zu einer Freude, die nichts Berechnetes hatte.

„Heinrich Bauer“, rief sie, „bei allem, was mir lieb ist, der alte Halunke lebt noch!“

„Lebt noch und hat Hunger, Gesine“, gab Heinrich zurück und kletterte vom Bock mit dem leisen Ächzen eines Mannes, der zu lange gesessen hat, „und einen Reisegefährten dazu, der besser zahlt, als er aussieht.“

Es wurde ein guter Abend, einer von der einfachen Sorte, an die Caspian sich kaum noch erinnerte, weil seine Abende seit langem aus anderem Stoff gewesen waren. Die Schankstube war warm und niedrig, von Talg und Holzrauch und gebratenem Fleisch durchzogen; Gesine stellte ihnen auf, ohne zu fragen, was sie hatte, eine kräftige Suppe, Brot, das nach Brot schmeckte und nach genug, dunkles Bier in zinnernen Krügen, und setzte sich, als die anderen Gäste versorgt waren, mit zu ihnen und ließ Heinrich nicht aus den Augen, während sie ihm von den Jahren erzählte, die vergangen waren: von einem Mann, der gestorben, und einem Sohn, der weggezogen war, und einem Dach, das den letzten Winter kaum überstanden hatte. Es war das gewöhnlichste Gespräch der Welt, und gerade das Gewöhnliche daran tat Caspian wohl wie eine Arznei, deren Geschmack er vergessen hatte.

Er sprach wenig und hörte mehr, und einmal, als Heinrich eine Geschichte erzählte von einem Pferd, das klüger gewesen sei als sein Besitzer, und Gesine so lachte, dass ihr die Tränen kamen, ertappte sich Caspian dabei, dass auch er lächelte, nicht das eingeübte Lächeln, das er trug wie eine zweite Haut, sondern ein anderes, kleineres, unbeholfeneres, das ihm beinahe fremd war. Es währte nur einen Augenblick. Aber es war da gewesen, und er nahm es zur Kenntnis mit der leisen Verwunderung eines Mannes, der sich selbst bei etwas ertappt, das er sich abgewöhnt zu haben glaubte.

Niemand sprach von Schatten. Niemand sprach von Wüsten oder Pakten oder Toten in Büchern. Es gab an diesem Abend, in dieser Stube, nichts, das nicht war, was es schien, eine Wirtin, ein Kutscher, ein Gast, ein Feuer, ein Mahl, und Caspian, der seit langem in einer Welt gelebt hatte, in der die Dinge selten waren, was sie schienen, ließ sich von der Einfachheit tragen, solange sie währte, und stellte keine Fragen, die sie hätten zerbrechen können.

Sein Zimmer lag unter dem Dach, klein und sauber, mit einem schmalen Bett, einem Stuhl und einem Tisch unter dem einen Fenster, durch das die Nacht hereinsah, klar und kalt und voller Sterne. Caspian saß eine Weile auf dem Bettrand, ohne sich auszuziehen, und hörte, wie unter ihm die Stube leiser wurde, wie die letzten Gäste gingen, wie Gesine die Krüge wegräumte und Heinrich noch ein Wort mit ihr wechselte, das er nicht verstand, und dann wurde es still im Haus, die gute, müde Stille eines Ortes, an dem niemand etwas zu fürchten hatte.

Er nahm das Buch aus der Reisetasche und legte es vor sich auf den Tisch, in das Sternenlicht, und sah es an.

Es lag da, wie es immer dalag, schlicht von außen, ein Band wie andere Bände, und pulste in seiner steten, leisen Art, als atme es. Er schlug es nicht auf. Er wusste, was er sähe, wenn er es täte, er sähe mehr, als ein Mensch sehen sollte, die Dinge in ihren Lagen und die Wege, die sie nehmen könnten, und die Fäden, die durch alles liefen und an denen entlang sich das Schicksal spann; er hatte diese Sicht teuer bezahlt, mit allem, was er einst gewesen war, und er trug sie, wie ein Mann ein Werkzeug trägt, das ihm nicht ganz gehört, dessen Schneide er kennt und vor der er sich hütet. Eine Stimme hatte ihm einmal gesagt, in einer Wüste, dass jede Seite, die er lese, jeder Name, dem er folge, ihn ein weiteres Stück von dem entferne, was er gewesen war, lautlos, ohne dass ein Glockenschlag ihm die Stunde ansagte. Er hatte es damals nicht ganz geglaubt. Er glaubte es jetzt.

Das war die Frage, die unter allen anderen lag, unter der Stadt und den Dächern und der Wüste und dem Garten, nicht, was er konnte, das wusste er, sondern was er damit sein wollte. Eine Stimme hatte ihm Wunder versprochen und Alpträume in einem Atemzug und gesagt, es liege allein an ihm, welches von beiden seine Hände lernten. Er hatte, in den letzten Tagen, einem Mann das Leben nicht genommen, der es ihm hundertfach hätte abkaufen können, und hatte darin etwas erkannt, das mehr nach ihm aussah als alle Rache, die er sich einmal erträumt hatte. Vielleicht war das ein Anfang. Vielleicht war es zu wenig, um ein Anfang zu sein. Er wusste es nicht, und er wusste, dass er es hier nicht herausfinden würde, in einem Zimmer unter einem Dach an einer Landstraße, sondern erst dort, wohin er ging, fern genug, dass keiner mehr wüsste, wer er gewesen war, und er selbst entscheiden müsste, von Tag zu Tag, von Name zu Name, wer er sein wollte.

Er löschte kein Licht, weil keines brannte; die Sterne genügten. Er legte sich angekleidet auf das schmale Bett, die Hände im Nacken, und sah zur Decke, und das Buch lag neben ihm auf dem Tisch und pulste in der Dunkelheit, leise und stetig, der eine wache Schlag in einem schlafenden Haus. Irgendwann, ehe er es merkte, ging die Müdigkeit wieder über ihn, und diesmal kam kein Garten und keine Hand, oder er behielt sie nicht, und das Letzte, was er dachte, ehe der Schlaf ihn nahm, war keine Antwort, sondern die Frage selbst, ruhig nun und ohne Schrecken, ein offenes Tor, durch das er am Morgen gehen würde: Wer also.

Und das Haus schwieg, und die Sterne standen, und es war, für diese eine Nacht, nichts in der Welt, das nicht war, was es schien.