I · Mensa altera
Als William den Anschluss noch erreichte, weil niemand mit ihm reiste, musste er lachen.
Er kam außer Atem an der offenen Wagentür an. Der Mann, der dort die Fahrscheine prüfte, hatte bereits einen Fuß auf den Tritt gesetzt und die Hand am Griff. William hielt ihm sein Blatt hin, wartete auf das knappe Nicken und stieg ein. Hinter ihm wurde die Tür zugeschlagen. Die Bewegung des Wagens drückte ihn gegen die Lehne einer Bank, und er blieb einen Augenblick stehen, mit pochendem Herzen und einem Lächeln, das er keinem der fremden Gesichter erklären wollte.
Er hatte an der Abzweigung gefragt, welche Fahrt noch nach Norden ging. Jemand hatte auf einen Wagen gezeigt, er war losgelaufen. Das war alles gewesen.
Die Tasche stand zwischen seinen Füßen. Er rückte sie zurecht und nahm den Mantel ab. Draußen glitten die letzten Häuser vorüber; in einem Fenster stand eine Frau und schüttelte ein Tuch aus. William sah ihr nach, bis das Haus hinter einer Mauer verschwand. Bethany wäre bei seinem Lauf ärgerlich geworden. Oder sie hätte ihn laufen lassen und wäre mit dem Kind an der Handgepäckausgabe stehen geblieben, während er dem ganzen Bahnhof erklärte, man müsse diese Tür noch einen Augenblick offen halten.
Er hörte ihr Lachen so deutlich, dass er den Kopf zur Seite wandte.
Auf dem Platz neben ihm lag der breite Hut eines Mannes, der schlief.
William setzte sich. Er zog den Mantel über die Knie und sah wieder hinaus. Die Stadt war verschwunden. Zwischen den Geleisen lag Wasser in langen flachen Rinnen. Über einer davon strich ein Vogel, hob sich plötzlich und war fort, ehe William erkennen konnte, welcher es gewesen war.
»Ihr habt es eilig gehabt«, sagte jemand.
Ihm gegenüber saß ein Mann mit einem verschnürten Bündel auf dem Schoß. Zwei Finger seiner rechten Hand waren bis an die Knöchel dunkel verfärbt. Er hatte William schon beim Einsteigen angesehen, ohne Platz zu machen; jetzt hob er das Bündel ein wenig, damit William die Beine ausstrecken konnte.
»Der andere Wagen wäre erst morgen gefahren.«
»Wenn er fährt.«
»Das hätte ich morgen erfahren.«
Der Mann schnaubte. Dann zog er ein gefaltetes Blatt aus der Brust seiner Jacke und hielt es William hin.
»Könnt Ihr das lesen?«
William nahm es. Das Papier war an den Faltkanten weich geworden. Neben einem schlecht getrockneten Stempel stand eine Zahl, die ein zweites Mal überschrieben worden war.
»Welchen Teil meint Ihr?«
»Den, der mich heute noch heimbringt.«
William sah auf. Der Mann lächelte jetzt ebenfalls, allerdings mit zusammengepressten Lippen.
»Man hat mir gesagt, ich hätte bis zum letzten Abschnitt bezahlt. Und am Schalter hat einer auf diese Zeile gezeigt und gemeint, es ginge nur bis zur Umladestelle. Ich bin schon eingestiegen. Ich werde da gewiss nicht wieder aussteigen und mit ihm streiten, während der Wagen fährt.«
Das Blatt bestätigte die Beförderung bis zu einem nördlichen Umschlagplatz. Darunter war eine zweite Strecke genannt, in schmalerer Schrift, mit einem Verweiszeichen hinter dem Ortsnamen. William folgte dem Zeichen bis zum unteren Rand. Dort hatte der Druck kaum Farbe angenommen. Er hielt das Papier schräg zum Fenster.
»Der Betrag gilt für beide Strecken«, sagte er. »Für die zweite habt Ihr einen Anspruch auf einen Platz bei der nächsten angebotenen Fahrt. Einen bestimmten Abfahrtstag nennt das Blatt dafür allerdings nicht.«
»Dann hat er mich belogen.«
»Was hat er Euch versprochen?«
»Dass ich weiterkomme.«
William las den schwachen Druck noch einmal. »Hat er heute gesagt?«
Der Mann nahm ihm das Blatt aus der Hand und betrachtete es selbst.
»Er wusste, dass ich heute weiterwill.«
»Das glaube ich Euch.«
»Dann ist es doch das Gleiche.«
William ließ ihn einen Augenblick mit dem Papier sitzen. Vor ihnen klapperte ein Verschluss gegen Holz. Der schlafende Mann zog den Hut zu sich heran, ohne die Augen zu öffnen.
»Ich kann mit Euch nachfragen, wenn wir ankommen«, sagte William. »Für den zweiten Abschnitt braucht Ihr jedenfalls keinen neuen Fahrschein zu kaufen. Lasst Euch zuerst zeigen, weshalb Eurer dort nicht gelten soll.«
»Und wenn sie mich stehen lassen?«
»Dann müssen wir erfahren, wann die nächste Fahrt tatsächlich vorgesehen ist.«
Der Mann sah ihn enttäuscht an. Er hatte offenbar eine schärfere Antwort erwartet, vielleicht einen Namen oder eine Vorschrift, mit der sich der Wagen schon vom Sitz aus in Bewegung setzen ließ. William kannte diesen Blick. Früher hatte er ihn selbst oft genug auf Menschen gerichtet, denen er ein Zeugnis, einen Rang oder ein dickes Buch zutraute.
»Ich habe eine Frau, die auf mich wartet«, sagte der Mann.
William nickte. »Ich auch.«
»Und Ihr fahrt trotzdem weiter weg?«
Er deutete auf Williams Fahrschein, dessen fernere Strecke noch zu erkennen war. William legte die Hand darauf.
»Ja.«
»Dann könnt Ihr ihr ja erzählen, dass man uns nicht gefragt hat.«
William lächelte nicht mehr.
Am Umschlagplatz ging er mit dem Mann zum Schalter. Er zeigte die zweite Strecke und bat darum, die Zahlung zu bestätigen. Der zuständige Schreiber zog das Blatt zu sich, wischte mit dem Daumen über den Stempel und rief einen Namen durch die halb offene Tür hinter sich. Die Antwort kam von jemandem, den William nicht sehen konnte.
»Der Platz ist bezahlt«, sagte der Schreiber. »Der Wagen kommt erst am Abend.«
»Vorhin hieß es, ich müsste hier neu bezahlen«, sagte Williams Begleiter.
»Für eine andere Fahrt. Wenn Ihr mit dem Wagen zur oberen Station wollt, ist das ein anderer Weg.«
»Ich will nach Hause.«
Der Schreiber hob den Kopf. William legte einen Finger neben die schwache Fußzeile, ehe aus dem Gespräch ein Streit über den Ton werden konnte.
»Dann bleibt es bei diesem Weg. Wo soll er am Abend warten?«
Es gab einen Schuppen hinter dem zweiten Tor und eine ungefähre Stunde. William ließ den Mann die Auskunft wiederholen. Dieser wurde darüber unwillig, wiederholte sie aber und steckte den Fahrschein sorgfältiger weg als zuvor.
Draußen öffnete er sein Bündel. Zwischen zwei Kleidungsstücken lag ein rundes Brot. Er brach ein Stück ab und hielt es William hin.
»Nehmt. Mehr kann ich Euch dafür nicht geben.«
»Für ein Brot hätte ich vorher nach der Größe gefragt.«
Der Mann lachte. William nahm das Stück. Als er allein zum anderen Ende des Platzes ging, begann er schon im Kopf, Bethany von dem Gespräch zu erzählen. Sie hätte sich über seine Frage nach der Größe lustig gemacht. Danach hätte sie wissen wollen, ob der Mann seinen Wagen wirklich gefunden hatte.
Das würde er ihr nicht sagen können.
***
In der dritten Reisewoche regnete es zwei Tage lang.
Die großen Bahnstrecken lagen hinter ihm. William hatte die niedriger gelegenen Verbindungen gewählt, nach denen er sich bei der früheren Reise erst so umständlich hatte erkundigen müssen. Doch auch dort erreichte ein Wagen den nächsten Ort zu spät. Ein anderer fuhr am Morgen ohne ihn weiter, weil die Nachricht von seiner Verspätung nicht angekommen war. Am Ende saß er in einer Herberge mit einer schiefen Bank, einem Topf voller dünner Suppe und einem Fenster, dessen unterer Rahmen das Wasser nach innen führte.
Der Wirt stellte eine Schale unter die undichte Stelle.
»Seit gestern tropft es da«, sagte William.
»Ich weiß.«
»Die Schale war gestern schon voll.«
»Deshalb ist es jetzt eine andere.«
William sah ihm nach. Nach einer Weile musste er grinsen. Er aß die Suppe, schob die Schale fort und zog ein Blatt zu sich heran.
Unter dem Tisch berührte sein Stiefel das Reisegepäck. Er hätte in seiner Kammer den hellen Band hervornehmen können. Auf dem kleinen Tisch war gerade genug Platz, wenn er die Kerze an den Rand stellte. Schon während der letzten Fahrt hatte er an eine Zeichenfolge gedacht, deren Wiederkehr ihm in der Erinnerung deutlicher erschien, als sie auf dem Papier gewesen war. Er wollte nachsehen. Das Bedürfnis war so lebhaft, dass ihm der noch unbeschriebene Briefbogen für einen Augenblick wie eine zusätzliche Pflicht vorkam, die man vor der eigentlichen Arbeit zu erledigen hatte.
Er tauchte die Feder ein.
Liebste Bethany,
ich sitze seit gestern an einem Fenster, das beinahe so viel Regen hereinlässt wie die Tür. Der Wirt hält das Problem durch den Austausch von Schalen unter Kontrolle. Ich beginne zu verstehen, dass dies der Umfang seiner Zusage ist.
Der nächste Wagen soll morgen kommen. Falls er kommt, will ich mit ihm fahren. Ich habe gelernt, diese beiden Aussagen getrennt aufzuschreiben.
Er hielt inne. Das klang bereits wieder, als wolle er ihr einen lehrreichen Abschluss seiner Reise schicken. Sie würde ihn erkennen. Vielleicht würde sie über die Schalen lachen und beim dritten Satz fragen, ob er wenigstens trockene Strümpfe habe.
Er schrieb ihr, dass er trockene Strümpfe hatte. Nur das andere Paar trockne schlecht, und der Wirt habe ihm davon abgeraten, es näher an den Herd zu hängen, weil dort bereits die Sachen anderer Leute verbrannten. William ließ den Satz stehen, obwohl bislang nichts verbrannt war. Die Übertreibung gehörte ihm, und Bethany durfte sie ihm bei nächster Gelegenheit vorhalten.
Danach erzählte er von dem Mann mit dem Fahrschein. Beim Schreiben fiel ihm auf, dass er sich an dessen gefärbte Finger erinnerte und an das Brot, während er nie nach seinem Namen gefragt hatte. Er schrieb auch das. Die Antwort, die er auf Bethanys Frage nicht besaß, kam gleich dahinter: Er wusste nicht, ob der Mann an jenem Abend zu Hause angekommen war.
Die Suppe wurde vom Tisch genommen. Zwei Reisende setzten sich an die andere Bank und stritten leise darüber, wer das letzte trockene Tuch benutzt hatte. William rückte näher zum Fenster. Er begann einen neuen Absatz für Carisophia.
Du darfst ihr sagen, dass ich heute einen sehr kleinen Hund getroffen habe, der einen sehr großen Wagen am Fortfahren hindern wollte. Er hatte keine brauchbaren Gründe. Der Fahrer wartete trotzdem, bis man ihn aufgehoben hatte. Ich halte das für eine Geschichte, mit der sie etwas anfangen kann, sobald sie über uns urteilen möchte.
Der Hund war eine neue Erfindung. William betrachtete die Zeilen und fügte für Bethany hinzu, dass er die Reiseerzählung damit um einen Gefährten erweitert habe. Der Held der Reise müsse vorläufig ohne ihre Hilfe zurechtkommen; das werde die Geschichte wahrscheinlich verschlechtern. Er bat sie ausdrücklich, jeden unpassenden Hund beim Vorlesen fortzulassen.
Dann wurde es schwieriger.
Er hatte ihr sagen wollen, dass ihm das Reisen leichtfiel. Dass er morgens aufstehen, bezahlen und weitergehen konnte, ohne zuerst zu überlegen, wer geschlafen hatte, wer essen musste und wie lange ein anderer Mensch auf einer harten Bank sitzen konnte. Er wollte auch schreiben, wie oft er sich umdrehte, sobald jemand im Raum leise lachte. Beides auf demselben Blatt ließ ihn fürchten, sie könne das Erste als die Wahrheit und das Zweite als seine Rechtfertigung lesen.
William legte die Feder hin. Draußen rann Wasser vom Dach gegenüber. Es fiel in dicken Tropfen auf einen abgestellten Karren, dessen Holz bei jedem Schlag dunkel wurde.
Schließlich schrieb er:
Es ist leichter, allein unterwegs zu sein. Ich merke das jeden Tag. Einmal habe ich darüber gelacht, weil ich einen Wagen noch erreichte. Danach hätte ich mich gern zu dir gesetzt und dir erzählt, wie erschrocken der Schaffner aussah. Ich vermisse dich auch dann, wenn etwas gut geht.
Er strich nichts davon.
Am folgenden Vormittag gab er den Brief bei der Herberge ab. Der Wirt nahm die Gebühr für die Weitergabe an die nächste südliche Fahrt und ließ William die Anschrift auf einem zweiten Blatt eintragen. Er versprach keinen Tag der Ankunft. William fragte, wer die Sendungen übernehmen werde, bekam den Namen des Fuhrmanns und wartete, bis sein Brief in das dafür vorgesehene Fach gelegt worden war.
Als er wenig später selbst aufbrach, stand eine leere Schale unter dem Fenster.
***
Hinter der nächsten niedrigen Passstraße hatte der Regen aufgehört. In den Schattenmulden blieb ein dünner Rand Schnee liegen. Die Bäume wurden lichter, und über den weit auseinanderstehenden Höfen hing Rauch, der sich kaum vom grauen Himmel abhob.
William fuhr jetzt auf einem Wagen mit Säcken und zwei leeren Körben. Er hatte den Platz neben dem Fahrer bekommen. Nach einer Stunde beneidete er den Mann hinten, der sich mit einer zusammengerollten Decke gegen die Ladung gelehnt hatte und schlief. Jede Unebenheit ging William durch die Beine. Wenn der Fahrer ausweichen musste, zog er die Tasche enger an sich, bis dieser ihn fragte, ob etwas Lebendiges darin sei.
»Bücher.«
»Dann macht es ihnen weniger aus als Euch.«
William lockerte den Griff. Später nahm er nur das äußere Bündel mit seiner eigenen Abschrift hervor. Die beiden alten Bände ließ er in ihrer Umhüllung. Er konnte auf dem schaukelnden Sitz ohnehin kaum mehr als einige Zeilen lesen.
Die Schrift war ihm vertraut. Er hatte diese Buchstaben selbst gezogen, war über dieselben schwierigen Stellen zurückgegangen und hatte sich beim Abschreiben gelegentlich eingeredet, schon die aufgewandte Geduld müsse ihm etwas von ihrem Sinn erschließen. Nun sah er eine gedrängte Bemerkung am Rand und erinnerte sich vor allem daran, dass ihm damals die Hand wehgetan hatte.
Er schlug die ausgewählte Musterseite auf. Daneben lag, gesondert gefaltet, das Blatt eines seiner erfolglosen Versuche am hellen Buch. Er hatte es fast zu Hause gelassen. Die geordnete Abschrift hätte einen besseren Eindruck gemacht. Weren würde auf den anderen Linien sehen, wo William eine Vermutung zu lange festgehalten hatte, und gewiss etwas dazu sagen, das ihm schon bei der bloßen Vorstellung missfiel.
William stellte sich vor, er würde dem alten Mann zunächst den gelungensten Teil zeigen. Dann würde er erklären, weshalb gerade hier ein fremder Blick nötig sei. Weren würde eine Weile schweigen, mit seinem Finger auf eine unscheinbare Stelle tippen, und aus dem Durcheinander würde sich endlich ein Weg ergeben.
Der Wagen stieß in eine Vertiefung. Das lose Blatt rutschte von seinem Knie. William fing es an einer Ecke, fluchte und presste die Papiere wieder zusammen.
»Weiter vorn kommt noch eine«, sagte der Fahrer.
»Danke.«
Die Warnung half ihm gerade genug, um die Tasche zu schließen.
Am Abend las er in seiner Kammer Werens Zusage. Das Blatt hatte dieselbe Reise mitgemacht wie die Abschrift. William kannte den Inhalt; dennoch blieb er bei der Begrenzung der gemeinsamen Arbeit stehen. Kenntnisse und Kräfte. Die Worte hatten während der Verhandlung vernünftig geklungen. Hier, Wochen entfernt von dem Tisch, an dem Weren sie verlangt hatte, waren sie die störendste Stelle der ganzen Vereinbarung.
Er erinnerte sich an den Mann hinter den Worten. An die Müdigkeit, die sichtbar geworden war, als Weren die Hand von den Augen genommen hatte. An dessen scharfe Freude daran, eine ungenaue Frage zurückzuweisen. Auch an Nielvar.
William hatte den Namen in keinem seiner Reisebriefe an Weren geschrieben. Er musste nicht auf dem Papier stehen, damit er zwischen ihnen lag. Svanneke würde ihn empfangen, ihm ein Zimmer nennen und vielleicht nach Bethany fragen. Ihr Sohn blieb tot. William würde bei einem Mann sitzen, dessen absichtliche Falschübersetzung er im Bericht als möglichen Irrtum hatte stehen lassen, und sich über einen richtigen Gedanken freuen.
Er legte die Zusage neben die Musterseite. Eine Weile sah er auf beide Blätter, ohne eines zu berühren.
Dann nahm er das misslungene Versuchsblatt hinzu.
Er würde Weren zeigen müssen, was er tatsächlich getan hatte. Der alte Mann durfte darüber spotten. William wollte seine Antwort hören, auch wenn sie zunächst nur ergab, weshalb er auf diesem Weg nicht weiterkam.
Er versuchte die erste Frage laut zu formulieren. Sie wurde zu lang. Beim zweiten Mal ließ er die ganze Vorgeschichte weg und bemerkte, dass nun gerade die Unterscheidung zwischen Sennars Schrift und seinem eigenen Versuch fehlte. Er begann noch einmal. Draußen ging jemand über den Gang und blieb vor einer anderen Tür stehen.
William hörte auf zu sprechen. Er lachte leise über sich, ordnete die drei Blätter und löschte das Licht.
***
Als er Steenvik erreichte, hatte er seit dem Abschied mehr als vier Wochen auf Wegen, in Wagen und in fremden Betten verbracht.
Er erkannte die letzte Abzweigung, ehe der Fahrer sie nannte. Der Weg war feuchter, als er ihn in Erinnerung hatte. Vor einem Haus lagen frisch gespaltene Scheite; weiter vorn versuchte jemand, ein störrisches Tier aus einem Hof zu führen. William stieg dort aus, wo der Wagen ohnehin hielt, und bezahlte den letzten Abschnitt. Erst als der Fahrer fort war, merkte er, wie still es ohne das beständige Knarren der Räder wurde.
Das Gepäck zog an seinem Arm. Er ging langsamer, als er es sich auf der Fahrt vorgestellt hatte.
Svanneke öffnete die Tür mit einem Tuch in der Hand.
»Da seid Ihr ja.«
»Guten Tag.«
»Habt Ihr gegessen?«
William hatte eine längere erste Antwort vorbereitet. Nun nickte er, obwohl die Mahlzeit Stunden zurücklag, und sagte dann, dass ein wenig doch gut wäre. Svanneke trat beiseite.
In der Stube saßen zwei Menschen, die er nicht kannte. Einer hielt einen Schuh auf dem Knie und zog einen Faden durch das Leder. Der andere hatte beide Hände um einen Becher gelegt. An der Stelle, an der William beim letzten Aufenthalt seine Unterlagen ausgebreitet hatte, stand ein Korb mit ausgebesserten Sachen.
»Eure alte Kammer ist belegt«, sagte Svanneke. »Oben zur Rückseite kann ich Euch eine geben. Den Preis kennt Ihr. Wenn Ihr länger bleibt, besprechen wir es.«
»Das ist gut. Danke.«
»Wartet mit dem Dank, bis Ihr die Decke gesehen habt. Sie ist Euch vermutlich zu kurz.«
Sie führte ihn zur Treppe. William trug seine Tasche selbst hinauf. Vor einer geschlossenen Tür stand ein Stuhl dicht an der Wand; er blieb daran hängen und schob ihn mit dem Fuß zurück. Aus dem Zimmer dahinter fragte Aurel, wer dort sei.
»William.«
Es entstand eine kurze Stille.
»Dann war der Lärm eine Begrüßung?«
»Ich bin gegen den Stuhl gestoßen.«
»Der steht dort mit Absicht.«
William sah ihn an. Er rückte den Stuhl wieder an die Stelle, an der er ihn vorgefunden hatte.
»Er steht wieder dort.«
»Eine erfreuliche erste Nachricht.«
William wusste nicht, ob er anklopfen sollte. Er hatte Aurels Stimme auf der Reise gelegentlich erwartet und sich jedes Mal darüber geärgert. Jetzt genügten wenige Worte, um ihn wieder vor dessen Tür stehen zu lassen, mit dem Gepäck in der Hand und dem Bild eines anderen jungen Mannes im Kopf.
»Ich komme später herunter«, sagte Aurel. »Seraphina weiß noch nicht, dass du da bist.«
»Wo ist sie?«
»Bei Weren. Oder schon auf dem Weg zurück. Ich habe ihr keine Rechenschaft über jede Stunde abverlangt.«
»Das wird sie freuen.«
»Sie hat es noch nicht gewürdigt.«
William ging weiter. In der neuen Kammer stellte er die Tasche auf das Bett und sah sich um. Ein schmaler Tisch stand unter dem Fenster. Der Stuhl hatte eine Lehne, die bei der ersten Berührung nachgab, ohne zu brechen. Durch das Fenster sah er den hinteren Hof und einen Teil des Weges, auf dem er angekommen war.
Er nahm die drei Schriften aus dem Gepäck, ließ sie verpackt und legte sie an einen geschützten Platz. Seine Hand blieb einen Augenblick auf dem hellen Band liegen. Er hätte ihn jetzt öffnen können. Stattdessen holte er Schreibzeug hervor.
Seraphina klopfte, als er die Anschrift zum zweiten Mal las.
»Du bist angekommen.«
»Das versuche ich gerade mitzuteilen.«
Sie trat ein und sah auf das Blatt, ohne es an sich zu nehmen. Ihr Mantel war an den Schultern feucht. Sie ließ sich auf den freien Stuhl sinken, merkte dessen Schwäche und stand wieder auf.
»Den musst du an die Wand schieben.«
William tat es. Sie setzte sich erneut.
»Wie geht es Bethany?«
»Gut. Als ich fortfuhr, ging es ihr gut.«
»Und Carisophia?«
Er begann zu erzählen, wie sie nach seinem Mantel gegriffen hatte. Nach wenigen Worten hörte er auf. Seraphina wartete.
»Sie wird inzwischen etwas anderes tun«, sagte er.
»Vermutlich greift sie noch nach Mänteln.«
»Du weißt, was ich meine.«
»Ja. Ich wollte dich trotzdem nach ihr fragen dürfen.«
William sah sie an. Dann nickte er und erzählte weiter. Diesmal erzählte er die kleine Sache bis zum Ende. Seraphina lächelte, als er Bethanys Bemerkung über die langweiligen Briefstellen wiederholte. Sie fragte nach der Praxis, nach dem Haus und zuletzt danach, ob er auf der Rückreise wieder so viel Gepäck mitgebracht habe, dass sie es für ihn tragen müsse.
»Ich habe sogar einen Platz im Wagen gewechselt, ohne vorher mit drei Menschen darüber zu sprechen.«
»Das klingt gefährlich.«
»Es ging gut.«
»Dann wirst du es wieder tun.«
Er lachte. Erst jetzt bemerkte er, wie müde er war.
Seraphina zog die feuchten Handschuhe aus. Sie erzählte ihm von einer verschobenen Unterrichtsstunde und davon, dass Weren an manchen Tagen mit seinen eigenen Blättern so beschäftigt sei, dass eine angekündigte Unterbrechung ihn beinahe ebenso ärgere wie eine unangekündigte. William fragte, ob er gewusst habe, wann er kommen würde.
»So genau wie ich. Ich habe ihm deinen Brief gebracht.«
»Und?«
»Er hat ihn gelesen.«
»Das ist wenig.«
»Du wolltest wissen, ob er es wusste.«
William senkte den Kopf. Sie ließ ihn einen Augenblick damit sitzen, dann sagte sie, Weren rechne mit ihm am folgenden Vormittag. Er solle seine Papiere geordnet mitbringen und nicht glauben, eine lange Reise mache eine schlechte Frage besser.
»Hat er das so gesagt?«
»Den letzten Teil habe ich gekürzt.«
Sie stand auf. Unten wartete Svanneke mit dem Essen; Seraphina wollte ihr helfen und musste danach noch etwas erledigen. William fragte nicht, ob sie bei ihm bleiben könne, während er den Brief beendete.
Er schrieb Bethany die Ankunft, nannte Svannekes Haus als Rückanschrift und bat um ihre Antwort zur ersten begrenzten Arbeitsphase. Er wollte vorerst für fünf weitere Monate hierbleiben können, bis ins Frühjahr. Das war lange genug, um ihm beim Schreiben ein Zögern abzuverlangen. Er nannte ihr den Zeitraum dennoch und versprach eine frühere Nachricht, sobald sich absehen ließ, welche Arbeit tatsächlich möglich war.
Die Arbeit bei Weren hatte noch nicht begonnen. Auch das schrieb er.
Als er hinunterkam, wies Svanneke ihm einen Platz am Tisch. Der Schuh war repariert, sein Besitzer fort. Auf dem Holz lag noch ein abgeschnittenes Stück Faden. William nahm es zwischen zwei Finger, wollte es beiseitelegen und ließ es wieder fallen, als sie ihm die Schüssel hinstellte.
»Der nächste Brief geht mit der südlichen Fahrt«, sagte sie. »Gebt ihn mir nach dem Essen.«
Er aß. Danach versiegelte er die Nachricht und trug sie selbst zu ihr.
Oben warteten die Bücher. Bei Weren stand der Tisch, an dem sie arbeiten würden. William war müde genug, um sich vor dem ersten Morgen zu fürchten, und froh genug, um ihn herbeizuwünschen.