Leseprobe

Nil Nisi Stella Sol

Gesamtband 28 · Scriptis Verbis 18 · Erstes Kapitel

I · Via habitata

An der Abzweigung stand ein Mann mitten zwischen seinen Rädern und fluchte auf eine Schnur.

Er hatte sie um einen Tonkrug gewunden, dessen Henkel abgebrochen war. Der Krug sollte unter dem Wagen hängen; der Knoten zog sich jedes Mal zu, ehe der Mann ihn über den Haken schieben konnte. Neben ihm wartete ein kleiner Esel mit geschlossenen Augen. Als Rumo näherkam, öffnete er eines davon und blieb stehen.

William hielt an, bevor sich die Tiere zu nahe kamen. Die Leine zu Mero hing locker in seiner Hand. Er sah noch einmal nach Aurel, der den Kopf hob, als das Fluchen aufhörte.

»Ein Wagen steht vor uns«, sagte William. »Der Mann richtet etwas. Wir bleiben hier.«

»Ich habe gehört, was er davon hält.«

Der Fuhrmann richtete sich auf. Sein Hemd klebte ihm zwischen den Schulterblättern. Er besah William, danach Mero und schließlich Seraphina, die Sefa etwas abseits hielt.

»Wenn ihr vorbei wollt, geht rechts. Links liegt Glas.«

»Wir wollten Euch etwas fragen«, sagte William.

»Dann fragt, solange ich hier stehe.«

William blickte die Straße hinunter. Hinter dem Wagen teilte sie sich um eine niedrige, von Wind und Regen geschwärzte Säule. Auf einem der beiden Wege zog sich eine feuchte Spur durch den Staub. Auf dem anderen lag ein Radreifen, der offenbar schon länger dort rostete.

»Wir suchen Leute, die aus dem Süden kommen. Händler, die regelmäßig durch die Wüste ziehen. Wisst Ihr, wo wir solche Menschen treffen könnten?«

Der Mann zog an seinem Knoten. Er hielt ihn mit den Zähnen, während er den Krug unter den Wagen hob. William wartete.

»Am Markt«, sagte der Fuhrmann, nachdem der Henkelersatz endlich saß.

»Welchem?«

»Bei dem, wo sie ihre Sachen verkaufen.«

Seraphina senkte den Blick. William konnte ihr Gesicht unter dem Rand ihres Tuchs nicht ganz sehen.

»Ich meinte einen bestimmten Ort. Vielleicht reist Ihr selbst dorthin.«

»Ich fahre zu meinem Schwager. Der hat heute sechs Körbe von mir bekommen sollen. Jetzt bekommt er sie später, weil sein Junge den Karren umgeworfen hat und ich seit dem Morgen Zeug zusammensuche. Wenn ihr bei ihm seid, könnt ihr nach den Leuten aus der Wüste fragen. Er wird euch zum Markt schicken.«

Er ging um das Tier herum und löste dessen Strick vom Wagenholm. William hatte eine zweite Frage schon auf der Zunge, nach der Richtung, aus der die südlichen Händler gewöhnlich kamen. Seraphina war schneller.

»Man hat uns eine Herberge beschrieben. Ein langer Hof mit einem Tor zum Feld. Auf welcher Straße kommen wir hin?«

Der Mann sah sie an.

»Bei den zwei Pappeln?«

»Das wurde uns nicht gesagt.«

»Gibt hier nur die eine mit einem Tor zum Feld. Rechts herum, dann bei der niedrigen Mauer weiter. Wenn ihr die Mühle seht, seid ihr zu weit. Die Pappeln sind davor. Fragt beim Hof, wenn ihr unsicher seid. Da sitzt immer jemand draußen.«

»Danke.«

»Und lasst links die Gläser liegen. Ich komme nachher wieder.«

Er schnalzte dem Esel zu. Der Wagen setzte sich mit einem Ruck in Bewegung; in einem der Körbe klirrte es. Der Mann ging nebenher und prüfte im Gehen noch einmal den Krug.

William ließ ihn vorbei. Er sah die schmalen Füße unter dem Wagen verschwinden, das staubige Hemd, die Stelle am Nacken, die von der Sonne dunkel geworden war. Der Mann hatte ihnen alles gesagt, was er von diesem Tag wusste.

»Das war genauer«, sagte William zu Seraphina.

»Er wusste, welchen Hof ich meine.«

»Ja.«

Er nahm Rumo etwas nach rechts. Mero folgte mit einer Verzögerung, die William inzwischen erwartete. Beim ersten Schritt neben die Straße knackte unter Rumos Fuß etwas. William sah hinunter. Ein Stück Schilf zerbrach auf dem trockenen Rand.

»Wir gehen jetzt rechts«, sagte er.

»Das Glas hätte ich ohnehin gemieden«, erwiderte Aurel.

»Ich wollte dir sagen, dass wir uns bewegen.«

»Ich weiß.«

In seiner Stimme lag ein Rest jener Schärfe, die bei ihm selbst dann auftauchte, wenn er etwas annahm. William gewöhnte sich inzwischen daran, sie stehen zu lassen. Er konnte Aurel bei jedem Satz fragen, ob er gekränkt sei. Er konnte auch weiterreiten.

Hinter der Abzweigung hörte die Mauer auf. Felder lagen zu beiden Seiten des Weges, schmal und ungleich, mit Streifen aus Steinen dazwischen. An manchen Stellen hatten die Besitzer Dornenzweige aufgeschichtet. Ein Junge trieb ein Schwein von einem Beet herunter. Er schwenkte die Arme und schrie; das Tier stellte sich quer und fraß weiter.

Seraphina lachte leise. Sefa drehte den Kopf, und Seraphina legte sofort die Hand ruhiger an die Führung. William sah sie einen Moment an. Sie hatte die Schultern während der ganzen ersten Strecke hochgezogen gehalten. Jetzt senkten sie sich ein wenig.

»Was ist dort?«, fragte Aurel.

William beschrieb den Jungen und das Schwein.

»Der Junge hat einen Stock«, ergänzte er. »Er verwendet ihn bislang als Beweis seiner Entschlossenheit.«

»Vielleicht kennt das Schwein ihn.«

Sie hörten noch einen ärgerlichen Ruf. Dann fiel ein Holzdeckel gegen eine Wand, und das Tier setzte sich endlich in Bewegung.

Der Weg wurde enger. William stieg ab, nachdem Seraphina Mero übernommen hatte. Unten kam ihm Rumos Hals sehr lang vor. In der Übung hatte er sich an die Höhe des Tiers gewöhnt; vom Boden aus erinnerte sie ihn jedes Mal daran, wie wenig ein Missgriff hier mit dem Stolpern über einen Stuhl zu tun hatte. Er nahm beide Führungen und sagte Aurel, dass er nun zu Fuß vor ihm ging.

»Kannst du noch so sitzen?«

»Eine Weile.«

William hielt das Tempo niedrig. Zwischen den beiden Steinrändern war gerade Platz für die Tiere. An einer feuchten Senke legte sich der Weg seitlich, und Aurel zog die rechte Schulter hoch. Er wartete, bis Mero wieder gerader trat. William hörte hinter sich, wie er Luft durch die Zähne holte.

»Gleich wird es breiter.«

»Dann sage es gleich noch einmal.«

William tat es. Als sie die Senke verlassen hatten, stellte er die Tiere unter einen dürftig belaubten Baum. Seraphina kam hinzu. Sie fragte Aurel, ob er hinunterwolle. Er ließ sich Zeit mit der Antwort.

»Noch nicht. Wenn ich jetzt unten bin, muss ich nachher wieder hinauf.«

»Das müssen wir ohnehin«, sagte sie.

»Ich wollte mir wenigstens einreden, dass es eine Entscheidung gibt.«

William reichte ihm Wasser. Aurel fand das Gefäß, indem er Williams Hand berührte, und trank vorsichtig. Ein wenig lief ihm über das Kinn. Er wischte es fort, ehe William ihm das Tuch anbieten konnte.

Weiter vorn stand ein Wegstein. Jemand hatte einen zweiten Namen daruntergemalt, dicke helle Buchstaben auf dem dunklen alten Grund. Der untere Teil war durch Erdkrümel und den Spritzrand der Senke verdeckt. Seraphina sagte, sie könne nur »Esch« lesen, und William ging hinüber.

Die obere Zeile war älter. Ein Teil des letzten Buchstabens steckte unter der neuen Farbe. William legte den Kopf schräg und sah auf die Reste der kleinen waagerechten Striche.

»Eschhof«, sagte er. »Das ist unten ergänzt. Oben steht Eschenfurt.«

»Dann haben sie den Namen geändert?«

»Der obere Pfeil führt zum Wasser. Der untere zeigt geradeaus. Es sind zwei Orte.«

Er strich mit dem Daumen über die getrocknete Erde, die den Rest der unteren Zeile bedeckte. Dabei wurde die Endung frei. Dahinter stand ein kleines Zeichen, das einen Hof mit einer offenen Seite darstellen sollte. Das ältere Furtzeichen war beinahe ganz abgeschlagen.

»Sie hätten zwei Steine nehmen können«, sagte Seraphina.

»Vielleicht hatten sie nur den einen.«

William betrachtete die Hand, die das jüngere Wort geschrieben hatte. Sie war kräftig angesetzt, mit zu viel Farbe an den ersten Buchstaben. Der Schreiber hatte die alte Inschrift stehen lassen und dadurch gerade das undeutlich gemacht, was er klarer machen wollte. William hätte ihm erklären können, wie wenig Platz eine zweite Zeile brauchte, wenn man vorher die Breite maß. Er sah auf die zwei Pfeile und lächelte.

»Wir halten uns an den Hof. Die Furt führt zur Mühle.«

Aurel hörte seine Schritte zurückkommen.

»Hat das Lesen sich gelohnt?«

»Uns einen Umweg erspart.«

»Das ist schon eine ansehnliche Leistung für einen Stein.«

Sie blieben noch eine Weile im Schatten. William stand neben Rumo und roch das warme Tier, den Staub im Fell, den fremden Geruch des Sattels. Er war müde vom Führen und zufrieden damit. Vor ihnen lag ein Weg, dessen nächste Biegung er noch nie gesehen hatte. Er konnte die helle Spur über die Felder verfolgen, bis sie zwischen niedrigen Bäumen verschwand. Dort musste der Hof liegen. Dahinter würde die Landschaft weitergehen.

Als sie wieder aufbrachen, lief William das erste Stück zu Fuß und erwähnte jeden größeren Stein am Wegrand. Nach einer Weile sagte Aurel: »Du kannst auch einmal schweigen.«

»Du hast gefragt, was ich sehe.«

»Vor einer halben Stunde. Ich befürchte inzwischen, du könntest dich verpflichtet fühlen, die Antwort zu vollenden.«

William lachte. Er ließ den nächsten Stein unbeschrieben und erzählte stattdessen von den Pappeln, die nun über einem Dach sichtbar wurden.

***

Am Hof wollte ein junger Mann gerade mit einem Handwagen losziehen. Zwei Hühner sprangen vor dem Rad auseinander. Er blieb stehen, als er die Kamele sah, und strich sich die Haare aus der Stirn.

»Zur Herberge?«, fragte er.

»Ja«, sagte William.

»Weiter geradeaus. Hinter dem Tor, dann links. Ihr müsst nicht durch den kleinen Durchgang. Mit denen kommt ihr da sowieso nicht durch.«

Er deutete auf Rumo. Seine Hand ruhte schon wieder am Wagen, doch er machte keine Anstalten, weiterzugehen. Von der offenen Haustür aus rief eine Frau seinen Namen. William verstand ihn nicht ganz. Der junge Mann verzog das Gesicht.

»Ich gehe ja!«

»Du gehst ohne den Beutel!«

»Hab ihn.«

»Dann zeig ihn mir.«

Er klopfte an seine Hüfte, erst rechts, dann links. Die Frau kam mit einem kleinen Lederbeutel aus dem Haus. Sie trug ihn an zwei Fingern, als sei er etwas, das sie auf dem Hof gefunden hatte.

»Womit wolltest du bezahlen?«

»Ich hätte es anschreiben lassen.«

»Bei wem?«

»Mutter.«

»Bei wem?«

Er nahm ihr den Beutel ab. Seine Ohren waren rot geworden. William wandte sich ein wenig ab und gab vor, nach Meros Leine zu sehen. Als er wieder aufblickte, lächelte die Frau ihn an. Ihr Sohn zog den Handwagen mit unnötiger Kraft vom Hof.

»Er kommt immer wieder«, sagte sie. »Nur selten von allein.«

»Ich habe heute Morgen beinahe meinen eigenen Beutel liegen lassen«, erwiderte William.

»Dann habt Ihr auch jemanden, der hinter Euch hersieht.«

»Heute Morgen war es unsere Wirtin.«

»Die wissen wenigstens, was einem fehlt.«

Sie wies ihnen den breiteren Durchgang. Während William die Tiere hindurchführte, rief sie ihrem Sohn hinterher, er solle das Rad anheben, wenn er an die zerbrochene Platte komme. Der Wagen klapperte weiter. Dann wurde es für einen kurzen Augenblick still, und dahinter begann das Rattern erneut.

William dachte an Carisophia.

Der Gedanke kam mit einer Klarheit, die ihn einen Schritt langsamer werden ließ. Er konnte sich das Kind im Haus vorstellen, den Tisch, den Platz auf Bethanys Arm. Das Bild setzte sich aus Tagen zusammen, die schon vergangen waren. In seinen Vorstellungen trug Bethany noch manchmal das Kleid, das sie bei seinem Abschied getragen hatte. Er wusste, dass sie inzwischen andere Dinge angezogen, andere Menschen behandelt, an anderen Abenden mit müden Händen nach ihrer Tochter gegriffen hatte. Wenn er sich ihr Gesicht vorstellte, sah sie ihm noch immer beim Abschied nach.

Die Frau am Hoftor sah ihrem Sohn nach. Sie kannte seine Art, ein Rad über eine zerbrochene Platte zu heben. Sie hatte Zeit genug gehabt, sich darüber zu ärgern.

»William?«

Seraphina wartete hinter ihm. Er war am Ende des Durchgangs stehen geblieben.

»Ja. Hier ist Platz.«

Er führte Rumo weiter. Ein warmer Luftzug kam vom Feld; er roch Erde, die gerade erst gewendet worden war. Vor der Herberge schlug eine lose Ladenhälfte gegen das Holz. Jemand hatte dort einen Krug auf ein Fensterbrett gestellt, und aus dem Haus drang der Geruch von gebratenen Zwiebeln.

William freute sich auf das Sitzen, auf Essen, auf jemanden, der vielleicht morgen denselben Weg nehmen würde. Er bemerkte, wie rasch diese Freude Raum in ihm fand. Er hielt Carisophias Gesicht noch einen Augenblick fest. Dann verlangte Mero seine Aufmerksamkeit, und er wandte sich Aurel zu.

***

Die Herberge besaß einen großen Hof und einen kleinen Schankraum. Der Mann, der ihnen die Tiere abnahm, fragte zuerst nach Futter und dann nach dem Geld dafür. William nannte, was der Züchter ihnen empfohlen hatte. Der Mann hörte zu und führte ihn zu den Vorräten, damit er selbst sah, was vorhanden war. Als William wieder herauskam, saß Aurel bereits auf einer niedrigen Bank. Seraphina stand bei ihm und hielt den Stock so hin, dass seine Hand ihn fand.

»Ich setze mich drinnen«, sagte sie. »Am Fenster. Wenn ich dort einschlafe, weckt mich erst zum Essen.«

»Ich komme gleich«, antwortete William.

Sie ging hinein. Aurel bewegte vorsichtig die linke Hand. Zwischen zwei Fingern war eine rote Stelle sichtbar, die vom langen Halten herrührte. William fragte, ob er sie ansehen dürfe. Aurel streckte ihm die Hand entgegen.

»Die Haut ist heil.«

»Das freut mich für sie.«

»Wir können morgen häufiger halten.«

»Wir können heute damit beginnen.«

William setzte sich neben ihn. Eine Zeitlang sagte keiner etwas. Auf der anderen Seite des Hofes senkte Rumo den Kopf zum Futter. Mero stand so, dass William nur seinen langen Hals und ein Ohr über der Trennwand sah. Ein Knecht warf ein Bündel trockener Stängel auf den Boden und löste den Strick mit einem Messer. Die Bewegung war geübt und langsam. William sah ihr gern zu.

Der Wirt kam durch die Tür. Er war klein, hatte aber eine Stimme, die sich sofort im ganzen Hof ausbreitete. Er fragte nach dem Zimmer und zählte ihnen auf, was schon belegt war. William nahm den Raum, in dem drei Schlafstellen standen. Der Wirt nickte, rief die Entscheidung ins Haus und sah dann Aurel an.

»Mag er Zwiebeln?«

Aurel richtete sich auf.

»Er sitzt hier. Und heute mag er sie.«

Der Wirt blinzelte.

»Gut. Es gibt Zwiebeln mit Ei oder Bohnen. Das Fleisch ist für heute weg.«

»Dann nehme ich die Zwiebeln mit Ei.«

»Und Ihr?«

William bestellte Bohnen. Der Wirt wandte sich schon wieder zu ihm.

»Muss ich ihm das klein schneiden lassen?«

»Das kann er Euch sagen.«

»Nein«, sagte Aurel. »Ihr könnt es auf einen Teller legen. Den Rest besprechen wir, falls Euer Ei sich wehrt.«

Der Wirt lachte etwas zu laut. Er fragte Aurel, ob er Brot dazu wolle, und wartete diesmal auf seine Antwort. Danach ging er ins Haus.

William nahm Aurels Arm, als sie aufstanden. Aurel legte die Hand darüber und ließ sich zur Tür führen. An der Schwelle blieb er kurz stehen, setzte den Stock vor und fand die höhere Kante mit dem Fuß. William wartete, bis er darüber war.

Drinnen saß Seraphina am Fenster mit geschlossenen Augen. Vor ihr stand ein Becher. Sie öffnete die Augen, als die beiden sich näherten.

»Dort ist noch Platz«, sagte sie und zeigte auf den Tisch neben sich. »Ich bleibe hier.«

William half Aurel, den Stuhl zu finden, und setzte sich ihm gegenüber. Die Bank am Fenster war gerade breit genug, dass Seraphina die Füße daraufziehen konnte. Sie tat es, schob ihren Becher zur Seite und lehnte den Kopf an das Holz. William ließ sie in Ruhe.

Das Essen kam bald. Aurel tastete nach dem Tellerrand, ließ sich einmal sagen, wo das Brot lag, und begann zu essen. Nach dem zweiten Bissen hielt er inne.

William sah ihn an.

»Was ist?«

»Ich überdenke meine Zuneigung zu Zwiebeln.«

William probierte eine von Aurels Gabel, die dieser ihm hinhielt. Sie war außen dunkel und innen beinahe roh.

»Du könntest um etwas anderes bitten.«

»Nachdem ich sie mit solcher Entschlossenheit bestellt habe?«

»Der Wirt wird es verkraften.«

»Ich noch nicht.«

Er aß das Ei und ließ die größeren Zwiebelstücke liegen. William schob ihm etwas Brot zu, nachdem er gefragt hatte, ob er welches wolle. Der Wirt kam vorbei und erkundigte sich, ob es schmecke. Aurel antwortete, dass das Ei den Weg auf seinen Teller überstanden habe. Der Wirt sah auf die Zwiebeln, nahm den Teller ohne weitere Frage mit und brachte einen kleinen Napf Bohnen zurück.

»Die sind weich«, sagte er.

»Ich wusste, dass Ihr mich noch gewinnen würdet.«

Am Fenster begann Seraphina zu lachen. Sie hielt sich die Hand vor den Mund und schüttelte den Kopf, als William zu ihr sah.

»Es ist gut«, sagte sie. »Esst einfach.«

Der Mann vom Nachbartisch hatte ihnen zugehört. Er trug ein Hemd mit einem schlecht angesetzten Ärmel und sortierte während des Essens schmale Riemen auf seinem Schoß. Einer davon lag auf dem freien Stuhl neben ihm. Er fragte, ob ihnen die drei Tiere im Hof gehörten.

William bejahte es.

»Weiter nach Süden?«

»Wir versuchen, jemanden zu finden, der regelmäßig dorthin reist.«

»Dann seid ihr hier früh. Die Leute kommen meistens erst, wenn wir mit dem Abendessen fertig sind.«

Er nahm einen Riemen zwischen beide Hände und zog daran.

»Ich verkaufe den Leuten immer die Verschlüsse«, erklärte er. »Die Schnallen halten, das Leder reißt. Dann heißt es, meine Ware sei schlecht. Als hätte ich ihre Lasten aufgebunden.«

William fragte nach seinem nächsten Weg. Der Mann wollte bald abbiegen. Von der Abzweigung führte eine Straße weiter nach Süden zu einem Handelsplatz an einem Brunnen. Man war noch mehrere Tage dorthin unterwegs; dort verkauften auch Leute, die mit den südlichen Zügen Geschäfte machten. Er beschrieb eine lange niedrige Mauer, ein Dach aus dunklen Matten und eine Reihe eingelassener Ringe, an denen die Lasttiere gehalten wurden.

»Sind die Händler dort?«, fragte William.

»Irgendwelche immer. Die, die Ihr sucht, müsst Ihr fragen.«

»Und wann kommt der nächste Zug?«

Der Mann zuckte die Schultern.

»Wenn er da ist. Ich war drei Wochen nicht dort. Vielleicht wartet einer. Vielleicht sind gestern alle gegangen. Ich kann Euch morgen sagen, wo man abbiegt. Weiter gehe ich nicht mit.«

William bedankte sich. Er nahm die kleine Tafel, auf der er sich den Weg notieren wollte, aus der Tasche, und der Mann schob sofort die Riemen enger zusammen, als brauche er mehr Platz für etwas Schwieriges.

»Ihr müsst es mir nicht aufzeichnen«, sagte William. »Ich will mir nur die Abzweigung merken.«

»Die merkt Ihr Euch. Da steht ein Haus ohne Dach. Fragt bloß nicht, wem es gehört. Dann kommt Ihr vor Mittag nicht fort.«

Er erzählte doch noch, wem es gehörte. Ein Bruder hatte dem anderen etwas versprochen, eine Mauer war versetzt worden, danach hatte jemand das Holz verkauft. William hörte eine Weile zu. Es war eine Geschichte voller Namen, die ihm nichts sagten, und der Mann wusste an jeder Stelle, wer recht gehabt hätte, wenn der andere sich ordentlich benommen hätte. Als er geendet hatte, war es draußen dunkler geworden.

William hätte ihn noch nach den Sprachen am Brunnen fragen können. Er sah zu Aurel. Dessen Hände lagen still neben dem leeren Napf. Er war weit zurückgelehnt und bewegte die Füße unter dem Tisch, als versuche er, eine Stelle zu finden, die weniger wehtat.

»Wir sollten morgen früh los«, sagte William. »Solange die Luft kühl ist.«

Aurel öffnete den Mund, schloss ihn wieder und zog einen Fuß vor.

»Wie früh?«

»Nach dem ersten Essen. Wir hätten dann die längste Strecke hinter uns, bevor es warm wird.«

»Die längste Strecke bis wann?«

William blickte auf seine Notiz. Der Händler beobachtete sie über den Rand seines Bechers.

»Bis zur nächsten größeren Rast.«

»Du sitzt morgen auf deinem Kamel«, sagte Aurel. »Ich sitze auf meinem. Ich hätte gern, dass wir beide dabei sind, wenn du beschließt, wie lange.«

Seraphina setzte sich am Fenster auf. Sie ließ ihre Füße auf den Boden sinken, sagte aber nichts.

William legte die Tafel hin.

»Du willst später aufbrechen?«

»Ich will wissen, ob ich nach dem Aufstehen sitzen kann, ohne bei jedem Schritt die Zähne zusammenzubeißen. Danach können wir los.«

William dachte an die kühle Luft, die verstreichen würde, an den Händler, dem sie vielleicht eine Strecke folgen konnten. Der Mann nahm einen der Riemen vom Schoß und begann, das Ende glatt zu streichen. Er wartete auf keine Entscheidung, die ihn betraf. Er würde gehen, sobald er bereit war.

»Dann sehen wir es morgen«, sagte William. »Wir brechen nach dem Essen auf, wenn du so weit bist. Und die erste Pause machen wir, bevor der Weg sich verengt.«

»Dort steht das Haus ohne Dach«, sagte der Händler. »Da könnt ihr euch hinsetzen. Es hat immerhin noch drei Wände.«

Seraphina fragte, ob der Platz am Vormittag Schatten habe. Der Mann beschrieb die Lage und änderte dann seinen Rat: Hinter der Mauer sei es besser. Dort liege gewöhnlich Holz, das könne man zur Seite schieben.

»Dann bleiben wir dort länger«, sagte William. »Und du sagst unterwegs, wenn es vorher sein muss.«

Aurel bewegte die linke Hand und legte sie wieder neben den Napf.

»Das werde ich.«

William nahm die Tafel zurück. Die kleine Zeichnung des Weges hatte eine zusätzliche Unterbrechung bekommen. Er sah sie an, bevor er die Tafel weglegte. Draußen schnaubte eines der Tiere. Der Wirt hob im Vorbeigehen Aurels leeren Napf auf, und Seraphina streckte die Beine unter dem Tisch aus.

Sie blieben noch sitzen.