Iter · De Adventu ad Aulam
»Dort hätten wir abbiegen müssen«, sagte William.
Gregorius von Walthersaar sah nicht aus dem Fenster. Er hielt den Deckel seiner Reisetasche mit einem Knie offen und suchte zwischen zwei zusammengelegten Tüchern nach etwas, das beim Einsteigen noch obenauf gelegen hatte.
»Der Kutscher kennt den Weg.«
»Zur Inquisition.«
»Ach, dahin wollt Ihr.« Er zog einen Handschuh aus der Tasche, betrachtete ihn und ließ ihn wieder hineinfallen. »Da fahren wir heute nicht hin.«
Die Abzweigung glitt hinter William zurück. Ein Mann schob einen beladenen Handwagen durch die Lücke, die ihre Kutsche gelassen hatte. Er stemmte die Schulter gegen eine der Stangen und rief dem Pferdeführer vor sich etwas zu, das im Räderlärm unterging. William sah noch das schief liegende Rad und die rote Hand am Holz. Dann versperrte ein entgegenkommender Wagen die Sicht.
»Ich würde Berkanor gern aufsuchen, ehe ich am Hof erwartet werde. Wenigstens kurz. Er hat mich damals aufgenommen.«
»Ihr werdet bereits erwartet.«
Gregorius hatte gefunden, was er suchte: ein kleines Tuch, mit dem er über das Innere seines Kragens fuhr. Der Bahnruß saß auch dort, wohin William ihn nicht geraten zu sehen geglaubt hatte. Auf der Fahrt vom Bahnhof hatte er sich zweimal über die Stirn gestrichen; beide Male war die Hand dunkel zurückgekommen.
»Er wird vermutlich erfahren, dass ich in der Stadt bin«, sagte William. »Ich möchte nicht, dass es aussieht, als hätte ich ihn vergessen, seit ich einen vornehmeren Gastgeber habe.«
»Dann schickt ihm eine Nachricht. Ihr dürft mir glauben, der Mann wird einen Besuch von einem vergessenen Besuch unterscheiden können. Ich habe Euch aus der Akademie geholt, bin mit Euch bis hierher gefahren und möchte Euch gern beim König abgeben, solange ich noch weiß, wo Ihr seid.«
William musste lächeln. »Ihr sprecht, als hättet Ihr mich unterwegs mehrmals einsammeln müssen.«
»Ihr habt wenigstens jedes Mal selbst wieder den Weg gefunden.« Gregorius faltete das Tuch mit der schmutzigen Seite nach innen. »Berkanor läuft nicht fort. Und bevor Ihr fragt: Nein, ich habe ihn nicht vorsorglich einsperren lassen.«
»Ich wollte nach seiner Gesundheit fragen.«
»Die ist gut genug, um Euch selbst darüber Auskunft zu geben.«
Gregorius schloss die Tasche. Damit schien die Sache für ihn erledigt. William hätte gern weitergesprochen, aber der Wunsch, Berkanor zu sehen, war nicht dringlicher geworden, nur weil er Gründe dafür fand. Er setzte sich zurück und nahm die Unterlagentasche zwischen seine Füße. Der Wagen war enger als jener, in dem sie die Akademie verlassen hatten. Wenn er sich ganz zum Fenster wandte, drückte der Schwertknauf gegen die gegenüberliegende Bank.
Draußen stieg die Straße an. Über den Köpfen der Menschen standen Schilder und ausladende Erker; aus einem offenen Fenster hing nasse Wäsche so tief, dass ein Mann mit einem hoch beladenen Karren sie mit dem Arm beiseiteschieben musste. Der Rauch der Schornsteine zog zwischen den Dächern hindurch. An einer Stelle war die Luft klar, an der nächsten schmeckte William die Kohle auf der Zunge. Er hatte diesen Geschmack vergessen. Oder er hatte geglaubt, ihn in die Erinnerung an etwas Größeres aufgenommen zu haben, in die Stadt und ihre Macht, in seine erste Ankunft. Nun genügte der Zug von einer Straßenecke her, um ihn wieder husten zu lassen.
Er erkannte nicht die Häuser. Er erkannte, wie es war, dazwischen zu sein.
Damals hatte er versucht, sich Eisenburg aus einer Entfernung vorzustellen, die der wirklichen Größe nicht standhielt. Selbst nachdem er die Hügel gesehen hatte, dicht bebaut bis an den Rand des Himmels, war er davon ausgegangen, dass es irgendwann einen Ort geben müsse, von dem aus sich alles ordnen ließ. Er war mit Thorne durch Straßen gegangen, hatte Namen gehört, sich Wege gemerkt, hatte geglaubt, Stück für Stück ein Ganzes zu gewinnen. Man brauchte nur lange genug hinzusehen.
Jetzt konnte er kaum sagen, ob sie jene Straße vorhin wirklich hätten nehmen müssen. Vielleicht führte sie zu einer anderen, die ihm damals ähnlich erschienen war. Er hatte sich so sicher angehört.
Ein heller Turm kam über den Dächern zum Vorschein und verschwand wieder. Weiter entfernt standen die dunkleren Höhen der Inquisition. William suchte sie, bis Gregorius dem Kutscher einen kurzen Zuruf gab und sie in einen breiteren Weg einbogen. Das Rattern veränderte sich auf dem gleichmäßigeren Pflaster.
»Ihr wart hier mit einem Ordensritter«, sagte Gregorius.
William sah ihn an. »Thorne.«
»Ja. Den Namen habt Ihr genannt.«
»Er kannte die Stadt.« William lehnte den Kopf gegen das Holz neben dem Fenster. »Jedenfalls wusste er meistens, wohin wir mussten. Wenn ich etwas nicht verstand, konnte ich ihn fragen. Er hat mir selten die Antwort gegeben, die ich haben wollte.«
»Das klingt nach einem brauchbaren Mann.«
»Das war er.«
Gregorius wartete. William war ihm dankbar, dass er nicht sofort etwas über den Verlust sagte. Es wäre leicht gewesen, den richtigen Satz zu finden. Thorne wäre stolz gewesen, oder Thorne hätte sich gefreut. Jeder hätte das behaupten können, ohne ihn gekannt zu haben.
In Williams Erinnerung ging der Ordensritter einige Schritte vor ihm, nicht in jener letzten Nacht, sondern an einem gewöhnlichen Tag. Thorne wandte sich halb um, während er weiterging, und William musste sich beeilen, um ihn zu hören. Es gab vieles, das er damals gern schneller gelernt hätte. Heute hätte er für diesen Weg mehr Zeit gewollt, für eine Bemerkung, über die er sich geärgert hatte, weil sie seine Frage nicht ernst genug zu nehmen schien. Vielleicht hatte Thorne sie sehr ernst genommen und nur gefunden, dass man nicht jede Frage auf dieselbe Weise ertrug.
William löste den Blick vom Fenster.
»Berkanor kannte ihn länger als ich.«
Gregorius nickte. »Dann werdet Ihr miteinander sprechen. Lasst uns erst ankommen.«
Es war eine gewöhnliche Antwort, und diesmal genügte sie. William konnte sich Berkanors Gesicht vorstellen, die Art, wie er ihn ansehen würde, bevor er etwas sagte. Dem Großkönig hatte er bisher nur einen Namen geben können. Nathanael Vivas. Ein Mann auf Darstellungen, eine Stellung über anderen Stellungen. Die Stimme, mit der dieser Mann ihn ansprechen würde, fehlte ebenso wie die Hand, die er vielleicht zur Begrüßung hob. William hatte über die Pflichten eines solchen Herrschers nachgedacht, über die Verantwortung seiner Familie und die Gewalt, die unter seinem Namen ausgeübt wurde. Noch nie hatte er überlegen müssen, was er ihm sagen sollte, wenn er ihn bat, Platz zu nehmen.
Sie fuhren an einer Reihe von Werkstätten vorbei. Vor einer davon standen zwei Männer mit einem schmalen Brett, das sie nicht durch die Tür bekamen. Der eine hob sein Ende, der andere senkte seines, und für einen Augenblick schien es zu passen. Dann stießen sie an den oberen Rahmen. Der Mann auf der Straße fluchte. Hinter ihm trat eine Frau mit einem Korb zur Seite und blieb stehen, um zuzusehen.
William sah zurück. Das Brett verschwand endlich im Haus.
Er hätte Bethany davon erzählen können. Von den beiden Männern, die sich erst angeschrien und dann gleichzeitig gelacht hatten. Sie hatte ihn um solche Dinge gebeten, und er hatte genickt, als sei die Bitte einfach. Dabei war sein erster Gedanke am Bahnhof gewesen, dass er ihr noch nichts sagen konnte. Er wusste immer noch nicht, weshalb er hier war. Er hatte einen Teil der Reise damit zugebracht, eine Nachricht auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben, an dem sie bedeutsam genug sein würde.
Der Wagen rollte weiter. Gregorius bemerkte sein Lächeln.
»Habt Ihr Euch an etwas Erfreuliches erinnert?«
»An eine Ermahnung.«
»Dann müsst Ihr mich mit demjenigen bekannt machen. Meine haben auf der Reise selten so gewirkt.«
William lachte, und für eine Weile wurde die Fahrt leichter.
Den Palast sah er zunächst zwischen zwei Häuserreihen hindurch. Er hielt den hellen, weit zurückliegenden Bau für eine Fassade, hinter der sich der eigentliche Hof befinden musste. Erst als der Wagen aus der Straße kam, begriff er, dass die hohen Dächer und die Türme dahinter zum selben Komplex gehörten. Der Bau stieg über mehrere Absätze an, nahm die Straßen an seinen Rändern auf und entzog sich zugleich ihrem Gedränge. Hinter einer äußeren Mauer lagen weitere Tore, Gänge und aufragende Gebäudeteile. William konnte nicht erkennen, wo der Wohnbereich begann oder welche der Fenster überhaupt zu Räumen gehörten, in denen man gewöhnlich lebte.
Er hatte den Palast früher gesehen. Aus der Entfernung war er ein Bestandteil jener Menge von Dächern gewesen, die Eisenburg ausmachte. Nun verschob sich alles andere um ihn.
Gregorius beugte sich etwas vor, um an William vorbeizusehen. »Gleich sind wir da.«
An einer breiten Auffahrt verlangsamte der Kutscher. William nahm die Tasche hoch und legte die Hand an den Türgriff.
»Noch nicht«, sagte Gregorius. »Wir fahren herum.«
»Dort steht die Wache.«
»Dort stehen immer Wachen. Wenn Ihr bei jeder aussteigt, kommen wir heute nicht mehr hinein.«
William zog die Hand zurück. Gregorius zeigte mit zwei Fingern nach vorn, mehr für ihn als für den Kutscher. Die Pferde gingen weiter. Sie passierten einen Torbogen, an dem zwei Wagen warteten; ein Mann hielt eine zusammengerollte Decke auf der Schulter und suchte unter seinem Arm nach einem Blatt. Einer der Wächter sah in die Kutsche, erkannte Gregorius und trat zurück. Kein Ruf verkündete ihre Ankunft. Ein kurzer Gruß genügte.
Im Hof dahinter wandte sich das Gespann nach rechts. Hier standen die Gebäude näher beieinander. Unter einem Vordach wurden Körbe abgeladen, auf der gegenüberliegenden Seite führte eine Treppe zu einer schmaleren Tür. William hatte einen Vorplatz erwartet, breit genug, um auf ihm die ganze Entfernung zwischen einem Besucher und seinem König zu empfinden. Stattdessen musste ein Mann einen leeren Kübel zur Seite ziehen, damit ihr Rad nicht dagegenstieß.
Gregorius stieg aus, sobald die Tür geöffnet wurde. Er richtete seinen Mantel und sagte dem Kutscher etwas über das Gepäck. William folgte ihm. Nach dem langen Sitzen tat ihm der erste Schritt weh. Er stellte die Tasche ab und tat, als müsse er den Schwertgurt prüfen.
»Wenn Ihr hier jeden Stein nach seiner Bedeutung fragt, werdet Ihr kaum zum Essen kommen«, sagte Gregorius.
»Ich habe mich nur gefragt, ob man in diesem Gebäude wohnen kann, ohne sich ständig darin zu verlieren.«
»Man geht eine Weile lang hinter jemandem her. Dann findet man die Küche. Der Rest ergibt sich.«
Ein Gepäckträger kam mit Williams größerer Tasche heran. William wollte sie ihm abnehmen, doch der Mann hatte bereits nach dem Weg gefragt und wartete auf Gregorius. Der wies zum Treppenaufgang und nahm selbst sein Gepäck.
»Die Küche wäre vielleicht kein schlechter Anfang«, sagte William.
»Seht Ihr. Schon habt Ihr etwas gelernt.«
Sie gingen unter dem Vordach entlang. Durch eine offene Tür sah William einen Mann über einen Tisch gebeugt, der mit einem Messer den beschädigten Rand eines Holzstücks bearbeitete. Weiter hinten sprach jemand laut über eine Lieferung. Der Palast musste sich ernähren, reinigen, ausbessern lassen. So selbstverständlich das war, William hatte ihn bis eben betrachtet, als bestünde er allein aus dem Willen der Menschen, die ihn bewohnten. Hier hörte er das Scharren einer Bürste und sah eine Frau mit hochgesteckten Ärmeln Wasser über eine Schwelle schieben.
An der Treppe wurden sie von einer schmalen Frau erwartet, deren Schlüsselbund gegen den Stoff ihres Rocks schlug, als sie ihnen entgegenging. Sie begrüßte Gregorius, sah auf seine Tasche und sagte: »Ihr habt Euch Zeit gelassen.«
»Die Bahn ist leider nicht schneller gefahren, nur weil ich darin saß.«
»Ich meine seit dem Tor. Man hat Euch längst gesehen.«
»Dann hat man auch gesehen, dass ich einen Gast mitbringe. William Allaway.«
Die Frau wandte sich ihm zu. »Euer Zimmer ist oben. Gebt mir das Kleine, wenn Ihr wollt. Der Riemen schneidet Euch schon in die Hand.«
William sah hin. Er hatte die Unterlagentasche so fest umfasst, dass die Finger bleich geworden waren.
»Danke. Die behalte ich.«
»Wie Ihr möchtet. Das andere kommt hinterher.« Sie blickte zu Gregorius. »Für Euch ist auch etwas zurückgestellt. Wenn Ihr wieder nur im Gehen esst, kann ich mir den Teller sparen.«
»Ich setze mich.«
»Das höre ich gern.«
Gregorius ließ sie vorangehen. Auf der Treppe wandte er sich zu William. »Ihr habt Zeit, Euch zu waschen. Es wird Euch etwas gebracht. Danach hole ich Euch.«
»Gibt es etwas, das ich vorher wissen sollte? Über den Empfang.«
Gregorius blieb auf dem Absatz stehen. Von hier führte ein Gang zu hohen, geschlossenen Türen, der andere zu einer Reihe kleinerer Räume. Er deutete mit der Tasche zum zweiten.
»Esst etwas. Ihr hört besser zu, wenn Ihr nicht vor Hunger an den Stuhl denkt. Um den Rest kümmere ich mich, sobald wir gehen.«
Dann nahm er den anderen Gang. Die Frau sah ihm kurz nach, ehe sie weiterging.
»Hat er Euch auf der ganzen Fahrt nichts zu essen gegeben?«
»Doch. Mehrmals.«
»Dann wird es wohl die Aufregung sein. Das legt sich meistens, sobald man sich die Hände gewaschen hat.«
William war nicht sicher, ob sie scherzte. Sie sah ihn nicht an, um eine Antwort zu verlangen, sondern öffnete eine Tür und trat zur Seite.
Das Zimmer war größer als seine Kammer in der Akademie. William bemerkte es zuerst an der Entfernung zwischen dem Bett und dem Tisch. Man konnte dort vorbeigehen, ohne einen Stuhl zur Seite zu rücken. Neben dem Fenster stand eine Truhe; an der Wand gegenüber hing ein schmales Bild mit einer Landschaft, die er nicht kannte. Der Teppich dämpfte seine Schritte. Als er die Tasche abstellte, war das leise Geräusch des Leders deutlicher als der Verkehr draußen.
Die Frau ging zu einer zweiten Tür und öffnete sie. »Wasser steht hier. Wenn es Euch zu kalt ist, lasse ich warmes bringen. Die frischen Tücher liegen darunter. Das gebrauchte lasst Ihr auf dem Hocker, dann nimmt es später jemand mit.«
William folgte ihrem Finger. Eine Schüssel stand auf einem festen Gestell, daneben ein Krug, dessen Rand noch feucht war. Alles war vorbereitet. Jemand hatte wissen müssen, dass er kam; jemand hatte den Tisch abgewischt, das Bett gerichtet, das Wasser getragen. Der Gedanke war ihm beinahe unangenehmer als die Größe des Raumes. Er war gewohnt, sich in eine Kammer zu setzen, die es auch ohne ihn gegeben hätte. Hier sah er an jeder Kleinigkeit, dass er erwartet worden war.
»Soll ich etwas davon für die Audienz anziehen?«, fragte er und deutete auf die Truhe.
Die Frau blickte verwundert hin. »Da liegen Decken. Es zieht manchmal vom Fenster. Wenn Ihr etwas braucht, fragt lieber, ehe Ihr darin sucht.«
William spürte, wie er warm wurde. »Ich hatte angenommen, es gäbe vielleicht eine vorgeschriebene Kleidung.«
»Wascht Euch den Ruß vom Gesicht. Das wäre schon gut. Ansonsten hat man mir nichts gesagt.« Sie lächelte jetzt. »Der Spiegel hängt hinter der Tür. Unter dem Auge habt Ihr noch einen Strich.«
Er fuhr mit dem Finger darüber.
»Jetzt ist er breiter. Lasst es lieber bis gleich.«
Der Gepäckträger stellte die Tasche an die Truhe und ging, nachdem William sich bedankt hatte. Die Frau prüfte noch den Riegel am Fenster, hob ein Tuch von einem kleinen Tablett und kündigte Brot und etwas Warmes an. Dann blieb sie an der Tür stehen.
»Ein Brief ist für Euch gekommen. Liegt dort. Den habe ich nicht aufgemacht.«
William sah auf den Tisch. Der Umschlag lag halb unter dem Schatten des Fensterrahmens. Sein Name war in einer großen, deutlichen Hand darauf geschrieben. Er erkannte die Schrift nicht sofort, wohl aber die Unterschrift, als er das Blatt herauszog.
Berkanor.
Er hatte schon den ersten Satz gelesen, ehe ihm einfiel, dass die Frau noch wartete.
»Vielen Dank.«
»Wenn Ihr etwas braucht, kommt bis zur Treppe. Dort findet sich jemand. Geht nicht auf eigene Faust durch die langen Gänge. Ihr landet sonst irgendwo, wo man Euch wieder zurückschickt.«
»Darf ich von hier aus Briefe versenden?«
»Gewöhnliche Post? Natürlich. Sagt Bescheid, wenn einer fort soll.«
»Und Antworten?«
»Das frage ich für Euch. Es kommt darauf an, wo man Euch führt. Gebt jedenfalls nicht bloß den Palast an und hofft, dass jeder Euren Namen kennt.«
Sie schloss die Tür, bevor er sich zum dritten Mal bedanken konnte.
William setzte sich und las.
Allaway,
man hat mir Eure Ankunft angekündigt. Da Ihr diesmal anscheinend in größerer Gesellschaft erwartet werdet, halte ich Euch nicht schon am Bahnhof auf. Ich hoffe, die Reise war gut und man lässt Euch zwischen den Pflichten etwas von der Stadt sehen.
Wenn Eure Zeit es erlaubt, besucht mich. Ich würde gern von Euch selbst erfahren, was aus dem jungen Mann geworden ist, den wir hier fortgeschickt haben. Vielleicht kennt Ihr inzwischen auf alles eine Antwort. In diesem Fall kommt erst recht; wir könnten solche Leute gebrauchen.
Für Euer Praktikum wünsche ich Euch einen guten Anfang. Ihr wisst, wo Ihr mich findet.
Berkanor
William las den vorletzten Absatz noch einmal. Dann legte er das Blatt vor sich hin und lachte leise.
Draußen klapperte ein Wagen über den Hof. Eine Stimme rief nach jemandem, der offenbar zu weit entfernt war, um zu antworten. Das Fenster war einen Spalt geöffnet; der Geruch der Stadt kam herein, schwächer als auf der Fahrt. William sah auf die helle Tischfläche und stellte sich vor, hier nach einem Besuch bei Berkanor zu sitzen. Es würde diesen Besuch geben. Eine Reise war nicht mit der Ankunft zu Ende, nur weil man noch nicht wusste, welche Pflichten am nächsten Morgen begannen.
Er faltete den Brief zusammen und steckte ihn in die Unterlagentasche, so, dass er ihn wiederfinden würde. Dahinter fühlte er die steifere Hülle mit den Blättern aus der Akademie. Er zog sie nicht heraus. Er hatte die eigene Erklärung und die falsche Abschrift oft genug nebeneinandergelegt, um zu wissen, dass beide auch in diesem Zimmer nichts anderes werden würden. Niemand hatte ihm seine Fehler abgenommen, als er in den Wagen gestiegen war. Er musste sie hier nicht noch vor dem Mittagessen ausbreiten.
Stattdessen öffnete er das größere Gepäck. Ein Hemd, das beim Packen ordentlich gefaltet gewesen war, hatte sich um die übrigen Sachen gezogen. William schüttelte es aus und legte es auf das Bett. Darunter lag das Tuch mit dem Metallsplitter. Er hob es an, spürte die ungleiche Kante durch den Stoff und legte es in die Truhe, weit genug von der Stelle entfernt, an der er später nach frischen Sachen greifen würde.
Ein kleiner Rest der Falx. Er hatte für ein ganzes Stück Stahl gearbeitet und nur diesen Splitter behalten. Jetzt war er damit quer durch das Land gereist, sorgfältig gewickelt, wie mit einem Gegenstand, den niemand ersetzen konnte. William betrachtete das Tuch noch einen Moment. Er hätte Gregorius nicht erklären können, weshalb es mitmusste, ohne mehr von sich zu erzählen, als auf einer Bahnfahrt angemessen gewesen wäre.
Er löste den Schwertgurt, ließ die Hand über den Griff gehen und prüfte den Sitz der Scheide. Dann lehnte er die Waffe neben den Tisch. Als das Gewicht von seiner Hüfte verschwunden war, fühlte sich der Körper auf einer Seite leichter an. Er bemerkte erst jetzt, wie fest er die Schultern gehalten hatte.
Im kleinen Nebenraum beugte er sich über das Wasser. Das erste Tuch wurde grau. Er wusch sich noch einmal, fuhr über den Hals und bis unter den Kragen und spritzte dabei Wasser auf den Boden. Der Spiegel zeigte einen müden Mann mit feuchtem Haar. William neigte den Kopf, um die Stelle unter dem Auge zu sehen, und konnte nicht unterscheiden, welcher dunkle Strich Schmutz und welcher schon der Schatten des Gesichts war.
Die Frau klopfte, als er sein frisches Hemd anzog. Er rief, sie könne hereinkommen, und hörte, wie sie das Tablett abstellte.
»Die Anschrift klärt Herr von Walthersaar mit Euch«, sagte sie durch die offene Tür. »Ich habe ihm ausrichten lassen, dass Ihr fragt. Und es gibt Suppe. Die ist heiß, auch wenn Ihr es eilig habt.«
»Ich habe es nicht eilig.«
»Umso besser.«
Als William in das Zimmer zurückkam, war sie fort. Auf dem Tisch standen eine Schale, Brot und ein Becher. Neben dem Tablett lag ein Löffel so genau am Rand eines gefalteten Tuchs, dass er ihn beinahe vorsichtig aufnahm. Dann roch er die Suppe und merkte, wie hungrig er war.
Er aß zunächst im Stehen, erinnerte sich an Gregorius und setzte sich. Es war angenehm, für die nächsten Minuten eine Tätigkeit zu haben, bei der man bemerkte, wann sie getan war. Die Wärme ging ihm bis in den Magen. Er brach ein zweites Stück Brot ab und sah auf den leeren Platz gegenüber.
Bethany hätte sich dort hinsetzen können. Sie hätte das Brot genommen, vielleicht erst von der Fahrt hören wollen und dann doch aus dem Fenster gesehen, während er ihr etwas erzählte. Er vermisste die Freiheit, ihr einen Gedanken sagen zu können, ehe er wusste, was daraus werden sollte. Auf der Reise hatte er vieles fertig gedacht, weil niemand auf halbem Weg mit einer Frage dazwischenkam, die nur sie gestellt hätte.
Nach dem Essen nahm er sein Schreibzeug heraus. Er legte ein Blatt so hin, dass der Schatten des Fensterrahmens nicht darüberfiel, und setzte sich. Eine Weile hielt er die Feder zwischen den Fingern, ohne sie einzutauchen.
Er wusste genug für einen Anfang. Gregorius ließ ihn nicht verloren gehen. Berkanor hatte geschrieben. Das Zimmer war groß, das Essen gut, und die Frau, die es gebracht hatte, hielt ihn wahrscheinlich für einen Mann, der sich vor der Audienz eine Decke umlegen wollte.
William lächelte. Dann legte er die Feder hin. Er wollte die Anschrift zu den ersten Zeilen setzen, damit er sie nicht vergaß, und Gregorius würde bald kommen. Das Blatt konnte warten, bis er wieder hier war. Er nahm sich vor, dann nicht erst zu entscheiden, ob das Gespräch mit dem König gut genug ausgegangen war, um davon zu erzählen.
Als es klopfte, saß er noch am Tisch.
Gregorius öffnete nach seiner Antwort die Tür und blieb einen Augenblick stehen. Sein Mantel war gewechselt, die Reisetasche fort. Nur die Stelle am Kragen, an der er vorhin gewischt hatte, wirkte noch etwas dunkler.
»Ah. Ihr habt gegessen.«
»Und mich gewaschen. Man sagte mir, das könne nicht schaden.«
»Hier bekommt Ihr brauchbare Ratschläge.« Gregorius sah auf das Blatt. »Die Postanschrift gebe ich Euch nachher. Wir sorgen dafür, dass Antworten ankommen. Jetzt werdet Ihr erwartet.«
William stand auf und griff zum Schwertgurt. Gregorius wartete, bis er ihn befestigt hatte. Dann betrachtete er ihn kurz von oben bis unten, ohne am Sitz der Kleidung etwas auszusetzen.
»Was soll ich tun, wenn ich hineingehe?«, fragte William.
»Ich stelle Euch vor. Ihr grüßt Seine Majestät. Danach hört Ihr zu. Das wird fürs Erste reichen.«
»Und wenn ich etwas fragen möchte?«
»Dann werdet Ihr fragen. Ich habe Euch lange genug bei mir gehabt, um mir da keine falschen Hoffnungen zu machen.«
William nahm Berkanors Brief noch einmal aus der Tasche und steckte ihn in die innere Tasche seines Mantels. Das leere Blatt ließ er auf dem Tisch. Er sah sich im Zimmer um, als müsse er prüfen, ob er später wirklich wieder hierher zurückkehren durfte. Dann folgte er Gregorius hinaus.
Auf dem Gang gingen sie zunächst nebeneinander. Gregorius nahm einen anderen Weg als den, auf dem William hergekommen war. Hinter einer offenen Flügeltür veränderte sich das Licht.
William blieb stehen.
Der Raum dahinter reichte durch die Höhe zweier Geschosse. Über den Fenstern verlief ein gemalter Himmel, dessen helle Ränder zwischen den Wölbungen der Decke verschwanden. Er sah Wolken, die von unten ganz leicht wirkten, und darunter schwere Körper aus weißem Stein: Pferde, ein sich aufrichtendes Tier, die Hand eines Mannes an dessen Hals. Das Licht traf die vergoldeten Kanten ihrer Einfassungen. An manchen Stellen schien sich die Farbe vom Stein zu lösen und im Raum zu stehen. Erst als William den Kopf bewegte, fiel der Glanz wieder an seinen Platz.
Er kannte Zeichnungen solcher Räume. In Büchern hatten die geraden Linien den Eindruck erweckt, als könne man ihre Größe mit dem Blick beherrschen. Hier musste er sich umwenden. Sein eigener Schritt kam von einer Wand zurück, die er noch nicht angesehen hatte.
Gregorius war weitergegangen. Er bemerkte, dass William fehlte, und kehrte einige Schritte zurück.
»Kommt. Ihr dürft unterwegs hinsehen.«
William ging neben ihm her. Die Steinplatten unter ihren Füßen wechselten von dunklem Grün zu einem Weiß mit feinen grauen Adern. Auf der gegenüberliegenden Seite standen hohe Spiegel zwischen den Fenstern. In einem sah er sich erst gehen, bevor er das Gesicht erkannte: einen Mann mit dem Schwert an der Hüfte, der den Kopf hob und dadurch jünger wirkte, als er sich eben noch gefühlt hatte. Er senkte das Kinn. Die Pferde über ihm verloren deshalb nichts von ihrer Größe.
»Von der Stadt aus ahnt man davon wenig«, sagte er.
»Von der Stadt aus sieht man gewöhnlich auch nicht auf die Innenseite der Wände.«
»Ihr wisst, was ich meine.«
Gregorius sah hinauf. »Ja. Ich habe bei meinem ersten Besuch länger gebraucht als Ihr.«
William wollte fragen, wann das gewesen war. An der nächsten Tür kam ihnen eine Frau mit einer flachen Schale entgegen. In feuchtes Tuch eingeschlagen lagen darin abgeschnittene Zweige. Sie trug die Schale dicht vor dem Bauch; ein langer Ast wippte über ihren Unterarm und berührte beinahe Gregorius' Ärmel.
»Vorsicht. Der tropft noch«, sagte sie.
Gregorius trat zur Seite. William wich in dieselbe Richtung aus und stand ihr damit wieder im Weg. Sie blieb stehen.
»Einer links, einer rechts. Das wäre nett.«
William ging nach links. Die Frau sah ihn kurz an, ob er dort bleiben werde, und trug ihre Schale zwischen ihnen hindurch. Am Fenster stellte sie sie auf einem Tuch ab. Neben ihr stand eine hohe Vase, deren dunkle Glasur so glatt war, dass William die Fensterstreben darin sah. Sie nahm die alten Zweige heraus. Ein Blatt fiel auf den Boden, blieb mit der feuchten Seite liegen und wurde unter ihrem Schuh zerdrückt, als sie sich nach dem frischen Griff umwandte.
Es war ein kleines, hässliches Geräusch in diesem Raum. William merkte, dass es ihn erleichterte.
»Diese Räume werden benutzt?«, fragte er, als sie außer Hörweite waren.
»Dieser jedenfalls. Ihr benutzt ihn gerade.«
William sah ihn an. Gregorius lächelte, wurde dann aber ernster.
»Ihr meint größere Gesellschaften. Empfänge. Manche Räume häufiger, manche seit einer Weile kaum. Wenn ein Tisch leer bleibt, trägt ihn niemand deshalb am nächsten Morgen hinaus. Dafür ist zu viel von diesem Haus eingerichtet worden.«
Durch einen offenen Türspalt sah William eine lange Reihe heller Stuhllehnen. Tücher lagen über mehreren von ihnen, und das Tageslicht erreichte nur die ersten Plätze. Er dachte an einen Abend, an dem Menschen dort nebeneinander gesessen hatten. An Gespräche, die gerade laut genug gewesen waren, um bis zur nächsten Person zu reichen. Er konnte sich das Leben zwischen diesen Stühlen leichter vorstellen als den Mann, für den alle gekommen waren.
»Und der König?«
»Hat andere Wege als wir.«
William hörte an Gregorius' Ton, dass die kurze Antwort genügen sollte. Er ließ den Blick von der Tür. Weiter vorn hatte jemand die Fensterflügel geöffnet. Ein wenig Wind bewegte den unteren Rand eines Vorhangs, schwerer Stoff, dunkelrot, an dessen Saum eine schmale goldene Borte hing. Er bauschte sich kaum. William berührte ihn beim Vorbeigehen versehentlich mit dem Handrücken; der Stoff war kühl und dichter, als er erwartet hatte.
In der Akademie wäre ihm zuerst die Rechnung eingefallen: wie viel Arbeit, wie viele Hände, wie viele Stunden. Jetzt hatte er die Farbe im Auge und wollte sie nicht verlieren. Das ärgerte ihn. Er hatte sich auf den Herrscher vorbereitet, auf Gründe und Fragen, und musste entdecken, dass ein schöner Raum ihn trotzdem erreichen konnte. Er hätte sich selbst nicht geglaubt, wenn er darüber einfach hinweggesehen hätte.
Gregorius wartete vor einer geschlossenen Tür. Neben ihm stand ein Wächter. Die beiden sprachen leise miteinander; William hielt genügend Abstand, um nicht ungebeten zuzuhören. Auf der anderen Seite des Raums wurde ein Fenster geschlossen. Der Wind ließ nach. Man hörte wieder die Schale der Frau, einen Zweig, der gegen das Glas schlug, ein kurzes Scharren, als sie das zerdrückte Blatt aufnahm.
Der Wächter ging durch eine schmalere Seitentür. Gregorius blieb stehen.
»Sind wir zu früh?«, fragte William.
»Wir werden gemeldet.«
»Ich dachte, man wüsste, dass Ihr mich bringt.«
»Man weiß es. Trotzdem muss drinnen jemand erfahren, dass wir jetzt hier stehen.« Gregorius strich mit dem Daumen über seinen Mantelärmel. »Das ist einer der Nachteile, wenn man in einem Haus wohnt, in dem man nicht bis zur nächsten Tür rufen kann.«
William sah zurück. Von hier aus konnte er den Anfang der Galerie nicht mehr erkennen. Hinter jeder Tür musste jemand wissen, welche Menschen davor warteten; vor jeder anderen waren Menschen, die selbst nicht entscheiden konnten, wann sie weitergingen. Gregorius kannte sie, begrüßte sie, wurde erkannt. Auch er stand jetzt still.
William hätte sich eben noch gewünscht, das ganze Gebäude allein durchwandern zu dürfen. Nun kam ihm der Wunsch töricht vor, nicht wegen seiner Unerfüllbarkeit, sondern weil er sich dabei nur Räume vorgestellt hatte. Keine Menschen, auf deren Arbeit er traf und die ihn irgendwohin hätten begleiten müssen. Vielleicht hatte er auch vom König bisher vor allem eine Vorstellung dessen, was dieser können müsste.
Er wollte sie nicht aufgeben, bloß weil ein Vorhang schön war.
Die Seitentür ging auf. Der Wächter kehrte zurück und nickte Gregorius zu. Dieser trat an die schwere Tür und legte die Hand auf den Griff.
William sah noch einmal in den Raum. Die Frau am Fenster hatte einen der neuen Zweige wieder herausgenommen und kürzer geschnitten. Nun blieb der Blick durch das Glas frei. Sie prüfte es von der Seite, hob ihre Schale auf und ging weiter.
Gregorius öffnete die Tür.
Jenseits davon begann der geschützte Teil des Palastes. Dort wartete ein Mann, der Williams Namen kannte und einen Grund gehabt hatte, ihn hierherzuholen. Diesmal wollte William den Grund aus dessen eigenem Mund hören.