1 · Was vom Warten bleibt
Am Morgen ließ sich die Tür nicht öffnen.
Caspian hatte den Schlüssel zweimal gedreht, ehe er bemerkte, dass der Riegel im verzogenen Rahmen klemmte. Er hob die Klinke ein wenig an und bekam die Tür auf. Das Metall schabte über das Holz. Unten klapperte Geschirr.
Er blieb auf der Schwelle stehen und sah zurück. Das Bett war zerwühlt, die Kerze heruntergebrannt. Auf dem Tisch lag die gewöhnliche Münze, nach der er am Abend gegriffen hatte. Er steckte sie ein. Die andere fühlte er durch den Stoff seiner Tasche.
Zwei Falken. Er hatte sie oft genug angesehen.
Der Schlüssel, den William ihm gegeben hatte, lag in der inneren Manteltasche. Die Paginae steckten in ihrer Hülle. Caspian ließ das Buch im Zimmer, schloss ab und nahm diesmal die Klinke so hoch, dass sich das Metall ohne Widerstand schieben ließ.
Auf der Treppe roch es nach angebranntem Teig.
»Wenn Ihr die Tür weiter so behandelt, müsst Ihr irgendwann durchs Fenster«, sagte die Vermieterin.
Sie stand vor einem schweren Eimer und betrachtete ihn mit dem Unwillen eines Menschen, dem das Gewicht nicht neu war.
»Ich behandle sie mit großer Zurückhaltung. Sie hat angefangen.«
»Das Holz ist verzogen. Hebt beim Schließen an.«
»Das habe ich inzwischen gelernt.«
»Dann lernt jetzt den Eimer.«
Caspian sah auf ihre Hände. Eine war um ein Tuch gewickelt.
»Verbrannt?«
»Nein, zur Zierde. An der Pfanne. Da ist ein Tuch für den Henkel, wenn Ihr empfindlich seid.«
Er nahm den Eimer. Der erste Zug ging ihm unangenehm in die Schulter, aber er bekam ihn hoch und trug ihn durch den schmalen Gang. Die Frau schob mit dem Fuß einen Schemel aus dem Weg. Im Hof stand ein niedriger Trog.
»Nur die Hälfte«, sagte sie.
Er hielt inne.
»Warum sagt Ihr das erst jetzt?«
»Weil Ihr noch nichts hineingeschüttet habt.«
Sie zeigte ihm, wohin das übrige Wasser sollte. Er ging ein zweites Mal, stieß den Eimer an den Türpfosten und verschüttete einen Streifen über seine Stiefel. Die Frau machte ein Geräusch, das er für unterdrücktes Lachen hielt.
»Ich hatte durchaus vor, sie zu putzen«, sagte er.
»Dann ist ja alles richtig.«
Als er den leeren Eimer abstellte, war er warm geworden. Die Vermieterin ging zur Pfanne zurück. Sie schob das angebrannte Stück beiseite und bot ihm das nächste an.
»Ich bezahle mein Frühstück.«
»Das tut Ihr auch. Aber wenn Ihr schon in meiner Küche herumsteht, müsst Ihr nicht warten, bis es kalt wird.«
Er setzte sich auf den Schemel. Das Essen war heiß genug, dass er die ersten Bissen vorsichtig nahm. Die Frau beschwerte sich über den Mann, der ihr das Brennholz brachte. Er habe unten feuchte Stücke hineingelegt und die trockenen darüber, als könne sie nur die Oberseite eines Stapels sehen.
»Vielleicht hat er mit Eurer verbrannten Hand gerechnet.«
»Die Hand hat Augen, wenn es um mein Geld geht.«
Sie hielt ihm die verbundenen Finger hin. Caspian lachte und rückte zur Seite, als sie nach der Schüssel griff.
Der Morgen ging vorüber, ohne dass er zur Festung aufbrach.
Später bezahlte er seine Unterkunft. Er zählte das gewöhnliche Geld auf dem Tisch ab, ließ sich das Wechselstück geben und steckte es zu dem Rest. Es war weniger geworden. Selbstverständlich war es weniger geworden; er hatte in diesen Monaten gegessen und gewohnt. Trotzdem schloss er die Hand einen Augenblick fester darum, bevor er die Münzen in den Beutel gleiten ließ.
Die Vermieterin hielt den leeren Teller schräg und kratzte etwas vom Rand.
»Ihr könnt heute mit zum Brunnen, wenn Ihr ohnehin hinausgeht. Ich habe keine Lust, den ganzen Tag Wasser über meine Finger zu kippen.«
»Ich habe nichts anderes vor.«
Er hörte den Satz, während er ihn sagte. Dann zog er seinen Mantel an.
***
In den nächsten Wochen nahm er wieder kleine Arbeiten an. Vieles davon kannte er von den Reisen mit Ansel. Nun musste er sich allein darum kümmern, am nächsten Morgen auch hinzugehen. Er half beim Entladen eines Wagens, hielt eine Leiter, schrieb für einen Mann eine Nachricht, weil dessen eigene Hand nach einem Sturz schlecht gehorchte. Der Mann diktierte langsam und sah nach jedem Satz auf das Blatt, als müsse er am Aussehen erkennen, ob Caspian ihn richtig verstanden hatte.
»Schreibt nicht, dass es mir gut geht.«
Caspian strich die Wörter durch.
»Ihr habt gesagt, ich soll Eure Tochter beruhigen.«
»Ja. Sie soll nicht kommen. Das heißt nicht, dass es mir gut geht.«
»Was soll ich ihr dann sagen?«
Der Mann rieb mit der gesunden Hand über sein Knie. Er saß am Tisch eines Nachbarn; die Tinte gehörte ebenfalls nicht ihm.
»Dass ich Hilfe habe. Ihr sitzt ja da. Wenn ich ihr nur schreibe, dass ich gefallen bin, lässt sie alles stehen und liegen. Dann kommt sie her, schläft schlecht, weil ich nachts etwas brauche, und ärgert sich, weil zu Hause ihre Arbeit liegenbleibt. Das sagt sie mir nicht, aber ich sehe es ihr an. Ich will nicht, dass es wieder so wird.«
Caspian drehte die Feder zwischen den Fingern. »Sie wird Euch trotzdem fragen, weshalb Ihr ihr nichts gesagt habt. Dann müsst Ihr ihr erklären, dass Ihr bereits entschieden hattet, wie viel Sorge sie sich machen darf. Wollt Ihr das in diesen Brief schreiben oder wartet Ihr lieber, bis sie vor Euch steht?«
»Ihr könnt einen Menschen auch gründlich um die Ruhe bringen.«
»Dafür werde ich heute offenbar bezahlt.«
Der Mann betrachtete seine verbundene Hand. »Schreibt, dass ich Hilfe habe. Und dass ich froh wäre, wenn sie einmal käme. Aber nicht wegen des Arms. Einfach so.«
Caspian schrieb. Dann las er die Nachricht vor. Zweimal unterbrach ihn der Mann, um noch etwas hinzuzufügen. Ein Satz darüber, wo die Tochter einen alten Topf finden würde, wenn sie ihn doch brauche, wurde länger als alles über seinen Sturz.
Als sie fertig waren, war das Blatt voll.
»Ihr schreibt schön«, sagte der Mann.
»Das hat man mir schon in weniger friedlichen Angelegenheiten vorgeworfen.«
»Kann sie es auch lesen?«
»Wenn sie lesen kann.«
Der Mann sah ihn an.
Caspian senkte den Blick auf die Schrift. »Ja. Ich habe es deutlich geschrieben.«
Er bekam eine kleine Zahlung und etwas Brot. Der Mann fragte, ob er in einigen Tagen noch einmal kommen könne, falls eine Antwort eintreffe.
»Ich bin hier«, sagte Caspian.
Es gefiel ihm, dass diese Auskunft genügte.
Er kaufte Faden für eine weitere dünn gewordene Stelle seines Mantels. Seine ältere Flicknaht hielt noch; diesmal legte er etwas Stoff hinter die schadhafte Stelle, statt wieder an den brüchigen Rändern zu ziehen. Die Stiche sahen ungleichmäßig aus, aber beim Anziehen spannte nichts. Er trug den Mantel noch am selben Tag, und niemand bemerkte die Arbeit.
Die Vermieterin gab ihm eine Schale zum Waschen. Er kürzte den Bart, sobald er sich wieder im Essen fing. An guten Tagen aß er mit Appetit. An anderen stand er vor dem Brot und wusste, dass er es kaufen sollte, ohne sich dazu bewegen zu können. Dann nahm er trotzdem ein Stück mit, weil die Frau hinter dem Stand ihn bereits gesehen hatte und fragte, ob er heute wieder nichts wolle.
Nicht jeder Tag brauchte einen Entschluss.
Ein Mann, der Waren zur Hafenstadt fuhr, wartete eines Morgens vor dem Haus auf die Vermieterin. Er wollte eine Zahlung für gelieferte Säcke abholen. Caspian hielt ihm die Tür auf.
»Seid Ihr der neue Mieter?«
»Nicht mehr besonders neu.«
»Für mich schon. Der vorige konnte immer alles besser festbinden. Seine Schnur lag dann auf der Straße.«
Der Mann lehnte sich gegen den Wagen. Caspian sah auf die Ladung und fragte, ob der Weg bis zum Hafen lange dauere.
»Lange genug, dass ich ihn nicht zum Vergnügen fahre. Wollt Ihr mit?«
»Vielleicht.«
»Dann vielleicht am nächsten Markttag. Heute komme ich nicht wieder zurück.«
Er nannte einen Preis. Caspian rechnete im Kopf, während die Vermieterin mit dem Geld aus der Küche kam.
»Die Säcke waren an der Naht offen«, sagte sie.
»Einer.«
»Zwei. Den zweiten habe ich selbst geschlossen.«
Der Mann protestierte, zunächst mit der Art munterer Empörung, die offenbar zum Handel gehörte, dann ernsthafter. Caspian hörte nur halb zu. Er sah über die niedrigen Dächer hinweg in die Richtung, in der der Hafen liegen musste.
Er war nahe genug, um aus Geduld einen Entschluss zu machen.
Das hatte der Sammler gesagt. Mit dem Gesicht seines Vaters, das sich zur Warnung geneigt hatte, während darunter nichts Vertrautes zu finden gewesen war.
»Ihr könnt auch laufen«, sagte der Fuhrmann zu ihm, als die Geldfrage beendet war. »Wenn Ihr nichts tragen müsst. Nur wundert Euch nicht, wenn Ihr am Abend keine Lust mehr auf Fragen habt.«
»Was für Fragen?«
»Wisst Ihr denn schon, wohin Ihr wollt?«
Caspian blickte ihn an.
Der Mann zog einen Sack zurecht. »Eben.«
Am nächsten Markttag hörte Caspian den Wagen unten halten. Er hatte seine Tasche gepackt. Das Brot war eingewickelt, der Mantel angezogen. Auf dem Tisch lag der Schlüssel.
Er nahm ihn auf und betrachtete die Linien im Licht.
Der Sammler hatte nicht verlangt, dass er in diesem Zimmer blieb. Er hatte ihn vor dem unvorbereiteten Weg zur Festung gewarnt. Fragen zu stellen war etwas anderes. Es war vernünftig. Es war sogar die einzige Möglichkeit, irgendwann besser vorbereitet zu sein.
Unten rief der Fuhrmann nach ihm.
Caspian steckte den Schlüssel ein und ging zum Fenster.
»Fahrt ohne mich.«
»Dann sagt es früher!«
»Das nächste Mal.«
Der Wagen setzte sich in Bewegung. Caspian sah zu, bis das letzte Rad hinter dem Nachbarhaus verschwunden war.
Er wusste nicht, ob er vorsichtig gewesen war. Für diesen Morgen genügte ihm, dass er geblieben war.
***
Die Antwort der Tochter kam, und Caspian las sie dem Mann vor. Sie enthielt Sorge, einen Vorwurf wegen der Leiter und die Ankündigung, doch zu kommen. Der Mann schimpfte, bis Caspian zu der Stelle gelangte, an der sie fragte, ob der Topf wirklich noch einen Deckel habe.
Da begann er zu lachen.
Später kam sie. Caspian sah die beiden vor der Tür miteinander streiten. Der Mann ließ sich den Arm stützen und erklärte zugleich, er brauche keine Hilfe. Die Tochter hörte ihm mit einem Gesicht zu, das Caspian an Menschen erinnerte, die einen Satz schon seit vielen Jahren kannten und dennoch auf sein Ende warteten.
Sie dankte ihm für den Brief.
»Er hätte sonst bis zur nächsten Reise nichts gesagt.«
»Das war ungefähr seine Absicht.«
»Das glaube ich Euch.«
Ihr Vater rief nach ihr. Sie hob die Hand, als müsse sie seine nächste Beschwerde aus der Luft fangen, und ging hinein.
Caspian blieb einen Augenblick auf der Straße stehen. Er hatte einen Menschen mit einem anderen verbunden. Jetzt brauchten sie ihn nicht mehr.
Das war gut. Er sagte es sich ohne Ironie.
Auf dem Weg zurück nahm er eine andere Gasse, weil er noch nicht in sein Zimmer wollte.
Der Sommer oder das, was ihm von ihm blieb, zog durch offene Fenster. Später standen morgens wieder beschlagene Scheiben über dem Hof. Caspian ging nun öfter hinaus, bevor er wusste, wann er zurückkommen würde. Manchmal gab es Arbeit, manchmal nur einen Hinweis darauf, wo am nächsten Tag welche sein könnte.
Die Vermieterin schickte ihn eines Morgens zu einem Hof, in dem Holz umgeschichtet werden musste.
»Die Abdeckung ist heruntergekommen«, sagte sie. »Er hat es zu spät gesehen. Jetzt liegt das Nasse zwischen dem Trockenen, und er braucht jemanden, der es auseinanderzieht.«
Caspian sah auf seine Hände.
»Das kann ich machen. Hat er schon jemanden?«
»Einen. Sonst hätte ich Euch nicht geschickt. Er braucht Hände, und Ihr könnt ihm wenigstens antworten, wenn er etwas fragt.«
Sie beschrieb ihm den Hof. Er fand ihn, indem er dem Geräusch folgte: Holz schlug gegen Holz, dann fluchte jemand und legte das nächste Stück vorsichtiger ab.
Der Mann, dem der Stapel gehörte, stand auf einem umgedrehten Kasten. Ein jüngerer Helfer nahm ihm Scheite ab und brachte sie unter einen schmalen Unterstand. Vor der offenen Seite lag ein Tuch, schwer vom Wasser der Nacht.
Caspian blieb am Eingang stehen und erklärte, wer ihn geschickt hatte.
Der Mann sah ihn von oben an.
»Könnt Ihr bis zum Nachmittag bleiben?«
»Wenn wir uns über den Lohn einig werden.«
Der Mann stieg herunter. Er nannte einen Betrag und sagte, dass Caspian mittags mitessen könne. Reich würde man davon nicht, fügte er hinzu; das Dach selbst müsse er ebenfalls noch bezahlen.
Caspian überschlug, wie weit das Geld reichte. Nicht weit. Doch er hatte heute keinen anderen Auftrag, und ein Tag im Zimmer brachte auch nichts ein. Er stimmte zu, legte den Mantel an einen trockenen Platz und behielt die Tasche so bei sich, dass er sie sehen konnte.
Der jüngere Mann zeigte ihm zwei Stellen auf dem Boden.
»Hier das, was wir gleich wieder stapeln. Dort das, was Luft braucht. Der obere Teil war offen. Unten ist nicht alles nass.«
Caspian nahm das erste Scheit in die Hand, drehte es und prüfte die hellere Unterseite. Nur die Rinde hatte Wasser abbekommen. Er legte es neben die anderen Stücke, die oberflächlich feucht waren.
»Die sollen hier vorne bleiben«, sagte der Helfer. »Er braucht heute Abend noch davon. Wenn wir sie hinter die ganz nassen legen, holen wir nachher alles wieder heraus.«
»Dann trennen wir die gleich ab.« Caspian zeigte auf den trockenen Rand unter dem Dach. »Reicht ihm die Reihe?«
»Für heute schon. Wenn wir ihn fragen, will er gleich den halben Winter da liegen haben. Dann kommt er selber nicht mehr zur Tür durch. Gestern hat er mir noch zugerufen, ich soll Platz lassen, während er genau dorthin eine Kiste schiebt.«
Caspian sah zu der Kiste. Der Besitzer stieg wieder darauf, um an den oberen Stapel zu kommen.
»Auf der steht er öfter, als er selber merkt«, sagte der Helfer. »Die räumen wir weg, wenn er unten ist. Sonst schimpft er von da oben bis morgen.«
Nach wenigen Gängen war die Aufteilung klar. Holz hatten Ansel und er auf ihren Reisen oft genug geschichtet. Das hatte ihn damals ebenfalls müde gemacht; er erinnerte sich an den Dreck in den Ärmeln und an die Erleichterung, wenn der letzte Stapel stand. Heute kam er schwer in den gewohnten Wechsel von Greifen, Tragen und Ablegen. Während der Helfer bereits das nächste Stück nahm, musste Caspian sich manchmal erst daran erinnern, dass er nicht zum Zusehen hier war.
Seine Hände wurden warm. Unter den Nägeln sammelten sich dunkle Ränder, und als er ein zu großes Stück auf einmal nehmen wollte, rutschte die Rinde in seiner Hand. Er ließ es fallen, bevor es ihm auf den Fuß kam.
Der jüngere Mann sah auf.
»Kleinere Arme voll. Ihr spart keinen Weg, wenn ich hinter Euch aufsammle.«
Caspian bückte sich und hob die Stücke einzeln auf.
»Ich wollte Euch gerade fragen, ob Ihr etwas für Euren Rücken braucht«, sagte er.
Der andere grinste.
»Einen, der meine Arbeit fertig macht.«
Er nahm ihm zwei Scheite ab. Caspian brachte den Rest hinüber.
Nach einer Weile hörte er auf, zu zählen, wie oft er denselben Weg ging. Er wich der Stelle aus, an der sich sein Schuh leicht verdrehte, und nahm kleinere Lasten. Die Hände wussten, wie die Stücke sicher lagen; er musste aufhören, ihnen mehr aufzubürden, als seine Arme heute tragen wollten. Wenn er zurückkam, nahm er gleich die nächste Reihe in Angriff.
Der Besitzer rief ihm zu, dass unter dem hinteren Stapel noch ein Brett liege, das sie brauchten. Caspian sah die Kante und nahm oben die Stücke ab. Der jüngere Helfer wollte ihm beistehen, aber Caspian hielt ihn kurz auf.
»Wenn Ihr dort drückt, klemmt Ihr es nur fester ein. Nehmt die beiden hier. Dann kann ich es seitlich ziehen.«
Sie versuchten es. Das Brett kam frei, ohne dass der Rest des Stapels nachgab. Der Besitzer nahm es ihnen ab und prüfte die Unterseite.
»Gut. Das legen wir unter die neue Reihe.«
Mehr sagte er nicht. Caspian ging zum nächsten Stück Holz und bemerkte, dass er den Rücken etwas gerader hielt.
Als sie zum Essen gerufen wurden, hatte er Hunger.
Sie saßen auf zwei niedrigen Kisten neben der Haustür. Jemand brachte einen Topf und drei Schalen heraus. Der jüngere Helfer zog seine Schale dicht an sich, tauchte das Brot ein und aß, bis er sich am heißen Rest verbrannte. Er fluchte, ohne den nächsten Bissen lange aufzuschieben.
Caspian lachte.
»Ihr könnt einen Augenblick warten.«
»Dann ist meiner hinüber.«
»Euer was?«
»Der freie Augenblick. Ich muss nachher noch zum Markt. Dort haben sie vielleicht etwas für mich, und wenn ich zu spät komme, haben sie es für einen anderen.«
Der Besitzer saß nicht bei ihnen. Er aß im Stehen, während er mit einer Frau an der Tür sprach. Sie zeigte auf das nasse Tuch, und er schüttelte den Kopf. Caspian verstand nur, dass die Arbeit am Dach nicht heute geschehen würde.
Der junge Mann wischte die Schale mit Brot aus.
»Ihr bleibt?«
»Bis zum Nachmittag.«
»Dann macht erst die Seite fertig, die schon steht. Sonst habt Ihr nachher zwei halbe Stapel und müsst den Mann bitten, Euch einen davon zu halten.«
Er zeigte Caspian die Stelle, an der die Reihe noch lose war. Dann stellte er seine leere Schale fort, bekam sein Geld und ging.
Caspian sah ihm nach. Er hatte beinahe gefragt, ob er am Markt vielleicht auch gebraucht werde. Aber die Arbeit hier war noch nicht fertig, und er war für sie geblieben. Er aß den letzten Rest, trug die Schalen zur Tür und ging zurück unter den Unterstand.
Am Nachmittag arbeitete er eine Zeit lang allein.
Der Besitzer kam, wenn etwas zu schwer war oder weiter oben gelöst werden musste. Dazwischen sortierte und stapelte Caspian. Jetzt ging ihm die vertraute Arbeit wieder leichter von der Hand. Er konnte über etwas anderes nachdenken, ohne stehen zu bleiben, und musste doch oft genug wieder hinsehen, damit seine Gedanken ihn nicht ganz forttrugen.
Einmal war er so beschäftigt, dass er den Mann erst bemerkte, als dieser neben ihm stand.
»Das ist ordentlich«, sagte er. »Ihr könnt die letzten nach oben legen. Die brauchen wir heute nicht mehr.«
Caspian stellte die Reihe fertig. Seine Ärmel waren hochgerutscht, und an einem Unterarm klebte Harz. Er versuchte, es mit dem Daumen abzureiben, gab es auf und nahm das nächste Stück.
Als alles lag, gingen sie einmal um den Stapel. Der Besitzer drückte gegen zwei Stellen. Nichts bewegte sich. Er nickte und holte Caspians Lohn.
Es war derselbe Betrag, den sie am Morgen vereinbart hatten.
Caspian nahm ihn. Er würde damit Essen kaufen und etwas für die nächste Zahlung zurücklegen können. Der Tag hatte ihm kein Zimmer bezahlt, aber er hatte ihn auch nicht bloß verbraucht.
Der Mann sah auf Caspians Hemd, dessen Naht unter dem Arm aufgegangen war.
»Wartet einen Augenblick.«
Er verschwand im Haus und kam mit einem gefalteten Hemd zurück. Es war an einer Seite dünn geworden, aber gewaschen und im Ganzen besser als das, das Caspian gerade trug.
»Das liegt hier herum. Mir ist es zu eng. Wenn Ihr es brauchen könnt, nehmt es mit.«
Caspian fasste den Stoff an. Für einen Augenblick wollte er ablehnen, als hätte jemand mit dem Hinweis auf seine Kleidung die getane Arbeit wieder aus ihm herausgenommen. Dann dachte er an die Naht, die er längst hatte schließen wollen.
»Danke. Ich kann es brauchen.«
»Dann ist es auch aus dem Haus.«
Der Mann reichte ihm den Mantel. Caspian zog ihn an und hob seine Tasche auf.
»Wenn Ihr wieder Hilfe benötigt —«
»Ich weiß, wo Ihr wohnt. Aber hier bin ich vorerst fertig. Fragt auch anderswo. Ich will Euch nicht jeden Morgen vor dem Tor haben und nichts für Euch tun können.«
Caspian nickte. Er hatte gehofft, einen Ort gefunden zu haben, an dem sich der heutige Tag wiederholen ließ. Der Stapel stand da und war gerade deshalb kein Versprechen für morgen.
Auf dem Rückweg kaufte er Brot. Diesmal brauchte er sich nicht vor dem Stand zu überlegen, ob er Appetit haben sollte. Er hatte welchen. Die Frau fragte, ob er noch das Stück von gestern wolle, und er sagte ja, weil er es später einweichen konnte.
Zu Hause ließ die Vermieterin ihn nicht gleich die Treppe hinauf.
»Ihr habt etwas am Arm.«
Caspian sah auf das Harz.
»Das gehört jetzt offenbar zu mir.«
Sie schob ihm eine Schale hin und sagte, er solle es wenigstens versuchen, ehe er ihr die Türgriffe verklebe. Er stellte die Tasche ab, zog den Mantel aus und wusch die Hände. Die dunklen Ränder unter den Nägeln brauchten länger als der Schmutz auf der Haut.
Die Vermieterin betrachtete das Hemd, das er neben die Schale gelegt hatte.
»Vom Hof?«
Caspian nickte.
»Seine Frau wird froh sein. Sie hebt genug Dinge auf, weil er sie vielleicht noch einmal anziehen könnte.«
»Die Ärmel sind kurz.«
»Dann werden sie beim Waschen nicht nass.«
Er lachte und faltete es wieder zusammen. Sie fragte, ob die Arbeit gelungen sei. Caspian erzählte ihr von dem Brett unter dem Stapel und von dem Helfer, der beim Essen schon den nächsten Auftrag im Kopf gehabt hatte.
»Am Nachmittag war ich fast allein dort. Es ging besser, als ich morgens gedacht hatte.«
»Dann hat er ordentlich bezahlt?«
»Wie vereinbart. Nur wiederkommen soll ich nicht. Jedenfalls nicht jeden Morgen.«
Die Frau hielt beim Abräumen inne.
»Weil er fertig ist?«
Caspian nickte.
»Das ist leider oft so mit Sachen, die einer ordentlich macht«, sagte sie. »Ich höre mich weiter um. Aber wartet deshalb nicht hier auf mich.«
Er legte das Hemd auf seinen Mantel. Dass sie nach dem Lohn gefragt hatte, war ihm lieber als ein Lob für die Stapel. Den guten Teil des Tages konnte er behalten, ohne den übrigen verschweigen zu müssen.
Oben legte er das Hemd auf das Bett. Er zog das alte aus und probierte es an. Die Ärmel reichten tatsächlich nicht ganz bis an die Handgelenke. Am Rücken war es weit genug, dass nichts spannte, wenn er sich vorbeugte.
Er setzte sich ans Fenster und aß.
Seine Arme waren müde, auf eine gewöhnliche Weise, die ihn nicht erschreckte. Er konnte unten die Vermieterin hören. Irgendwo wurde eine Tür zugeschlagen; aus dem Nachbarhof kam das Lachen eines Kindes, das lange nicht aufhörte. Caspian hätte am nächsten Morgen wieder in einen Hof gehen können. Er hätte nach Arbeit fragen, abends das Hemd ausziehen und es an derselben Stelle wieder aufhängen können.
Für eine Weile erschien ihm das als ein Leben, das möglich war.
An diesem Abend legte er das Geld neben den Schlüssel und schob beides wieder auseinander.
Ansel hätte den Unterschied gesehen. Das dachte Caspian, ehe er wusste, welchen Unterschied er meinte.
Vielleicht nur den zwischen einem müden Tag und einem verlorenen Leben.
Er setzte sich auf das Bett und zog die Stiefel aus. Früher hatte es einen Menschen gegeben, dessen Anwesenheit genügt hatte, damit Caspian nicht jeden Gedanken bis an sein schlechtestes Ende verfolgen musste. Er hatte widersprechen, sich ärgern, sich abwenden können; Ansel war nicht mit jeder Laune verschwunden.
Jetzt konnte Caspian eine ganze Nacht recht behalten.
Er stellte die Stiefel nebeneinander und ging noch einmal hinunter, obwohl er kein Wasser brauchte. Die Vermieterin hatte bereits die Küchentür geschlossen.
»Ist etwas?«, rief sie dahinter.
»Nein.«
Er hörte, dass sie wartete.
»Ich wollte nur sehen, ob der Hofriegel zu ist.«
»Den habe ich geschlossen.«
»Gut.«
Er blieb noch eine Weile im Gang stehen, ehe er hinaufging.
***
Als der Regen länger blieb, bat ihn die Vermieterin, ein loses Brett am Unterstand zu befestigen. Sie zeigte ihm die Stelle und gab ihm Hammer und Nägel. Er sagte zu, es am Nachmittag zu tun.
Am Nachmittag lag er auf dem Bett.
Er hatte nicht vorgehabt zu schlafen. Das Licht war nur so trüb gewesen, und ihm war nach dem Essen schwer geworden. Als unten jemand seinen Namen rief, öffnete er die Augen und lag still, bis der Ruf verstummte.
Am folgenden Tag regnete es in den Holzstapel.
»Ihr habt es vergessen«, sagte die Vermieterin.
Sie stand in seiner Tür, während er den Mantel anzog.
»Ich hatte anderes zu tun.«
Die Lüge war klein genug, um ihm im selben Augenblick widerlich zu sein.
»Dann sagt mir das. Ich kann jemanden fragen, der Zeit hat.«
»Ich bin nicht Euer Knecht.«
Sie zog die Brauen zusammen.
»Auf Euer Ja habe ich mich verlassen. Wenn Ihr es heute nicht macht, brauche ich den Hammer zurück und frage jemand anderen.«
»Und deshalb müsst Ihr mir nicht bis hier herauf nachsteigen.«
»Wo soll ich Euch denn suchen? Am Brett wart Ihr nicht.«
Er wollte etwas sagen, das ihr zeigte, wie wenig sie wusste. Über ihn. Über das, was in diesem Zimmer gewesen war. Über die Gründe, aus denen ein Mann einen Nachmittag auf einem Bett verbringen konnte, ohne dass es Faulheit war.
Sie hielt ihm die offene Hand hin.
»Wenn Ihr es nicht tun wollt, gebt mir wenigstens das Werkzeug zurück. Ich habe nur den einen.«
Caspian holte den Hammer unter dem Bett hervor.
»Ich mache es.«
»Heute?«
»Ja.«
Die Frau sah ihn noch einen Moment an. Dann ging sie.
Er stand lange unter dem Dach und brauchte zu viele Schläge für den ersten Nagel. Der zweite bog sich. Beim dritten traf er seinen Daumen und fluchte so laut, dass aus dem Nachbarhof jemand lachte. Caspian wartete, bis der Schmerz nachließ, zog den krummen Nagel heraus und begann noch einmal.
Das Brett hielt schließlich. Er konnte es nicht bewegen, auch als er stärker daran zog.
In der Küche legte er den Hammer auf den Tisch.
»Es tut mir leid«, sagte er.
Die Vermieterin sah zuerst auf seinen Daumen.
»Dafür kann ich nichts.«
»Nicht der Daumen.«
Sie nahm das Werkzeug und strich mit dem Finger über den Griff.
»Ihr könnt einen schlechten Tag haben. Aber ich muss deswegen nicht raten, ob Euer Wort gilt.«
»Ich weiß.«
»Dann macht es mir nicht so schwer.«
Er nickte. Sie schob ihm eine Schale mit Wasser hin, damit er die Hand darin kühlen konnte.
Sie war nicht Ansel. Der Gedanke kam ihm mit einer solchen Undankbarkeit, dass er die Augen schloss.
Natürlich war sie es nicht. Sie vermietete ihm ein Zimmer. Sie hatte ihm Essen gegeben, Arbeit zugetraut, seine schlechte Laune ertragen. Er konnte nicht verlangen, dass sie auch noch wusste, wann sie nachfragen und wann sie schweigen sollte.
»Ist das Brett fest?«, fragte sie.
»Ihr könnt Euch daran hängen.«
»Ich wollte Holz darunterlegen.«
»Dann wird es noch etwas länger halten.«
Diesmal lachte sie. Er lachte mit, vorsichtig, weil die Entschuldigung noch zwischen ihnen stand.
***
Einige Wochen später fuhr er doch.
Der Fuhrmann nahm ihn mit, nachdem Caspian bezahlt hatte. Er musste zwischen zwei festgebundenen Lasten sitzen und die Knie so halten, dass sie bei jeder Unebenheit gegen Holz schlugen. Die Straße führte an Häusern vorbei, die weniger wurden, dann wieder mehr. Caspian roch den Hafen, bevor er Wasser sah: nasses Tauwerk, Rauch, Fisch und etwas Fauliges, das zwischen den Gerüchen lag.
Der Mann hielt an einem Lagerhof.
»Hier müsst Ihr runter. Ich will nicht den ganzen Tag über Euch hinwegsteigen.«
Caspian sprang ab und fing sich mit einer Hand am Wagen. Seine Beine waren steif.
»Wann fahrt Ihr zurück?«
»Wenn ich fertig bin.«
»Das ist eine bemerkenswert genaue Zeitangabe.«
»Dann bleibt hier und helft. Dann merkt Ihr, wann es so weit ist.«
Caspian half beim Abladen. Danach ging er los.
Die Stadt war groß genug, dass seine ersten Fragen nichts miteinander zu tun zu haben schienen. Ein Mann schickte ihn zur nächsten Gasse, eine Frau zum anderen Ende des Marktes. Er kaufte etwas zu essen, weil er sich nicht weiter mit leerem Magen durch fremde Antworten arbeiten wollte.
Die rote Festung sah er zwischen zwei Häuserreihen.
Er blieb stehen.
Ein Wagen musste um ihn herumfahren. Der Mann am Zügel beschimpfte ihn, und Caspian trat zurück, ohne zu antworten.
Die Mauern hatten aus dieser Entfernung nichts Unwirkliches. Sie standen über den niedrigeren Dächern, rot und schwer, mit dunklen Öffnungen, die ebensogut Schatten sein konnten. Menschen gingen vor ihnen ihren Geschäften nach. Von hier aus sah Caspian keine Tür, an die er klopfen konnte.
Er berührte den Schlüssel durch den Mantel.
Ein Briefbeschwerer.
Er nahm die Hand weg und ging zu dem Betrieb, den ihm zuletzt jemand genannt hatte.
Im Hof wurden Säcke auf eine Waage gehoben. Caspian wartete, bis einer der Männer die Hände frei hatte.
»Ich suche jemanden, der Auskünfte über die Festung geben kann.«
»Was für Auskünfte?«
»Über Räume, die schon länger nicht mehr benutzt werden. Alte Bestände. Menschen, die dort gearbeitet haben.«
Der Mann sah zur Waage.
»Dann sucht jemanden, der dort gearbeitet hat.«
»Deshalb bin ich hier.«
»Wir bringen die Ware zu einem anderen Hof. Von da holt man sie ab. Ich war noch nie drin.«
Er nahm einen Sack vom Boden. Caspian griff nach dem anderen Ende, ehe er darüber nachgedacht hatte.
Der Mann ließ ihn helfen. Gemeinsam hoben sie die Last hoch.
»Kennt Ihr den, der sie abholt?«
»Verschiedene. Manche habe ich zweimal gesehen, manche einmal.«
»Und keiner von ihnen hat jemals etwas erzählt?«
»Bestimmt. Ob ich es mir gemerkt habe, ist eine andere Frage.«
Ein jüngerer Arbeiter rief nach ihm. Der Mann wischte sich die Hände an den Hosen ab.
»Fragt bei dem Lager hinter dem Tuchhandel. Die liefern länger als wir. Aber heute ist der Inhaber nicht da.«
»Morgen?«
»Ich bin nicht seine Frau.«
Caspian bedankte sich. Der Mann nickte bereits einem anderen zu.
Er fand den bezeichneten Betrieb und eine geschlossene kleine Tür neben einem offenen Tor. Ein Arbeiter bestätigte, dass der Inhaber erst in einigen Tagen wiederkomme. Caspian fragte nach einer Nachricht, die er hinterlassen könne, und musste dann erklären, dass er in einem anderen Ort wohnte.
»Kommt wieder«, sagte der Arbeiter. »Wenn Ihr Glück habt, ist er da.«
Caspian ging zum Wagen zurück.
Der Fuhrmann hatte noch nicht fertig beladen. Er schob ihm ein Stück Holz hin, das unter einem Rad verkeilt werden musste, und fragte nicht nach seinen Auskünften. Caspian war ihm dankbar dafür.
Auf der Rückfahrt hielt er die Augen geschlossen. Die Knie schlugen wieder gegen das Holz. Unter dem Mantel drückte der Schlüssel an dieselbe Stelle wie zuvor.
Zu Hause verlangte die Vermieterin den Betrag, dessen Zahlung er wegen der Fahrt verschoben hatte.
Er gab ihn ihr.
»War es die Reise wert?«
»Das weiß ich noch nicht.«
»Dann habt Ihr hoffentlich wenigstens gegessen.«
Er nickte.
Oben packte er die Tasche aus. Das Brot war fast verbraucht. Er legte den Schlüssel auf den Tisch, holte das übrige Geld hervor und zählte, was ihm blieb.
Er konnte noch einige Zeit hier wohnen. Weniger lange, wenn er weiter fuhr.
In der Hafenstadt gab es billigere Zimmer. Das hatte er unterwegs erfahren. Ein kleiner Raum würde genügen, ein Bett, eine Möglichkeit, die Tür zu schließen. Er müsste nicht jedes Mal Geld ausgeben, um einen Mann zu verpassen.
Caspian sah auf den Fensterrahmen, auf die Stelle, an der der Regen dunklere Spuren hinterlassen hatte. Er kannte inzwischen fast jeden Fleck dieses Zimmers.
Er steckte das Geld ein und ließ den Schlüssel liegen.
Am folgenden Morgen würde er mit der Vermieterin sprechen.