Praefatio · De Reditu
Der Wind roch nach Schnee, der nicht mehr fallen wollte, und nach Stein, der ihn nicht losließ: der Geruch der Höhe, dünn und blank wie eine frisch abgezogene Klinge, und darunter, kaum mehr als eine Beimengung, das kalte Eisen des Tores.
William stellte den Koffer ab.
Die Reise lag hinter ihm. Sie steckte ihm noch in den Beinen, in den Schultern, über die der Riemen von Peters Tasche lief, und in dem Atem, den die Höhe kurz hielt; aber sie war zu Ende, seit der Pfad seine letzte Wendung genommen hatte und die Mauern über ihm aufgestanden waren, so nahtlos in den Fels gefügt, dass man sie für ein Gewächs des Berges halten konnte, wäre nicht die Vollkommenheit gewesen: die zu reinen Winkel, die Fugen, geschlossen wie die Zeilen eines gut geführten Registers, die schmalen Fenster in ihrer strengen, gezählten Ordnung. Unten, in den Tälern, hatte der Frühling begonnen; die Felder hatten offen und dunkel gelegen, eben gepflügt, und das Licht hatte jene klare, dünne Schärfe gehabt, die es nur hat, ehe die Wärme kommt. Hier oben wusste der Berg noch nichts davon. In den Schattenlagen der Kämme hielt sich der Schnee in harten, grauen Feldern, das Gras zwischen den Steinen war vom Winter gebleicht, und die Sonne, die schräg über die Zinnen fiel, wärmte das Gestein, ohne die Luft zu erreichen. Es war ein Ort, an dem die Jahreszeiten spät ankamen und früh gingen, wie Besucher, denen man zu verstehen gab, dass man ihrer nicht bedurfte.
Er stand vor der Festung des Wissens, und die Festung stand vor ihm, und eine Weile taten beide nichts anderes als das.
Das Tor hatte sich nicht verändert. Zwei Flügel aus schwarzem Eisen, hoch wie das Haus eines wohlhabenden Mannes, und in ihre Fläche gearbeitet das Relief, das er kannte und das ihn kannte: Ketten, die sich zu Schleifen ohne Ende wanden; Augen, die aus geometrischen Mustern hervorsahen, ohne jemanden anzusehen und ohne jemanden auszulassen; und über allem, dort, wo andere Häuser einen Namen oder einen Segen anbringen, das Siegel der Inquisition, die Waage, deren eine Schale ein Schwert trug und deren andere ein aufgeschlagenes Buch. Er hatte in seinem ersten Jahr gelernt, dass dieses Bild keine Zier war, sondern eine Auskunft, und dass die Auskunft stimmte: Man wog hier beides gegeneinander, jeden Tag, und die Waage stand niemals still, und wehe dem, der glaubte, sie neige sich von selbst zur richtigen Seite.
Beim ersten Mal, in einem anderen Herbst, als ein anderer Mensch mit dieser Tasche vor diesem Eisen gestanden hatte, hatte er die Hand gehoben, um zu klopfen, und die Flügel waren seiner Hand zuvorgekommen. Er hob die Hand heute nicht. Er stand und sah das Relief an, die Schleifen, die Augen, die Waage, und wartete, und der Wind ging über die Zinnen und trug von irgendwoher, aus dem Innern, ein einzelnes, fernes Geräusch heran, das Anschlagen von Metall auf Stein, gleichmäßig, geduldig, wie ein Handwerk, das keine Eile kennt. Dann öffneten sich die Flügel. Sie taten es geräuschlos, mit der Genauigkeit gut geölter Mechanik, und nichts daran war ein Wunder und alles daran war Methode: Das Haus sah jeden kommen, lange bevor er da war, es hatte Türme dafür und Fenster und Männer, deren Beruf das Sehen war, und es öffnete dem, den es erwartete, ehe er fragte, weil auch das eine Auskunft war, die erste und vielleicht die ehrlichste dieses Ortes. Wir wissen, dass du kommst. Wir haben immer gewusst, dass du kommst.
William nahm den Koffer auf und trat hindurch.
Die Vorhalle empfing ihn mit einer anderen Kälte als der Berg: der Kälte feuchten Steins, den keine Sonne je berührte, einer stehenden, geduldigen Kälte, die nicht biss, sondern wartete. Das hohe Pult stand, wo es gestanden hatte, und hinter dem Pult stand ein Mann, den er nicht kannte, in dem Grau des Hauses, und vor dem Mann lag aufgeschlagen einer jener Lederbände, in deren langen Spalten die Buchhaltung der Macht geführt wurde: Namen, daneben Vermerke in einer knappen, abgekürzten Hand, Seite um Seite, Jahr um Jahr. Der Mann sah nicht auf. Männer an solchen Pulten sahen nie zuerst auf; das Aufsehen war eine Währung, mit der man hier sparsam wirtschaftete.
„Name.”
„William Allaway.”
Die Feder lief die Spalte hinab, hielt, setzte an. William sah zu, wie sein Name gefunden wurde, wie neben den Namen ein Vermerk trat, kurz, drei, vier Zeichen der abgekürzten Hand, und er las die Zeichen verkehrt herum über das Pult hinweg, aus alter Gewohnheit, ohne es zu wollen: zurück aus dem Felddienst, und ein Datum. Das war alles. Ein halbes Jahr in einer fremden Stadt, sechs Tote, ein Geständnis, ein Freispruch, ein Begräbnis; der Orden fasste es in vier Zeichen und ein Datum, und die Feder trocknete schon wieder, ehe der Gedanke in ihm zu Ende gedacht war. Es lag keine Geringschätzung darin. Es lag nicht einmal Gleichgültigkeit darin. Es lag darin nur die Ordnung eines Ordens, der seit Jahrhunderten Menschen aussandte und wiederempfing und gelernt hatte, dass die Spalten schmal bleiben müssen, wenn das Buch nicht zerreißen soll.
„Das Gepäck.”
Er hob den Koffer auf das Pult, dann die Tasche, und während die Hände des Verwahrers die Riemen lösten, dachte er an das erste Mal, an den Lidschlag, in dem ihm damals das Herz gestockt hatte, weil zwischen Tinte und Federkielen das feine Gerät eines Toten gelegen hatte und er nicht gewusst hatte, was ein wachsames Auge daraus machen würde; er hatte damals eine Begabung an sich entdeckt, von der er nichts hatte wissen wollen, die Begabung zur beflissenen Ehrerbietung, und hatte mit einem geliehenen Namen bezahlt, mit dem Namen des Archivars auf seiner Zulassung, und war durchgekommen. Nichts davon regte sich heute. Er sah zu, wie die Hände das Schreibzeug hoben, das Tintenfass, das gebundene Buch, das Bündel Kiele; wie zwei Finger das kühle Eisen darunter streiften, das abgegriffene, feine Gerät, und darüber hinwegglitten, wie man über das Werkzeug eines Handwerks gleitet, das man selbst lehrt. Ein Haus, das das Fälschen unterrichtete wie das Lesen, fragte nicht nach Werkzeugen; es fragte, in wessen Namen man sie führte, und sein Name stand seit zwei Jahren in diesen Spalten und trug seine eigenen Vermerke. Der Verwahrer legte die Dinge zurück, band die Riemen, schob Tasche und Koffer über das Pult, und seine Feder setzte einen letzten Haken.
Verzeichnet wurde, was sich wiegen ließ. Was William sonst mitgebracht hatte, hatte kein Gewicht, das eine Waage kannte, und keine Spalte, die schmal genug gewesen wäre, es zu fassen, und er trug es durch die Vorhalle, unverzeichnet, wie er es den ganzen Winter getragen hatte.
„Anwärter Allaway”, sagte der Verwahrer, und es war keine Anrede, es war eine Feststellung, die Rückgabe eines Standes wie die Rückgabe eines verwahrten Mantels: In der fremden Stadt hatte man ihn Inquisitor genannt, ein halbes Jahr lang, in Verfügungen und Protokollen und einmal, spät, in einer Gasse, von einem Mann, der es nicht mehr aussprechen konnte; die Festung nahm den Titel an der Schwelle zurück wie ein Leihstück, sorgfältig, ohne Bedauern, und legte ihm den alten wieder um. „Der Hof steht offen. Die Zuweisung der Quartiere hängt am Brett der zweiten Galerie.”
William neigte den Kopf, nahm Koffer und Tasche und ging auf das innere Tor zu, und im Gehen, zwischen zwei Schritten, kam ihm der Satz entgegen, mit dem dieser Ort jeden empfing und entließ, der Satz aus dem neunten der Gesetze, die er in einer kalten Nacht geschworen hatte: dass, wer diese Akademie betrete, für die Welt sterbe, die er gekannt habe, und dass, wer sie verlasse, gleich auf welche Weise, für immer ein anderer sei. Er war gegangen, und der Satz hatte recht behalten; er war ein anderer geworden, gründlicher, als das Gesetz es sich hatte träumen lassen. Nun trat er zum zweiten Mal ein, und die Frage stand einen Atemzug lang neben ihm im kalten Gang, sachlich, unbeantwortet: was denn beim zweiten Eintreten sterbe, da die gekannte Welt schon einmal gestorben war.
Er wusste es nicht. Er trat hindurch.
Der Innenhof war ein vollkommenes Rechteck aus grauem Stein, und der Herbst, der unten im Tal noch golden gestanden hatte, war hier herauf nicht mitgekommen; die Höhe ersetzte ihn durch Licht: ein hartes, weißes, sehr klares Licht, das die Kanten der Arkaden nachzog wie eine geübte Hand die Linien einer Reinschrift und den Brunnen in der Mitte des Hofes zum Glänzen brachte, ohne ihn zu wärmen. Über dem Wasser stand dünner Dunst. Am Rand des Beckens hatte sich über den Winter eine Kruste aus Eis gehalten, grau geworden, porös, im Rückzug; das Wasser darunter lief, wie es immer lief, gleichmäßig, geduldig, mit dem leisen, steinernen Ton, der zu diesem Hof gehörte wie die Glocke zum Turm.
Und der Hof war voll.
Das war das Erste, was er sah, und das Zweite war, dass die Fülle ihn nichts anging. Unter den Arkaden, auf den flachen Stufen vor dem Refektorium, um den Brunnen in kleinen, lockeren Gruppen standen die Heimgekehrten, zwei Dutzend, drei, in der dunkelblauen Ausrüstung der älteren Anwärter, auf der Brust das kleine goldene Zeichen, den Raben der Ausbildung, den sie alle trugen und er auch, und ihre Stimmen lagen über dem Hof wie etwas, das hier sonst nicht vorkam: leicht. Man sprach. Es war die Stunde, in der die Regel das Sprechen erlaubte, und man nutzte sie, wie Heimgekehrte sie nutzen, mit Geschichten, und William, der stehen geblieben war, ohne es zu beschließen, den Koffer in der einen Hand, den Riemen der Tasche in der anderen, hörte den Geschichten einen Augenblick zu, wie man dem Regen zuhört.
Sie waren rund. Das hörte er zuerst, noch vor den Worten: Die Geschichten hatten den runden, abgegriffenen Klang von Münzen, die durch viele Hände gegangen waren, jede Kante längst glatt erzählt, jede Pause an ihrem Platz. Einer hatte in zwei Wochen einen Dieb überführt, der Vieh über eine Grenze getrieben hatte, und die zwei Wochen waren in seinem Mund zu einer Belagerung geworden. Einer war einem Fälscher beigegeben gewesen, das heißt dem Fall eines Fälschers, und ließ die Namen von Orten fallen wie Münzen auf einen Tisch, damit man das Klingen höre. Eine hatte einen Brandstifter gesehen, von weitem, bei der Überstellung, und das Von-weitem war der Geschichte längst abhandengekommen. Es war kein Lügen. Es war das, was mit kurzen Wintern geschieht, wenn man sie oft genug erzählt: Sie werden zu Sommern. Ihre Praktika waren rasch vorüber gewesen, Wochen, ein, zwei Monate, ein sauberer Fall, eine Unterschrift, die Heimreise; sie waren lange zurück, das sah er an hundert kleinen Dingen, an der Selbstverständlichkeit, mit der sie im Hof standen, an den Wegen, die ihre Füße von selbst nahmen, an der Wäsche, die schon wieder nach dem Haus roch und nicht mehr nach der Fremde. Sie hatten die Fremde abgelegt wie einen Reisemantel. Der Hof gehörte ihnen wieder.
William stand am Rand, wo das innere Tor seinen Schatten auf das Pflaster legte, und gehörte zu niemandem.
Er bemerkte, wann man ihn bemerkte. Es lief durch die Gruppen wie ein Zug durch stehendes Wasser: ein Kopf, der sich wandte, ein zweiter, ein Satz, der mitten im Wort leiser wurde und dann doch zu Ende gesprochen wurde, nur anders betont; Blicke, die zu ihm herüberkamen und nicht blieben, weil Bleiben unhöflich gewesen wäre oder unklug. Er las sie, ohne es zu wollen, wie er die abgekürzte Hand des Verwahrers gelesen hatte, verkehrt herum und aus Gewohnheit: Neugier war darin, und Abstand, und jenes rasche Taxieren, mit dem man einen misst, über den man mehr gehört hat, als man ihn gefragt hat. Sie wussten, dass er zuletzt kam. Sie wussten, dass sein Winter lang gewesen war, während ihre kurz gewesen waren, und dass ein langer Winter im Felddienst zweierlei heißen konnte, Auszeichnung oder Unglück, und dass es über seinen mehr als eine Fassung gab. Was sie sonst wussten, wusste er nicht. Er ließ die Frage liegen, wo sie lag. Es gab eine Maschine in ihm, die solche Fragen aufnahm und nicht wieder hergab, die aus zwanzig Blicken einen Befund baute und aus dem Befund eine These und aus der These ein Jahr; er kannte sie jetzt, er wusste, was sie konnte und was sie anrichtete, und er hielt sie an, mit dem Griff, den ihn ein Winter gelehrt hatte, und ließ die Blicke Blicke sein.
Niemand kam zu ihm herüber. Einer, den er vom Sehen kannte, aus dem gemeinsamen ersten Jahr, ein breites, gutmütiges Gesicht über blauem Tuch, hob halb die Hand, ansatzweise, ein Gruß, der unterwegs zu einem Kratzen an der Schläfe wurde, als der Blick eines Nebenmannes ihn streifte. William nahm es ihm nicht übel. Er hätte nicht gewusst, was er mit einem Gruß hätte anfangen sollen; er hatte das Grüßen ein halbes Jahr lang nur in Amtsstuben geübt.
Unter der östlichen Arkade, im Schatten, stand ein Wachmann, grau, breit, die Arme verschränkt, und im Mundwinkel hielt er eine Pfeife. Sie war nicht gestopft. Sie brannte nicht. Er hielt sie nur, wie Männer Dinge halten, an denen ihre Hände hängen, das Mundstück abgegriffen, der Kopf blind vom vielen Anfassen, und William sah die kalte Pfeife eine Sekunde zu lang an, und in dieser einen Sekunde war der Hof fort.
Thorne.
Der Name kam nicht als Bild und nicht als Szene; er hatte die Bilder in einen Bereich seines Gedächtnisses gelegt, den er nicht mehr täglich betrat, und die Ordnung dort hielt. Der Name kam als Gewicht. Er kam, wie er seit Monaten kam, plötzlich und vollständig, an einer Kleinigkeit hängend, einer kalten Pfeife, einem bestimmten Schritt, dem Geruch von nassem Schiefer, und legte sich auf, was William eben noch getragen hatte, als wöge das nichts, und William stand still und trug. Man konnte das. Er hatte es gelernt, das Tragen; er hatte nur nicht gelernt, was man mit der Last am Ende anfängt, wohin man sie stellt, an welchem Ort dieser Welt sie stehen dürfte, ohne umzufallen. Er sagte den Namen nicht laut. Er sagte ihn nie laut. Es gab Namen, die laut zu sagen bedeutete, sie herzugeben, und dieser gehörte ihm; er war beinahe das Einzige an dem ganzen Winter, das ihm gehörte, er und die Schuld, die an ihm hing.
Über dem Hof, vom Turm, schlug die Glocke.
Es war nicht die Abendglocke; es war der bronzene Einzelschlag, mit dem der Turm die Abschnitte seines Tages voneinander schied, und was er auslöste, hatte William im ersten Jahr Wochen gekostet zu lernen und saß ihm, das spürte er jetzt, noch im Leib wie am letzten Tag: Der Hof ordnete sich. Nicht hastig, nicht auf Befehl; niemand rief, niemand trieb. Die Gruppen lösten sich, wie Eisenspäne sich lösen, wenn man den Magneten verrückt, die Stimmen senkten sich um ein verabredetes Maß, die Wege der Einzelnen fanden ihre Richtungen, als wären die Richtungen im Pflaster vorgezeichnet, und binnen dreier Atemzüge war aus einem Hof voller Geschichten ein Hof voller Zwecke geworden. Die Glocke verklang. Das Wasser lief weiter. Ein Instruktor in schwarzer Robe kreuzte das Rechteck auf der Diagonale, und die Diagonale gehörte ihm, und alle anderen Linien wichen ihr aus, ohne hinzusehen.
William stand am Rand und sah der Festung bei dem zu, was sie am besten konnte, und etwas in ihm, das den ganzen Winter über heimatlos gewesen war, erkannte die Verlockung und benannte sie, um sie auf Abstand zu halten. Das hier war ein Ort, an dem alles seinen Ort hatte. Jede Stunde hatte ihren Zweck, jeder Schritt seine erlaubte Bahn, jede Frage ihre zuständige Instanz; hier wurde gewogen, verzeichnet, geprüft und entschieden, und was entschieden war, war entschieden, und die Waage über dem Tor stand für das alles ein. Es war die reine Architektur des Wissens, in Stein gesetzt und in Stundenpläne, ein Gebäude aus Gewissheiten, und man konnte darin wohnen. Man konnte, wenn man sich Mühe gab, darin verschwinden.
Nur nahm es einem nichts ab. Das war die andere Seite, und sie stand so klar vor ihm wie die Arkaden im weißen Licht: All diese Ordnung, die Glocken, die Spalten, die Gesetze, die ganze fugenlose Gewissheit dieser Mauern, war zuständig für alles, nur nicht für das, was er durch die Vorhalle getragen hatte. Es gab hier keine Instanz für einen Toten, an dem man schuld war. Es gab ein Verfahren für Schuld, gewiss, Kammern und Richter und Paragraphen, aber die sprachen über Taten, und was er trug, war durch keine Tat zu fassen und durch keinen Freispruch zu erledigen; es war eine Schuld, die keine Regel und kein Beweis von ihm nahm, und das Haus mit allen seinen Waagen hatte keine Schale, in die man sie hätte legen können. Die Ordnung wärmte nicht. Sie warf zurück. Je reiner sie war, desto schärfer stand vor ihr, was sich nicht ordnen ließ, wie das weiße Licht die eine schadhafte Stelle in einer Reinschrift schärfer zeigt als jedes Dämmer, und William begriff, am Rand dieses Hofes, mit dem Koffer in der Hand, dass er an den unbarmherzigsten Ort zurückgekehrt war, den es für einen Mann in seinem Zustand gab: an einen Ort, an dem alles stimmte.
Er nahm den Koffer fester und ging die Arkade entlang zur zweiten Galerie, wo das Brett hing.
Das Brett der zweiten Galerie war ein Rechteck aus dunklem Holz, blank vom Alter, und die Zettel daran hingen in Reihen, die so gerade waren wie alles hinter diesen Mauern. Er fand seinen Namen in der dritten Reihe, in derselben abgekürzten Hand wie im Buch der Vorhalle, daneben Gang und Tür: der Nordtrakt, die vierte Ebene, die neunte Zelle. Man hatte ihn zu den anderen des zweiten Jahres gelegt, natürlich; das Haus legte nichts irgendwohin.
Der Weg dorthin führte durch Korridore, die er kannte und die ihn nicht kannten, Tunnel aus poliertem Stein, an deren Wänden die Gemälde hingen, die die Geschichte des Ordens erzählten, das heißt jene Fassung davon, die man an Wände hängte: Ordensritter, die Dörfer beschirmten, Inquisitoren, die Schriften den Flammen übergaben, dankbare Gesichter, in denen, wenn man lange genug hinsah, die Dankbarkeit dünner wurde. Er sah nicht lange hin. Er war diesen Bildern im ersten Jahr Abend um Abend nachgegangen, hatte die feineren Botschaften unter den offiziellen gelesen, die Furcht in den geretteten Gesichtern, die Gelehrsamkeit in den brennenden; heute gingen seine Schritte an ihnen vorbei wie an den Fenstern eines Hauses, dessen Bewohner man kennt. Die Treppe zum Nordtrakt roch nach Lauge und kaltem Stein. Auf der vierten Ebene lag der Gang leer, die Türen geschlossen, in gleichmäßigen Abständen, wie die Einträge eines Verzeichnisses, und hinter zweien hörte er das Geräusch von Menschen, die still zu sein gelernt hatten: das Umblättern einer Seite, das Rücken eines Schemels, nichts sonst.
Die neunte Zelle war wie alle Zellen. Eine Pritsche, eine graue Decke, gefaltet nach der Vorschrift; ein schmaler Spind; ein Bord über einem Pult, das kaum breiter war als das Bord; ein Fenster, hoch und schmal wie ein aufgestelltes Buch, dahinter der Kamm des Gebirges und ein Streifen sehr heller Himmel. Und innen an der Tür, wo sie in jeder Zelle der Festung hingen, die zehn Grundsätze, gedruckt auf steifes Papier, gerahmt von schmalem, schwarzem Holz.
William stellte den Koffer ab, legte die Tasche auf die Pritsche und blieb vor der Tür stehen.
Er las sie wieder. Man las sie jeden Morgen, das war die Weisung, seit dem ersten Tag; er hatte sie ein Jahr lang jeden Morgen gelesen, bis die Sätze zu jenem Teil des Gedächtnisses gehörten, der nicht mehr fragt, und er hatte sie ein halbes Jahr lang nicht gelesen, und nun standen sie wieder vor ihm, unverändert, geduldig, und lasen ihrerseits ihn. Die Stille, die Bewegung, die Hierarchie; die Zeit mit ihren acht Abschnitten, die Mitteilung, der Besitz; die Gemeinschaft, die Prüfung. Beim neunten blieb sein Blick hängen, wie er in der Vorhalle daran hängen geblieben war: Wer diese Akademie betritt, stirbt für die Welt, die er gekannt hat; wer sie verlässt, gleich auf welche Weise, ist für immer ein anderer. Es stand da, schwarz auf steifem Papier, in derselben Zeile wie vor zwei Jahren, und es hatte nicht gelogen, kein einziges Wort, und es hatte doch nicht gewusst, wovon es sprach. Das Gesetz meinte den Anwärter, der seine Herkunft ablegt wie einen Mantel am Pult. Es meinte nicht das andere, das draußen geschah, in fremden Städten, auf nassen Dächern; es hatte keine Zeile für die Art, auf die ein Mensch ein anderer wird, wenn er einen Mann sterben sieht, der an seiner Stelle und nach seiner Methode gestorben ist. Für so etwas hatten Gesetze keine Zeilen. Dafür gab es keine Tafeln an Türen.
Er wandte sich ab und packte aus.
Es war wenig. Der Koffer gab die Wäsche her, die zwei Hemden, den zweiten Rock, das Nötige, und alles fand seinen Platz im Spind, wie die Vorschrift es wollte, und dann saß William auf der Pritsche, die Tasche neben sich, und öffnete die Schnallen, und der vertraute Geruch stieg ihm entgegen, Leder und Eisen und Tinte, der Geruch zweier Handwerke in einer Tasche: des Handwerks dessen, der baut, und des Handwerks dessen, der entlarvt. Obenauf das Schreibzeug, das Tintenfass mit dem abgegriffenen Verschluss, die Kiele, das gebundene Buch mit den Notizen eines halben Jahres, die er nicht aufschlug. Darunter, durch den falschen Boden vom Tageslicht getrennt, das feine Gerät, die Meißel, die schmale Zange, das Werkzeug einer Hand, die nicht mehr arbeitete, weitergetragen von einer, die gelernt hatte, was man damit tut. Er öffnete den Boden nicht. Er wusste, was darin lag, und es wusste, dass er es trug; das genügte ihnen beiden seit Jahren. Er legte die flache Hand einen Atemzug lang auf das Leder, dort, wo darunter das Eisen lag, wie man einem alten Hund die Hand auflegt, und räumte dann das Schreibzeug auf das Bord.
Zuletzt, in ein sauberes Tuch gewickelt, schwer und kühl, das Glas.
Er wickelte es aus und hielt es gegen das Fenster, und das späte Licht fiel hindurch und machte es golden: eingelegter Sommer, Früchte und Kräuter, dicht geschichtet, haltbar gemacht von den Händen eines alten Mannes, der wenig Worte hatte und die wenigen gut setzte. Aus dem Garten meiner Frau. Mehr sollte sie nicht wissen, hatte der alte Mann gesagt, und mehr wisse er auch nicht, und in Williams Brust regte sich bei der Erinnerung ein Rest jenes Lachens, das ihn in der kleinen Küche überrascht hatte wie ein Fremder, der die Tür verwechselt. Das Glas hatte eine Empfängerin. Die Empfängerin hatte einen Namen, und der Name hatte eine Handschrift, die schöner war, als Handschriften sein mussten, und einen Ort, irgendwo hinter diesen Mauern, in diesem selben Steinwerk, vielleicht dreihundert Schritte von dieser Zelle, vielleicht weniger. Seraphina. Er dachte den Namen und stellte das Glas in den Spind, in die hintere Ecke, hinter die Wäsche, sorgfältig, wie man etwas Zerbrechliches verwahrt, und wenn es außer der Sorgfalt noch einen zweiten Grund für die hintere Ecke gab, dann sah er nicht hin, wo er ihn hätte finden können. Es gab Türen, an denen man vorbeiging, obwohl man den Schlüssel bei sich trug. Der Gedanke an sie war eine solche Tür, seit Monaten, seit den Briefen, die klüger gewesen waren als er, und er ging heute wieder daran vorbei, mit dem geübten Schritt dessen, der genau weiß, wo im Gang die Tür liegt, an der er nicht stehen bleibt.
Dann saß er still, und das Licht wanderte.
In der Brusttasche, links, trug er drei Dinge, und er nahm sie nicht heraus; er wusste sie auswendig, ihr Gewicht, ihre Kanten, die Reihenfolge, in der sie lagen. Ein Brief in einer schönen Schrift, gelesen und wieder gelesen, dessen Sätze Fragen stellten, wo er Belege geliefert hatte, und der darum mehr über ihn wusste als seine ganze Fallakte. Ein getrockneter Zweig Rosmarin, flach geworden vom Tragen, das Kraut der Schwelle, das man den Toten mitgibt, seit länger, als irgendjemand zurückdenkt; ein alter Mann hatte ihn ihm in die Hand gedrückt, für die, die niemand vermisst, und William trug ihn und trug mit ihm die Frage, die an demselben Kraut hing, an einer warmen Gartenmauer weit im Süden, in den ordentlich gefalteten Händen einer Toten, die seine Mutter gewesen war. Und ein Spielkarten-Ass mit einer abgegriffenen Ecke, feines Blatt, Goldlinien, das ihm nicht gehörte und ihm gelassen worden war, das Lesezeichen eines Gauklers, hinterlegt wie ein Versprechen, dessen Wortlaut keiner von beiden je ausgesprochen hatte.
Ein Brief, ein Zweig, eine Karte. Eine Schrift, die fragte; eine Tote, die schwieg; ein Spieler, der wartete. Er trug sie über dem Herzen, weil es der einzige Ort war, den das Haus nicht verzeichnete, und wenn er hätte sagen sollen, was von den dreien ihn eigentlich hierher zurückgetragen hatte, über die Felder und die Flüsse und den langen Anstieg, dann hätte er die Antwort schuldig bleiben müssen, und das war das Stillste und Sonderbarste an diesem ganzen stillen Tag: dass er es nicht wusste. Die Trauer war da; sie hatte Gewicht und Namen. Der Schwur war da, der alte, aus einer brennenden Nacht. Die Rache war da, geduldig wie diese Mauern, mit ihren zwei Gesichtern, dem Mann, der ihm in Elwood alles genommen hatte, und der Hand, die seine Mutter gebettet hatte; beide ohne Ort, beide ohne Frist. Das alles war da, ordentlich, vollständig, wie Posten in einem Buch. Aber ob die Posten die Summe waren, ob nicht unter ihnen, tiefer, etwas anderes stand, das keine Spalte hatte und keinen Namen und ihn dennoch bewegte wie das Wasser das Rad; das wusste er nicht, und er ließ die Frage offen liegen, wie er gelernt hatte, Fragen offen liegen zu lassen: sichtbar, unbeantwortet, nicht zugedeckt.
Draußen verlor der Himmel über dem Kamm seine Härte. Irgendwo im Trakt schlug eine Tür, gedämpft, einmal.
Nie wieder. Der Schwur lag in ihm, wo er immer lag, still wie Werkzeug im doppelten Boden; er hatte ihn in einer Nacht getan, in der alles brannte, was er gekannt hatte, und er hatte ihn seither nicht erneuern müssen, weil Schwüre dieser Art sich nicht abnutzen. Nie wieder blind. Nie wieder so blind, wie er vor Aurel gewesen war, vor einem Lächeln, vor hilfreichen, leichten Händen, damals, als Blindheit noch keine Toten machte. Es war kein lauter Schwur. Er hatte kein Banner und keine Formel und verlangte an diesem Abend nichts von ihm als das, was er immer verlangte: die Augen.
Die Schritte hörte er, ehe sie den Gang zur Hälfte hatten.
Es waren nicht die Schritte eines Anwärters; Anwärter gingen in diesem Trakt, wie man in einer Bibliothek geht, mit jener eingeübten Lautlosigkeit, die selbst noch aus dem Auftreten eine Form des Schweigens macht. Diese Schritte schwiegen nicht. Sie waren nicht laut; sie waren gleichmäßig auf eine Art, die nichts verbarg und nichts ankündigte, der Gang eines Mannes, der Wege zurücklegt, weil Wege zu seinem Amt gehören, Tür um Tür, Auftrag um Auftrag, seit Jahren, und sie kamen den Gang herauf und wurden vor der neunten Zelle langsamer und hielten. Dann das Klopfen: zweimal, kurz, ohne Nachdruck. Ein Klopfen wie ein Aktenvermerk.
William öffnete.
Der Mann davor stand im letzten Licht des Ganges, und es war ein Mann, wie dieses Haus sie in seinen Fugen hielt: ohne bestimmbares Alter, in der schlichten, dunklen Tracht der Ordensbrüder, die keinem Rang schmeichelte und keinen verbarg, das Haar kurz, das Gesicht von jener glatten, unauffälligen Ordentlichkeit, die man nach einer Stunde nicht mehr beschreiben kann. Auf seiner Brust, klein, das Zeichen der Waage. Er führte nichts bei sich, keine Schreibtafel, kein Siegel, keine Liste; Männer wie er waren selbst die Liste. Sein Blick nahm William auf, die Zelle dahinter, den geöffneten Spind, das Bord mit dem Schreibzeug, und verzeichnete alles und bewertete nichts.
„Anwärter Allaway.”
„Ja.”
„Man erwartet Ihren Bericht.” Die Stimme passte zu den Schritten: gleichmäßig, sachlich, im Ton einer Verordnung, die sich selbst verliest. „Den persönlichen Bericht über Ihren Felddienst. Die Meister sind versammelt. Ich führe Sie.”
Er sagte nicht, welche Meister und wie viele und in welchem Saal, und William fragte nicht; das Fragen hätte dem Mann nichts entlockt und ihm selbst nichts gegeben, und beide wussten es, und so entstand zwischen ihnen für einen Atemzug jenes vollkommene, beiderseits verstandene Schweigen, das in diesem Haus die höchste Form der Verständigung war. Persönlich also. Er hatte im Winter berichtet, Woche um Woche, auf dem Dienstweg, in der knappen Form, die der Dienstweg verlangte; die Akten waren längst hier, gelesen, abgelegt, verzeichnet, sein halbes Jahr lag irgendwo unter diesem Dach in einem Deckel und trug ein Aktenzeichen. Was man jetzt wollte, stand nicht in Deckeln. Man wollte ihn. Man wollte hören, wie der Bericht klang, wenn er durch den Mann hindurchging, der ihn erlebt hatte, und man wollte dabei zusehen; auch das war eine Form des Wiegens, vielleicht die älteste, die dieser Ort kannte.
„Einen Augenblick”, sagte William.
Der Ordensbruder neigte den Kopf um das Maß, das einen Augenblick gewährt, und trat einen halben Schritt zurück in den Gang, und William wandte sich in die Zelle und tat, was zu tun war, und es war wenig und dauerte nicht lang. Er schloss den Spind. Er rückte das Schreibzeug auf dem Bord um eine Handbreit, ohne dass es nötig gewesen wäre. Er nahm den Rock von der Pritsche, den er abgelegt hatte, und zog ihn über, und beim Schließen der Knöpfe lag seine Hand einen Herzschlag lang auf der Brusttasche, links, wo die drei Dinge lagen, der Brief, der Zweig, die Karte, und durch den Stoff kamen ihm ihre Umrisse entgegen, vertraut wie die eigenen Rippen. Er dachte nichts Bestimmtes dabei. Es war eher ein Nachsehen als ein Denken, das Nachsehen eines Mannes, der vor dem Hinaustreten prüft, ob er bei sich hat, was er bei sich trägt; und alles war da.
Dann nahm er Peters Tasche vom Bett.
Er hätte sie lassen können. Niemand verlangte von einem Anwärter, der vor die Meister tritt, ein Bündel Leder mit Schreibzeug und doppeltem Boden; die Zelle hatte einen Spind, der Spind ein Schloss, das Haus tausend Augen, und nichts darin war für die nächste Stunde von Nutzen. Er nahm sie trotzdem, hängte den Riemen über die Schulter, und das vertraute Gewicht legte sich an seine Seite, wo es seit Jahren lag, in Zügen und Gassen, an Pulten und an Gräbern, und erst als es lag, war er fertig. Es gab Dinge, die man nicht ablegte, weil das Ablegen mehr gewogen hätte als das Tragen. Der Ordensbruder im Gang sah die Tasche und sagte nichts; vermutlich hatte er in seinen Jahren Männer zu allen Arten von Stunden geführt und wusste, dass jeder etwas mitnahm, der eine ein Gebet, der andere ein Gesicht, dieser hier eben eine alte Werkzeugtasche, und dass man Männern das Ihre ließ, solange es in keiner Vorschrift stand.
Sie gingen.
Der Gang nahm ihre Schritte auf, die gleichmäßigen des Bruders voran, Williams dahinter, und führte sie an den geschlossenen Türen vorbei, hinter denen das zweite Jahr still war, die Treppe hinab, durch den Geruch von Lauge und kaltem Stein, in die Korridore mit den Gemälden, in denen jetzt, im vorrückenden Abend, die Flammen auf den Bildern dunkler brannten als am Tag. Aus der Tiefe des Hauses kam ihnen sein Abendlaut entgegen, das vielstimmige, kaum hörbare Arbeiten eines großen steinernen Leibes: Wasser in verborgenen Rinnen, ein fernes Verschieben von Bänken, irgendwo, sehr weit, das Anschlagen von Metall auf Stein, gleichmäßig, geduldig, dasselbe Handwerk ohne Eile, das ihn am Mittag vor dem Tor begrüßt hatte. Das Haus hörte nicht auf. Das Haus hatte nie aufgehört, den ganzen Winter nicht, in dem er fort gewesen war; es hatte gewogen und verzeichnet und geprüft, Tag um Tag, und es nahm ihn jetzt wieder in seinen Takt wie ein Uhrwerk das Rad, das man ihm zurückgibt, ohne Begrüßung, ohne Frage, an der Stelle, an der das Rad zu laufen hat.
William ging durch den Takt und trug, was das Haus nicht wog.
Vor ihm machte der Ordensbruder eine Biegung, dem Herzen des Baus zu, wo die Säle lagen, und das letzte Tageslicht fiel durch ein hohes, schmales Fenster quer über den Gang, ein Band aus mattem Gold auf grauem Stein, und William trat hindurch und wieder in den Schatten. Der Schwur lag still in ihm, wo er lag, und verlangte die Augen, und die hatte er offen.
Er nahm die Tasche fester und ging dorthin, wo man ihn erwartete.