Mandatum · De Itinere Suscepto
Weiter unten kam ihm ein Wagen entgegen. William hörte die Räder, ehe er ihn zwischen den Bäumen sah, und trat an den Rand. Der Mann auf dem Bock hob zwei Finger. William erwiderte den Gruß zu spät. Als seine Hand oben war, hatte der andere sich schon den Pferden zugewandt.
Das Bündel zog ihn seitlich. Am Gürtel blieb Veritas et Justitia in seiner Scheide dicht am Körper. Er schob die Scheide zurück, damit sie nicht gegen den Stein schlug, auf dem er das Gepäck absetzen wollte. Er wartete, bis der Wagen vorbei war, stellte das Gepäck auf einen flachen Stein und löste den Riemen von seiner Schulter. Unter dem Stoff saß eine heiße Druckstelle. Er fuhr mit den Fingern darüber und bemerkte, dass seine Hand noch immer schmutzig war. In einer Hautfalte klebte heller Staub von der Außenmauer.
Er rieb den Daumen daran, bis die Stelle rot wurde.
Die Straße unter ihm war trocken. Zwischen zwei Radspuren wuchs Gras, das sich unter dem Luftzug des Wagens wieder aufrichtete. William sah zu lange darauf. Dann nahm er den Wasserbehälter aus seinem Bündel. Beim ersten Schluck schmerzte der Kiefer. Er trank langsamer, behielt das Wasser einen Augenblick im Mund und schluckte es erst, als der Muskel unter dem Ohr nachgab.
Er hatte vor der Hinrichtung nichts gegessen. Danach hatte er nicht daran gedacht.
Jetzt war der Hunger da, unangenehm und gewöhnlich. Er suchte das eingewickelte Brot, brach ein Stück ab und stellte sich zum Kauen neben den Stein. Dass er hier essen konnte, während sie dort oben vermutlich das Gerüst räumten, kam ihm unerträglich vor. Er hielt das Brot in der Hand und sah den Weg hinauf. Die Bäume nahmen ihm den Blick zur Akademie.
Calveris hätte auch gegessen, dachte er. Wenn der Morgen anders ausgegangen wäre. Er hätte sich hingesetzt, hätte etwas verlangt, hätte jemanden ungeduldig zum Tisch gewinkt.
William biss wieder ab. Diesmal bekam er das Stück kaum hinunter.
Er blieb, bis er nicht mehr auf den Weg hinaufsehen musste. Dann verstaute er Brot und Wasser, zog das Bündel mit beiden Händen hoch und ging weiter. Der Riemen lag nun über einem anderen Teil der Schulter. Es würde eine Weile helfen.
Die im Brief bezeichnete erste Verbindung lag an einem Hof unterhalb der letzten weiten Biegung. William erkannte das breite Tor und die niedrige Mauer aus der Wegbeschreibung. Er hatte etwas Förmlicheres erwartet: einen Raum, in dem man wartete, einen Mann, der Namen aufrief. Im Tor stand eine Frau und schimpfte mit einem Jungen, der einen Eimer so hastig getragen hatte, dass ihm nur noch die Hälfte geblieben war.
„Geh langsam. Die Pferde haben nichts davon, wenn du schnell mit wenig Wasser zurückkommst.“
Der Junge starrte in den Eimer, als sei der Verlust erst jetzt eingetreten.
„Ich gehe doch schon langsam.“
„Dann versuch einmal, stehen zu bleiben. Vielleicht behältst du dabei etwas.“
Sie nahm ihm den Eimer ab, goss den Rest in den Trog und gab ihn zurück. William hielt sich am Torpfosten, bis der Junge an ihm vorbeigelaufen war. Hinter der Mauer standen zwei Wagen. Unter dem einen lag ein Mann, von dem nur die Stiefel und ein Teil der Beine zu sehen waren. Am anderen wurden Säcke verladen.
Die Frau musterte Williams Bündel.
„Mitfahren?“
„Wenn dies der Hof ist, den man mir genannt hat.“ Er zog den Brief hervor. „Ich komme von der Akademie.“
„Dann ist es wahrscheinlich der richtige.“ Sie trocknete ihre Hand an der Schürze, nahm das Papier jedoch nicht. „Zum offenen Wagen dort. Der Fahrer sagt Euch, wo Ihr sitzen könnt.“
William blickte zu den Säcken. „Muss ich mich vorher irgendwo melden?“
„Das habt Ihr gerade.“
Er lächelte nicht. Die Frau sah noch einmal genauer hin, und ihre Stimme wurde ruhiger.
„Er fährt heute noch. Setzt Euer Gepäck ab, wenn es schwer ist. Ihr steht ihm nicht im Weg.“
William bedankte sich. Er ging zum Wagen und blieb an der Rückseite stehen. Der Fahrer hob gerade einen Sack gegen seine Brust, hielt ihn dort fest und deutete mit dem Kinn auf die offene Klappe.
„Schiebt den anderen ein Stück weiter hinein.“
William legte sein Bündel ab und tat es. Der Sack gab unter seinen Händen nach. Durch eine dünne Stelle im Gewebe fühlte er einzelne Körner. Zusammen brachten sie den zweiten daneben unter, dann zog der Mann den Ärmel über die Stirn.
„Seid Ihr der Reisende?“
„William Allaway.“
„Dann zeigt einmal.“
Er nahm den Brief, hielt ihn vom Körper weg und las die erste Seite. William wartete auf eine Frage nach seiner Kunst, seinem Lehrjahr oder dem Grund des Auftrags. Der Fahrer strich mit dem Finger über eine Zeile, wendete das Blatt und runzelte die Stirn.
„Bis Raukheem ist ein weiter Weg.“
„Fahrt Ihr dorthin?“
„Ich fahre bis zum nächsten Wechsel. Danach sitzt Ihr bei jemand anderem.“ Er zeigte auf den unteren Teil. „Das hier ist für mich. Die Namen darüber könnt Ihr unterwegs vergessen, solange Ihr diesen Brief nicht verliert.“
„Ich hatte nicht vor, ihn zu verlieren.“
„Hat keiner. Trotzdem stehen welche hier und erklären mir, was auf dem Papier stand, das sie gern vorzeigen würden.“ Er gab es zurück. „Euer Platz ist bezahlt. Essen bekommt Ihr an den bezeichneten Halten. Was daneben liegt, müsst Ihr selbst besorgen. Habt Ihr mehr Gepäck?“
William schüttelte den Kopf.
„Gut. Das kommt nach vorn, hinter meinen Sitz. Da bleibt es trockener. Legt nichts oben auf, das bei einem Ruck herunterkann.“
William sah zum schmalen Raum zwischen der vorderen Querwand und den Säcken. Er nahm sein Bündel hoch, doch der Riemen verfing sich an der Kante. Beim Nachziehen verlagerte sich die Klinge. Ein harter Winkel stieß durch den Stoff gegen das Holz.
Der Fahrer hielt den Sack fest, den er gerade zurechtrücken wollte.
„Was ist da drin?“
William hatte die Frage erwartet, seit er das Tor der Akademie durchschritten hatte. Nun kam sie von einem Mann, der sich vor allem um seine Wagenwand sorgte.
„Ein Stück Eisen. Eine Klinge.“
„Offen?“
„Eingewickelt.“
„Scharf bleibt scharf, auch unter einem Lappen. Zeigt mir, wie Ihr sie liegen habt.“
William zögerte. Dann löste er den Knoten.
Oben lagen seine wenigen Kleidungsstücke. Er nahm sie heraus und legte sie auf den Wagenrand. Das Sackleinen darunter hatte sich an einer Stelle zusammengezogen. William schlug es so weit zurück, dass er den Griff erreichen konnte, und zog die Falx ein Stück hervor.
Der Fahrer beugte sich näher.
„Die ist ja gerissen.“
„Ja.“
„Hier auch.“
„Zweimal.“
Der Mann sah ihn an. William kannte den längeren Spalt so gut, dass er ihn auch im Schatten sofort fand. Er hatte das Material bearbeitet, hatte darauf vertraut, hatte es in der Hand gehabt, als dieses Vertrauen nicht genügte. Zwischen den Kanten saß Dunkelheit. Er fuhr nicht mit dem Finger darüber.
„Wollt Ihr das noch richten lassen?“
„Ich weiß es nicht.“
„Dann wickelt die Ecke besser ein. Wenn sie einen Sack aufschneidet, verliert Ihr unterwegs Korn, und ich verliere die Bezahlung dafür.“
William zog den Stoff unter dem Eisen glatt. Dabei hob sich am längeren Riss eine schmale Kante vom übrigen Material. Er ließ sie los. Sie blieb ein wenig abstehen.
„Habt Ihr eine Zange?“
Der Fahrer sah ihn an und holte sie vom Wagen. William nahm die Falx ganz heraus. Er legte den unbeschädigten Teil auf die Ladekante und fasste mit der Zange das kleine Stück, das der Riss fast freigegeben hatte. Beim ersten Druck hielt es. Er setzte näher an der Bruchstelle an. Ein kurzer Laut ging durch das Eisen, dann hatte er den Splitter zwischen den Backen.
William legte die Zange hin. Das Stück war nicht länger als zwei Finger. An einem Rand lag noch ein Rest der Fläche, die er selbst geglättet hatte; die andere Seite war rau. Er fasste es nicht an der Bruchkante an.
„Jetzt ist sie wohl nicht besser“, sagte der Fahrer.
„Nein.“
William sah auf die größere Klinge. Er hatte das Material bezahlt, hatte daran gearbeitet und es aus der Akademie getragen, als müsse er es deshalb bis zum nächsten Lehrer bringen. Dort würde es dieselben Risse haben.
„Kann das Eisen hierbleiben?“
Der Fahrer deutete unter das Vordach. Neben dem Mann am Wagen lagen alte Beschläge in einer flachen Kiste. „Wenn Ihr es loswerden wollt. Dafür wird sich etwas finden.“
William antwortete nicht sofort. Dann trug er die Falx hinüber, legte sie mit der Schneide nach innen zu den Beschlägen und nahm das Sackleinen wieder mit. Der Fahrer wartete an seinem Gepäck.
„Habt Ihr sie selbst gemacht?“
„Ja.“
Der Mann blickte auf den kleinen Rest auf der Ladekante. „Den packt Ihr besser ein.“
William nahm einen schmalen Stoffstreifen, schlug den Splitter mehrmals darin ein und band ihn zu. Das Päckchen verschwand zwischen seinen Sachen. Als er das Bündel wieder hob, zog es ihn weniger zur Seite. Er hatte nicht erwartet, dass er darüber erleichtert sein konnte.
Das andere Gewicht blieb am Gürtel. William rückte die Scheide seines Schwerts aus dem Weg, ehe er dem Fahrer das Gepäck hinaufreichte. Der Mann schob es hinter seinen Sitz; diesmal brauchte er nicht zu helfen, einen harten Winkel zwischen Holz und Säcken unterzubringen.
„So. Jetzt setzt Euch irgendwohin, bis ich fertig bin. Ihr seht aus, als stündet Ihr schon zu lange.“
William wollte widersprechen. Stattdessen fragte er, ob er noch einen Sack tragen solle.
„Nein. Die letzten hebe ich mit dem anderen. Wenn Ihr mir unterwegs helft, das Gepäck beim Wechsel herunterzureichen, sind wir beide zufrieden.“
William trat zurück. Auf einer Bank unter dem Vordach saß eine Frau mit einem bedeckten Korb auf den Knien. Sie rückte ein wenig, und er setzte sich an das freie Ende. Zwischen ihnen blieb Platz für einen weiteren Menschen.
Der Junge kam wieder mit dem Eimer. Diesmal ging er tatsächlich langsamer. William beobachtete ihn, ohne etwas zu sagen. Eine Weile hörte man nur das Scharren der Hufe, den Mann unter dem Wagen und das leise Anstoßen des Eimers an das Knie des Jungen.
„Ihr könnt die Beine ausstrecken“, sagte die Frau neben ihm. „Ich beiße nicht.“
William hatte die Füße dicht an die Bank gezogen. Er stellte sie weiter vor sich.
„Entschuldigt.“
„Dafür doch nicht.“
Unter dem Tuch ihres Korbes bewegte sich etwas. William sah hin. Die Frau bemerkte es und zog den Rand zurück. Ein Huhn hob den Kopf, starrte ihn an und senkte ihn wieder.
„Es ist böser als ich“, sagte sie. „Aber es kommt nicht heraus.“
William musste lächeln. Der Zug tat ihm am Kiefer weh. Er legte die Hand dagegen, bevor er es verhindern konnte.
„Zahn?“
„Nein. Ich habe den Mund zu fest gehalten.“
Sie wartete, ob eine Erklärung folgte. Als William keine gab, deckte sie den Korb wieder zu.
Sie stellte den Korb zwischen ihre Füße und ließ William sitzen, ohne noch einmal nach seinem Gesicht zu sehen.
Er saß bei ihr, während der Hof fertig wurde mit allem, was geschehen musste, bevor ein Wagen ihn verlassen konnte. Ein Riemen war verschwunden und wurde in einer Tasche gefunden. Der Mann unter dem anderen Wagen fluchte, weil jemand auf die Querstrebe getreten war. Der Junge bekam ein Stück Brot zugesteckt und aß es in wenigen Bissen. William hätte bei jedem dieser Vorgänge helfen oder nachfragen können. Er tat es nicht. Für eine kurze Zeit verlangte niemand etwas von ihm, und er war zu erschöpft, um daraus ein Versäumnis zu machen.
Als der Fahrer schließlich rief, stand William gemeinsam mit der Frau auf. Sie drückte ihm ohne weitere Frage den Korb in die Hände, zog sich auf den Wagen und nahm ihn wieder an. William stieg hinterher. Der Platz war enger, als er vom Hof aus ausgesehen hatte. Er setzte sich auf die schmale Bank an der Seite und stellte die Füße gegen eine Leiste.
„Wenn es schaukelt, haltet Euch an der Wand fest“, sagte der Fahrer. „Nicht am Korb.“
„Das gilt auch für mich?“, fragte die Frau.
„Ihr könnt Euch von Eurem Huhn retten lassen, wenn Ihr ihm das zutraut.“
Sie zog den Korb näher an sich. William fand mit der rechten Hand einen festen Griff. Er dachte an Konrad, der heute ebenfalls irgendwo vor einem Fahrzeug stehen musste. Konrad hatte ihm seinen Brief zum Falten gegeben. William hatte das Blatt genommen, die Kante gelegt und es zurückgereicht. Es war eine so kleine Hilfe gewesen. Jetzt sah er vor sich, wie Konrad mit der rechten Hand Halt suchte und zugleich nicht wusste, wohin mit seinem Gepäck.
Der Wagen ruckte an. William spannte die Finger, obwohl der Griff sicher war.
„Alles bei Euch?“, fragte der Fahrer über die Schulter.
William blickte nach vorn zu seinem Bündel. „Ja.“
Das Tor glitt an ihnen vorbei. Die Frau neben ihm rückte den Korb zwischen ihre Schuhe, wo er nicht mehr seitlich rutschen konnte. William sah einmal zurück in den Hof. Der Junge war schon wieder am Trog.
Die ersten Unebenheiten trafen William unvorbereitet. Er saß zu steif, versuchte jede Bewegung mit dem Rücken auszugleichen und hatte bald das Gefühl, gegen den ganzen Wagen zu arbeiten. Die Frau beobachtete ihn eine Weile.
„Lehnt Euch hier an“, sagte sie und klopfte auf die Seitenwand.
William lockerte die Schultern. Beim nächsten Stoß schlug sein Knie gegen die Leiste. Er schob die Füße weiter vor.
Sie streckte die Beine aus, soweit der Korb es erlaubte, und legte den Unterarm an die Seitenwand. William nahm eine ähnliche Haltung ein. Es wurde tatsächlich etwas leichter. Er sah auf ihre ruhende Hand, dann nach vorn, wo der Fahrer sich mit den Bewegungen des Bocks hob und senkte.
Die Straße führte zwischen niedrigen Mauern hindurch. Dahinter lagen schmale bearbeitete Flächen. Ein Mann richtete sich auf, als der Wagen vorbeikam, und hielt sich eine Hand über die Augen. Die Frau winkte. William wusste nicht, ob sie ihn kannte oder nur den Blick beantwortete. Eine Frage lag ihm auf der Zunge. Er ließ sie dort, bis der Mann hinter ihnen verschwunden war.
Er war es gewohnt, aus Beobachtungen Fragen zu machen. Manchmal hatte er Fragen gestellt, um nicht sagen zu müssen, was er selbst dachte. Bethany hatte ihm das nicht in diesen Worten vorgeworfen. Sie hatte verlangt, dass er bei sich anfing. Wie es für ihn gewesen war. Noch heute Morgen hätte er ihr eine lange Reihe von Umständen nennen können, ehe er an die Stelle kam, die weh tat.
„Ihr habt dort oben gelernt?“, fragte die Frau.
William sah sie an. „Ja.“
„Und jetzt ist es fertig?“
„Noch nicht. Ich soll eine Zeitlang bei einem Inquisitor arbeiten.“
Ihre Finger schlossen sich um den Korbrand. Sie sah nach vorn, als müsse sie prüfen, ob der Fahrer etwas hören konnte.
„Ach so.“
William wartete. Die Straße senkte sich, und die Säcke drückten enger gegeneinander.
„Es ist eine Ausbildung“, sagte er. „Ich reise nicht wegen jemandem, der hier etwas getan hat.“
„Das habe ich nicht gefragt.“
„Ich weiß.“
Sie sah ihn wieder an. Ihr Blick war weniger freundlich als auf der Bank. Er hatte etwas erklären wollen und ihr damit eine Sorge zugeschrieben, die sie nicht ausgesprochen hatte. William nahm die Hand von der Seitenwand, merkte, dass er sie brauchte, und legte sie wieder hin.
„Verzeiht. Ich dachte, Ihr wolltet das wissen.“
„Ich wollte wissen, ob Ihr mit dem Lernen fertig seid. Das war alles.“
„Dann ist die Antwort nein.“
Die Frau nickte. Sie rückte das Tuch über dem Korb zurecht. Eine Weile redeten sie nicht mehr.
William sah hinaus auf die Felder. Der Wind drückte die jungen Halme in langen schrägen Streifen nieder. Zwischen den offenen Flächen standen Bäume, noch dünn genug, um hindurchzusehen. Die Akademie war längst nicht mehr sichtbar.
Nach einer Weile begann das Huhn unter dem Tuch zu scharren. Die Frau hob den Korb an, suchte darunter nach einer Falte und stellte ihn wieder ab.
„Wenn Ihr wirklich noch lernt“, sagte sie, „könnt Ihr dem Tier erklären, dass es nirgends hinuntergeht. Vielleicht glaubt es Euch.“
William blickte auf den wackelnden Deckel. „Ich habe bisher wenig Erfolg damit gehabt, Menschen zum Stillsitzen zu bringen.“
„Menschen können auch leichter davonlaufen.“
„Das scheint mir im Augenblick ein Nachteil.“
Sie lachte kurz. William lächelte mit. Die Bewegung ging diesmal fast ohne Schmerz.
Beim nächsten Halt stieg der Fahrer ab, ehe jemand fragte, weshalb sie standen. Er führte die Pferde zu einem Trog an der Wegseite. Die Frau reichte William den Korb und kletterte hinunter. Er nahm ihn mit beiden Händen. Das Tier bewegte sich darin, warm und schwer, und William hielt unwillkürlich fester zu.
„Es braucht Luft“, sagte sie.
Er lockerte die Finger. „Ich drücke nur den Rand.“
„Gut. Es beschwert sich gern, aber abstellen könnt Ihr es trotzdem.“
Sie ging ein Stück die Straße zurück. William stellte den Korb im Schatten des Wagens ab und stieg ebenfalls hinunter. Seine Knie fühlten sich nach dem Sitzen fremd an. Er ging bis zu einer Mauer und zurück, während der Fahrer das Geschirr prüfte.
„Wie lange bis zum nächsten Halt?“, fragte William.
„Wir essen dort und schlafen dort. Weiter fahren wir heute nicht.“
„Ich meinte die Strecke.“
„Noch eine Weile.“ Der Fahrer betrachtete den Riemen in seiner Hand. „Wenn Euch schlecht ist, sagt es, bevor es zu spät ist. Die Säcke kann ich nicht auswaschen wie den Wagenboden.“
„Mir ist nicht vom Fahren schlecht.“
Der Mann hob den Kopf.
William hatte den Satz gesagt, ehe er sich entscheiden konnte, ob er etwas erklären wollte. Er sah an dem Fahrer vorbei auf die Pferde. Eines schob den Kopf tiefer in den Trog. Wasser lief ihm vom Maul.
„Es war ein schwerer Morgen“, sagte William.
„Dann trinkt etwas. Und esst, wenn Ihr könnt.“
„Das habe ich.“
„Gut.“
Der Fahrer ließ die Frage dabei. Er zog den Riemen durch die Schnalle, prüfte den Sitz und strich dem Pferd kurz über den Hals. William war ihm dankbar. Er hätte nicht gewusst, wie viel er von Calveris erzählen sollte, ohne entweder alles zu verschweigen oder einem Fremden etwas aufzubürden, das dieser nicht hatte suchen wollen.
Als sie weiterfuhren, half William der Frau mit dem Korb. Sie nahm sein Handgelenk, um auf die Stufe zu kommen. Ihre Finger waren kräftiger, als er erwartet hatte. Für einen Augenblick trug er einen Teil ihres Gewichts, dann stand sie oben und ließ los.
Es war möglich, dass Konrad jemanden gefunden hatte, der ihm genauso half. William hielt diesen Gedanken fest, ohne ihn zu einer Nachricht zu machen.
Am Abend roch der Raum, in dem man ihnen zu essen gab, nach Kohl und nassem Holz. Unter einem Tisch lag ein Hund so dicht an der Bank, dass William fast auf seinen Schwanz trat. Er zog den Fuß zurück. Der Hund hob den Kopf, sah ihn ohne erkennbare Eile an und schlief weiter.
„Der rückt nicht“, sagte der Fahrer. „Setzt Euch weiter vorne hin.“
William stellte sein Gepäck an die Wand und nahm Platz. Seine Schulter schmerzte vom Hinübertragen. Der Fahrer hatte das Bündel herunterreichen wollen; William hatte es selbst angefasst, sich dabei verdreht und beinahe den haltenden Griff verloren. Jetzt lag die Druckstelle frei vom Riemen, und er merkte erst, wie sehr sie den Tag über gereizt worden war.
Eine Schale wurde vor ihn gestellt. Der Löffel klemmte unter dem Rand des Brotes. William zog ihn heraus und begann zu essen. Die Wärme der Suppe tat gut. Er nahm den nächsten Löffel zu früh und verbrannte sich die Zunge.
Der Fahrer sah es und schob den Krug zwischen sie.
„Die ist noch heiß. Hier, nehmt etwas Wasser.“
William trank. „Ich habe nicht gewusst, wie hungrig ich bin.“
„Das merkt man.“
Am anderen Ende des Tisches stritt jemand darüber, ob ein Rad schon am Morgen schief gesessen hatte. Die Frau mit dem Korb aß schweigend. Ihr Huhn war offenbar anderswo untergebracht; William vermisste das gelegentliche Scharren, das einen Teil der Fahrt ausgefüllt hatte.
„Fahrt Ihr morgen mit demselben Wagen weiter?“, fragte er den Fahrer.
„Ich fahre zurück. Für Euch steht ein anderer bereit.“
William legte den Löffel ab. „Hier schon?“
„Morgen. Die Frau, die Euch die Schale gebracht hat, weiß, welcher. Ihr zeigt ihr den Brief, wenn sie Zeit hat. Jetzt lasst sie erst die Leute satt bekommen.“
William blickte ihr nach. Sie trug zwei volle Schalen, während sie mit dem Ellenbogen eine halb offene Tür weiter aufschob. Er nickte und nahm den Löffel wieder.
„Kennt Ihr Raukheem?“, fragte er nach einer Weile.
„Ich nicht.“
„Ich soll von dort noch weiter.“
„Wohin?“
William nannte Dornholt. Der Fahrer wiederholte den Namen leise und schüttelte den Kopf.
„Nie gewesen.“
„Ein Inquisitor arbeitet dort. Arvent Hestor.“
„Dann wird er den Weg hoffentlich kennen.“
Es klang so selbstverständlich, dass William beinahe sagte, Hestor werde ihn erwarten. Im Brief stand die Zuweisung. Ob der Mann wusste, wann William eintraf, ob er überhaupt selbst im Dorf sein würde, konnte William daraus nicht lesen. Er hatte sich das Wissen des anderen bisher wie einen sicheren Gegenstand am Ende des Weges vorgestellt. Einer würde ihn ansehen und sagen, was nun zu tun war.
„Ich habe ihn noch nicht kennengelernt“, sagte er.
Der Fahrer brach sein Brot. „Das tut Ihr dann dort.“
William legte die Hand auf die Tasche mit dem Brief. Die Kante des gefalteten Papiers drückte durch den Stoff.
Nach dem Essen zog er ihn hervor.
Er wartete, bis die Frau am Tisch vorbeikam, zeigte ihr die für den nächsten Wechsel bezeichnete Stelle und bekam eine knappe Auskunft. Er sollte am Morgen im Hof bleiben; der Wagen werde dort beladen. Schlafen konnte er im Raum über der seitlichen Treppe. Sie deutete darauf, nahm die leere Schale und wandte sich dem nächsten Gast zu. William ging nach oben, bevor der Betrieb im unteren Raum ihn erneut an den Tisch zog.
Unter der Dachschräge lagen schmale Schlafstellen. Eine war bereits belegt. Der Mann darauf hatte sich den Umhang bis über die Nase gezogen. William stellte das Bündel neben eine freie Stelle, legte seine äußere Kleidung ordentlich zusammen und löste die Schuhe. Der rechte war schwieriger abzustreifen, weil die Socke an der Ferse festsaß. Er zog vorsichtig, bis sich der Stoff löste, und betrachtete die gerötete Haut. Noch keine offene Stelle. Er war froh darüber, auf eine Weise, die ihm beinahe beschämend klein vorkam.
Er setzte sich auf die Decke und las den Reisebrief im letzten Licht der Öffnung über der Treppe. Hestors Name stand deutlich genug da. Ebenso die Folge der Verbindungen. William wusste, wo er am nächsten Morgen warten sollte. Alles Weitere ließ sich erst nach und nach ausführen.
Zwischen dem Brief und den Dienstblättern lag unbeschriebenes Papier. Er zog ein Blatt heraus, hielt es auf den Knien und legte es wieder zurück. Bethany würde morgen aufbrechen. Vielleicht saß sie jetzt noch über ihrem eigenen Gepäck. Vielleicht war sie in einem der Höfe, vielleicht bei Seraphina, vielleicht schon allein. Er konnte sich zu viele Orte vorstellen und wusste keinen.
Er hätte ihr heute sagen können, was geschehen war. Nicht alles über sich, aber dies: dass Calveris geredet hatte, bis er nicht mehr reden konnte, und William geblieben war, bis man ihn heruntergenommen hatte. Es war etwas anderes, den Namen Leander Calveris auf einer Liste zu sehen, als den Mann vor sich zu haben. William rieb die Hände gegeneinander. Er wusste nicht, welchen Teil davon Bethany würde tragen wollen. Er wusste nur, dass er sie wieder nicht gefragt hatte.
Unten wurde ein Tisch verschoben. Der Mann neben ihm drehte sich um und zog die Decke zurecht. William faltete das unbeschriebene Blatt sorgfältiger, als es nötig war, und schob es zwischen die anderen.
Er legte sich hin. Das Bündel lag in Reichweite. Das kleine Tuch mit dem Falxsplitter lag darin zwischen den Kleidern. Das Schwert hatte er mit geschlossenem Halteriemen neben die Schlafstelle gelegt; die Scheide berührte seinen Arm, wenn er sich umdrehte. Die gerollte Kleidung unter seinem Kopf roch nach der Schmiede und nach seinem eigenen Schweiß. Er wusste nicht, ob er diesen Geruch mit der Zeit verlieren oder nur nicht mehr bemerken würde.
Als er die Augen schloss, hörte er wieder Calveris’ Stimme. Er machte sie auf. Die Balken über ihm waren dunkel, dazwischen blieb ein schmaler Streifen hellen Putzes. William folgte ihm mit dem Blick, bis der Atem ruhiger wurde. Er brauchte lange, um einzuschlafen.
Am Morgen war seine Schulter steif. Er zog die Schuhe an, trank unten etwas Wasser und aß, was man ihm hinstellte. Dann ging er in den Hof. Ein anderer Wagen stand unter dem Vordach. Der Fahrer vom Vortag hatte ihm am Abend nicht versprochen, dass er warten würde, und war bereits fort.
William suchte die Frau, die ihm den Schlafplatz gezeigt hatte. Sie wies auf einen Mann am vorderen Rad. Er ging zu ihm, den Brief in der Hand.
„Allaway“, sagte er. „Ich soll mit Euch weiterfahren.“
Der Mann sah kurz auf das Blatt, dann auf das Bündel.
„Stellt es dort hin. Ich reiche es Euch hoch, wenn die vordere Reihe liegt.“
William stellte es ab. Diesmal ließ er es wirklich stehen und wartete, bis der andere die Hände frei hatte.