Leseprobe

Umbrae in visceribus meis latentes

Gesamtband 11 · Paginae de Parcae 4 · Erstes Kapitel

Der Preis der Verweigerung

Das Auge sah wieder gewöhnlich aus.

Caspian stand dicht genug vor dem Fremden, um die Feuchtigkeit am Rand seines Umhangs zu erkennen, und suchte in dessen Gesicht nach etwas, das den vergangenen Augenblick zurücknahm. Das junge Lächeln blieb. Der Mann schien auf eine Antwort zu warten, als hätte er ihm eben den Weg beschrieben.

Kalte Luft strich unter Caspians offenen Rock. Er hatte die Hände noch immer erhoben, ein wenig vom Körper gelöst, und bemerkte erst jetzt, wie bloß sie aussahen. Langsam ließ er sie sinken. Hinter dem Fremden wartete der Wagen in den tiefen Radspuren. Wasser stand darin, dunkel unter dem Kasten und hell dort, wo der Himmel hineinfiel. Vier Bewaffnete, Fahnen, die Instrumente, mit denen man den Hof geweckt hatte. Der Bauer war wieder auf den Füßen. An seinen Knien klebte der Schlamm des Kniefalls.

Am Hang lief Ansel.

Caspian setzte den rechten Fuß zurück. Die Socke hatte sich beim hastigen Anziehen gefaltet; nun drückte sie gegen den Spann. Er gab noch ein wenig Gewicht darauf, bis seine Ferse an die Innenseite der Schwelle kam. Das Holz lag zwischen ihnen. Der Fremde hätte nur einen halben Schritt tun müssen, um es zu überschreiten, aber er blieb stehen und ließ Caspian seinen schmalen Vorsprung.

„Dann hören Sie meine Antwort: Ich fahre nicht mit.“

Der Mann bewegte sich nicht.

„Ich kenne Ihren König nicht. Sie bringen vier Bewaffnete, zwei nasse Fahnen und genug Blech mit, um die Stute bis zum nächsten Winter vom Stall fernzuhalten. Einen Grund haben Sie mir noch nicht gegeben. Also nennen Sie ihn. Dann lassen Sie mich mit dem Mann sprechen, der dort den Hang herunterkommt. Und vielleicht finden wir anschließend sogar die Zeit, mich ordentlich anzuziehen.“

Die letzten Worte trug Caspian weiter hinaus, als für den Fremden nötig gewesen wäre. Ansel hob den Kopf. Er lief schneller, und Caspian bereute die Anstrengung in seiner eigenen Stimme. Er wollte ihn nahe haben. Er wollte, dass er wusste, dass hier noch gesprochen wurde.

Der Fremde ließ sich mit seiner Antwort Zeit.

Am Wagen nahm der älteste Begleiter dem Jüngsten die Fahnenstange von der Schulter. Bevor er sie senkte, schob er eine Hand unter den nassen Stoff. Über einem Knöchel war die Haut gerissen. Das Blut, das dort einmal getrocknet sein musste, wurde im Regen wieder dunkel. Der Junge zog einen Riemen unter seinem Mantel hervor und ging neben der längs abgelegten Stange in die Hocke. Die Ärmel rutschten ihm über die Handgelenke. Er schob sie mit dem Kinn zurück, versuchte die Schnalle zu schließen und öffnete sie wieder, als das Leder schief darin saß.

Ein breiter Mann brachte die zweite Stange. Beim Bücken stellte er das rechte Bein seitlich heraus, um sein Knie zu schonen. Der vierte sammelte die Tücher ein und prüfte das Mundstück einer Fanfare auf Erde. Dann lehnte er sie an den hinteren Wagenkasten.

So sah die Einladung aus, wenn niemand sie mehr spielte. Kalte Finger mussten sie trocknen, zusammenlegen und festbinden. Caspian hätte diesen Männern andernorts vielleicht einen Becher angeboten. Dem Jungen hätte er einen der schlechten Scherze zugemutet, mit denen er Menschen gewöhnlich dazu brachte, für einen Augenblick die Schultern sinken zu lassen. Hier hing an jedem von ihnen eine Waffe, und ihr sorgfältiges Packen beruhigte ihn weniger, je länger er zusah.

Die Stute am Stall riss am Strick.

Ihr Kopf fuhr hoch; für einen Moment sah Caspian das Weiße unter dem Lid. Die Fanfaren waren längst verstummt. Das Tier zuckte noch immer, als könnte der nächste Stoß aus jedem menschlichen Mund kommen.

Der Bauer ging zu ihr. Er hielt ihr zuerst die Finger hin und wartete, bis ihre Nüstern sie fanden. Von seinem Knie löste sich ein Klumpen Lehm. Er fiel neben den Stiefel, während der Mann behutsam die Hand an den Hals der Stute brachte.

Auch der Kutscher stieg ein Stück vom Bock. Sein Rücken richtete sich vorsichtig auf, unter den rissigen Handschuhen hielt er die Leinen. Was er zum Tier sagte, verstand Caspian nicht. Er hörte eine tiefe, geduldige Stimme, und nach einer Weile sank der Hals der Stute. Der Bauer sah den Kutscher kurz an. Zwischen diesen beiden war mehr Verständigung zustande gekommen als zwischen Caspian und dem Mann an seiner Tür.

„Wie lange soll er denn fortbleiben?“

Der Bauer hatte sich halb umgewandt. Seine Hand ruhte weiterhin am Tier.

„Er arbeitet hier. Die Fütterung macht sich morgen genauso wenig von allein wie heute. Wenn Sie ihn mitnehmen, wird man uns doch sagen können, ob er wiederkommt.“

Der Junge am Wagen hielt den Riemen still. Der Älteste sah zum Bauern. Keiner lachte.

Caspian spürte, wie ihm das Gesicht warm wurde. Er hätte dem Mann gern bedeutet, sich herauszuhalten. Doch der Bauer hatte keine Fürsprache vor einem König versucht; er hatte von der Arbeit gesprochen, die Caspian hier getan hatte, und von einem Morgen, an dem man ihn wieder erwartete. Mehr besaß er vielleicht nicht, womit er ihn halten konnte. Caspian brachte es nicht über sich, ihm auch das zu nehmen.

Der Fremde sah auf die nassen Knie, dann wieder zu Caspian.

„Ich habe Ihre Weigerung verstanden. Ich wäre enttäuscht gewesen, hätte ein Wappen genügt.“

„Sie werden sich daran gewöhnen müssen.“

„An Ihre Enttäuschungen? Gewiss. An eine Rückfahrt ohne Sie nicht.“

Er sagte es beinahe freundlich. Caspian wartete auf den Grund, den er verlangt hatte. Stattdessen wandte der Mann den Kopf gerade weit genug, um den Hof mit in ihre Unterhaltung zu nehmen.

„Sehen Sie die Männer an. Sie möchten ihre Waffen trocken halten. Der Kutscher möchte vor der Dunkelheit festen Weg erreichen, der Bauer morgen dieselbe Stute versorgen. Solange Sie in dieser Tür stehen, bleibt alles hier. Ihr Freund kommt näher, meine Männer müssen ihn aufhalten, und die Tiere werden unruhig. Irgendwann macht einer eine Bewegung, die ein anderer falsch versteht.“

„Dann nehmen Sie Ihre Männer vom Hof.“

„Mit Ihnen. Dazu bin ich bereit.“

Die Stute schlug einen Huf auf den Boden. Caspians Blick sprang gegen seinen Willen zu ihr. Als er den Fremden wieder ansah, wartete dieser noch immer mit derselben Ruhe.

„Ich kann um Zurückhaltung bitten“, fuhr er fort. „Ich kann nicht versprechen, dass vier Klingen, schwere Hufe und ein Mann, der Sie liebt, auf nassem Boden genug Platz füreinander finden. Noch kostet dieser Morgen Sie Lehm, versäumte Arbeit und einen Abschied, den Sie nachholen können. Lassen Sie ihn nicht teurer werden. Ich möchte keinen dieser Menschen dazu bringen, mit seinem Körper auf Ihre Weigerung zu antworten.“

Caspian hörte den Satz bis zum Ende. Die Beherrschung, die er dafür brauchte, tat ihm hinter den Zähnen weh.

Der Mann sprach, als stünde die Gewalt bereits wartend auf dem Hof und als wären sie beide nur hinzugekommen, um vernünftig mit ihr umzugehen. Seine Leute hörten zu. Der Älteste prüfte den Weg zur Zufahrt; der Jüngste hielt die Fanfare inzwischen mit beiden Händen, als dürfte sie unter keinen Umständen noch einmal erklingen. Die Frage des Bauern blieb unbeantwortet.

Caspian kannte diese Art zu sprechen aus den Räumen seiner Kindheit. Dort hatte es genügt, die Stimme freundlich zu halten, während man einem anderen die Wahl ließ, sich selber zu erniedrigen. Wer die Grausamkeit beim Namen nannte, hatte anschließend auch noch die Unterhaltung verdorben.

Er hob das Kinn.

„Sie haben eine Gabe. Die Folgen Ihrer Ankunft klingen bei Ihnen wie Fehler meines Charakters. Schlägt einer Ihrer Männer den Bauern, hängt die Hand an seinem Arm. Scheut die Stute, dann vor Ihren Fanfaren. Sie dürfen mich entführen und dazu lächeln, wenn Ihnen beides zugleich gelingt. Aber verlangen Sie nicht auch noch, dass ich Ihnen die Höflichkeit als Einverständnis quittiere.“

Das Lächeln des Fremden veränderte sich kaum. Caspian sah zum Hang, bevor er weitersprach.

„Der Mann dort heißt Ansel. Er ist unbewaffnet. Er läuft seit Ihrem ersten Fanfarenstoß, und ich möchte ihm selber sagen, weshalb ich fortgebracht werde. Geben Sie uns die Zeit, die Sie eben gebraucht haben, um mir Ihre Rücksicht zu erklären.“

Er hatte den Namen ausgesprochen. Zu spät spürte er, wie wenig der Fremde bisher von ihm hatte verlangen müssen, um ihn zu erfahren.

Ansel erreichte den unteren Rand des Hangs. Sein hinterer Fuß glitt, er fing sich mit einer Hand im Gras und kam ohne Pause wieder hoch. Die Schafe lagen weit hinter ihm, helle Punkte auf der Weide. Er rief Caspians Namen. Dann verlangte er von den Männern, ihn durchzulassen. Sein Atem zerriss die Wörter.

Der Älteste stellte die Stange ab und ging zur schmalen Stelle zwischen Wagen und Zaun. Er zog die Waffe nicht. Die offene linke Hand kam hoch, und Ansel bremste so spät, dass sein Stiefel im Lehm weiterrutschte. Er packte den Zaunpfosten. Für einen Augenblick hing sein Gewicht daran; dann stand er, vornübergebeugt, vor dem erhobenen Arm.

„Bleiben Sie dort.“

Mehr verstand Caspian von der müden Stimme nicht. Ansel antwortete, noch halb nach Atem ringend. Sein Blick ging an dem Bewaffneten vorbei und fand Caspian.

Auf diese Weise hatte er ihn nie ansehen wollen. Ansel sollte zu ihm kommen können. Er kannte seine Hände an Türen, an Tieren, am schweren Holz, kannte die Wärme, die sie selbst an kalten Tagen behielten. Jetzt griff eine davon um einen fremden Zaunpfosten. Schlamm klebte bis über den Ellbogen am Ärmel. Ansel wollte weiter und wartete nur noch darauf, dass jemand ihm Platz machte.

Am Wagen stockte die Arbeit. Der junge Begleiter reichte die Fanfare weiter. Ein halb geschlossener Riemen hing von der Stange. Der Kutscher nahm die linke Leine kürzer und sprach auf das Gespann ein; beide Pferde hoben die Köpfe.

Caspian wandte sich wieder dem Fremden zu.

„Lassen Sie ihn heran.“

„Damit er sich zwischen Sie und den Wagen stellt?“

„Damit ich mit ihm reden kann.“

„Dann reden Sie. Er kann Sie hören.“

Caspian sah ihn an. Der Fremde hatte ihn dazu eingeladen, seinen Abschied über einen Hof voller Zuhörer zu rufen.

Ansel sagte etwas. Ein Hufschlag nahm dem Ruf die Mitte. Caspian erkannte seinen eigenen Namen an der Bewegung des Mundes, und für einen Augenblick war die Versuchung unerträglich, einfach hinüberzugehen.

„Der Mann vor ihm möchte ihn nicht schlagen“, sagte der Fremde leiser. „Sie haben gesehen, wie er dem Jungen die Fahne abgenommen hat, obwohl seine Hand offen ist. Durchlassen wird er ihn trotzdem nicht. Dann müssten die anderen an seine Stelle, und Ihr Ansel würde es bei ihnen versuchen. Er ist bis hierher gelaufen. Sie werden ihm schwerlich verständlich machen, weshalb ausgerechnet der letzte Schritt gefährlich sein soll.“

„Sie könnten es ihm sehr leicht machen.“

„Ja. Sobald Sie im Wagen sitzen.“

Die Kälte hatte Caspians Finger erreicht. Er merkte es daran, dass er sie in den Stoff seines Rocks ziehen wollte und die Bewegung unterließ.

„Ich lasse ihn los, ehe wir anrollen“, sagte der Fremde. „Kein Mann betritt das Haus. Niemand rührt den Bauern an, und die Stute hört heute kein Metall mehr. Das können Sie jetzt haben, Caspian. Bleiben Sie an der Schwelle, nehme ich Sie dennoch mit. Was bis dahin auf diesem Hof geschieht, wird sich nicht mehr so sauber versprechen lassen.“

Zum ersten Mal hatte er nur den Vornamen benutzt. Caspian empfand es fast wie eine Berührung. Dieser Mann wusste nichts von der Wärme, die sein Name in Ansels Mund haben konnte. Er wusste nur, wie man ihn zwischen ein Versprechen und eine Drohung setzte.

Aus der Kammer kam ein Rest Wärme. Caspian roch Holz, Brot und die Arbeit, die er am Tisch liegen gelassen hatte. Die geschlossenen Paginae lagen dort, daneben die Münze mit dem Falken. Ein Schritt zurück, und er könnte die Tür schließen. Er kannte den Riegel, kannte den Widerstand, mit dem er sich in seine Fassung schob. Schon der Gedanke an diese kleine, vertraute Bewegung machte es schwer, die Füße stillzuhalten.

Der Bauer strich der Stute über den Hals. Ansel stand noch immer vor der offenen Hand.

In der Kammer wäre Caspian allein. Die anderen blieben draußen.

Sein Blick streifte die Türpfosten, als könnte sich zwischen den Maserungen eine andere Möglichkeit zeigen. Die Paginae hatten ihm Wege und Bilder gegeben, Wahrheiten, nach denen die Welt nicht wieder so ausgesehen hatte wie zuvor. Sie hatten ihm zu wenig gehorcht, um jetzt nach ihnen zu greifen wie nach einem Messer. Er müsste erst bis zum Tisch kommen. Er müsste das Buch öffnen, während draußen Ansel auf die Männer zuging. Und selbst dann — was erwartete er darin zu finden, das diesen Augenblick für alle heil ließ?

Er brauchte kein Buch, um die Wirklichkeit zu verändern.

Der Gedanke war plötzlich da, verführerisch in seiner Einfachheit. Ein zweiter Wagen. Eine Gestalt, die aus der Tür trat, während er selbst darin stehen blieb. Ein Graben quer durch den Hof, an dem sich die Männer aufhalten mussten. Er konnte sich jedes Bild vorstellen. Noch während er es tat, setzte Ansels Fuß im wirklichen Schlamm ein Stück nach vorn.

Caspian hielt den Atem an.

Der Älteste spannte den Arm. Die Hand mit dem aufgeweichten Riss blieb offen. Wie schnell würde sie zur Waffe gehen, wenn neben ihm plötzlich etwas erschien? Was würde der Junge sehen, der schon die Schnalle zweimal schließen musste, weil seine Finger ihm nicht gehorchten? Ein einziger falscher Augenblick könnte genügen, um Ansel an der Sperre vorbeizubringen. Derselbe Augenblick könnte einen dieser Männer dazu treiben, auf das zu schlagen, was er für einen Angreifer hielt.

Und der Fremde stand vor Caspian. Das Auge sah gewöhnlich aus. Caspian wusste nicht, was dieser Mann an einer Veränderung erkennen würde, ob er sie dulden, durchschauen oder zunichtemachen konnte. Er hatte ihm soeben etwas Unmögliches gezeigt und war danach zu einer Einladung zurückgekehrt.

Die Macht machte Caspian nicht unwissend. Sie gab seinem Nichtwissen nur mehr Reichweite.

Ansel hätte den Ältesten niederstoßen können. Caspian hatte gesehen, was seine Kraft vermochte, wenn ein Körper aus dem Wasser oder ein Balken von einem eingeklemmten Bein gehoben werden musste. Er kannte auch die Sorgfalt, mit der Ansel diese Kraft im gewöhnlichen Umgang zurücknahm. Beides stand jetzt in seinen Schultern. Er hielt sich zurück, weil der Arm vor ihm noch keine Gewalt ausübte; wie lange würde er warten, wenn Caspian hinter einer geschlossenen Tür verschwand?

Er hätte ihm zurufen müssen, beim Bauern zu bleiben. In die Kammer zu gehen, das Buch und die Münze zu sichern. Doch jedes Wort bekäme auch der Mann in Blau, und Caspian vermochte nicht einmal vorherzusehen, ob eine solche Bitte Ansel beruhigen oder erst recht erschrecken würde.

Er suchte seinen Blick.

Ansel sah zurück. In der Entfernung lag nichts, woran Caspian erkennen konnte, ob er verstanden wurde. Vielleicht wartete Ansel nur auf ein Zeichen, endlich einzugreifen. Caspian wollte den Kopf schütteln und fürchtete, darin würde eine Zurückweisung liegen, die er ihm später nicht mehr erklären konnte. Sein Mund war trocken. Er hasste den Fremden mit einer Heftigkeit, die für einen Moment alles andere verdrängte. Der Mann hatte keinen einzigen dieser Menschen dazu bringen müssen, grausam sein zu wollen. Er hatte ihnen nur jemanden in den Weg gestellt, den sie schützen mussten.

Caspian löste den Mantel am Hals. Der Stoff sank von der Schulter und verfing sich an der Schnalle seines offenen Rocks. Er ließ ihn so. Dann trat er über die Schwelle.

Der erste Schritt ging tief. Kaltes Wasser stieg über den Sohlenrand, und die gefaltete Socke schmerzte beim Abrollen. Caspian hielt sich an dieser lächerlichen Unbequemlichkeit fest. Seine Füße hatten einen Ort, an dem er etwas spürte, das nicht der Mann in Blau ausgesucht hatte.

Der Fremde trat beiseite.

Caspian ging an ihm vorbei, dicht genug, um den nassen Rand des Umhangs am eigenen Rock zu fühlen. Niemand legte eine Hand an ihn. Vor dem Wagen lag die Radspur, aus der die Räder gleich herausmussten. Er sah sie an, während der Kutscher wieder auf den Bock stieg. So kurz war der Weg. Vom Fenster der Kammer hätte er einen Becher weiter werfen können.

Der Bauer drehte sich um, als Caspian bei ihm vorbeikam. Die Frage nach der Rückkehr stand noch in seinem Gesicht. Caspian konnte sie nicht beantworten. Er neigte den Kopf, eine kleine, lächerlich höfische Bewegung auf einem schlammigen Hof, und hoffte, der Mann würde etwas davon verstehen: den Dank, die Entschuldigung, Ansel.

Der Bauer legte ihm die Hand an den Unterarm.

Die Finger waren kalt und rochen nach Pferd. Caspian wäre beinahe stehen geblieben. Für einen Schritt hielt der Griff; dann ließ der Mann ihn los und wandte sich der Stute zu. Der Fremde sagte nichts dazu.

Der jüngste Begleiter sah vom Fahnenriemen auf. Unter dem großen Mantel hatte er ein schmales Gesicht. Caspian erwiderte den Blick, bis der Junge die Finger wieder an die Schnalle legte. Der Schweigsame hatte die letzte Fanfare verstaut. Der Breite öffnete die Tür, das rechte Knie steif gehalten, und trat auf dem anderen Bein zur Seite.

Im Wagen lagen zwei Bänke einander gegenüber. Mattes Leder, ein kleines Fenster mit zurückgebundener Plane. Die Türöffnung war niedrig. Caspian blieb vor der Stufe stehen und sah plötzlich nur noch, wie wenig Platz nötig war, um ihn vom Hof verschwinden zu lassen.

Er drehte sich um.

Ansel hatte sich aufgerichtet. Sein Atem stand hell vor ihm. Der ältere Mann hielt den Arm noch oben, jetzt ein wenig angewinkelt, und Ansel sah an ihm vorbei.

Es musste etwas geben, das Caspian sagen konnte. Einen Satz, der nur für sie beide galt und dem Fremden nichts nützte. Dass er fortging, ohne fortgehen zu wollen. Dass die Dinge auf dem Tisch Absicht waren. Dass Ansel nicht glauben sollte —

Er bekam nichts davon über die Lippen.

Stattdessen legte er die linke Hand an den Wagenrahmen. Das alte rote Kreuz war sichtbar. Er wusste nicht, ob Ansel es auf diese Entfernung sehen konnte. Es war keine verabredete Geste. Er hielt nur einen Augenblick die Hand dort, die Ansel kannte, und nahm sie wieder fort.

Er erinnerte sich an dessen Daumen über seinen Knöcheln, eine kleine Berührung, die damals ohne Worte ausgekommen war. Jetzt hätte er die Worte gebraucht. Der Hals war ihm zu eng für die großen und zu stolz für die kleinen.

Caspian setzte den Fuß auf die Stufe.

Das Holz knarrte. Er musste den Kopf senken, um einzusteigen. Der Geruch nach Leder und nassem Stoff schlug ihm entgegen, vermischt mit einer abgestandenen Wärme, die nichts mit der Wärme seiner Kammer zu tun hatte. Er griff an die Wand. Durch das Holz kam eine Bewegung aus dem Geschirr zu ihm, das Zittern eines stehenden Pferdes.

Die Bank gab unter ihm nach. Sein Mantel hing schief, der Rock war offen, und an der linken Hand klebte Lehm. Er stellte die Füße auf den Boden und konnte für einen Augenblick nicht begreifen, weshalb er hier saß. Vorhin hatte es Arbeit gegeben. Ansel auf dem Hang, die Kammer, einen Tisch, zu dem er zurückkehren würde. Nun lag gegenüber eine leere Bank.

Seine Hand wollte in die Tasche.

Die Münze lag neben dem Buch. Ansel konnte die Tür erreichen. Caspian hielt an diesem Gedanken fest, bis die Öffnung dunkel wurde.

Vor dem Einsteigen wandte sich der Fremde zur Zufahrt. Ein kleines Nicken, und der ältere Begleiter nahm den Arm herunter.

Ansel ging sofort los.

Der Mann in Blau stieg in den Wagen und setzte sich gegenüber. Er ordnete den Umhang neben seinen Beinen. Seine feine Rüstung schabte kaum am Leder; er hatte nicht einmal schwer zu atmen begonnen. Caspian beugte sich an seiner Schulter vorbei, um die Tür im Blick zu behalten.

Ansel kam näher. Nun war auch der Schlamm auf seinem Gesicht zu erkennen. Der breite Begleiter legte die Hand an das Türblatt.

Caspian richtete sich ein wenig auf.

Das Holz bewegte sich. Zuerst verschwanden der Bauer und die Stute, dann der Älteste, der den Weg freigegeben hatte. Ansel blieb im schmaler werdenden Licht. Sein Mund öffnete sich, und Caspian sah ihn noch einen Schritt machen.

Die Tür schloss sich, bevor er den Wagen erreichte.

Das Schloss fiel mit einem tiefen Laut. Draußen liefen Schritte weiter. Ein Pferd versetzte den Huf, Leder zog durch eine Schnalle, und vom Stall kam die Stimme des Bauern. Caspian hörte auf die Schritte, bis er nicht mehr wusste, welche Ansel gehörten.

Der Fremde schwieg.

Caspian war dankbar dafür. Er hasste ihn auch dafür.

Der Wagen setzte sich in Bewegung. Die Räder hoben sich aus den Vertiefungen, der Kasten neigte sich und stieß seine Schulter an die Wand. Er fing sich mit einer Hand auf der Bank. Draußen riefen sich die Männer etwas über den Abstand und den nassen Weg zu. Kein Instrument erklang mehr.

Caspian beugte sich zum kleinen Fenster.

Die Plane schlug gegen die Außenwand. Er sah das Stalltor, die Schulter der Stute, dann den Bauern mit den dunklen Knien. Der Mann hatte sich halb zur Zufahrt gewandt.

Ansel lief hinter ihm vorbei.

Der Älteste hatte ihn losgelassen, wie der Fremde es versprochen hatte. Jetzt musste er neben einem der Begleiter ausweichen, weil der Weg zwischen Haus und Zaun schmaler wurde. Seine Stiefel rutschten im aufgeweichten Boden. Solange der Wagen noch auf dem Hof war, blieb er beim hinteren Rad.

Caspian legte die Hand an den Fensterrand. Ansels Name saß ihm im Mund. Wenn er rief, würde Ansel vielleicht das Fenster finden. Er würde näherkommen, zwischen die Männer, an die Pferde, und Caspian wusste nicht, wie er ihm dann wieder Einhalt gebieten sollte. Er presste die Lippen zusammen.

Ansel sah zum Wagen. Sein Blick suchte die Seitenwand, sprang zur Tür und zurück. Der Schlamm an seinem Ärmel war bis zur Schulter verschmiert. Er lief nicht schön und nicht klug. Er lief, weil Caspian fortfuhr.

Einer der Begleiter fiel zurück und nahm Caspian die Sicht. Caspian verschob den Kopf, stieß mit der Schläfe gegen den Rahmen und fand Ansel wieder, weiter außen am Zaun. Dessen Hand lag auf dem oberen Balken. Er stieß sich daran vorbei, die Augen noch immer auf den Wagen gerichtet.

Dann kam die Biegung.

Die Hauswand glitt ins Fenster. Dunkles, feuchtes Holz, eine tropfende Rinne, die offene Tür zur Kammer. Caspian sah die Schwelle, über die er gegangen war, und suchte schon wieder dahinter, obwohl dort nur Wand sein konnte. Die Kurve nahm das Haus fort. Ein schmaler Blick auf den Hang öffnete sich.

Er suchte Ansel an der Stelle, an der er zuletzt gelaufen war.

Hinter der Plane, wo der Fremde sein Gesicht nicht sah, begannen seine Hände zu zittern. Caspian presste die Faust gegen den Mund. Die Zähne fanden die Knöchel, und ein Laut blieb zwischen Brust und Zunge stecken. Er schmeckte Metall. Er brachte die Hand nicht mehr ruhig auf den Fensterrand zurück.

Ansel war nicht mehr zu sehen.