Leseprobe

Umbrae in visceribus meis latentes

Band 11 · Erstes Kapitel

Der Preis der Verweigerung

Der Satz blieb zwischen ihnen stehen, nachdem die Stimme des Fremden längst verstummt war.

Caspian hielt die Hände offen. Die Kälte fand die lose Schnalle seines Rocks und kroch unter den Stoff, doch der Mann vor ihm stand so nahe, dass Caspian nicht einmal fror, ohne sich dabei beobachtet zu fühlen. Das Lächeln in dem jungen Gesicht hatte sich nicht verändert. Nur das Auge sah wieder gewöhnlich aus. Gerade diese Vollständigkeit machte den vergangenen Augenblick unmöglich abzutun.

Hinter dem Fremden lag der nasse Hof. Der Wagen wartete in den tiefen Spuren seiner Räder, die vier bewaffneten Begleiter standen noch zwischen den Fahnen, den Instrumenten und den Pferden, und der Bauer trug den Schlamm seines Kniefalls wie zwei dunkle Wunden im Stoff. Weiter oben am Hang lief Ansel. Er war näher als beim letzten Blick, aber noch weit genug entfernt, dass sein Atem nicht zu hören war.

Caspian setzte den rechten Fuß zurück. Die gefaltete Socke drückte gegen den Spann, als er das Gewicht verlagerte. Er trat nicht in die Kammer, nur bis an die Innenseite der Schwelle. Das alte Holz lag nun wieder zwischen seinen Stiefeln und denen des Fremden. Es war wenig Schutz. Trotzdem war es der einzige Strich im Boden, den Caspian selbst bestimmen konnte.

Der Mann in Blau folgte ihm nicht. Er ließ Caspian den Schritt, wie man einem Gesprächspartner eine Pause ließ, von der man wusste, dass sie am Ergebnis nichts änderte.

Wenn der Fremde seine Unruhe sehen wollte, sollte er wenigstens nicht auch noch sehen, wie Caspian sie zu verbergen versuchte. Der offene Rock, die hastig angezogenen Stiefel und das ungeordnete Haar gehörten zu diesem Morgen. Wer mit Fanfaren vor einer Bauernhaustür erschien, hatte kein Recht auf einen ordentlich empfangenen Mann.

„Dann hören Sie meine Antwort, sie ist so eindeutig wie Ihre: Ich fahre nicht mit. Ich kenne Ihren König nicht. Sie bringen vier Bewaffnete, zwei nasse Fahnen und mehr Blech, als dieser Hof je getragen hat, aber keinen Grund. Nennen Sie mir den Grund. Lassen Sie mich mit dem Mann reden, der dort den Hang herunterkommt. Und gönnen Sie mir den zweiten Stiefel. Danach sehen wir, ob Ihre Einladung ohne den Auftritt noch steht.“

Die Rede trug weiter über den Hof, als Caspian beabsichtigt hatte. Nicht jedes Wort musste Ansel erreichen; es genügte, wenn die Länge seiner Stimme ihm zeigte, dass Caspian noch stand und noch selbst sprach. Caspian wusste nicht, ob der Wind den Klang den Hang hinauf oder seitlich über die Weiden nahm. Er sah nur, dass Ansel den Kopf hob und schneller lief.

Der Fremde schwieg.

Sein Schweigen war nicht leer. Er sah Caspian an, ohne die Stirn zu heben oder den Mund schmal werden zu lassen. Ein anderer Mann hätte die Verweigerung vielleicht als Beleidigung behandelt, ein dritter als Gelegenheit, Rang zu zeigen. Dieser schien sie erst einmal in ihrer ganzen Form zu betrachten. Das war angenehmer als Zorn und gefährlicher als Ungeduld.

Vom Wagen her löste sich Bewegung. Der älteste der vier Männer nahm die nasse Fahnenstange von der Schulter des Jüngsten. Er tat es nicht grob. Er schob eine Hand unter den Stoff, damit das Gewicht nicht auf dem Arm des anderen riss, und legte die Stange längs an den Wagen. Über einem Knöchel seiner linken Hand war die Haut aufgeplatzt. Wasser hatte das getrocknete Blut wieder dunkel gemacht.

Der Jüngere trug einen Mantel, dessen Schultern für ihn gemacht schienen, dessen Ärmel aber zu weit über die Handgelenke reichten. Er zog einen Riemen darunter hervor und begann, den feuchten Stoff zu binden. Seine Finger waren sorgfältig und ein wenig zu schnell. Als die Schnalle beim ersten Versuch schief saß, öffnete er sie wieder, obwohl niemand ihn dafür tadelte.

Ein breiter Mann nahm ihm die zweite Stange ab. Beim Beugen schützte er das rechte Knie, indem er das Bein seitlich stellte. Der vierte sammelte die Tücher ein, die beim Spiel um die Instrumente gelegen hatten. Er prüfte das Mundstück einer Fanfare auf Erde und lehnte sie an den hinteren Wagenkasten, wo sie später festgebunden werden konnte. Die Zeremonie fiel nicht von ihnen ab; sie wurde zu nassem Stoff, kaltem Metall und Arbeit, die vor der Weiterfahrt getan werden musste.

Caspian sah vier Menschen, die einen Morgen anders begonnen hatten als er. Keiner von ihnen wirkte begierig, auf einem fremden Hof Gewalt auszuüben. Gerade deshalb konnte er ihre Waffen nicht als Theater abtun. Ein grausamer Mann ließ sich vielleicht reizen, ein ängstlicher einschüchtern. Pflichtbewusste Männer brauchten nur eine Bewegung, die sie für die falsche hielten.

Die Stute am Stall zog gegen den Strick. Der letzte Fanfarenklang war längst über den Weiden verklungen, aber er saß noch in ihrem Körper. Ihre Haut zuckte an der Schulter. Sie warf den Kopf hoch, und das Weiße in ihren Augen erschien für einen Moment unter dem dunklen Lid.

Der Bauer ging zu ihr. Er legte die Hand nicht gleich an den Hals, sondern ließ das Tier erst an seinen Fingern riechen. Seine Knie waren noch immer nass. Ein Klumpen Lehm löste sich vom Stoff und fiel neben seinen Stiefel. Er bemerkte ihn nicht oder entschied, dass es Dinge gab, die man später von einer Hose klopfen konnte.

Der Kutscher stieg halb vom Bock. Er war ein schmaler Mann mit rissigen Handschuhen und einem Rücken, der sich beim Absteigen vorsichtig entfaltete. Er sagte der Stute etwas in einem tiefen, geduldigen Ton. Caspian verstand die Worte nicht. Das Tier verstand vielleicht ebenfalls keines, doch es kannte die Stimme eines Menschen, der Pferde nicht nur dann ansah, wenn sie einen Wagen ziehen sollten. Ihr Hals sank um eine Handbreit.

Der Bauer hörte zu, bis die Stute ruhiger stand. Dann wandte er sich an den Fremden. Seine erste Frage galt nicht dem König und nicht Caspians Namen. Er wollte wissen, wie lange man einen Mann fortzunehmen gedachte, dessen Hände beim Füttern und Ausmisten fehlten, und ob der Hof wenigstens erfahren werde, ob er zurückkehrte. Er sprach vorsichtig, aber nicht demütig. Caspian hörte in der Art, wie er Arbeit, Brot und Rückkehr nebeneinanderstellte, die einzige Form von Bürgschaft, die der Mann geben konnte: Caspian hatte hier gelebt, ohne den Frieden des Hauses zu verbrauchen.

Keiner der Bewaffneten lachte darüber. Der Älteste hielt mit dem Festziehen des Riemens inne. Der junge Mann im zu großen Mantel sah kurz zum Bauern und dann wieder auf seine Hände. Der Fremde ließ den Blick von Caspian zu den schlammigen Knien gehen.

Caspian hätte dem Bauern gern gesagt, dass er sich aus der Sache halten sollte. Er hätte es nur sagen können, indem er ihn vor allen anderen zum Beteiligten machte. So stand er an der Schwelle und musste ertragen, dass ein Mann, der ihm Arbeit und einen Platz am Tisch gegeben hatte, aus eigenem Antrieb einen Teil des Risikos aufnahm.

Ansel kam weiter den Hang herab. Sein Lauf hatte die ruhige Länge verloren, mit der er sonst Wege nahm. Der nasse Boden brach den Takt. Einmal glitt der hintere Fuß, und Ansel fing sich mit einer Hand im Gras, ohne stehen zu bleiben. Schlamm blieb an seinem Ärmel. Er sah nicht auf die Schafe, die weit hinter ihm als helle, bewegte Punkte am Hang zurückgeblieben waren. Er sah zum Hof.

Der junge Fremde wandte sich nicht nach ihm um. Noch nicht. Er strich auch den Lehm nicht von seinen Stiefeln. Er stand vor Caspian, bis die Männer am Wagen wieder arbeiteten und der Bauer die Hand an den Hals der Stute gelegt hatte. Erst dann antwortete er.

„Ich habe Ihre Weigerung verstanden. Ich wäre enttäuscht gewesen, hätte ein Wappen genügt. Aber ich kehre nicht ohne Sie zurück. Sehen Sie hin: vier Männer, die ihre Waffen lieber trocken hielten. Ein Kutscher, der vor der Dunkelheit auf festen Weg will. Ein Bauer, der morgen dieselbe Stute versorgen möchte. Bleiben Sie in der Tür, geht keiner von ihnen fort. Die Männer rücken näher, Ihr Freund erreicht den Hof, die Tiere spüren die Unruhe, und jeder tut, was ihm in dem Augenblick richtig scheint. Ich kann um Zurückhaltung bitten. Mehr nicht. Vier Klingen, schwere Hufe, nasser Boden, die Liebe eines Menschen: Das ordnet sich nicht von selbst, wenn Sie es gegeneinanderstellen. Noch kostet dieser Morgen Sie Lehm, ein paar Stunden Arbeit und einen Abschied, den Sie nachholen können. Jede Verzögerung frisst davon etwas weg, bis einer mit seinem Körper beantwortet, was Sie mir nicht beantworten wollen. Ich will das keinem von ihnen abverlangen. Und Sie, denke ich, auch nicht.“

Die Ruhe seiner Stimme war widerwärtig. Für einen Atemzug klang der Fremde wie der einzige Mann auf dem Hof, der sich vor einer Verletzung scheute; dann spürte Caspian, wie ihm der saubere Handschuh der Verantwortung übergestreift werden sollte. Die Gefahr war mit dem Wagen gekommen. Ihr Träger sprach, als müsse Caspian sich dafür entschuldigen, sie nicht gastfreundlich genug zu empfangen.

Die Männer hatten jedes Wort gehört. Der Älteste prüfte inzwischen den Weg zur Zufahrt; der Jüngste hielt eine weitere Fanfare mit beiden Händen, als dürfe sie kein Geräusch mehr machen. Keiner widersprach, keiner half dem Fremden, seine Milde zu behaupten. Ihre Gesichter gaben Caspian einzelne Müdigkeiten und vier Waffen, die noch in den Scheiden lagen.

Der Bauer strich der Stute weiter über den Hals. Seine Hand bewegte sich langsamer als zuvor. Er sah nicht Caspian an. Die Frage nach der Rückkehr war unbeantwortet geblieben, und doch wiederholte er sie nicht. Der Fremde hatte ihm gezeigt, dass selbst die Länge von Caspians Fortgang bereits mehr Gewissheit verlangte, als dieser Morgen geben sollte.

Caspian spürte den alten Wunsch, einen Satz so scharf zu machen, dass er wenigstens dort eine Wunde hinterließ, wo seine Hand keine setzen konnte. Er kannte diesen Trost. Worte konnten einen mächtigeren Mann für einen Atemzug hässlich aussehen lassen. Danach blieb der mächtigere Mann mächtig, und der Trost verlangte seinen Preis von jedem, der in seiner Nähe stand.

Trotzdem wollte Caspian dem Fremden nicht erlauben, die Drohung mit Mitgefühl zu bemänteln.

Er hob das Kinn ein wenig. Die Bewegung brachte die kalte Luft an seinen Hals. Das schiefe Lächeln, das auf seinen Mund trat, gehörte nicht dem Hof und nicht dem erschrockenen Tier. Es gehörte den Räumen seiner Kindheit, in denen Menschen Grausamkeit mit so viel Anstand aussprachen, dass nur schlechte Erziehung sie beim Namen nannte.

„Sie haben eine Gabe: Die Folgen Ihrer Ankunft klingen bei Ihnen wie Fehler meines Charakters. Schlägt einer Ihrer Männer den Bauern, hängt die Hand an seinem Arm, nicht an meinem. Scheut die Stute, dann vor Ihren Fanfaren, nicht vor meiner Laune. Nennen Sie es Befehl, nennen Sie es Entführung, nennen Sie es die besonders herzliche Zuneigung eines Königs. Aber verlangen Sie nicht, dass ich Ihre Höflichkeit mit Freiwilligkeit verwechsle. Der Mann dort heißt Ansel. Er ist unbewaffnet. Er läuft seit Ihrem ersten Fanfarenstoß, und er hat ein Recht darauf, von mir zu hören, warum ich diesen Hof verlasse. Lassen Sie ihn heran. Geben Sie uns so viel Zeit, wie Sie eben für Ihre Erklärung gebraucht haben. Hält Ihre Gewissheit die paar Atemzüge nicht aus, dann hat Ihr König den falschen Boten gewählt. Oder den falschen Mann.“

Caspian sprach den Namen, bevor er entscheiden konnte, ob er ihn dem Fremden geben wollte. Das Wort veränderte dessen Blick nicht sichtbar. Doch es veränderte den Hof. Aus der laufenden Gestalt wurde für jeden, der zuhörte, ein bestimmter Mensch. Caspian bereute es und war zugleich erleichtert, Ansel wenigstens nicht länger als bloße Entfernung behandeln zu müssen.

Der Fremde sah an Caspian vorbei.

Ansel hatte den unteren Rand des Hangs erreicht. Zwischen ihm und der Zufahrt lag nur noch ein Streifen nassen Weges. Sein Atem war nun zu hören, unregelmäßig und tief. Er rief Caspians Namen und verlangte von den Männern am Wagen, ihn durchzulassen. Die Worte kamen nicht sauber. Der Lauf nahm ihm Teile davon, der Wind andere. Ihre Absicht brauchte keine Vollständigkeit.

Der ältere Bewaffnete stellte die Fahnenstange ab. Er ging zur engsten Stelle zwischen Wagen und Zaun. Dabei zog er die Waffe nicht und machte auch keine hastige Bewegung. Er hob die leere linke Hand, die mit dem wieder aufgeweichten Riss über dem Knöchel, und erklärte Ansel in einem Ton, der eher müde als drohend klang, dass er nicht weitergehen solle. Caspian verstand nicht jedes Wort. Er hörte genug, um zu wissen, dass der Mann keinen Kampf wollte und ihn dennoch führen würde.

Ansel verlangsamte erst, als der Arm bereits vor ihm lag. Sein Stiefel rutschte über den Lehm. Er griff an den Zaunpfosten und fing den Körper ab, bevor er den Bewaffneten berührte. Schlamm reichte nun vom Handgelenk bis über den Ellbogen. Er richtete sich nicht ganz auf. Der Atem zwang ihn vornüber, doch sein Blick ging an dem Mann vorbei und traf Caspian.

Caspian kannte dieses Gesicht in der Ruhe, im Schlaf, in Wut und in jener vorsichtigen Heiterkeit, mit der Ansel manchmal so tat, als sei eine Sorge kleiner, solange sie nicht ausgesprochen wurde. Jetzt konnte er keine dieser vertrauten Formen sicher darin finden. Zu viel Entfernung, zu viele fremde Körper und zu wenig Zeit lagen dazwischen. Er sah nur, dass Ansel näher wollte.

Ansel verlagerte das Gewicht auf den vorderen Fuß. Der ältere Mann hielt den Arm oben. Hinter ihm stockte die Arbeit am Wagen. Eine Fanfare wechselte lautlos die Hände; der Riemen um die Fahnen blieb halb festgezogen.

Der Kutscher verkürzte die linke Leine und sprach leise auf das Gespann ein. Die Pferde hoben die Köpfe fast gleichzeitig. Leder spannte sich und gab wieder nach.

Der Fremde wartete, bis Caspian den Stillstand sah. Er musste nichts deuten. Seine Geduld zwang Caspian, aus Händen, Atem und gespanntem Geschirr selbst zu lesen, wie wenig Bewegung der Hof noch vertrug.

Dann sprach er zum letzten Mal auf dem Hof.

„Wenn ich Ansel heranwinke, kommt er nicht, um Ihnen gute Fahrt zu wünschen. Sehen Sie ihn an. Der halbe Hang im Schlamm, und er bremst erst an einem fremden Arm. So ein Mann stellt sich zwischen Sie und die Tür. Der Ältere dort hat eine kaputte Hand und trägt trotzdem die Fahne des Jungen. Der schlägt Ihren Ansel nicht gern. Durchlassen wird er ihn auch nicht, sonst müssen die drei anderen an seine Stelle. Dahinter zwei Pferde, die den Morgen fürchten. Daneben ein Bauer, der eher selbst unter den Huf gerät, als sein Tier scheuen zu sehen. Keiner dieser Menschen ist mir gleichgültig, Caspian. Darum lüge ich Sie nicht an über das, was geschieht, wenn Sie sie länger zwischen Ihren Wunsch und meinen stellen. Steigen Sie ein, und ich lasse Ansel los, ehe der Wagen anrollt. Kein Mann betritt das Haus. Niemand rührt den Bauern an. Die Stute hört heute kein Metall mehr. Bleiben Sie an der Schwelle, und ich nehme Sie dennoch mit, nur kann dann keiner mehr sagen, er hätte selbst entschieden, wohin seine Füße gehen. Das ist der Preis dieses Morgens. Ich habe ihn nicht für irgendeinen Mann gewählt. Für Sie. Weil ich darauf vertraue, dass Sie ihn sehen.“

Zum ersten Mal benutzte der Fremde nur Caspians Vornamen. Nicht den vollen Namen, den er aus der Ferne mitgebracht hatte, nicht die höfliche Anrede. Er sprach ihn ohne Vertraulichkeit. Das einzelne Wort stand in der langen Rede wie eine Hand, die genau wusste, wo ein Körper am leichtesten aus dem Gleichgewicht geriet.

Caspian sah wieder zu Ansel.

Der Arm des Bewaffneten lag noch zwischen ihnen. Ansel sagte etwas, das im Geräusch eines Pferdehufs unterging. Es musste keine Erklärung sein. Sein Mund formte Caspians Namen noch einmal, diesmal weniger laut, und Caspian hörte ihn nicht, sondern erkannte ihn nur an der Bewegung.

Hinter Caspian stand die Tür offen. Aus der Kammer kam ein Rest verbrauchter Wärme, vermischt mit dem Geruch von Holz, Brot und der Arbeit, die er am Tisch hatte liegen lassen. Dort lagen auch die geschlossenen Paginae und die Münze mit dem Falken. Er musste sich nicht umdrehen, um ihren Platz zu kennen.

Ein Schritt zurück würde ihn zu ihnen bringen. Danach gäbe es einen Riegel, Wände und die Möglichkeit, Zeit zu gewinnen. Doch die Wärme hinter ihm war keine Festung. Der Bauer besaß dieses Haus. Die Stute stand an seinem Stall. Ansel befand sich vor einer fremden Hand, weil er Caspian erreichen wollte. Wenn Caspian die Tür schloss, schloss er keinen Feind aus. Er schloss alle anderen mit der Gefahr ein.

Er dachte an die Paginae nicht als Waffe. Das Buch hatte ihm zu viel gezeigt und zu wenig gehorcht, um sich in einem Augenblick wie diesem in ein brauchbares Werkzeug verwandeln zu lassen. Es konnte Wege öffnen, Bilder geben, eine Wahrheit neben eine andere stellen. Nichts davon versprach, einen nassen Hof mit vier bewaffneten Männern, zwei angespannten Pferden und einem Fremden, der seine eigene Unmöglichkeit verbergen konnte, unversehrt zu lassen.

Caspian hätte die Wirklichkeit verändern können.

Die Möglichkeit kam leise. Sie brauchte kein Buch und keine Münze. Ein anderer Wagen, ein zweiter Caspian, ein Graben, wo eben noch Boden gewesen war; sein Geist bot ihm Bilder an, weil er gewohnt war, in einem verschlossenen Raum zuerst nach der Stelle zu suchen, an der die Wand nicht echt sein musste.

Doch der Fremde hatte ihm keine Grenze gezeigt. Er hatte nur gezeigt, dass er Grenzen kannte, die für andere Menschen unsichtbar blieben. Vielleicht erkannte er jede Veränderung. Vielleicht konnte er sie auflösen. Vielleicht genügte ein einziger Atemzug Täuschung, um Ansel am älteren Mann vorbeizubringen. Vielleicht genügte derselbe Atemzug, damit der Jüngste die leere Hand am falschen Ort für eine Waffe hielt.

Die Macht machte Caspian nicht unwissend. Sie gab seinem Nichtwissen nur mehr Reichweite.

Er sah den Riss über dem Knöchel des älteren Mannes. Die Hand war offen. Der Mann hielt Ansel zurück, ohne ihn anzufassen. Sein Gesicht stand seitlich zu Caspian. Darin lag keine Freude, nur die angespannte Aufmerksamkeit eines Menschen, der wusste, dass seine nächste Bewegung von jemand anderem abhängen konnte.

Ansel hätte ihn überwältigen können. Caspian kannte die Kraft, mit der Ansel einen Körper aus einem Fluss oder einen Balken von einem eingeklemmten Bein ziehen konnte. Er kannte auch die Art, wie Ansel Gewalt vermied, bis sie für einen anderen Menschen nötig wurde. Auf dem nassen Weg vor dem Hof standen beide Möglichkeiten in seinen Schultern.

Wenn Ansel den Mann niederstieß, würden die drei anderen nicht auf seine Gründe warten. Wenn er stehen blieb, blieb er nahe genug, um jedes Geräusch aus dem Haus und jede Bewegung Caspians als Aufforderung zu verstehen. Caspian konnte ihm nicht zurufen, dass er die Paginae sichern, die Münze behalten und keinen heldenhaften Fehler begehen sollte. Ein solcher Ruf hätte dem Fremden verraten, worauf Caspian vertraute, und Ansel vielleicht genau zu der Bewegung getrieben, die er verhindern wollte.

So blieb nur der Blick.

Caspian hielt ihn auf Ansel, bis die Entfernung zwischen ihnen nicht mehr wie ein Weg aussah, sondern wie eine Entscheidung, die er nicht mit ihm teilen konnte. Er wusste nicht, was Ansel verstand. Vielleicht nur, dass Caspian nicht frei war. Vielleicht glaubte er, Caspian warte auf Hilfe. Vielleicht sah er die offene Tür, den Wagen und die Männer und wusste bereits, dass Hilfe in diesem Augenblick die gefährlichste Form von Liebe war.

Am Stall drängte die Stute ihre Nüstern gegen den Ärmel des Bauern. Der Kutscher sprach weiter zu den Zugpferden. Bei der Zufahrt hing Ansels nächster Schritt von einer offenen, verletzten Hand ab.

Caspian sah, wie aus jedem guten Grund eine Bewegung werden konnte, die den nächsten Körper traf: Der Bauer schützte sein Tier, der Ältere seine Gefährten, Ansel Caspian. Der Fremde hatte keinen gemeinsamen Hass zwischen ihnen gebraucht. Es genügte, sie an diesen Punkt zu bringen.

Caspian hasste ihn dafür.

Er löste den Mantel ganz vom Hals. Der Stoff sank von der rechten Schulter und blieb an der offenen Schnalle hängen. Er richtete ihn nicht. Seine Hände blieben sichtbar, als er über die Schwelle trat.

Der Schlamm nahm den ersten Schritt tiefer auf, als Caspian erwartet hatte. Wasser stieg am Sohlenrand hoch. Die Falte im rechten Stiefel schmerzte beim Abrollen, und für einen Augenblick war diese kleine Unbequemlichkeit wieder das Sicherste an seinem Körper. Sie gehörte ihm. Kein König hatte sie angeordnet, kein Fremder konnte sie zu einer höflichen Notwendigkeit erklären.

Der Mann in Blau trat zur Seite.

Er machte keine einladende Geste. Vielleicht wusste er, wie unanständig selbst die vollkommene Höflichkeit in diesem Augenblick ausgesehen hätte. Sein Lächeln war schmaler geworden. Nicht besiegt, nicht triumphierend. Aufmerksam.

Caspian ging an ihm vorbei.

Der Weg zum Wagen war kurz genug, dass er ihn von der Schwelle aus hätte zählen können. Er zählte nicht. Er sah den Lehm, der an seinen Stiefeln hochspritzte, die Radspur mit dem Regenwasser und die Schulter des Bauern, der der Stute den eigenen Körper zwischen Blick und Wagen stellte. Er sah den Kutscher auf den Bock zurücksteigen. Er sah vier Männer, von denen nur einer den Weg versperrte und alle vier bereit waren, es zu tun.

Niemand berührte ihn.

Der Bauer drehte sich um, als Caspian auf seine Höhe kam. Sein Gesicht war bleich unter der geröteten Haut des Morgens. Er fragte nicht noch einmal nach der Rückkehr. Caspian konnte ihm keine Antwort geben, ohne stehen zu bleiben, und Stehenbleiben war nun keine Bewegung mehr, die nur ihm gehörte.

Caspian neigte den Kopf. Es war dieselbe kleine höfische Form, die er dem Fremden gezeigt hatte, doch bei dem Bauern bedeutete sie etwas anderes. Dank, Entschuldigung und die Bitte, Ansel nicht allein in seiner Wut zu lassen, mussten darin Platz finden, obwohl keine Geste so viel tragen konnte.

Der Bauer antwortete nicht mit einer Verbeugung. Er legte die freie Hand kurz auf Caspians Unterarm. Die Finger waren kalt und rochen nach Pferd. Der Griff dauerte kaum länger als ein Schritt. Dann ließ er los und wandte sich wieder der Stute zu.

Der Fremde sagte nichts dazu.

Am Wagen hatte der Schweigsame die letzte Fanfare verstaut. Der Jüngste kontrollierte den Riemen um die Fahnen ein zweites Mal. Als Caspian näher kam, trat er nicht zurück, sondern hob den Blick. Sein Gesicht war schmaler, als der große Mantel vermuten ließ. Caspian konnte nicht entscheiden, ob darin Neugier oder Sorge lag. Beides wäre menschlich gewesen. Beides änderte nichts an der Waffe an seiner Seite.

Der Breite öffnete die Wagentür. Das rechte Knie zwang ihn, das Gewicht auf das andere Bein zu nehmen. Er bot Caspian keine Hand an. Hinter ihm lag ein dunkler Innenraum mit zwei einander gegenüberliegenden Bänken, mattem Leder und einem kleinen Fenster, dessen Plane zurückgebunden war. Die Öffnung war kaum größer als ein Körper und machte aus dem ganzen Wagen plötzlich nur einen Ort, an dem dieser Körper verschwinden sollte.

Caspian blieb vor der Stufe stehen.

Der Fremde hielt Abstand. Der Bauer stand bei der Stute. Der Kutscher nahm die Leinen auf. Drei Begleiter warteten beim Wagen, der vierte vor Ansel. Alles war bereit, ohne dass ein Befehl über den Hof gegangen war.

Caspian wandte sich noch einmal um.

Ansel hatte sich ganz aufgerichtet. Sein Atem ging sichtbar im kalten Morgen. Der ältere Mann hielt die Hand noch oben, aber der Arm war nicht mehr ganz gestreckt. Zwischen ihnen lag weniger als eine Armlänge. Ansel sah nicht ihn an. Er sah Caspian an.

Caspian wünschte sich einen Satz, der den Hof überbrückte und nur für Ansel verständlich war. Etwas, das sagte, dass das Buch auf dem Tisch kein Vergessen war, die Münze kein aufgegebener Weg und sein Schritt kein Einverständnis. Doch Geheimnisse ließen sich nicht laut erklären, nur weil ein Abschied plötzlich wenig Zeit besaß. Was er Ansel gab, war kein Satz. Er ließ die linke Hand mit dem alten roten Kreuz sichtbar am Wagenrahmen liegen und nahm sie wieder fort. Keine verabredete Geste, kein Zeichen. Nur die Hand, die Ansel kannte.

Unter seinen Fingern lag für einen Atemzug alles, was der Hof gewesen war: die Wärme, die Ansel auch im Regen hielt, der Geruch nach Stall, nassem Leinen und dem Rauch des Morgenfeuers, der raue Daumen, der einmal über seine Knöchel strich, als sei damit etwas gesagt. Caspian hätte es gern gesagt. Es kam nicht. Sein Hals war zu eng für Worte, die groß genug gewesen wären, und zu stolz für die kleinen.

Dann setzte Caspian den Fuß auf die Stufe.

Das Holz knarrte. Der Wagen nahm sein Gewicht an, als habe er auf nichts anderes gewartet. Caspian griff an den Rahmen. Die Wand war kalt und leicht feucht. Durch sie spürte er eine Bewegung aus dem Geschirr, das Zittern eines Pferdes, das stehen blieb, weil die Leinen es hielten.

Er stieg ein.

Der Innenraum zwang ihn, den Kopf zu senken. Leder, nasser Stoff und die alte Wärme vieler Fahrten lagen in der Luft. Die Bank gab nach und schob ihn mit der Federung ein wenig zurück. Sein Mantel hing noch schief, der Rock war offen, und Lehm lag an seiner linken Hand. Er sah aus wie ein Mann, der für einen Eimer Futter aus dem Haus getreten war und versehentlich in eine Reise geraten war. Vielleicht war dies die einzige ehrliche Erscheinung, die dieser Wagen an ihm dulden würde.

Gegenüber blieb der Platz leer.

Caspian stellte beide Füße fest auf den Boden. Die Paginae waren nicht bei ihm. Die Falken-Münze lag nicht in seiner Tasche. Das Fehlen besaß kein Gewicht, und doch spürte er es deutlicher als den Mantel auf den Schultern. Was auf dem Tisch geblieben war, blieb in einem Haus, zu dem Ansel zurückkehren konnte. Caspian hielt sich an diesem einfachen Weg der Dinge fest. Nicht das Buch musste ihn jetzt finden. Ansel musste nur die Tür erreichen.

Der Fremde trat in die Öffnung. Bevor er einstieg, sah er zum älteren Mann an der Zufahrt. Eine kleine Bewegung seines Kopfes genügte. Der erhobene Arm sank.

Ansel machte sofort einen Schritt. Der Bewaffnete wich nicht weit zurück, aber weit genug, dass kein Körper den Weg mehr vollständig schloss. Ansel ging nicht zu ihm. Er kam auf den Wagen zu.

Der Fremde stieg ein und setzte sich Caspian gegenüber. Die feine Rüstung nahm weniger Platz ein, als ihre Härte versprach. Der blaue Umhang fiel geordnet neben seine Beine. Er atmete nicht schwer. Er hatte den Hof durchquert, gesprochen und gewonnen, ohne den eigenen Körper einmal gegen einen anderen setzen zu müssen.

Caspian sah an ihm vorbei.

Der breite Begleiter fasste die Tür. Er wartete, bis Ansel nahe genug war, dass Caspian den Schlamm auf seinem Gesicht erkennen konnte. Dann zog er das Holz mit der ruhigen Kraft eines Mannes heran, der eine Arbeit beendete.

Ansel kam weiter. Sein Mund bewegte sich. Vielleicht sagte er Caspians Namen, vielleicht eine Frage. Das erste Stück der Tür nahm den Bauern und die Stute aus dem Bild. Das zweite verdeckte den älteren Bewaffneten. Ansel blieb in dem schmaler werdenden Ausschnitt.

Caspian hielt den Blick auf ihm.

Die Tür schloss sich, bevor Ansel den Wagen erreichte.

Das Schloss fiel mit einem tiefen, einfachen Laut. Für einen Atemzug war der Hof nur noch Geräusch: Ansels Schritte, ein Pferd, das den Huf versetzte, der Bauer am Geschirr, Leder durch eine Schnalle. Der Mann gegenüber sprach nicht. Caspian war dankbar für das Schweigen und hasste ihn auch dafür.

Der Wagen setzte sich in Bewegung.

Die Räder mussten sich aus den Vertiefungen heben, die ihr Gewicht in den weichen Boden gedrückt hatte. Der Kasten neigte sich, fing sich und stieß Caspians Schulter gegen die Wand. Draußen nahmen die vier Männer ihre Plätze ein. Praktische Absprachen über Pferde, Abstand und den nassen Weg gingen von Mund zu Mund. Kein Instrument erklang.

Caspian beugte sich zum kleinen Fenster. Die zurückgebundene Plane schlug gegen die Außenwand. Zuerst sah er nur das Stalltor und die Schulter der Stute. Dann glitt der Bauer vorüber, die schlammigen Knie noch immer dunkel. Er hatte sich halb zur Zufahrt gewandt.

Ansel erschien hinter ihm.

Er lief wieder. Der ältere Mann hatte ihn nicht festgehalten. Einer der Begleiter hielt neben dem Wagen denselben Abstand, den er schon bei der Einfahrt gewahrt hatte. Als der Hofweg enger wurde, musste Ansel nach außen ausweichen. Der nasse Boden nahm ihm Geschwindigkeit. Er blieb trotzdem auf gleicher Höhe mit dem hinteren Rad, solange der Wagen noch im Hof war.

Caspian legte die Hand an den Fensterrand. Er rief nicht. Der Lärm der Räder hätte den Namen vielleicht verschluckt, vielleicht auch nicht. Wenn Ansel ihn hörte, würde er schneller laufen. Wenn er schneller lief, geriet er zwischen Pferde, die den Hof verlassen wollten. Caspian hatte die Fahrt gewählt, um genau das zu verhindern. Er durfte die Wahl nicht im ersten Augenblick aus Sehnsucht verraten.

Ansel sah zum Wagen. Er konnte nicht wissen, an welchem Fenster Caspian saß. Sein Blick suchte die dunkle Seitenwand, sprang zur Tür und zurück. Der Schlamm an seinem Ärmel war bis zur Schulter verschmiert. Er lief nicht schön und nicht klug. Er lief, weil Caspian fortfuhr.

Die Zufahrt verengte sich zwischen Zaun und Haus. Der Begleiter fiel einen Schritt zurück und nahm Caspian für einen Augenblick die Sicht. Als er wieder neben das Hinterrad kam, war Ansel weiter außen. Er erreichte den Zaun, legte eine Hand auf den oberen Balken und stieß sich daran vorbei, ohne den Blick vom Wagen zu nehmen.

Der Weg bog.

Die feuchte Hauswand schob sich ins Fenster. Caspian sah dunkles Holz, eine Rinne, aus der noch Regen tropfte, und die offene Tür, hinter der der Tisch stand. Er sah die Schwelle, über die er gegangen war. Dann nahm die Kurve auch sie fort.

Für einen Augenblick gab der Abstand den Hang noch einmal frei.

Caspian suchte Ansel dort, wo er zuletzt gelaufen war.

Erst hinter der Plane, wo niemand ihn sah, gab sein Körper nach. Die Hände begannen zu zittern, ohne ihn zu fragen. Caspian presste die Faust gegen den Mund, bis die Zähne die Knöchel fanden, und der Laut, der herauswollte, blieb irgendwo zwischen Brust und Zunge stecken. Er schmeckte Metall. Er zählte nichts, er prüfte nichts. Er saß nur da und zitterte und hasste jeden Einzelnen in diesem Wagen dafür, dass Höflichkeit als Waffe genügt hatte.

Ansel war nicht mehr zu sehen.