Leseprobe

Utinam ne fecisses

Band 8 · Erstes Kapitel

Kapitel 1 — Die leichten Monde

Der Morgen roch nach Kalk, feuchtem Stroh und dem sauren Atem von Tieren, und Caspian erwachte, weil seine linke Schulter schmerzte.

Er blieb auf dem Rücken liegen, den Mantel bis an das Kinn gezogen, und sah durch die offenen Bretter des Heubodens, wie das Morgenlicht in dünnen, staubigen Streifen in den Stall hinabfiel. Unter ihm scharrte ein Pferd. Ein Rind stieß Luft durch die Nüstern, langsam und tief, dann schlug irgendwo ein hölzerner Riegel gegen eine Wand. Es waren kleine Geräusche, jedes an seinem Ort, jedes verursacht von etwas, das sich anfassen, füttern oder reparieren ließ. Keines kam aus einer Wand, hinter der kein Raum lag. Keines gehörte einem Mund, den es nicht gab. Der Himmel über den Brettern war blass und kalt und wurde heller, weil Morgen war.

Caspian hob den Arm und prüfte die Schulter mit den Fingerspitzen. Der Muskel war hart von der Arbeit des Vortags, die Haut darüber unversehrt. Auch der Rücken schmerzte, die Handflächen brannten an den Stellen, an denen neue Schwielen über älteren entstanden, und an seiner rechten Ferse saß eine Blase, die ihn seit etlichen Wegstücken begleitete und bei jedem Schritt daran erinnerte, dass Stiefel, Haut und Weg je eine andere Vorstellung davon besaßen, was ein Fuß ertragen könne. Er spürte alles. Es war herrlich.

In einer Welt, die ihm lange genug den Tod verweigert hatte, war Schmerz etwas anderes gewesen: eine Drohung ohne Vollzug, ein Satz, dem man das letzte Wort genommen hatte. Hier war er schlicht die Rechnung eines Körpers, der am Tag zuvor Säcke getragen und auf einem harten Boden geschlafen hatte. Die Schulter sagte nicht, dass etwas nach ihm griff. Sie sagte, dass der Sack zu schwer gewesen war. Die Ferse kündigte kein Gesetz an. Sie verlangte einen Streifen Stoff.

Er setzte sich auf. Das Blut sank ihm aus dem Kopf, Dunkelheit zog für einen Atemzug über seine Sicht, und er wartete, bis die Balken wieder stillstanden. Auch das gefiel ihm. Sterblichkeit hatte, wenn man sie nicht gerade verlor, eine bemerkenswert genaue Art, sich mitzuteilen.

„Die Schulter?“, fragte Ansel.

Ansel stand am Rand der Leiter, nur der Kopf und eine Schulter ragten über den Boden. Sein hellbraunes Haar war vom Schlaf auf einer Seite flach gedrückt und auf der anderen in eine Richtung geraten, die keine Hand beabsichtigt haben konnte. Das Gesicht trug bereits jene offene Wachheit, die Caspian an ihm kannte, und um die warmen braunen Augen lagen die kleinen Fältchen eines Mannes, der gern lachte und es oft genug getan hatte, dass die Haut sich daran erinnerte.

Caspian ließ den Arm sinken, langsam genug, dass es nach Wahl aussah. „Sie schmerzt. Der Sack war zu schwer, und heute trägt die Schulter die Erinnerung daran. Mehr ist es nicht.“ Die ruhige Feststellung verbarg das Brennen nicht vor Ansel.

Ansel sah auf Caspians Hand, die noch immer am Oberarm lag. „Unten wartet die Bäuerin. Sie hat einen Besen für dich und eine Arbeit, nach der die Schulter morgen an etwas anderem leiden kann.“

Ansel lächelte nicht. Caspian nickte; mehr war über die Beschwerde nicht zu verhandeln.

Ansel verschwand wieder. Die Leiter knarrte unter seinem Gewicht, dann hörte Caspian seine Schritte im Stall und die Stimme der Bäuerin, kurz, kräftig, ohne Gruß. Sie erklärte etwas über die hintere Kammer, Mäusedreck und eine Wand, die vor dem nächsten Regen gekalkt sein müsse. Ansel antwortete, dass sie es verstanden hätten. Er sagte es mit derselben Schlichtheit, mit der er größere Dinge sagte, und gerade deshalb glaubte man ihm auch bei einem Besen.

Caspian schob die Füße in die Stiefel, wickelte einen Stoffstreifen um die Ferse und stieg hinab. Die Kälte saß noch zwischen den Steinplatten. Sie kroch durch die Sohlen und die dünnen Stellen seiner Kleidung, und als er die Stalltür öffnete, traf ihn eine Luft, die nach nasser Erde, Rauch und dem weiten, flachen Land roch, das sich hinter dem Hof bis an einen niedrigen Horizont zog. Die namenlose Stadt, in deren Schlamm er die Welt zurückerhalten hatte, lag seit mehreren Monden hinter ihnen. Von ihr war nur die Straße geblieben, zunächst nach Norden, dann in all jene Richtungen, die sich ergaben, wenn zwei Männer weder ein Ziel noch einen Grund besaßen, eines zu erfinden. Das Land hier war offen. Felder lagen grau und grün unter dem Morgen; an ihren Rändern standen niedrige Hecken, und jenseits des Brunnens hing Wäsche an einer Leine, schwer von der Nachtfeuchte.

Die Bäuerin drückte ihm einen Reisigbesen in die Hand. Sie war eine breite Frau mit hochgekrempelten Ärmeln und dem Blick eines Menschen, der alles, was vor ihm stand, nach seiner Brauchbarkeit ordnete.

„Hinten“, sagte sie. „Erst ausfegen. Dann die Säcke aus dem Schuppen in die trockene Kammer. Die Klingen liegen beim Schleifstein. Wenn ihr vor dem Mittag fertig seid, gibt es Brot. Wenn nicht, gibt es später Brot.“

„Wir werden vor dem Mittag fertig sein“, sagte Caspian.

Die Frau sah ihn an. Sein Satz war zu sorgfältig gekleidet für den Hof und besaß dort keinen Nutzen. Ansel nahm ihr den ersten Sack ab und trug ihn zum Schuppen; das genügte als Übersetzung.

Die Bäuerin ging, ohne sich um die fehlende Hälfte zu kümmern. Caspian sah ihr nach, dann auf den Besen in seiner Hand. Der Stiel war rau, an einer Stelle mit Schnur umwickelt, und passte schlecht in Finger, deren älteste Erinnerung an Arbeit aus Karten, Degen und der Feder eines Schreibers bestand. Inzwischen gab es jüngere Erinnerungen. Holzgriffe. Seile. Nasse Eimer. Das Gewicht des schwereren Endes, wenn Ansel das andere trug.

Ansel kam ohne den Sack zurück, nahm den zweiten und wies mit dem Kinn zur hinteren Kammer. Die Bewegung enthielt weder Spott noch Bewunderung. Caspian sah auf den Besen, dann auf den Rücken der Bäuerin, und begriff, wie vollständig seine alte Kunst an diesem Ort an einer Arbeit abglitt, die getan werden musste.

Caspian neigte den Kopf mit der Würde eines Mannes, dem soeben ein Amt übertragen worden war, und ging.

Die hintere Kammer war niedrig und fensterlos. Der Boden bestand aus festgetretener Erde; an den Wänden standen Fässer, ein zerbrochener Melkschemel und Geräte, deren Nutzen Caspian nicht sämtlich kannte und deren Schweigen ihm sympathisch war. Der Staub hob sich unter jedem Strich des Besens, geriet ins Morgenlicht der offenen Tür und legte sich ihm auf Zunge und Wimpern. Mäuse hatten in einer Ecke Getreidespelzen gesammelt. Unter einem Fass fand er einen alten Lappen, ein paar Knochen und eine Kupfermünze, so dünn abgerieben, dass das Gesicht des Herrschers darauf aussah wie das eines Mannes, den niemand mehr grüßte.

Er hielt sie zwischen Daumen und Zeigefinger hoch.

„Eine Münze“, sagte er und rieb mit dem Daumen über die beinahe verschwundene Prägung. „Man erkennt kaum noch, wer darauf dargestellt war.“

Ansel, der das Fass zur Seite rollte, warf einen Blick darauf. „Dann leg es dorthin, wo man es finden kann.“

Caspian legte die Münze auf den Schemel. Ansel hob das Fass an, und Caspian schob den Besen darunter. So arbeiteten sie sich durch den Raum, einer hob, einer kehrte, beide husteten, und nach einer Weile waren ihre Gesichter und Ärmel vom Staub grau. Es war eine Arbeit ohne Geheimnis. Der Dreck lag dort, wo er lag. Das Fass wog, was es wog. Wenn sie eine Ecke gereinigt hatten, blieb sie sauber, wenigstens bis die nächste Maus eine andere Meinung dazu entwickelte. Nichts stellte sich zurück, sobald sie den Rücken wandten. Keine Tür führte an einen anderen Ort als in den Raum dahinter.

Als Caspian den letzten Haufen auf die Schaufel schob, trat die Sonne über die niedrigen Dächer. Wärme fiel durch die Tür und lag auf seinem Handrücken. Er drehte die Hand, langsam, sodass das Licht über die neuen Schwielen glitt.

Frei.

Das Wort war ihm zu groß für den Besen, zu sauber für den Staub und zu feierlich für einen Mann, dessen Haar voller Spinnweben hing. Vielleicht gefiel es ihm gerade darum. Freiheit hatte er sich früher als das Fortfallen einer Mauer vorgestellt, als eine Tür, die endlich offenstand, als ein Name, den niemand mehr gegen ihn verwenden konnte. Nun war sie ein schmerzender Rücken in einer Kammer, die er jederzeit verlassen durfte. Sie war Hunger vor dem Brot und Müdigkeit vor dem Schlaf. Sie war ein Auftrag, dessen Strafe darin bestand, dass die Bäuerin das Brot später auf den Tisch stellte.

Bald nach der fremden Stadt hatte er dieser Einfachheit nicht getraut. Er war nachts erwacht und hatte geprüft, ob die Wand noch dieselbe war, ob der Boden dort lag, wo er eingeschlafen war, ob Ansels Atem aus der anderen Ecke kam und die Tür wirklich auf den Hof führte. Vor Sonnenaufgang hatte er eine Herberge verlassen, nur um die Straße im Dunkeln abzuschreiten und am nächsten Wegstein zu fühlen, ob er fest im Boden saß. Er hatte sich dabei lächerlich gefunden und dennoch beide Hände gegen den kalten Stein gelegt. Der Stein hatte nichts getan. Er war rau gewesen, feucht vom Tau und vollkommen gleichgültig gegen Caspians Zweifel. Als er am Morgen wieder vorbeikam, stand er noch dort.

Auch das Wetter hatte sich bewähren müssen. Ein Regen auf der Straße hatte sie bis auf die Haut durchnässt. Wasser war in Caspians Kragen gelaufen, hatte die Stiefel gefüllt und aus dem Weg einen zähen braunen Brei gemacht; am Abend zitterte er so heftig, dass Ansel ihm wortlos die trockenere Hälfte einer Decke überließ. Caspian hatte unter ihr gelegen, elend, frierend und auf eine unvernünftige Weise glücklich, weil der Regen nichts anderes gewesen war als Regen. Er hatte nicht nach ihm gegriffen. Er hatte keine Erinnerung gesprochen, kein Gesicht angenommen und keine Regel verändert. Am Morgen waren die Kleider noch nass gewesen. Darin hatte ein Trost gelegen, den nur ein Mann verstand, der erfahren hatte, dass selbst Nässe lügen konnte.

Die echte Welt war nicht gütig. Sie machte einen Menschen krank, ließ Wege im Schlamm versinken, verdarb Brot, wenn man es falsch lagerte, und verlangte für jedes Bett einen Preis. Aber ihre Härte war nicht persönlich. Der Regen kannte Caspian nicht. Ein Stein prüfte ihn nicht. Hunger stellte keine Frage nach seinem Wesen; er kam und ging mit dem Brot. Diese Gleichgültigkeit, die ihm früher kalt erschienen wäre, fühlte sich nun beinahe wie Gnade an. Eine Welt musste ihn nicht lieben. Es genügte, wenn sie nicht mit ihm spielte.

Und sein Körper, dieser wieder sterbliche, begrenzte Körper, führte darüber ein genaueres Buch als jeder Philosoph. Arbeit schrieb sich als Brennen in die Muskeln, Kälte als steife Finger, Essen als Wärme unter die Rippen. Nichts davon blieb abstrakt. Er konnte am Abend auf einer Handfläche sehen, was der Tag von ihm verlangt hatte, und am nächsten Morgen feststellen, was davon verheilt war. Die Welt blieb, während er schlief. Er blieb auch.

„Du siehst den Staub an, als hättest du darin eine Wahrheit gefunden“, sagte Ansel.

Caspian lehnte den Besen an die Wand. „Man findet Wahrheiten an unerwarteten Orten. Die meisten Philosophen suchen an schlechteren als hinter einem Fass.“ Die Zuspitzung bedeckte, wie ernst er den Gedanken meinte.

Ansel lachte. Es war ein kurzes, warmes Lachen, ganz in seinem Gesicht, und Caspian nahm die Schaufel hinaus. Vor der Kammer stach er sie in den feuchten Hofboden. Erde und Staub lösten sich vom Eisen und blieben dort, wo sie fielen.

Die Säcke enthielten getrocknete Bohnen, Gerste und etwas, das nach staubiger Wurzel roch. Die Bäuerin erklärte die Reihenfolge, in der die Säcke in die Kammer gehörten, und Caspian hörte aufmerksam zu, weil er gelernt hatte, dass Menschen, die seit Jahren Säcke lagerten, mehr über Säcke wussten als Männer, die sich für rasch begreifend hielten. Ansel nahm die schweren. Caspian nahm ebenfalls die schweren, sobald er bemerkte, dass Ansel die schweren nahm, und keiner sprach den kleinen Wettstreit aus, weil das Aussprechen ihn kindisch gemacht hätte.

Bei einem der letzten Gänge rutschte Caspian der Sack von der Schulter. Er fing ihn mit dem Knie ab, stieß mit der Hüfte gegen den Türpfosten und rettete die Gerste, wenn auch nicht seine Würde.

„Ich habe nichts gesehen“, sagte Ansel hinter ihm und legte eine Hand an die obere Ecke des Sacks, damit das Gewicht nicht noch einmal kippte.

Caspian richtete die Last auf der Schulter aus. „Dann fass dort an, bis wir durch die Tür sind. Ich verliere ihn nicht noch einmal.“

Ansel nahm einen Teil des Gewichts auf. „Langsam. Die Schwelle ist uneben.“

Caspian brachte den Sack hinein und ließ ihn auf den Boden gleiten. Das Gewicht verließ seine Schulter so plötzlich, dass der Arm leicht wurde und zitterte. Er presste die Hand gegen den Muskel, atmete durch den Staub und grinste, obwohl niemand im Raum stand, vor dem es sich gelohnt hätte. Der Körper lernte rascher als der Stolz. Zu Beginn der Wanderschaft hatte das Gewicht eines Sacks genügt, ihm die Hände zu öffnen. Nun hielt er länger stand, ehe die Tür gewann.

Sie hatten in dieser Zeit geputzt, was andere schmutzig hinterlassen hatten; sie hatten Kisten, Balken, Wasser und einmal einen steinernen Trog geschleppt, dessen Besitzer bei jedem Schritt erklärte, er sei gar nicht so schwer. Sie hatten Messer und Sicheln geschliffen, Zäune ausgebessert, Holz gespalten und in einem kalten Feld nach einem Fuchs gejagt, der klüger war als die Männer, die für ihn bezahlt wurden. Caspian hatte gelernt, dass Jagd vor allem aus Warten bestand, Schleifen aus Gleichmaß und Putzen aus der Demut, denselben Fleck mehrmals zu sehen. Ansel hatte all dies schon besser gekonnt oder wenigstens so ausgesehen. Wenn er etwas nicht wusste, fragte er. Wenn Caspian etwas nicht wusste, begann er mit einer Vermutung und fragte erst, sobald die Vermutung zu rauchen begann.

Es hatte sich bewährt.

Kurz vor dem Mittag lagen die Säcke in der trockenen Kammer. Die Bäuerin prüfte die Reihen, zog einen um eine Handbreit nach links und nickte. Das Brot kam früh genug, um als Sieg zu gelten. Sie aßen draußen an der warmen Seite der Mauer, grobes Brot mit weichem Käse und Zwiebeln, dazu Wasser aus einem Krug, das nach Ton schmeckte. Caspian saß auf einem umgedrehten Eimer, die Beine ausgestreckt, und betrachtete die Krümel auf seiner Hose mit einem Wohlwollen, das er einst nur sehr alten Büchern entgegengebracht hatte.

Ansel brach sein Brot in der Mitte und betrachtete Caspians Haar. „Du hast noch Staub im Haar. Er fällt dir ins Essen.“

Caspian strich darüber. Der Staub blieb an seinen Fingern; er wischte ihn an der Hose ab und nahm den Krug, um sich die Hände zu waschen.

Ansel schob ihm die größere Brothälfte zu. „Du hattest den schwereren Sack. Iss.“

Caspian sah die Brothälfte an, dann Ansel. Eine kunstvolle Zurückweisung hätte der schlichten Geste ihren Sinn genommen. Also aß er.

Caspian aß. Der Käse war salzig und der Rand des Brotes so hart, dass er ihn mit den Backenzähnen brechen musste. Eine Fliege setzte sich auf seinen Ärmel, putzte sich die Vorderbeine und flog wieder fort. Vom Feld kam das regelmäßige Schlagen einer Hacke. Im Hof stritt die Bäuerin mit einem Huhn, das durch eine offene Tür wollte; das Huhn gewann vorläufig. Alles daran war klein. Nichts daran verlangte, gedeutet zu werden.

Als Caspian nach dem Krug griff, stieß seine Hand gegen die Tasche seines Mantels. Darin antwortete ein Gewicht, klein, rund und zu schwer für seine Größe. Er zog die Hand zurück und hielt die Münze zwischen den Fingern; sie fing das Mittagslicht in einem stumpfen goldenen Glanz.

Ansel bemerkte sie. Er sagte nichts. Seine Augen gingen nur kurz zu der Prägung und wieder zu Caspian, und das genügte.

Caspian drehte die Münze auf den Fingerknöcheln, langsam, nicht als Kunststück, eher aus einer alten Gewohnheit der Hände. Der Falke zeigte sich, die Schwingen halb erhoben, der Kopf gewandt. Er wendete sie. Derselbe Falke. Keine Zahl, kein Herrscher, kein anderes Gesicht, nur die eine Prägung noch einmal.

Alles Schreckliche, dachte Caspian, hatte zwei Seiten. Eine, die es einem zeigte, und eine, die es verbarg; eine, die nahm, und eine, die etwas zurückließ, das man vorher nicht besessen hatte. Selbst eine Wunde besaß die Seite, an der sie sich schloss, und eine Flucht diejenige, an der man irgendwo ankam. Es war eine tröstliche Betrachtung, wenn man sie nicht zu genau prüfte, und Caspian prüfte tröstliche Betrachtungen grundsätzlich zu genau.

Die Münze half ihm nicht. Sie hatte zwei Seiten und zeigte zweimal dieselbe.

Zwei Seiten. Zweimal derselbe Falke.

Er musste lächeln. Vielleicht war das Schreckliche gründlicher als die gewöhnlichen Dinge und brauchte keine Gegensätze. Vielleicht war Gold bloß Gold, ein Falke bloß ein Falke und ein Münzschneider irgendwann der Meinung gewesen, ein gelungenes Bild müsse nicht durch ein anderes geschwächt werden. Vielleicht bewies das kleine Ding nichts, außer dass selbst das Unmögliche schlechte Antworten gab, wenn man ihm eine bequeme Frage stellte.

Ansel bemerkte seinen Blick und ließ die größere Brothälfte in Caspians Hand ruhen. „Du siehst die Münze an, als hätte sie dir widersprochen.“

Caspian drehte den Falken ins Licht. „Das hat sie. Ich wollte ihr den Satz auferlegen, jedes schreckliche Ding besitze zwei Seiten, und sie zeigt mir zweimal dieselbe.“ Er hob die Münze wie zu einem Trinkspruch. „Von etwas Unmöglichem hatte ich mehr Einfallsreichtum erwartet.“ Die Zuspitzung erleichterte nichts. Ansel lächelte nicht.

Dann nahm Ansel einen Schluck Wasser. „Steck sie ein. Manche Fragen werden nicht kleiner, wenn man sie füttert.“

Caspian sah noch einmal auf den Falken. Die Prägung war kühl unter seinem Daumen. Er wendete sie nicht wieder, denn er kannte das andere Gesicht, und schob sie in die Tasche zurück.

Das klang nach Ansel, schlicht genug, um nicht nach Weisheit zu verlangen, und wahr genug, dass Caspian keine Erwiderung fand, die es verbessert hätte. Er nahm den Krug, trank und ließ das Paradox in seiner Tasche. Dort lag es ruhig.

Das Buch lag im Gepäck auf dem Heuboden, unter einem zusammengerollten Hemd und dem Tuch, in das Caspian es seit dem Beginn ihrer Wanderschaft schlug. Es war geschlossen. Es hatte den ganzen Morgen keinen Laut gemacht, kein Beben durch die Dielen geschickt und keinen Gedanken berührt, der nicht ohnehin Caspians eigener gewesen war. Wenn er die Aufmerksamkeit darauf richtete, fand er nur die Kenntnis seines Gewichts über sich, so gewöhnlich wie die Kenntnis eines Steins in einer Tasche.

Er hatte Ansel davon erzählt, lange bevor er es ihm gezeigt hatte.

Nicht in einer Beichte, die an einem Feuer begonnen und bei Sonnenaufgang geendet hatte; Caspian misstraute den sauberen Formen, in die Menschen ihr Leben gern brachten, sobald sie es einem anderen gaben. Das Leben war nie so ordentlich gewesen. Er hatte es in Stücken erzählt, an verschiedenen Abenden und auf verschiedenen Straßen, manchmal nur einen Satz, manchmal so lange, bis das Feuer niederbrannte und Ansel Holz nachlegte, ohne ihn zu unterbrechen. Von dem Haus, das ihn fortgegeben hatte. Von den Gassen, in denen ein Mann aus Karten Brot machen konnte, solange die Finger rascher waren als der Hunger. Von einer Spinne, die keine war, und einer Frau, deren Wunde nicht blutete, weil sie nie bestanden hatte. Von einer Wüste, einem Handel und der Stimme, die einen alten Namen kannte. Von dem, was danach in seinem Leib wohnte und bisweilen seinen Mund nahm. Von dem Buch.

Er hatte nicht geschont, weder sich noch den Zuhörer. Was Caspian getan hatte, sagte er ebenso wie das, was man ihm angetan hatte; er legte die hässlichen Dinge nicht auf die andere Seite der Waage und nannte sie dort Notwendigkeit. Ansel war der einzige Mensch, dem er alles offenbart hatte, und das nicht, weil Ansel jedes Wort begriff. Niemand begriff jedes Wort. Caspian selbst verstand den geringsten Teil davon. Er hatte es ihm gesagt, weil Ansel als Einziger verstehen konnte, wie es war, in einer Wirklichkeit zu leben, deren Regeln nicht bloß verborgen, sondern gegen einen gerichtet waren; wie es war, den eigenen Augen zu misstrauen und dennoch handeln zu müssen; wie es war, aus etwas zurückzukehren, das kein vernünftiger Mensch für einen Ort hielt, und ohne Beweis darlegen zu sollen, dass man dort gewesen war.

Ansel hatte zugehört. Das war alles gewesen, und es war mehr gewesen, als Caspian erwartet hatte.

An einem Abend, als Regen auf das Dach einer namenlosen Wirtschaft schlug und die übrigen Gäste bereits schliefen, hatte Caspian das Buch aus seinem Bündel genommen. Er erinnerte sich an die Lampe zwischen ihnen, an das feuchte Holz des Tisches und an Ansels Hände, die erst auf den Knien liegen geblieben waren.

„Das ist es?“, hatte Ansel gefragt, ohne die Hände von den Knien zu nehmen.

Caspian hatte die Schlichtheit der Frage mit Spott verwechseln wollen, weil Spott leichter zu beantworten gewesen wäre. „Das ist es. Das Buch.“ Er zwang ein kaum merkliches Schulterzucken in die Bewegung, doch seine Finger blieben auf dem Tuch liegen. „Du darfst enttäuscht sein. Es ist daran gewöhnt.“ Die Leichtigkeit des Satzes erreichte Ansel nicht; sie blieb bei Caspian, dünn und ohne Nutzen.

Ansel hatte das alte, abgegriffene Ding betrachtet. Der vergilbte Einband lag stumpf im Lampenlicht; das Leder war rissig, die Ecken vom Tragen gerundet. Es sah aus wie ein Buch, das zu vielen Besitzern gehört und keinem von ihnen Freude gemacht hatte. Geschlossen war nichts daran, das einen erneuten Blick verlangte.

„Darf ich?“, hatte Ansel schließlich gefragt.

Caspian hatte gezögert. Nicht lange, doch lang genug, dass Ansel die Hand wieder zurückzog.

„Du musst nicht“, hatte Ansel gesagt, als er Caspians Zögern bemerkte, und die Hand bereits wieder gesenkt.

„Ich weiß.“ Caspian hatte das Buch über den Tisch geschoben. „Darum darfst du.“

Ansel hatte es mit beiden Händen aufgenommen.

Caspian erinnerte sich genauer an diesen Augenblick als an manches Wort seiner langen Erzählung: an den Daumen auf dem rissigen Einband, an die Finger unter dem Rücken, an das kleine Senken der Handgelenke, als Ansel das Gewicht prüfte. Er hatte das Buch nicht geöffnet. Er hatte es gewendet, die Vorderseite betrachtet, die Rückseite, den Rücken. Seine Miene war aufmerksam gewesen, dann ratlos, und schließlich hatte er zu Caspian aufgesehen.

„Es ist einfach ein Buch“, hatte er gesagt.

Caspian hatte auf seine Hände gesehen. Keine leuchtenden Linien lagen darüber. Kein Schatten bewegte sich zwischen den Fingern. Das Buch ruhte dort so still, als sei es immer nur Leder, Leim und vergilbtes Blatt gewesen.

Ansel hatte noch einmal auf den Einband gesehen. „Einfach ein Buch. Alt, schwer und nicht besonders schön. Wenn du mir nichts davon erzählt hättest, sähe ich keinen Grund, es für etwas anderes zu halten.“

„Das wäre mir lieber.“

Ansel hatte es ihm zurückgegeben, vorsichtig, aber nicht ehrfürchtig. Gerade das war Caspian aufgefallen. Menschen gingen vorsichtig mit Dingen um, von denen man ihnen sagte, sie seien gefährlich; Ehrfurcht aber musste ein Ding selbst erzeugen, und in Ansel hatte das Buch keine erzeugt. Für ihn war es ein Gegenstand gewesen, nicht mehr. Ein Buch.

Caspian hatte es wieder in das Tuch geschlagen.

Einfach ein Buch.

Er wünschte sich, dass es so wäre. Nicht mit der großen, brennenden Sehnsucht eines Mannes, der sein Leben zurückforderte, und nicht in der Hoffnung, ein Wunsch könne die Beschaffenheit der Welt ändern. Es war ein kleinerer Wunsch, müde und vernünftig: dass Ansels Hände recht hätten und seine eigenen Augen unrecht; dass man das Buch schließen, einwickeln und unter ein Hemd legen könne, bis es nichts mehr war als zusätzliches Gewicht im Gepäck eines Wanderers.

Seit jenem Abend hatte Ansel es nicht noch einmal verlangt. Caspian hatte es nicht noch einmal angeboten.

Nun lag es über ihnen auf dem Heuboden und schwieg, während sie am Schleifstein standen.

Ansel trat das Pedal. Der runde Stein setzte sich ruckelnd in Bewegung, fing sich und begann in gleichmäßigem Takt zu laufen. Caspian hielt eine Sichel an die graue Fläche. Ein raues Singen entstand; Wasser spritzte aus der Mulde, und feiner Metallstaub legte sich dunkel auf seine Finger. Er veränderte den Winkel, zu steil, dann flacher, bis der Ton sauberer wurde.

„Nicht drücken“, sagte Ansel. „Hör auf den Ton. Sobald er rau wird, nimm Kraft zurück und halte nur noch den Winkel.“

Caspian hatte eine Erwiderung bereit, doch der Stein sprach lauter als sie: Unter seiner Hand schabte die Sichel so grob über die Fläche, dass jeder Widerspruch lächerlich geworden wäre. Er nahm die Klinge fort, prüfte den Grat mit dem Daumen und setzte sie wieder an, diesmal leichter. Ansel zeigte mit zwei Fingern eine kleine Veränderung des Winkels. Caspian folgte ihr, und der Ton glättete sich.

Sie schliffen die Sicheln, dann die Messer und die stumpfe Schneide eines Beils. Die Arbeit verlangte Aufmerksamkeit, aber keine Deutung. Wasser, Stein, Stahl, Winkel. Wenn der Ton rau wurde, änderte Caspian die Hand. Wenn die Schneide einen gleichmäßigen feinen Rand zeigte, war sie fertig. Der Verstand durfte ruhen, ohne untätig zu sein; er hatte eine kleine Aufgabe und erfüllte sie.

Danach trugen sie die Geräte in den Schuppen, stellten die Fässer zurück in die saubere Kammer und halfen dem Bauern, einen abgesunkenen Zaunpfosten aus dem feuchten Boden zu ziehen. Der Mann sprach kaum. Er zeigte auf den Pfosten, reichte ihnen ein Seil und stemmte sich mit ihnen dagegen. Erde saugte am Holz. Das Seil schnitt Caspian in die Handflächen, Ansel rutschte einen Schritt, fing sich, und dann gab der Boden mit einem tiefen, nassen Laut nach. Der Pfosten kam heraus, schwarz von Erde, und alle wichen zugleich zurück.

Der Bauer betrachtete das Loch. „Gut“, sagte er.

Es war das ganze Urteil. Caspian empfand eine lächerliche Zufriedenheit darüber.

Am Rand des Feldes fanden sie später die Spur des Fuchses, wegen dessen sie am Morgen gefragt worden waren: kleine Abdrücke im weichen Boden, ein Büschel rötliches Haar an der Hecke, Federn zwischen den Halmen. Sie folgten der Spur eine Weile, Ansel vorn, Caspian mit einem geliehenen Bogen hinter ihm, doch das Tier kannte die Hecken besser als sie. Es zeigte sich nicht. Als die Abdrücke auf trockenem Grund verschwanden, blieb Ansel stehen.

Ansel kniete sich an den Rand des trockenen Bodens und strich mit den Fingern über die letzte sichtbare Vertiefung. „Die Spur ist fort. Wenn es nicht zurück ins Weiche tritt, finden wir sie heute nicht wieder.“

Caspian hob eine Feder auf. „Dann kehren wir mit einer Feder und einer vernünftigen Niederlage zurück.“ Die feierliche Ruhe änderte nichts an der Flucht des Fuchses. Ansel prüfte noch einmal die Hecke und wandte sich ohne Erwiderung zum Hof.

Sie kehrten ohne Fuchs zurück. Die Bäuerin hörte sich den Bericht an, nahm ihnen den Bogen ab und sagte, dann müsse das Huhn für die Nacht eben in den Stall. Keine Enttäuschung, keine Anklage, kein verborgener Preis. Ein Tier war entkommen; eine Tür wurde geschlossen. Die Welt besaß Lösungen, die nicht vollkommen sein mussten, um zu genügen.

Als die Sonne sank, erhielten sie eine Schüssel Eintopf, einen Platz am Feuer und einige Kupfermünzen für die Arbeit. Caspian nahm das Geld, zählte es aus Gewohnheit und gab Ansel die Hälfte. Ansel zählte nicht nach. Die Bäuerin bemerkte es und schnaubte.

„Ihr vertraut ihm bei Münzen?“, fragte sie.

Ansel sah auf die Hälfte, die vor ihm lag, und dann auf Caspians noch offene Hand. „Beim Zählen nicht. Beim Teilen schon.“

Caspian legte eine Hand an die Brust, doch die gespielte Kränkung blieb stumm. Die Frau lachte; das Huhn schoss unter der Bank hervor. Als sie in die Küche gegangen war, wartete Caspian, bis Ansel den nächsten Löffel nahm. „Du wirst frech.“

Ansel blies über den Eintopf. „Ich lerne von dir.“

Caspian ließ den Blick auf ihm ruhen, als müsse er die Folgen dieser Behauptung ernsthaft erwägen. „Dann bist du verloren.“

Ansel hob die Schultern und aß. „Das war ich schon.“

Der Satz kam leicht, ohne dass Ansel die Stimme senkte. Er aß weiter. Caspian ließ ihn stehen, wie Ansel selbst ihn stehen ließ, nicht weil darin nichts lag, sondern weil nicht alles, was wahr war, geöffnet werden musste. Das Feuer knackte zwischen ihnen. Rauch sammelte sich unter den Balken und zog durch ein Loch im Dach. Jenseits der offenen Tür wurde das Feld dunkel, nicht mit jener Dunkelheit, die einen Ort verschluckte, sondern mit der gewöhnlichen des Abends, in der Hecken zu Linien und Linien zu nichts wurden, bis am Morgen das Licht sie zurückgab.

Ansel war in diesen Monden wichtig geworden, auf eine Weise, die Caspian weder geplant noch geprüft hatte. Ein Bruder im Geiste, dachte er; ein Begleiter durch die Dunkelheit. Das Wort Bruder hatte in seinem Leben lange den Geschmack einer Ordnung getragen, in der einer vor dem anderen kam und der andere lernte, für den Fall bereitzustehen. Bei Ansel bedeutete es nichts davon. Es war kein Rang. Es war die Gewissheit, dass neben dem eigenen Schritt ein anderer lag; dass jemand dasselbe Unmögliche gesehen hatte und deshalb nicht den Blick senkte, wenn Caspian davon sprach; dass zwischen ihnen ein Schweigen bestehen konnte, ohne eine Strafe zu sein.

Ansel war der Einzige, der es verstehen konnte. Nicht alles, nicht die Stimme in Caspians Leib und nicht die drei Schichten, in die sich die Welt unter seinem Blick teilen konnte, wenn er sie ließ. Aber das Wesentliche: dass ein Mensch aus der Dunkelheit zurückkehren und dennoch einen Teil von ihr im Gepäck tragen konnte; dass Freiheit nicht bedeutete, nichts mehr hinter sich zu haben. Ansel hatte selbst etwas erlebt, für das die echte Welt keinen rechten Namen besaß. Er brauchte keinen Beweis. Er war einer.

Und nun saß dieser Beweis am Feuer, tunkte Brot in Eintopf und verbrannte sich die Zunge. Ansel zog scharf Luft ein und griff nach dem Wasser. Caspian schob ihm den Krug hinüber, bevor seine Hand ihn erreichte.

Ansel trank, wartete, bis er wieder ohne Schmerz schlucken konnte, und hob nur kurz den Blick. „Lass das Buch heute geschlossen.“

Es war das einzige Mal an diesem Tag, dass Ansel es erwähnte. Seine Stimme blieb ruhig, beinahe beiläufig; gerade darum verstand Caspian, dass der Satz nicht dem Eintopf und nicht dem kleinen Missgeschick galt. Er folgte Ansels Blick zur Leiter, über der das stumme Gepäck lag. „Das bleibt es.“

Ansel nickte und aß weiter.

In der Nacht lag Caspian wieder auf dem Heuboden. Der Hof war stiller als am Morgen, doch nicht vollkommen still. Tiere bewegten sich unter ihm, ein Balken arbeitete in der abkühlenden Luft, draußen strich Wind über das Dach und fuhr durch das Gras. Neben der Leiter schlief Ansel bereits, auf der Seite, einen Arm unter dem Kopf. Seine Atmung ging tief und gleichmäßig.

Caspian lag wach, weil der Körper zu müde war, um sogleich Ruhe zu finden. Die Schulter pochte. In den Händen saß das feine Brennen des Seils; am Daumen spürte er eine Stelle, an der der Schleifstein die Haut gestreift hatte. Sein Magen war warm vom Eintopf. Unter dem Mantel lagen die Kupfermünzen des Tages, gewöhnlich geprägt, auf jeder Seite etwas anderes, wie es sich für anständiges Geld gehörte. Die goldene Münze lag getrennt davon. Das Buch lag geschlossen in seinem Bündel.

Er dachte an den Tag und fand nichts darin, das sich zu einer Geschichte hätte ordnen lassen. Sie hatten eine Kammer geputzt. Sie hatten Säcke geschleppt, Klingen geschliffen, einen Pfosten aus der Erde gezogen und einen Fuchs nicht gefangen. Sie hatten gegessen. Man hatte sie bezahlt. Für den Morgen blieb die gewöhnliche Wahl: weitergehen oder noch bleiben, je nachdem, ob Arbeit da war und ob die Bäuerin den Fuchs höher bewertete als ihre Geduld. Es war kein Tag, den ein Schreiber auswählte, wenn er vom Leben eines bedeutenden Mannes berichtete.

Caspian hatte früher fast ausschließlich von bedeutenden Männern gelesen. Könige, Richter, Eroberer, Denker, die einen Satz fanden und damit ganze Schulen beschäftigten; Männer, deren Hunger Schlachten hieß und deren Müdigkeit nach einem Reich benannt wurde. Das gewöhnliche Leben war in solchen Büchern das, worüber ihre Pferde gingen. Niemand schrieb über den Mann, der einen Pfosten aus nasser Erde zog und am Abend zufrieden war, weil die Arbeit getan war. Niemand widmete einer sauberen Kammer ein Kapitel.

Vielleicht war das der Fehler der Bücher. Oder vielleicht war es ihre Bedingung. Ein Tag wie dieser ließ sich nur leben; auf einer Seite starb er an jeder Erklärung.

Caspian drehte sich auf die Seite. Durch einen Spalt im Dach sah er ein kleines Stück Himmel. Wolken zogen darüber, langsam genug, dass er ihre Bewegung erst bemerkte, als ein Stern erschien und wieder verschwand. Er hörte Ansels Atem, das Scharren des Pferdes und den Wind im Gras.

Die echte Welt. Endlich.

Keine Stimme sprach in ihm. Keine Seite verlangte seine Hand. Nichts gab dem Schmerz eine verborgene Bedeutung. Er war müde, weil er gearbeitet hatte; er war satt, weil jemand Eintopf gekocht hatte; er war nicht allein, weil ein Mann neben ihm schlief, dem er alles gesagt hatte und der geblieben war. Mehr musste dieser Tag nicht sein.

Dies war das echte Leben: eines, von dem er früher nicht einmal gelesen hätte. Und heute war er froh, nicht mehr lesen zu müssen.